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Die Box




Januar 2008
Tatjana Bergelt
und Anne Hahn
für satt.org

Tatjana Bergelt
multinationale Künstlerin stellt
finnische Buchkünstler in Berlin vor

eine kleine Selbstreflektion, aufgeschrieben von Anne Hahn

Ich lebe seit 1998 in Finnland. Studiert habe ich ab 1985 in Halle an der Burg Giebichenstein, war ein Jahr in Russland, lange in Paris, den USA, und habe einen multikulturellen Backround.
Die treibenden Kräfte in meiner Arbeit sind die Notwendigkeit von Kommunikation und die Schwierigkeit des Erreichens dieser. Ebenso wie die visuelle und verbale Erfahrung von verschiedenen Sprachen. Indem ich die Collagetechnik benutze und mit der Hilfe von Fragmentierung verhält sich meine Arbeit zur Zeit, Geschichte und zum menschlichen Sein. In einem existenziellen Verständnis. Ein Bild zu kreieren ist für mich ein möglicher Weg, meinen eigenen Platz zu finden oder mir einen Patz innerhalb anderer Kulturen zu schaffen.

Bilder: Tatjana Bergelt
Bilder: Tatjana Bergelt
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Bilder: Tatjana Bergelt
Bilder: Tatjana Bergelt
Bilder: Tatjana Bergelt
Bilder: Tatjana Bergelt
Bilder: Tatjana Bergelt

Ich selbst werde immer den Platz eines Außenseiters haben, das ist klar. Eigentlich war das schon immer so. In der DDR war es noch viel seltener, dass ein Elternteil aus einem anderen Land stammte. Heute ist das normal, meinen Kindern geht es da zum Glück anders. Ich wurde als Russenweib oder ähnliches beschimpft. Ganz schlimm. Das sind bleibende Erfahrungen. Hier in Berlin ging ich als Kind in eine russische Schule, dann zog unsere Familie nach Weimar und ich ging plötzlich in eine deutsche Schule. Die Mädchen machten mir schnell klar, welches ihre Freunde waren, mit denen ich nicht sprechen durfte. Ich war die Klassenbeste und sprach perfekt russisch. Das machte mich zur Außenseiterin, ich wurde immer gehänselt. Hab mich furchtbar gelangweilt und war sehr einsam, wurde auch verkloppt. Ich habe mich nicht geschämt, aber ich konnte mich auch nicht gut mitteilen. Damals dachte ich, das liegt an der deutschen Schule und wollte in die russische Schule. Meine Mutter versuchte mich zu beschwichtigen, sei doch stolz. Das hat nicht viel genützt. Eine Erleichterung gabs erst in der EOS (Erweiterte Oberschule – Abiturstufe), als ich in die Spanischklasse kam. Endlich wurde ich vom Russisch-Unterricht befreit, hab eine Sprachkundigenprüfung gemacht und das war kein Thema mehr. Da hatte jeder seine Stärken.

Nach der Schule hab ich zwei Jahre lang ein Praktikum gemacht, man bekam nicht gleich einen Studienplatz. Und ich wurde erst nur zur Metallgestaltung zugelassen, die Malerei hatte mich nicht genommen. Ich war ganz fasziniert von der Professorin, einer Riesenfrau mit Riesenhänden und einer ganz zanften Stimme. In Erfurt hab ich ein Jahr lang Metallgestaltung gelernt, hab aber immer gezeichnet und sie meinte, ich würde bestimmt zur Malerei wechseln wollen. Wir waren das zweite Jahr des Praktikums in Quedlinburg und danach wurde ich auf Malerei geprüft, mit der Option, entweder schaffe ich die Prüfung und kann Malerei studieren, oder ich bin ganz raus. Sie haben mich genommen, zuerst war ich bei Sitte, dann bei Dieter Rex. Gudrun Brühne, die Frau von Heisig, war letzendlich meine Lehrererin. Ich hab mich im zweiten Studienjahr intensiv um einen Auslandsaufenthalt bemüht, eine Reihe von Zufällen kam mir zu Hilfe. Ich wollte nach Rußland, es gab nur eine Hochschule in Estland, die Kontakt nach Halle, Burg Giebichenstein hielt. Ich habe zu dieser Zeit in einem Leipziger Museum eine Kopie anfertigen müssen, von einem alten holländischen Meister. Bei einer Feier hab ich den Direktor der Kunstakademie von Tallin kennengelernt, der mir später eine Einladung an die Hochschule schickte. Aber die Hochschulleitung vermutete, ich wolle über Estland nach Finnland abhauen. Nichts rührte sich. Meine Dozentin riet mir, eine Eingabe an den damaligen Kulturminister der DDR zu schreiben, die wurde hierachiegemäß behandelt und schließlich ja gesagt. Deshalb war ich am Ende die erste und letzte Studentin, die jemals in Tallin ein Auslandsstudium in Malerei gemacht hat. Während ich in Tallin war, passierte die Wende. Im Dezember 89´ war ich gerade in Berlin und bin von dort nach Paris getrampt, um den Louvre zu sehen. Ich war so beeindruckt, dass ich gleich dort bleiben wollte. Nach dem Jahr Tallin bin ich direkt nach Paris gegangen.

