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Die Box



Oktober 2005
Timo Berger
für satt.org


Andreas Fanizadeh, Eva-Christina Meier (Hrsg.):
Chile International. Kunst Existenz Multitud

ID Verlag 2005
172 S., 14,80 €
   » amazon

Wandernde Galerien,
Konzeptkunst im
Unterschichtsviertel

Chiles Kunstszene kämpft gegen die jahrelang von oben verordnete Geschichtsvergessenheit. Ein Buch von Andreas Fanizadeh und Eva-Christina Meier dokumentiert aktuelle Entwicklungen.

Über Nacht ist eine Galerie aus Holz auf einem öffentlichen Platz in Vitacura aufgebaut worden, einem Oberschichtsviertel in Santiago de Chile. In großen Buchstaben stehen „Reichtum verblödet“ und „Armut stumpft ab“ auf der Außenwand des Fertighäuschens, das eigentlich als Notunterkunft für Hochwassergeschädigte konzipiert war. Die Arbeit des chilenischen Künstlers Christián Silva wird schnell zum Stein des Anstoßes. Bei ihrer zweiten Station wird die Galerie, die durch das ganze Viertel ziehen sollte, von den lokalen Behörden abtransportiert. Erst nachdem die Initiatoren des Projekts, José Pablo Díaz und Rodrigo Vergara, die Wände überstreichen lassen, darf die Galerie weiterwandern, quer durch das Viertel bis zu den Anden.

Die nomadisierende Galerie wird so zum Sinnbild für das, was in den vergangenen Jahren in der Kunstszene Chiles in Bewegung gekommen ist. Auf der einen Seite der rechts-konservative Mainstream, der langsam die Hegemonie verliert, auf der anderen Seite eine „kleine aber umtriebige Szene", die sowohl den „großen Gesten und Erzählungen (auch ihrer linken Vorgänger) misstraut". Anknüpfungspunkt ist dabei die legendäre Künstlergruppe Cada um Raúl Zurita und Diamela Eltit, die zu Zeiten der Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet (1973 bis 1990) in ihren Werken mehrdeutige Botschaften zum Ausdruck brachte und neue Technologie (Video, Performances und spektakuläre Flugblattabwürfe aus Flugzeugen) einführte.

Die neuen sozialen Bewegungen und die künstlerische Subkultur haben in den vergangenen Jahren angefangen, sich die urbane Öffentlichkeit sukzessive wiederanzueignen. In „Chile International. Kunst Existenz Multitud“ (Berlin, ID Verlag, 2005) kommen nun ihre Protagonisten zu Wort. Andreas Fanizadeh und Eva Christina Meier berichten in Interviews, Fotos, Reportagen und Essays aus dem Land „westlich der Anden". Dabei ist „Chile International“ zum einen Blick in die Vergangenheit, der die Projekte einer nie vollendeten Moderne einer kritischen Revision unterzieht, zum anderen Polaroid der gegenwärtigen Entwicklungen in der alternativen Kunstszene und Versuch, den Dialog mit aktuellen europäischen Theorie- und Kunstdebatten zu eröffnen.

Toni Negris Konzept der Multitude wird hier ebenso zum Referenzpunkt einer Suche nach dem widerständigen Potential subkultureller Bewegungen, wie der Versuch, Songtexte der Hamburger Band Tocotronic durch ihre Übertragung ins Spanische in einen andere Kontext zu setzen. Dirk von Lowtzow singt „Keine Angst für Niemand“ – ein Motto, das auch für die neuen sozialen Bewegungen in Chile gelten mag, die sich nach Jahren der Repression und der von oben verordneten Geschichtsvergessenheit in der seit 15 Jahren andauernden Phase der Transition neu positionieren: Vor allem gesellschaftliche Minderheiten (Indigenas, Homosexuelle, ökonomisch Marginalisierte) fordern kämpferisch ihre Rechte ein, wobei es, laut den Herausgebern, „weniger um die Utopie einer kompletten Überwindung als vielmehr um die Teilhabe am Bestehenden zu gehen scheint".

In der Diskussion stehen auch eurozentristisch Entwicklungsmodelle: Wurden Ende der 50er bis Anfang der 70er Jahre bei der Planung neuer Stadtteile und Siedlungen versucht, zur westlichen Moderne aufzuschließen, ohne die fremden Modelle auf den lokalen Kontext anzupassen, reagiert heute die künstlerische Szene bewusst auf die Gegebenheiten vor Ort und die Hierarchisierung des städtischen Raumes: Santiago de Chile ist geprägt von einer starken sozialen Segration. 75 Prozent der reichsten Einwohner Groß-Santiagos leben in nur sechs Stadtteilen im Nordosten der Stadt, während die Armen und unteren Mittelschichten von den peripheren Vierteln absorbiert werden.

Wenn nun eine nomadisierende Galerie die Bewohner von Vitacora mit der prekären Architektur der Peripherie konfrontiert und Galerien mit Konzeptkunst in traditionellen Arbeiterviertel eröffnen, kommt es zu einer neuen sozialen Mobilität, einer Begegnung von Menschen und Ideen, die durch die Umsiedlungspolitik der Pinochetdiktatur und marktradikale Freigabe von Grundstückspreisen, getrennt wurden.

Auch die nüchternen Fotografien der Berliner Künstlerin Eva-Christina Meier, die den Arbeiten von chilenischen Künstlern (wie Andrés Bucci und Elisabetta Zileri) gegenübergestellt sind, dokumentieren diesen Prozess, in dessen Verlauf, die Geschichte vergessen und die Ressourcen des Landes verkauft wurden – als negativen Folgen der so genannten Globalisierung.