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Die Box



April 2007
Sigrid Gaisreiter
für satt.org

Zeitflimmern

Ross King:
Zum Frühstück ins Freie.
Manet, Monet und die
Ursprünge der modernen Malerei

Knaus 2007

Ross King: Zum Frühstück ins Freie. Manet, Monet und die Ursprünge der modernen Malerei

Aus dem Englischen von Stefanie Kremer
544 S., mit 16 Farbabb, 24,95 €
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Wie aus dem Bilderbuch intellektueller Grabenkämpfe liest sich die Geschichte der Durchsetzung des Impressionismus in Frankreich, die Ross King, der schon mit anderen Geschichten zur Kunst hervortrat, aufblättert. Das Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt, denn das Kunstjahr 2007 bietet einige Ausstellungen zum Impressionismus. In London startet eine große Schau mit Landschaften von Pierre-Auguste Renoir (21. Februar bis 20. Mai 2007), weitere Stationen sind Ottawa und Philadelphia, in Berlin ist das Metropolitan Museum New York mit einer Ausstellung impressionistischer Meisterwerke vom 1. Juni bis 7. Oktober 2007 zu Gast und die Deutsche Guggenheim in Berlin präsentiert bis zum 15. April 2007 die noch unbekannte Geschichte des italienischen Neoimpressionismus, der Divisionismus genannt wird.

Impressionistische Kunst kann man genießen, auch ohne viel darüber zu wissen, bezaubert sie doch mit Szenen aus dem alltäglichen Leben, mit lichtdurchfluteten Räumen voller Anmut und Leichtigkeit. Das spüren viele Besucher und lieben diese Malerei sehr, Mitte des 19. Jahrhunderts sah das, auch in Frankreich, aber ganz anders aus, die Maler mußten hart um Anerkennung kämpfen. King steht für eine Betrachtung der Kunstgeschichte, die im Aufeinandertreffen zweier herausragender Protagonisten eine Epoche plastisch und facettenreich entstehen läßt. So gestaltete er auch diese Studie nach dem Muster Etablierte versus Außenseiter. Der Herausforderer hieß Edouard Manet und mit ihm eine Gruppe von Anti-Klassizisten, als Protagonisten der klassizistischen Fraktion wählte King Ernest Meissonier, dessen akribisch gemalte Historienbilder damals Höchstpreise erzielten. Ganz allein war die Gruppe um Manet nicht, gab es doch vor ihnen schon weitere anti-klassizistische Bestrebungen. Vorgetragen wurden sie vom Dreigestirn Eugène Delacroix, dem Meister romantischer Farbmalerei, dem Anführer der realistischen Schule Gustave Courbet, sekundiert von den im Freien malenden Landschaftsmalern um Camille Corot. Als Wegbereiter der Impressionisten werden sie gesehen, wenig erfolgreich hatten sie versucht, die Statik der Institutionen klassizistischer Malerei anzugreifen, die sich um die École des Beaux-Arts in Paris geschart hatte. Diese setzten die Historienmalerei an die Spitze der Hierarchie der Genres. Das ideale Gemälde sollte nach ihren Vorstellungen Heldengestalten aus der Bibel, der klassischen Mythologie oder der französischen Geschichte zeigen, geeignet dem Betrachter moralische Lehren zu erteilen. Alles war im Lot, solange die Maler sich auf den ausgefahrenen Gleisen der Imitation der Renaissance bewegten. Nur dann konnten sie damit rechnen zu den periodisch wiederkehrenden Salons, von der Regierung veranstaltete Ausstellungen, zugelassen zu werden, denn das Auswahlgremium bestand hauptsächlich aus Mitgliedern der École des Beaux-Arts.