Mit dem Anderssein, das war ein gewisser Schmerz, ich wollte immer dazugehören. In Frankreich wollte ich Französin sein. Die jeweilige Sprache zu lernen, war mir sehr wichtig. Aber ich war stets zur falschen Zeit am falschen Ort. Während der Wendeumbrüche war ich in Frankreich, als die Ost-Künstler hochkamen, war ich nicht da, als ich zurückkam, waren sie schon gegessen. Ich war immer zu spät oder zu früh. In Finnland hat es jetzt etwas mit dem Alter zu tun, da mache ich mir nichts vor. Finnland ist, was Kunst betrifft, recht provinziell. Es gibt ein paar große Leute, die versuchen, international ihr Standbein zu finden. Das schaffst du nicht alleine, du brauchts einen Galeristen, der dich auf Messen vertritt. Du musst für deinen eigenen Respekt ernsthaft weiter arbeiten, deinen Anspruch halten. Ich habe das Glück, im Ausland ausstellen zu können und habe ein paar Kollegen, die ich sehr achte. Die mir ihre Meinung sagen. Geradeheraus Kritik bekommst du fast nie, man kann sich nur vergleichen. Die Hoffnung, dass mich jemand findet und fördert, habe ich mir abgeschminkt. Ich bin nicht mehr die junge hoffnungsvolle Künstlerin und der Markt in Finnland ist sehr klein, eigentlich gibt es nur drei relevante Galerien. Ansonsten muss man zahlen, wenn man ausstellen will. Und wenn man nicht ausstellt, ist man nicht professionell. Es gibt keine Kunstmessen im Land, voriges Jahr ist zum ersten Mal ein Verbund von acht Galerien zu einer Messe nach Schweden gegangen, das hat enorm für Aufsehen gesorgt.

Wer an dem Ort bleibt, wo er studiert hat, hat eine Lobby. Ich bin keine Finnin. Die beziehen sich sehr stark auf sich selber, sie würden sich nicht mit mir identifizieren. Auf einem Privatkäuferniveau gibt es mehr Übereinstimmung, sie mögen meine Farben, das Ikonenhafte und Melancholische, aber auf nationalem Niveau, für Sammlungen und große Museen gilt das nicht. Die Nationalkunst in Finnland hatte viel mit Natur und Einsamkeit zu tun, „ich und die Natur“. Ich wollte es anfangs nicht glauben, aber das hat mit der finnischen Geschichte zu tun, es war einfach kein urbanes Volk. Die Inhalte kamen aus der Natur. Inzwischen leben fast 50% der Bevölkerung im Umkreis der Hauptstadt, aber das ist neu. Es gab kein Dada, keinen Expressionismus.Ich dagegen bin ein urbaner Mensch, habe in Berlin, Paris und Moskau gelebt, in Barcelona. Ich brauche Menschen. Das ist ein großer Unterschied. Ich habe noch Farben aus der DDR-Zeit, ich male lasurhaft und verbrauche dadurch wenig. Ich muss mich fast überreden, große Formate zu benutzen. Von der Stadt Helsinki habe ich kürzlich ein Stipendium bekommen, verkaufe einiges und mein Atelier habe ich über eine Ateliergesellschaft bekommen, die können mich nicht raussetzen. Das ist geschützt. Wir haben um die 60 Ateliers, aber es ist nicht so romantisch, wie man sich das vorstellen könnte. Mit einem Kollegen bin ich inzwischen über die Begrüßung hinaus, das hat aber mehrere Jahre gedauert. Jeder Künstler knausert mit seiner Zeit. Innerhalb der finnischen Kollegen gibt es wenig Kollegialität. In Paris war das anders, da habe ich sogar Solidarität unter Kollegen erlebt. Es passiert in Finnland nicht, dass dich jemand zu einer Ausstellungseröffnung einlädt. Man ruft auch nicht so einfach an. Es gibt eine Art Grundneid. Außerdem gibt es nicht wenige bildende Künstler, die kulturfremd leben.

