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Die Box



Februar 2005
Matthias Schamp
für satt.org

Plausibilität generieren, jetzt!

Der Bochumer Autor und Künstler Matthias Schamp über Maßgaben zur Qualitätssicherung projektorientierter Kunst.


Wie sich bei einem Tafelbild, einer Skulptur oder einem anderen Erzeugnis produktorientierten Arbeitens – ungeachtet aller Schwierigkeiten in puncto Beantwortung – die Frage nach der Qualität stellt, nämlich ob es gelungen oder nicht gelungen sei, so stellt sie sich auch hinsichtlich eines Projektes.

Hartnäckig hält sich unter Verfechtern der Projekt-Kunst indes das Mißverständnis, projektbezogenes Arbeiten stelle an sich schon eine Qualität dar: als vermeintlich progressive Kunstäußerung im Gegensatz zum vermeintlich Regressiven eines werkbezogenen Ansatzes.
Dieser Fehlschluß blockiert vielfach die Auseinandersetzung hinsichtlich der Qualität einzelner Erzeugnisse von Projekt-Kunst, weil er gewissermaßen disziplinierend in die Menge der Projekt-Künstler hineinwirkt, Gruppenraison einfordernd im Sinne eines Wir-Gefühls, das sich ja immer gegen ,Die Anderen‘ behaupten muß –- worunter in dem Fall die Gruppe der produktorientiert arbeitenden Künstler (Maler, Bildhauer, Fotografen etc.) zu verstehen wäre.

So sehr sich die Verfechter eines projektorientierten wie die eines produktorientierten Arbeitsansatzes also scheinbar kontrovers gegenüberstehen, so sehr bedingen sie sich in der Art eines epistemologischen Paares gegenseitig, indem die Zurückweisung der jeweils anderen Position der Legitimation des eigenen Ansatzes dient, der als solcher alsdann kaum mehr hinterfragt wird. Doch angesichts einer nun schon Jahrzehnte währenden – und auch reflexiv am Theoriehorizont begleiteten – künstlerischen Praxis, Projekte zu realisieren, kann von einem Legitimationsdefizit im Grunde keine Rede mehr sein. Vielmehr hat sich projektorientiertes Arbeiten als künstlerische Vorgehensweise längst etabliert, auch wenn es rein quantitativ – d.h. gemessen an der Zahl sämtlicher Hervorbringungen – einen eher geringen Anteil an der künstlerischen Produktion einnimmt.
Anstatt also immer wieder die altbekannten Anwürfe gegen einen produktorientierten Arbeitsansatz – beispielsweise die Malerei – zu repetieren, erscheint die immanent zu führende Diskussion um die eingangs erwähnten Qualitätsfragen ungleich ersprießlicher. Ein Projekt in die Welt zu setzen ist schließlich nicht a priori gut, schön und wahr.

Doch was unterscheidet überhaupt projektorientiertes Arbeiten morphologisch betrachtet von einem produktorientierten, werkbezogenen Ansatz? Denn einzelne bild- bzw. objekthafte begrenzbare Hervorbringungen fallen auch bei der Realisation eines Projektes an: Fotos, Filme, Flugblätter, Geräte, Installationen, Plakate, Bauten, Werkstücke, Dokumentationen etc. Wo zur Durchführung eines Projektes bild- bzw. objekthafte Hervorbringungen beitragen, vollzieht sich ihre Herstellung durchaus im Rahmen der künstlerischen Parameter (Kompositionsregeln etc.), wie sie auch für produktbezogenes Arbeiten gelten.
Aber anders als Schöpfungen mit signifikantem Werkcharakter – dem gemalten oder fotografierten Tafelbild oder einer Skulptur - stellen diese vielfältigen mit der Realisation eines Projektes einhergehenden Manifestationen nicht den Endpunkt der Anschauung dar, sondern bilden nur die Einstiegsluken in einen jeweils zu imaginierenden gedanklichen Zusammenhang: eben das Projekt.

