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Die Box



März 2007
Sigrid Gaisreiter
für satt.org

Keine Kunstfeindschaft -
kleine Kunstfreundschaft

Kai Hammermeister:
Kleine Systematik der Kunstfeindschaft.
Zur Geschichte und Theorie der Ästhetik

Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007

Kai Hammermeister: Kleine Systematik der Kunstfeindschaft. Zur Geschichte und Theorie der Ästhetik.

182 S., € 34,90
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Dick rot durchgestrichen ein Bilderrahmen auf einer Abbildung, die das Buch von Kai Hammermeister mit dem Titel "Kleine Systematik der Kunstfeindschaft" ziert. So genau sollte man den Titel nicht nehmen, denn gerade "Kunstfeindschaft" schließt der Autor, der als Professor für Ästhetik und Kulturtheorie tätig ist, in seiner gelehrten Abhandlung aus. Sie präzisiert und erweitert Arbeiten, mit denen der Autor schon in der Vergangenheit hervorgetreten ist und die der Suche nach kunstphilosophischen Positionen gilt, die Grenzen künstlerischer Repräsentation ausloten. Eines stellt Hammermeister gleich zu Beginn heraus, die Debatte gehe um Grenzen bei konkreten Kunstwerken, nicht um die Kunst an sich, gleichwohl der Autor selbst häufig den Singular Kunst benutzt. Der Fluchtpunkt der Konzeption ist klar, es Begrenzung der Kunstautonomie heißt die Losung, die Reintegration außerästhetischer in ästhetische Diskurse. Hammermeister durchmißt fünf Diskurse, die selten allein, häufig in Kombination auftreten, beginnend mit dem ontologischen Argument, wie es bei Platon (427-347 v.Chr.) vorliegt, gefolgt von "epistemologischen", "ethischen" und "psychohygienischen" Argumenten.

Selbstredend, das führt Hammermeister auch aus, alles steht und fällt mit dem Mimesis-Problem und hier darf man sich schon fragen, ob die Kunst so säuberlich zwischen Abstraktion und Realismus eingeteilt werden kann, denn Hammermeister braucht ja bei der Darstellung der ontologischen Argumente ein Urbild. Wie auch immer, nun wird es noch komplizierter, denn welchen Status erreicht das Abbild, Stichwort Seinshierarchie. Dafür führt der Autor weitere Gelehrte ins Feld. Beklagt Platon in der Kunst den Verlust von Seinsreichtum, stellt Cicero (106-43 v.Chr.) einen Schönheitsverlust fest, wie umgekehrt Emmanuel Lévinas (1906-1995) der Nachahmung eine Potenz der Bereicherung des Urbilds zuschreibt und Hans-Georg Gadamer (1900-2002) wiederum kehrt Platons Reduktion um: "in der Kunst kommen die Dinge erst zu ihrer ontologischen Eigentlichkeit."

Die zweite Station wird vom Diskurs Kunst und Wahrheit beherrscht. Auch hier liegen viele Minenfelder, insbesondere wenn es um die Frage der Darstellung der Wahrheit der Religion geht. Besonders scharf hier die Ablehnung eine adäquaten Repräsentanz der religiösen Wahrheit durch die Kunst bei protestantischen Theologen. Sie sind, neben anderen, damit Platzhalter der Unfähigkeitsthese, die ergänzt wird von Positionen, die in der Kunst ein "Hindernis für den Wahrheitserwerb des Subjekts" sehen. Dafür steht etwa Anicinius Manlius Severinus Boethius (480-524/5). Noch eine dritte Position gehört in diese Rubrik, Kunst lügt, macht also bewußt falsche Aussagen. Auch hierzu ist Platon zur Stelle, sekundiert von Quintus Septimus Florens Tertullian (155-230) und Blaise Pascal (1623-1662).