Die Collage hat keine Tradition in Finnland. Für mich hingegen ist sie typisch, eine Zusammensetzung aus vielen Einflüssen. In meinen Collagen erinnere ich an Menschen, die schon vergessen waren. Hier gibt es Personen, die mir unbekannt sind, aber manchmal wird ein unbekannter Mensch Hauptheld meiner Inszenierung und dadurch wirklich. In Wirklichkeit ist er aber seit 50 Jahren tot, was ist wirklich, was ist nicht wirklich? Das ist faszinierend. Der Fakt, dass wir alle irgendwann tot sind und trotzdem unsterblich sein könnten, weil wir Menschen an sich sind. Das ganze Bildermachen hat irgendwo mit der Unsterblichkeit zu tun, es ist ein Kampf gegen die Zeit. Man möchte etwas machen, was bleibt. Aber natürlich denke ich manchmal auch daran, was wäre, wenn alles verbrennen würde. Oder wie damals Leute ihre Archive verloren, als die Elbe über die Ufer trat. Man muss Mensch sein können, wenn gar nichts mehr da ist.

Vieles, was man sieht, ist unsichtbar. Du siehst das, was gar nicht auf der Oberfläche ist. Ich habe eine Kiste Fotos für 5 Mark auf einem Flohmarkt in Kreuzberg gekauft. Ich nutze alles, was ich finde. Dabei bin ich kein Sammler, ich interessiere mich und schaue, aber ich suche nicht. Eines meiner Papierobjekte besteht nur aus Briefen. Diese Briefe haben ein schönes, dünnes Material, unter dem dünnen Papier liegt ein anderes Papier, darauf habe ich meine Figuren gemalt, die in einem gewissen Verhältnis zueinander stehen. Dann hab ich angefangen, diese Briefe zu lesen. Sie stammen von einer Firma für Papierherstellung in Finnland, die es heute noch gibt. Eine der führendsten Firmen in der Papierherstellung, die Briefe sind von 1926 bis 1941, es geht um Holzware, die gesägt wird, um Papier herzustellen. Manche Briefe sind Beschwerden, mit einer ganz faszinierenden Ausdrucksweise. „Wir sind der Meinung, es wäre nicht verkehrt, wenn sie uns dieses Material ersetzen würden, nachdem sie freundlicherweise auch die Fehlbestände überprüft haben“. Da schien mir, so typisch finnisch, so ganz vornehm und schüchtern. Ich begann aufzuschreiben, was für mich finnisch-sein bedeutet. Und finnisch-sein heißt auf finnisch suomalai suus, finnhood in englisch. Ich hab alle Worte gesucht, die substantiviert sind und dieses finnisch sein bedeuten, zum Beispiel Alkoholikertum, Schüchterntum... Also diese Koppelwörter mit -tum. Suomalasuus, Yksinäisuus-Einsamkeit. Diese Worte habe ich mit einem Bleistift in die Briefe reingeschrieben, in einer Art, dass man sie nicht sofort sieht. Sie haben einen Bezug zu den Unterschriften, die handgesetzt sind. Wer nicht finnisch lesen kann, entdeckt sie vielleicht gar nicht, aber wer anfängt zu lesen, der bleibt dabei. Die Briefe schweben frei, sie sind aneinander genäht.


BUCHMAGIE
Künstlerbücher von
NAUM – BooK – ART Suomi


Die Buchkunst ist so alt wie das Buch an sich. Wie positioniert sich das Schaffen von Künstlerbüchern im digitalen Zeitalter?
NAUM – BooK – ART Suomi wurde in Finnland gegründet und ist eine Initiative von Tatjana Bergelt, um finnische Buchkünstler national und international vorzustellen. Die Künstler/innen präsentieren mit ihren Künstlerbüchern Wortgefechte, Bildwälder, Gedankenwelten und Wortbilder.

NAUM – BooK – ART Suomi besteht derzeit aus den Künstler/inne/n Tatjana Bergelt, Eeva-Liisa Isomaa, Juha Joro, Olof Kangas, Jouko Ollikainen, Alexander Reichstein, Cia Rinne, Sándor Vály und Senja Vellonen.

24. Januar – 29. Februar 2008

Finissage am Donnerstag, dem 28.2.2008, um 19.00 Uhr
mit einem Bildvortrag von Tatjana Bergelt zur Geschichte der Künstlerbücher und ihren Erscheinungsformen

Finnland-Institut
Georgenstr. 24 (1. OG),10117 Berlin
Tel. (030) 520 02 60 10, Fax (030) 520 02 60 29
info@finstitut.de, www.finnland-institut.de
Verkehrsanbindung: Bahnhof Berlin-Friedrichstraße
Öffnungszeiten: Mo 10 –17, Di–Do 11–19, Fr 9–15 Uhr
(Do den 24.1.ab 15.00 Uhr, Do 7.2. ab 17.00 Uhr
sowie Do 21.2. ab 15.00 Uhr geschlossen)
Eintritt frei!


» www.tatjanabergelt.com