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Die Box


 
Mai 2004
Lothar Glauch
für satt.org


LASENKAN-Theater:
"Butai Dobuzu"
nach Yoko Tawada

Die nächsten Auftritte des Lasenkan-Theaters in Berlin:
Vom 7. bis 9. Mai im Maschinenhaus der Kulturbrauerei.

Gespielt wird das "Butai Dobuzu 0", ein Auszug aus dem umfassenderen Collagenwerk "Butai Dobuzu", nach den Texten von Yoko Tawada ("Das Bad", "Opium für Ovid", "Überseezungen", "Sancho Pansa").

Butai Dobuzu – Bühnentier



Die drei Frauen sind nicht Schauspielerinnen im üblichen Sinn. Die Ophelias und Julias mögen eine Rolle spielen – die Frauen in "Butai Dobuzu" hingegen verkörpern sie. Und hierbei bleiben sie nicht nur einer Hülle treu, sondern verwandeln sich in immer neue Inkarnationen. Das Ganze nimmt den Charakter einer Selbstentkleidung an: Sie legen Hülle für Hülle vor den Zusehern ab, und werden durch ihre zunehmende Blöße trotzdem immer reicher und reiner. Und während sie dermaßen ihr eigenes Wesen vor den Augen der Zuseher durchdeklinieren, werden sie zu Prototypen des Körperlichen an sich.
LASENKAN-Theater: Butai Dobuzu
LASENKAN-Theater: Butai Dobuzu
Fotos: Daniela Incoronarto
LASENKAN-Theater: Butai Dobuzu

Butai Dobuzu heißt soviel wie "Bühnentiere" und basiert nicht auf einem einzigen Theaterstück, sondern ist ein Montagewerk, das seinen Charme aus dem Performance-Charakter der Inszenierung gewinnt, hier steht eindeutig das "Wie" im Vordergrund, das "Was" hingegen rückt deutlich in den Hintergrund. Die Texte stammen ausnahmslos von der in Hamburg lebenden japanischen Autorin Yoko Tawada ("Das Bad", "Sancho Pansa", "Opium für Ovid"). Inszeniert wird "Butai Dobuzu 0" von dem LASENKAN-Theater, einer Theatergruppe, die sich mittlerweile aus deutschen und japanischen Schauspielern zusammensetzt.

Die Gruppe hat bereits seit 1989 Bestand, seit 2002 agiert sie von Berlin aus. Und ihr Aktionsradius ist groß: Nicht nur die Stücke selbst verfolgen einen pankulturellen Ansatz, hier werden die Elemente Technologie, Körper, Sprache, Tradition, Kultur zu einem komplexen Ganzen verschmolzen, auch in ihrer Reisefreude beweist die Gruppe ihr Cosmopolitentum. Seit ihrer Gründung gastierten sie in 16 Ländern Europas, Asiens und Amerikas und kooperieren in den jeweiligen Gastländern mit dort lebenden Künstlern.

Früher hätte man das eine Wanderbühne genannt. Nur bleibt deren Radius nicht mehr auf einen Sprachraum beschränkt, sondern umfasst den ganzen Globus. Was dann auch wieder auf die Produktionen zurückwirkt: Philosophie und Mythos der jeweiligen Kulturen fließen in die neuen Produktionen ein und erweitern die Perspektive. Und da man sich der Performance-Techniken bedient, ist eine über die Sprache hinausreichende universale Verständlichkeit gewährleistet.

Saburo Shimada, der Regisseur des Lasenkan Theaters, vermischt in seinen Inszenierungen verschiedene Theatertechniken aus Japan und Europa. Die wichtigste Wurzel hierbei ist das Kabuki-Theater. Die traditionelle japanische Theaterform arbeitet mit der Stilisierung von Alltagsbewegungen, von denen eine jede mit großer Präzision und Klarheit durchgeführt wird. Hier werden Hand, Fuß und Kopf als Ganzes koordiniert, ein bewusster Akt, oft von tänzerischer Grazie. Hinzu kommt eine intensive Stimmarbeit. Durch Tonlage, Lautstärke und Dynamik werden im Kabuki besondere wie einfache Gefühlszustände oder Situationen umschrieben. So entsteht ein Geflecht aus Gesten, Stimmungen, Emotionen und Situationen, das immer berührt und doch auch Raum lässt für Gedanken und Fantasien.

Seit 1997 inszeniert das Lasenkan Theater die Stücke von Yoko Tawada. Sowohl die Theater- als auch die Prosatexte der in Deutschland lebenden Autorin werden hier verarbeitet. Der spielerische Aspekt steht im Vordergrund: Nach "Till" (Eulenspiegel) und "Sancho Pansa" widmet sich das neue Stück keiner bestimmten literarischen Figur, mit "Butai Dobuzu 0" ist das Bühnentier, der Bühnenakteur an sich thematisiert.

Spielfreude ist hier im übrigen nicht mit Einfachheit gleichzusetzen. Obwohl die Texte von Yoko Tawada auf erstem Blick wegen ihrer Leichtigkeit und ihrem Humor eindimensional wirken können, entfalten sie durch die Aneinanderreihung von außergewöhnlichen Bewusstseinsmomenten schnell eine Komplexität, die an alle Sinne appelliert. Am ehesten vergleichbar ist das mit Traumszenen, die auch noch lange Zeit nach dem Erwachen in bunten Fragmenten durch das Bewusstsein treiben.

Nein, Langeweile kann bei "Butai Dobuzu 0" keine aufkommen. Kei Ichikawa, Franziska Piesche und Kana Torino verstehen es wunderbar, eine komplexe Form überzeugend umzusetzen, und dabei trotz strenger Struktur und Konzept das Spiel nicht zu vergessen. Weshalb die drei "Bühnentiere" auch im wahrsten Wortsinn Schau-Spielerinnen sind.