An den Anfang der Durchsetzung des Impressionismus stellt King einen Skandal, ausgelöst durch das Bild "Das Frühstück im Freien", das Manet 1863 zum Salon einreichte. Im Titel der deutschen King-Ausgabe erscheint dieses "Frühstück" wieder, im Englischen verweist der Titel "The Judgement of Paris" auf ein Doppeltes. Die Verurteilung von Manets Gemälde, aber auch viele Exponate seiner Kollegen, war hart und noch ehe die Impressionisten sich selbst so nannten, wurden sie abwertend unter diesem Begriff als Gruppe zusammengefaßt. Der überwiegende Teil der Presse verhöhnte sie, häufig wurden sie von den Salons ausgeschlossen und auch das Publikum sah in ihren Werken keine richtige Kunst. Einige jedoch, King erzählt meisterlich davon, stellten sich auf die Seite von Manet & Co.. So kämpfte Emile Zola an der publizistischen Front, der Kunsthändler Paul Durand-Ruel ebnete den Impressionisten den Weg auf den sich entwickelnden Kunstmarkt und erschloß ihnen durch seine guten Beziehungen nach London und New York neue Absatzmärkte. Tragisch ist die Figur von Manet, der Erfolg Ende der 1870er Jahre in Paris kam fast zu spät, erst 1881 errang er dort einen Preis, zwei Jahre später starb er. Mit zeitlichem Abstand zu den skandalösen Ereignissen wuchs jedoch das Ansehen der Lichtmaler stetig und das Erfolgsverhältnis kehrte sich schon zu Ende des 19. Jahrhunderts um. Meissonier wurde von der Nachwelt als zu leicht befunden und bekam ein Schattenplätzchen reserviert, die Lichtgestalten heißen Manet, Claude Monet und Pierre-Auguste Renoir. Die Fokussierung von King auf das Duell Manet-Meissonier verdeckt aber auch ein wenig, dass der Klassizismus in Frankreich nach wie vor Liebhaber findet, nur Meissonier ist vergessen.

Hajo Düchting:
Wie erkenne ich?
Die Kunst des Impressionismus

Belser 2003

Hajo Düchting: Wie erkenne ich? Die Kunst des Impressionismus

126 S., zahlreiche Farbabb., 12,95 €
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Die Zeit der Anerkennung des Impressionismus zog sich über Jahre hin, beharrlich griffen Manet & Kollegen sowohl das Auswahlverfahren zu den Salons als auch die vorherrschende Ästhetik an. Nicht nur impressionistische Sujets, Landschaften und das moderne Leben, waren umstritten, sondern vor allem deren Malweise, die Darstellung des natürlichen Lichts, das Flüchtige des optischen Eindrucks. Als skandalös empfanden die Klassizisten zudem den Farbauftrag. Malten sie glatt, so erkannte man auf den Gemälden ihrer Widersacher die Pinselstriche, das dargestellte Ensemble wirkte zeichenhaft hingeworfen und auch die Farben waren ihnen viel zu hell und grell.

Wie leicht hingetupft liest sich Kings Großerzählung, sehr viel prosaischer geht der ausgewiesene Kunsthistoriker Hajo Düchting in "Wie erkenne ich? Die Kunst des Impressionismus" zu Werke. Das Buch gibt es seit 2003 und doch verdient es eine weitere Vorstellung. Knapp, kompakt und kenntnisreich, hier wird das Wesentliche zur Vorgeschichte und Durchsetzung des Stils mit Blick auf ästhetische und institutionelle Fragen abgehandelt. Im Anschluß daran spinnt Düchting geschickt die Fäden zur Hochzeit des Impressionismus, etwa den großen Bilderzyklen von Claude Monet, und wirft einen Blick auf die Weiterentwicklung des Stils in der Malerei eines Vincent van Gogh und des Pointillismus. Sehr geschickt wurde das Buch didaktisch aufgebaut. So fassen Texte in abgesetzten Farbfeldern das Wichtigste nochmals zusammen. Unterstützt von Zeittafeln und Infokästchen, illustrieren zahlreiche Farbabbildungen das Gesagte. Den Abschluß dieses etwas vergrößerten Taschenbuches bilden Reisetipps zu impressionistischen Meisterwerken. Das Doppel King/Düchting ist zum Verständnis des Impressionismus unverzichtbar.