Was macht nun aber ein Projekt zu einem gelungenen? Nur begrenzt lassen sich traditionelle Kunst-Begrifflichkeiten auf die Projekt-Kunst übertragen, um zu qualitativen Unterscheidungen zu gelangen. Aus diesem Grunde schlage ich stattdessen den Begriff ,Plausibilität‘ vor. In dem Maße, wie ein Projekt plausibel ist, erscheint es gelungen. Natürlich erweist sich Plausibilität immer nur in Hinblick auf die intendierte Projekt-Absicht. Diese muß transportiert werden. Sämtliche im Projektzusammenhang aufkommenden Manifestationen - neben den bereits erwähnten medialen Hervorbringungen z. B. Recherchen, Sound, Aktionen, Gespräche - wirken dabei mit. Wie bei einer Maschine greift eins ins andere um Plausibilität‘ zu generieren. Aber nicht nur die Disposition der einzelnen Projektbestandteile ist von Belang, sondern auch die adäquate Einbindung in das jeweilige soziale, kulturelle, räumliche Umfeld, in dem das Projekt wirksam werden soll. Nicht allein die sorgfältige Ausarbeitung der einzelnen Elemente, sondern letztendlich auch Fragen der Maßstäblichkeit spielen hierbei eine Rolle. In welchem Verhältnis stehen die Bestandteile zueinander? Wenn alles stimmt, funktioniert das Projekt. Es ist plausibel.

Plausibel sein kann ein Projekt indes immer nur in Hinblick auf einen Rezipienten. Diesem muß es einleuchten. Dabei muß berücksichtigt werden, daß die Schnittstelle zwischen Projekt und Rezipient nicht derart klar definiert ist, wie beispielsweise bei einem Tafelbild. Im Sinne einer angemessenen Rezeptionshaltung tritt einem Bild der Betrachter über eine bestimmte – nur im geringen Maße variabele – Distanz frontal gegenüber. Das Verhältnis zwischen Projekt und Rezipient ist hingegen weitaus unbestimmter. Gerade das Disparate der einzelnen Projekt-Manifestationen, auch deren räumliche oder zeitliche Streuung führt dazu, daß derjenige, der mit einem Projekt in Berührung kommt, sich in der Regel nicht mit der Totalität des kompletten Bezugsrahmens konfrontiert sieht, sondern ihn ausschnitthaft wahrnimmt.
Die bereits erwähnten Einstiegsluken in den zu imaginierenden Zusammenhang haben durchaus voneinander abweichende Öffnungsmechanismen und die sich dahinter erstreckenden Gedankenpfade führen nicht alle in dieselbe Richtung.
So ist es z. B. ein großer Unterschied, ob man als Teilnehmer in ein Projekt direkt involviert wird oder es im Nachhinein medial vermittelt in Form einer Dokumentation wahrnimmt. Vor allem für komplexe Prpjekte gilt, daß sie modular aufgebaut sein müssen, um unabhängig von der Einsicht in das Projektganze auch in ihren Teilbereichen gegenüber Rezipienten Wirkungen zu entfalten.

Projekte, die von vorneherein auf eine dislozierende, verstörende Wirkung aus sind, sind nicht wirklich unplausibel, denn ihre verstörende Wirkung, so sie gelingt (mithin ,plausibel‘ wird), wurde mit Kalkül in die Tat umgesetzt, so daß hier von einer Plausibilität der Unplausibilität zu sprechen wäre.

Das Gegenteil von Plausibilität lautet: ,Verquastheit‘. In dem Maße wie ein Projekt unplausibel bzw. verquast einherkommt, ist es mißlungen. Darunter gehören beispielsweise Projekte, bei denen sich der Projektzusammenhang vor allem auf der Behauptungsebene abspielt, ohne daß die in Umlauf gebrachten Manifestationen diesen Zusammenhang tatsächliche generieren können. Wie sich im Zueinander der verschiedenen Projektbereiche - z.B. dem Verhältnis von faktischer Umsetzung, medialer Verstärkung und dokumentarischer Aufbereitung - Disproportionen ergeben können, tuen sich auch generell zwischen Projektidee und Umsetzung oft Abgründe auf. Wie dürftige Projekt-Ideen durch gigantomanische Umsetzung aufgeblasen wirken, wurde schon manche vielversprechende Projektidee durch mangelhafte Ausführung im Grunde verschenkt. Denn hier wie überall gilt: Die Form muß bewältigt werden!