Anzeige:
Die Box



Januar 2007
Sigrid Gaisreiter
für satt.org

Stille Größe, edle Vielfalt

Das Nichts nichtet nicht nur, sondern es konkretisiert sich als ein Etwas bei dessen Darstellung. Diesem Etwas war eine Ausstellung in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main vom 12.7. bis 1.10.2006 auf der Spur.


Max Hollein,
Martina Weinhart (Hrsg.):
Nichts - Nothing.

Deutsch-Englisch.
Übersetzungen: Stefan Barmann,
Nikolaus Schneider, Jeremy Gaines,
Steven Lindberg
Verlag Hatje-Cantz,
Ostfildern 2006

Hollein, Max / Weinhart, Martina (Hrsg.): Nichts - Nothing

geb. 200 S., 49 Abb. € 35,00
   » amazon

Der iconic turn, die Wendung zum Bild, ist in vieler Munde. Damit wird auch das Phänomen der Bilderflut bezeichnet. Wo ein Überfluß an Bildern herrscht, zumal an grellen schreienden, wuchs eine Gegenbewegung. Diese, so die Kuratorin Martina Weinhart, reagiere verstärkt seit den 1960er Jahren mit Verweisungsstrategien, die um die Begriffe Nichts, Stille, Leere, Schweigen, Lücke und Auslassung kreisen. Es komme darin eine Skepsis zum Ausdruck, komplexe Wirklichkeit abbilden zu können. Einige Jahre nach der inauguralen Ausstellung der Zürcher Kunsthalle 1989 zum Nichts, jetzt also noch einmal eine Versammlung von Kunstwerken, die, durch Rücknahme schreiender Effekte und Sensationen, ironisch und poetisch gebrochen, versuchen, in einer stilistischen Breite von Minimalismus bis Konzeptualismus, für eine konzentrierte Wahrnehmung der Dinge zu sensibilisieren.

Das Nichts ins Bild zu rücken gleicht einem paradoxen Unterfangen, Erklärung tut not und so leuchten zwei Beiträgerinnen, Martina Weinhart und Ulrike Gehring in ihren Texten das künstlerische Spektrum mit einem Gang durch die Kunstgeschichte empirisch aus. Begleitet werden sie von Mieke Bal, die den theoretischen Unterbau liefert. So spricht sie den Bedeutungsreichtum des Nichts an und beschränkt sich auf drei Zugänge. Am Anfang ihrer Ausführungen steht der Hinweis auf die "Rhetorik des Realismus", ein Kurzsprung zum gemeinten "naiven Realismus". Für viele Realität wiederum ist eine "Ermüdung der Sichtbarkeit". Sehr schön hat dies Motiv der Literat Erich Wolfgang Skwara aufgegriffen. Sein Protagonist wünscht sich, angesichts eines mit allerlei Dingen zugestellten Hauses, leere Räume, in denen er atmen kann. Verwandt diesem Zugang ist ein kritischer Impetus, "Bilderzwang" nennt es Skwara, Offensive gegen den Materialismus "um verkäufliche Kunstobjekte" kann man auch dazu sagen.

Die Negation hat viele Formen, typologisch seien sie, so Weinhart, zweigeteilt. Halten einige Künstler in ihren Verneinungsgesten am traditionellen Werkbegriff fest, so verflüchtige sich das Werk bei anderen in Immaterialität. So sind Robert Barrys "Inert Gas Series" unsichtbar. Ein anderer, Tom Friedman, schaut 100 Stunden auf ein leeres Blatt Papier. Die Wahrnehmung der Ausstellung durch das Publikum macht der Künstler Jeppe Hein in "Invisible Cube" zum Thema, ganz ähnlich wie Karin Sander, die sich auf die Arbeit eines Kollegen, Joseph Kosuth, bezieht. Vor weißen Wänden werden Werke von Künstlern erzählt. Im Kopf des Besuchers soll so das Werk entstehen.

Den Nullpunkt der Kunst thematisierten, wie Ad Reinhart in seinen "Black Paintings" Ikonen der Moderne mit monochromen Arbeiten. Aber auch schon lange davor findet sich in Laurence Sternes "Tristram Shandy" eine black box in Gestalt einer schwarzen Seite im Roman, Gehring beginnt ihre Tour später mit der weißen Meereskarte von Lewis Carroll in "Die Jagd nach dem Schnack". "Sein Schaubild ist absolut leer!" singt der Chor. Sprachphilosophisch interessant, der Chor bezeichnet herkömmliche Zeichen als "bloße Konvention". Sterne so gut wie Carroll thematisieren damit kongenial das Thema Entsagung der Abbildlichkeit von Realität. Die Wende zur Rezeptionsästhetik läutet dann Kasimir Malewitsch ein, fortgesetzt von László Moholy-Nagys Wahrnehmungspsychologie. Etwas knapp dann Gehrings Ausführungen zum Anteil der technischen Entwicklungen für Kunst und Wahrnehmung. Weiße Filmbilder von Peter Kubelka, monochrome Arbeiten des Videokünstlers Nam June Paik, neue Bildstrategien entstehen mit Film und Video. Manchmal kommt indes auch der Zufall zu Hilfe. Weniger einer ausgefeilte Verweigerungsstrategie stand am Beginn von James Turrells Arbeiten, den hellen Kammern, sondern die "Langweile kunsthistorischer Vorlesungen, die der Künstler an der "University of California" besuchte und dabei das in den Raum einfallende Licht beobachtete. Ausführlich bespricht Hans Christian von Herrmann in seinem Beitrag, der sich mit den Interferenzen von Wissenschaft und Kunst beschäftigt, Turrells künstlerische Entwicklung. Sie mündete in "Sensing Spaces", einer Arbeit, die mit ganzfeldrigem Licht experimentierte. Turrell schreibt sich damit in die grundlegende Wende des Sehens ein. Nicht mehr als Abbildungs- sondern als Formprozess ist das Sehen zu fassen.

Einige große Werke fehlen, so etwa Agnes Martins "The Islands", fast ganz weiße Arbeiten, nah am Endpunkt der Sichtbarkeit und der Reproduzierbarkeit. Es soll nicht gemäkelt werden, den schönsten Kommentar liefert eine Geschichte von Patrick Mc Donnell, in der eine große Kiste mit nichts als Luft verschenkt wird und Nicolò Ferjancic' Roman "Polonia" endet mit einer Variation auf das Wort Nichts. Deutlich wird in Worten und hier in Bildern kein rien ne va plus, sondern im und mit dem Nichts geht viel.