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Die Box


 
März 2003
Thomas Vorwerk
für satt.org


Otto Dix:
Der Krieg

(hrsg. und kommentiert von Dietrich Schubert)
Jonas Verlag, Marburg 2002

Otto Dix: Der Krieg

104 S., geb.
25,00 Euro
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Otto Dix – Der Krieg
50 Radierungen von 1924



Im Jahre 1924 erschien das epochale Werk "Der Krieg" von Otto Dix. In fünf Mappen mit je zehn Radierungen gelang es Dix, dem Betrachter das Thema "Krieg" näherzubringen, als es den meisten lieb sein dürfte. Und die Authenzität, die schon in Titeln wie "Pferdekadaver", "Sturmtruppe geht unter Gas vor", "Toter im Schlamm", "Matrosen in Antwerpen", Transplantation" oder "Appell der Zurückgekehrten" deutlich wird, kam daher, daß Dix selbst jahrelang, zunächst als Unteroffizier, schließlich als MG-Führer an der Westfront, die Schrecken des Krieges am eigenen Leib erfahren musste.


Otto Dix um 1920
Otto Dix, um 1920
Fotografie von
Wilhelm Vögel, Gera


"Der Krieg - ist eben was so Viehmäßiges: Hunger, Läuse, Schlamm, diese wahnsinnigen Geräusche [ …] Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen. Man muß den Menschen in diesem entfesselten Zustand erlebt haben, um etwas über den Menschen zu wissen …", so Dix selbst in einem Interview im Jahre 1961.

Schon in den 20ern war Dix umstritten, unter den Nazis wurde das Volk vor derlei "entarteter Kunst" bekanntlich "geschützt", und obwohl er noch bis zu seinem Tode im Jahre 1969 interessante Werke hervorbrachte, war wohl die Vielzahl der künstlerischen Richtungen während des 20. Jahrhunderts daran schuld, daß der so gar nicht an abstrakter Kunst oder Pop-Art interessierte Dix ein wenig in Vergessenheit geriet. Es ist auch augenfällig, daß Dix bis 1989 vor allem in der DDR geschätzt wurde, obwohl der im thüringischen Gera gebürtige seit dem Verlust seiner Professur an der Kunstakademie in Dresden bei der Machtübernahme der Nazis 1933 am Bodensee wohnte. (Er aber nach Kriegsende jedes Jahr für einige Wochen nach Dresden fuhr und dort den Großteil seiner späten Lithographien erstellte.)

Der Herausgeber Dietrich Schubert lehrt seit 1981 als Professor für Kunstgeschichte in Heidelberg. 1980 verfasste er eine Dix-Monographie, die mittlerweile in 5., verbesserter Auflage vorliegt. Seit 1992 (also interessanterweise nach der Wiedervereinigung, aber hier ist nicht der Ort, diesen Gedanken weiterzuverfolgen) spielte er laut eigenen Angaben mit dem Gedanken, den "Krieg" als selbstständiges Buch herauszubringen. Abgesehen von den 70 Exemplaren 1924 zeichnen sich spätere Reproduktionen vor allem dadurch aus, daß sie längst vergriffen sind und/oder qualitative Mängel zu kritisieren sind.



Otto Dix: Schädel
Otto Dix: Schädel

Die Initiative des Herausgebers und seines Verlags ist uneingeschränkt zu begrüßen. Zwar frage ich mich, warum die Radierungen im Querformat nicht einfach um 90» gedreht wurden, um das Format besser zu nutzen und dem Betrachter mehr Details zu offenbaren (Die Detailvergrößerung auf dem Titelbild zeigt etwa einen angedeuteten Soldaten, den man auf der viel kleineren Reproduktion der entsprechenden Radierung nicht erkannt hätte), aber für den "Lesefluss" (so man es so nennen kann) ist es natürlich angenehmer, das Buch nicht andauernd drehen zu müssen, womit ich diese Entscheidung auch akzeptiere.

Im extensiven Begleittext Schuberts erfährt man auch diverse Einzelheiten über die Hintergründe des Werkes. So erfahren wir zum Teil aus Briefen Dix über seine Kriegszeit, es wird klar, warum die Radierung "Soldat und Nonne" (alias "Soldat vergewaltigt eine Nonne") kurzfristig aus dem Mappenumfang entfernt wurde, und auch die Verfolgung der "Wehrsabotage" des Künstlers durch die NSDAP wird nachgezeichnet. Wenn Schubert Parallelen zu Francisco Goya und Erich Maria Remarque herausstellt, eine Ausstellungschronik erstellt, zeichnerische Vorstudien kommentiert oder Zusammenhänge mit dem verschollenen Gemälde "Schützengraben" darstellt, freut man sich darüber, einem Experten lauschen zu dürfen, doch leider drängt sich manchmal der selbstverliebte Grundton eines Hardcore-Wissenschaftlers nach vorn, der in seinen Fußnoten unzählige Auflagen seiner und anderer Werke aufführt ("4. Aufl. 1996 (japanische Aufl. Tokyo 1997); 5. überarbeitete Auflage 2001.") oder bei der Verteidigung der einleuchtenden aber unbekannten Kunstrichtung "Verismus" seine Kollegen, die noch der "Neuen Sachlichkeit" nachweinen, diskreditiert. Ob dies außer den Eingeweihten in dieser Privatfehde viele Leser interessiert, mag man bezweifeln, aber glücklicherweise kann man solche Abschnitte ja kurz "überfliegen" und sich dennoch an dem fundierten Fachwissen erfreuen, ganz, wie man es an der Universität gelernt hat.

In Zeiten, wo nur noch Photographen und Dokumentarfilmer das Grauen des Krieges festzuhalten versuchen, während die Weltmächte und solche, die es sein wollen, scheinbar dringend daran interessiert sind, uns das Phänomen "Krieg" wieder näherzubringen, sind die Radierungen von Dix eine geeignete Erinnerung an Dinge, die die Menschheit offenbar heutzutage so schnell verdrängt oder vergisst wie ein Tastendruck auf die Fernbedienung ein TV-Programm ändern kann.