Anzeige:
Die Box


 
April 2003
Anja Scherret
und Timo Berger
für satt.org


DisORIENTation
Zeitgenössische arabische Künstler aus dem Nahen Osten. 20.3. bis 11.5. 2003 im Haus der Kulturen der Welt, Berlin
» www.hkw.de

Raus aus der Ethnisierungsfalle

Die Austellung »DisORIENTation«
im Berliner Haus der Kulturen der Welt


DisORIENTationEtwas spiegelt sich im Wasser. Langsam bekommt das Verschwommene Konturen. Es ist ein menschliches Gesicht. Aber in dem Moment, in dem das Bild kurz davor ist, gestochen scharf sichtbar zu werden, sieht man einen Schuh, der ins Wasser tritt, und das Bild wieder zerstört. Die Betrachter der Videoinstallation von Moats Nasr schauen in diesem Moment reflexartig nach unten und bemerken, daß sie selbst im Wasser stehen. Auch ihr eigenes Spiegelbild verändert sich mit ihren Bewegungen. Was ich wahrnehme, hängt davon ab, wie ich mich auf unbekanntem Terrain verhalte, meine Kategorien sind nie unschuldig, sondern sind das Resultat meiner Intervention.

Die Installation ist Teil der Ausstellung »DisORIENTation« im Haus der Kulturen der Welt. Nasr ist einer von dreizehn Künstlerinnen und Künstlern aus Ägypten, Palästina, Libanon, Jordanien, Syrien und dem Irak, deren Werke noch bis zum 11.Mai in Berlin gezeigt werden. Was für Künstler aus dem Westen Selbstverständlichkeit ist, müssen sich Künstler aus anderen Kulturräumen bis heute immer noch erkämpfen: daß ihre Werke als individuelle Positionen wahrgenommen werden, nicht als Repräsentationen einer anderen Kultur. Nur weil sie aus dem Irak stamme, sagt die in London lebende Jananne Al-Ani in einem Interview, würden ihre Foto- und Videoarbeiten ständig auf die Situation im Nahen Osten bezogen. Gegen solche Zuschreibungen wehren sich die Künstler. Sie sehen sich weder als Repräsentanten einer Nationalkunst noch lassen sie sich die westlichen Klischees des Orientalischen oder Exotischen gefallen.

Begriffe wie Heimat und Fremde werden spätestens dann als Projektionen des Betrachters entlarvt, wenn vermeintlich lokale kulturelle Codes in einen anderen (»fremden«) Kontext gesetzt werden. So läßt Jumana Abboud eine Tanzperformance auf einer Schwarzwaldlichtung stattfinden. Die Tänzerin trägt dabei ein langes rotes Kleid mit goldenem Saum - was vom westlichen Betrachter sofort arabisch konnotiert wird -, ihre Haltung aber spielt deutlich auf die westliche Ikonographie der Aufklärung in Gestalt der Allegorie der Freiheit in einem Bild von Delacroix an. Abboud bedient sich einer Collage, die Elemente zweier vermeintlich gegensätzlicher Kulturen mischt und Wechselwirkungen erzeugt, die die vorgängigen Codierungen unterminieren. Ein Hinweis darauf, daß alle zeitgenössischen Kulturen bereits hybrid sind, daß von einer »reinen« oder ursprünglichen Kultur nicht die Rede sein kann.

Doch trotz postmodernen Hypes des Hybriden darf nicht unterschlagen werden, daß die Definitionsmacht über Kunst weiter in den Ländern des Zentrums bleibt. Hier finden sich die bedeutenden Museen, Galerien, Akademien und Mäzene. Zwar gibt es innerhalb der Metropolen Bestrebungen, diese Hierarchie zu problematisieren - man denke nur an die letzte Documenta -, doch auch in dem generösen Zugeständnis, die Kunst anderer Kulturen aus dem Völkerkundemuseum in die Galerien für zeitgenössische Kunst zu holen, spiegeln sich Machtverhältnisse wider. Die Negation der Ethnifizierung ist nie bedingungslos und hat immer eine politische Vorgeschichte - die des Kolonialismus.

Gerade das Haus der Kulturen der Welt ist in den vergangenen Jahren nicht vor der Ethnisierungsfalle gefeit gewesen, wie großangelegte Überblicksschauen zur Kunst einzelner Länder hinlänglich bewiesen haben. »DisORIENTation« selbst bewegt sich auf einem schmalen Grad. Der Untertitel der Ausstellung, »zeitgenössische arabische Kunst aus dem Nahen Osten«, suggeriert Gemeinsamkeiten, die dem programmatischen Anspruch der Ausstellung, eben diese als Kategorien des Westens zu entlarven, entgegenlaufen. Die Macher der Ausstellung berufen sich in ihrer Kritik westlicher Orientbilder auf den Literaturwissenschaftler Edward Said. Dieser zeigt in seinem Buch »Orientalism« auf, wie im Zuge des kolonialen Zugriffs westlicher Nationen auf die arabische Welt diese als homogener Kulturraum imaginiert wurde. Gleichzeitig wurde der Orient als das Andere des Westens bestimmt. Bis heute prägen sowohl die Stereotype über den Orient als auch die territoriale Ordnung der Region durch den Kolonialismus das Verhältnis zwischen Europa und dem Nahen Osten. Der Kurator, Jack Persekian, ein in Ostjerusalem lebender Palästinenser mit armenischem Familiennamen und US-amerikanischem Paß, hat während der dreijährigen Konzeptionsphase die zerrissene Geographie des Nahen Ostens leidvoll kennengelernt. In seinem Tagebuch zur Ausstellung beschreibt er, wie er sich im verminten Territorium zurechtfindet. Um zu den teilnehmenden Künstlern zu reisen, bedurfte es zweier Reisedokumente und der Intervention diverser Freunde. Nur so konnte er Grenzen passieren und Menschen zusammenbringen, die sich vorher nie sehen konnten. Die Berliner Ausstellung versteht sich deshalb auch als Plattform, die verschiedenen Künstlern Gelegenheit gibt, miteinander in Kontakt zu kommen. Einmal mehr verweist die komplizierte Entstehungsgeschichte der Ausstellung darauf, wie sehr die Idee vom gemeinsamen Kulturraum mehr Wunschvorstellung als Realität ist. Wenn man von Ostjerusalem nur über diverse Umwege nach Syrien kommt, wie können wir dann leichtfertig behaupten, es handele sich um eine Kultur. Persekians Reise durch Nahost artete so zu einer kleinen Odyssee aus, die den Kurator bisweilen »desorientiert«, verwirrt und traurig zurückließ. Zumal einer der ausgestellten Künstler, der Jordanier Al Jabri, in der Vorbereitungsphase ermordet wurde. Die Entscheidung, ob Künstler und Arbeiten aufgenommen wurden, so Persekian, erfolgte nach dem Kriterium der Kompatibilität ihrer ästhetischen Sprache, nicht nach Zugehörigkeit zu einem bestimmten Land. Man fragt sich dennoch, warum keine israelischen Künstler aufgenommen und an der arabische Herkunft als »kleinstem gemeinsamen Nenner« eisern festgehalten wurde. Schließlich reiste Persekian seinem Tagebuch zufolge oft genug über den internationalen Flughafen von Tel Aviv. Er hätte also Gelegenheit gehabt, sich auch mit Positionen israelischer Künstler und nicht nur mit den Sicherheitskontrollen auseinanderzusetzen, um am Ende vielleicht doch noch der Ethnisierungsfalle zu entkommen.