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Die Box


 
August 2004
Frank Fischer
für satt.org


Giorgio Vasari: Das Leben des Parmigianino
Hrsg. von Alessandro Nova, neu übersetzt von Matteo Burioni und Katja Burzer, bearbeitet von Matteo Burioni
Klaus Wagenbach, Berlin 2004

Giorgio Vasari: Das Leben des Parmigianino

90 Seiten, 10,90 Euro
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Kurzes Leben, lange Hälse

Giorgio Vasaris Parmigianino-Biografie aus dem Jahr 1568 in einer Neuübersetzung


Der Verlag Klaus Wagenbach bringt ja gerade Giorgio Vasaris Künstlerviten neu übersetzt und kommentiert in Einzelbänden heraus. Neben den Bänden über Raffael und Pontormo sowie einem Einführungsband ist soeben der über das Leben des Francesco Mazzola, genannt Parmigianino (1503-1540), erschienen. Dieser Band kommt fast noch rechtzeitig zum 500. Geburtstag des Parmenser Malers, der im letzten Jahr mit einer großen Ausstellung in Parma und Wien begangen wurde, die Parmigianino als Star des europäischen Manierismus feierte.

Vasaris Sammlung mit Lebensbeschreibungen zeitgenössischer Künstler wurde 1550 zum ersten Mal, eine komplett überarbeitete Version schließlich 1568 herausgegeben. Beide Arbeiten sind nicht nur grundlegend für die gesamte Kunstgeschichtsschreibung, auch im Bezug auf Parmigianino sind sie eine einzigartige werkbiografische Quelle.


Der Geist Raffaels

Was also macht Vasari? Er folgt den Spuren seines Zeitgenossen und schildert den Lebensweg Parmigianinos anhand seiner Gemälde und deren Auftraggeber. Vasaris Bildbeschreibungen setzen bereits Akzente, auch wenn sie teils auf falschen Erinnerungen beruhen, die aber die Abbildungen selbst oder spätestens der Kommentar ausführlich berichtigen.

Das Leitmotiv der Lebensbeschreibung ist der Vergleich mit Raffael: »Später sagte man, daß der Geist Raffaels in den Körper Francescos übergegangen sei«, schreibt Vasari und erklärt Parmigianino zunächst also zu Raffaels »Erben«. Die überarbeitete Version von 1568 aber, die auch der Übersetzung zugrunde liegt, endet damit, dass Parmigianino als schlimmer Alchemistenfinger über seine fragwürdigen Experimente die Malerei vergisst. Der Topos vom Künstler, der sein Talent anderweitig verschwendet, findet sich auch in anderen Viten wieder, etwa in der Leonardos, von der noch nicht klar ist, ob sie im Vasari-Zyklus erscheinen wird, wie Martin Warnke in der ZEIT vom 9. Juni 2004 befürchtet.

Doch sofort ist wieder der korrigierende Kommentar zur Stelle, und ohnehin bekommt man während der Lektüre das Gefühl, gleich zwei Biografien zu lesen. Der Kommentar ist mehr als doppelt so lang wie Vasaris Ausgangstext und als Korrektiv die eigentliche Leistung der Neuausgabe.

»In seiner anspielungsreichen Prosa webt Vasari aus der Fülle der zusammengetragenen Fakten ein hoch fiktionalisiertes Bild des Parmensers«, fasst der junge Kunsthistoriker Matteo Burioni Vasaris Vorgehensweise in der Einleitung zusammen. Auch eine der schönsten Stellen im Buch, die Schilderung des Sacco di Roma (der Zerstörung und Plünderung Roms 1527), ist ein literarischer Kunstgriff und antiken Vorbildern nachgebaut. Die einfallenden Protestanten stören Parmigianino nicht beim Malen, so wie Plinius bei der Schilderung der Belagerung Rhodos’ den Künstler Protogenes ruhig weiterarbeiten lässt. Noch präsenter dürfte allerdings der im Kommentar gezogene Vergleich mit Archimedes sein, von dem sich Vasari allerdings abhebt: Der Legende nach soll der Grieche einen römischen Soldaten aufgefordert haben, ihn in Ruhe zu lassen – und wurde prompt von ihm erschlagen.


Ohne Vorbild und Nachahmer

Dankbar ist man für die zahlreichen farbigen Abbildungen der Gemälde, die meist neben den entsprechenden Stellen in der Lebensbeschreibung zu finden sind. Etwa das Wiener Selbstporträt im konvexen Spiegel: Durch die Verwendung eines gewölbten Stückes Holz als Malträger erhöht Parmigianino den Effekt und thematisiert so den Spiegel selbst als damals einziges Hilfsmittel für ein Eigenporträt. Mit diesem einzigartigen Bild, das keine Vorbilder hatte und keine Nachahmer fand, macht er sich 1524 auf den Weg nach Rom, wo er sofort zu Papst Clemens VII. vorgelassen wird. Parmigianinos ebenmäßiges Antlitz, das auch auf dem Cover der Wagenbach-Ausgabe prangt, ist übrigens der einzige Teil des Selbstbildnisses, der nicht verzerrt ist. Manifestierte Eitelkeit, die freilich für seine Madonnenporträts nicht gilt.


Madonna della Rosa
Madonna della Rosa
(Abb. aus dem besprochenen Band)


Berühmt geworden sind Parmigianinos Bilder durch eine spezielle anatomische Aberration: den überdurchschnittlich langen Hals, mit dem er einige seiner Madonnen ausstattet. Nicht so die schönste von allen, die Madonna della Rosa (1529/30), die er für Pietro Aretino malt, den Dichter der Kurtisanengespräche und der noch expliziteren I Modi-Sonette, die zuletzt 1997 von Thomas Hettche in pornografischer Diktion übertragen wurden. Das Bild scheint ganz den Geschmack des Dichters getroffen zu haben, erinnert die ausgestrahlte Erotik doch eher an eine Darstellung von Venus und Amor als an eine Madonna mit dem Kind. Christus sieht aus wie ein properer Lustknabe; die Schönheit der Madonna verweist nur auf sich selbst und scheint jeglicher religiöser Metaphorisierung zu widerstreben. Gerade dieses Bild übrigens, das heute im Dresdner Zwinger hängt, wurde auf der großen Jubiläums-Austellung 2003 durch eine zeitgenössische Kopie vertreten, wohl weil es wegen konservatorischer Bedenken nicht an die Ausstellungsorte entliehen werden konnte, handelt es sich doch um eine sehr fragile Pappelholztafel.

Im Anhang des Bandes gibt es noch eine ausführliche Bibliografie mit der neuesten Forschungsliteratur, eine biografische Zeittafel und ein Verzeichnis mit den derzeitigen Standorten der bedeutendsten Gemälde, das seltsamerweise den Fokus auf »europäische Sammlungen« legt und daher die Detroiter Beschneidung Christi und das in einer Privatsammlung in New York befindliche Allegorische Porträt Karls V. verschweigt. Wie dem auch sei, die frühe Edition des Parmigianino-Bandes innerhalb des DFG-geförderten Vasari-Projektes dürfte zur derzeitigen Parmigianino-Begeisterung beitragen.