Aufs Gesellschaftliche zielen ethische Argumente, die in drei Varianten auftreten können. Ahistorisch geht der erste Typ zu Werke. Per se zersetze Kunst das Sozialgefüge. Ins Politische übertragen, echte Konservative werden hier fündig. Sehr schön etwa wenn Hammermeister Aurelius Augustinus (354-430), einen der Kirchenväter anführt. Hierzu sollte man wissen, dessen Ablehnung gründet auch auf seiner persönlichen Abkehr vom "Lotter"- und Luxusleben, dem er selbst lange anhing. Etwas feiner argumentiert Typ zwei, der sich über ein Gesellschaftsideal dem Problem nähert. Kunst wird hier nach der Maßgabe beurteilt, der Gestaltung der Gesellschaft auf dieses Ideal hin förderlich oder abträglich zu sein. Ist sie diesem abträglich wird Kunst konservativ, nämlich das schlechte Alte erhaltend, Progression verhindernd. Typ drei wird von Hammermeister dann behandelt: Hier beansprucht Kunst Ressourcen, die anderweitig "besser", z.B. für soziale Zwecke, eingesetzt werden könnten.

Den Sinnen auf der Spur ist Hammermeister bei seiner vierten Station, dem psychohygienischen Argument: Kunst als Zerstreuung. Auch hier wieder die Reformatoren, sei es Ulrich Zwingli (1484-1531) oder Johannes Calvin (1509-1564) an vorderer Argumentationsfront, von selbst versteht sich das dies bei Mystikern wie bei Meister Eckhart (1260-1328) der Fall ist, deren Weg geht bekanntlich nach Innen. Adorno hätte hier auch Platz, sieht er doch in der Unterhaltungskunst Zerstreuung, in der autonomen dagegen Konzentration.

Wie man es auch dreht und wendet, zum Schluß hat Hammermeister noch eine Position zu bieten, die "dialektische und ermahnende Kunstfeindschaft" und das ist seine eigene Position. Richtig ist, philosophische Kunstgrenzschaft, die Hammermeister stur "Kunstfeindschaft" nennt, steht im Wechselverhältnis zur Kunst und zur kunstfreundlichen Kunstphilosophie. Nicht immer allerdings ist das der Fall, was Hammermeister zeigen will, dass stets nur konkrete Kunstwerke und nie die Kunst an sich abgelehnt wird. Ein Durchgang würde zeigen, wie wacklig manch Argument dasteht, bezöge es sich nur auf konkrete Kunstwerke. Richtig ist indes auch umgekehrt, Kunstgattungen werden unterschiedlich beurteilt. So genießt beim Reformator Martin Luther (1483-1546) die Musik einen hohen Stellenwert, nicht jedoch die Bildende Kunst. Auch wenn eine Systematik noch zu schreiben ist, der Titel heißt ja "kleine Systematik", so hat Hammermeister erste Einordnungen vorgenommen. Seine Abschlußworte indes, diese Positionen auch als "Ermahnung" zu sehen, "die Kunst immer in Anbindung an andere Diskurse zu betrachten" muß vom Standpunkt der Autonomie der Kunst zurückgewiesen werden, zumal die Rezeption der 'inkriminierten' Werke ja durchaus unterschiedlich sein kann und vielfach auch ist. Sodann, es existiert auch mindestens ein Fall, in dem eine kunstfreundliche Philosophie, die des Kompensationsphilosophen Odo Marquard (*1928), implizit im Hammermeisterschen Sinn kunstbegrenzend ist. Marquard schließt nämlich jene Kunstwerke aus, die gerade nicht kompensationsfreundlich funktional verrechnet werden können. Das ist jene Kunst, die zum Nachdenken anregt oder gar mit aktuellen ethischen Werten konfligiert. Bei den hier vorgestellten "kunstfeindlichen Positionen" gilt es, noch intensiver deren Prämissen vorzustellen. In einem zweiten Schritt, das sagte der Autor in der Einleitung, sei historisch ordnend vorzugehen. Es wäre sehr spannend Hochzeiten "kunstfeindlicher" Argumente zu begegnen. Dann wird noch deutlicher, wie, so auch Hammermeister, diese Argumente auf die Kunst appliziert wurden. Die Kunst des Autors wiederum ist es, die Argumente so anregend präsentiert zu haben, dass doch eine "größere" Wahrheit über kunstphilosophische Positionen ans Licht kam. Das ist, über den Umweg der Philosophien, mehr als nur kleine Kunstfreundschaft.