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Die Box



August 2002
Christina Mohr
für satt.org


Zurück zum Beton
Die Anfänge von Punk und New Wave in Deutschland

Eine Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle vom 07.07. – 15.09.2002i

Zur Ausstellung gibt´s einen Katalog mit vielen Bildern und Texten von Detlef Diederichsen, Peter Hein oder Ulf Poschardt. Ausserdem finden verschiedene Veranstaltungen statt (hauptsächlich Filmvorführungen), sonntags gibt es Führungen in der Kunsthalle.

Links:
Kunsthalle Düsseldorf Gesellschaftsinseln
Zurück zum Beton

 …nie zu spät für die alten bewegungen …

(frei nach fehlfarben)

Ausstellung "Zurück zum Beton. Die Anfänge von Punk und New Wave in Deutschland" in der Düsseldorfer Kunsthalle vom 07.07. – 15.09.2002

Kann man natürlich komisch finden – Punk im Museum – oder auch ganz folgerichtig: 25 Jahre "danach" ist Punk schon längst über die Pubertät hinaus und reif für die historische Betrachtung. Jürgen Teipel und sein Buch "Verschwende Deine Jugend" (plus CD, bald kommt auch ein Film) bereiteten den Weg für die längst fällige Würdigung einer Bewegung, die vielen leider nur unter dem Oberbegriff "Neue Deutsche Welle" bekannt ist. Auch an die Protagonisten der ersten Stunde wie Male, S.Y.P.H, der PLAN, Jäki Eldorado oder Alfred Hilsberg erinnern sich nur wenige.
DER PLANDer immense Erfolg von Buch, CD und Ausstellung mag verwundern, aber die Alters-Zielgruppe sind die Leute, die jetzt in den Verlagen, Sendern, Redaktionen und Agenturen sitzen und dafür sorgen, dass alle Medien dem Thema genügend Aufmerksamkeit widmen.

Für die Ausstellung wäre kein Ort passender gewesen als die Düsseldorfer (Beton-)Kunsthalle, höchstens vielleicht ein U-Bahnschacht oder eine Trinkhalle. Schön ist auch die räumliche Nähe zum ehemaligen Ratinger Hof: nach der Besichtigung kann man sich auf die Spuren der Düsseldorfer Punkszene begeben und den Ratinger Hof als das CBGBs von D-Dorf würdigen.
Formal werden alle Kriterien einer "richtigen" Ausstellung erfüllt, es gibt sogar eine Zeittafel: "1976. Male spielen erste Punkstücke". Imposant geht es los im ersten Raum: eine riesige Collage aus Zeitungsartikeln (z.B. dem legendären Spiegel-Artikel über Punk von 1978), Fanzines, Konzertplakaten und Fotos, die sich über alle Wände erstreckt. Unwillkürlich beginnt man mit der Suche nach Bekannten, aber schließlich sind Leute wie Campino oder Blixa Bargeld ja sozusagen alte Bekannte, nicht wahr? Üppig zusammengetragenes Material in den Vitrinen läßt die eigenen Erinnerungen nur so sprudeln, am bereitstehenden Kopierer kann man punkig rumkopieren – vielleicht ist es genau dieses Copy-Shop-Ambiente mit Punkrock aus dem Cassettenrecorder, das dafür sorgt, dass man sich sofort zuhause fühlt. Das Publikum setzt sich zusammen aus der APPD-Familienvätern mit drei kleinen Kindern, Leuten wie Dir und mir so um die 35, "richtigen" Punks mit UK-Subs-T-Shirt und älteren Damen, die sich wackelige Livevideos von den Specials 1979 aufmerksam anschauen – ist ja auch Museum. Offenbar kann Punk mittlerweile als eine Kunstrichtung unter vielen anderen betrachtet werden: sobald eine Bewegung "Geschichte" geworden ist, interessieren sich auch diejenigen dafür, die sie beim akuten Erscheinen abgelehnt hatten.
Weiter durch die Ausstellungsräume: in kleinen Wellblechcontainern kann man sich Filme anschauen über das SO 36 in Berlin-Kreuzberg oder die Geschichte des Ratinger Hofs. Und überall Fotos und Dias von rührend jung aussehenden Menschen …
Leider dürfen die originalen Instrumente, z.B. das Metallofon von F.M. Einheit, der Casio von Annette Humpe oder der gigantische "Brontologic" von Der Plan weder angefaßt noch gespielt werden – also wieder wie im richtigen Museum! Dafür gibt´s wirklich witzige Dokumentationen, die immerhin seinerzeit fürs Fernsehen produziert wurden, wie z.B. "Dreiklangsdimensionen" mit den großartigen Palais Schaumburg (sehr funky übrigens! Was heißt hier überhaupt Punk?), oder "New Wave Explosion" mit jeder Menge Interviews mit KFC, DAF, den Toten Hosen und vielen mehr. Die großformatigen Gemälde von Moritz Reichelt (Der Plan) fallen ziemlich aus dem Rahmen – oberflächlich betrachtet wirken sie kitschig und naiv, sind aber voll subversivem Charme. Man sieht, dass Punk nicht nur die Sicherheitsnadel in der Backe war, sondern mal über unendliche Möglichkeiten und Ausdrucksformen verfügte und vor allem kein eng gefaßtes Genre darstellte. Wem die Bilder bekannt vorkommen: Moritz Reichelt hat die ersten Depeche Mode-Singlecover gestaltet.

beton-collage

Bei allen Kritikpunkten, die man anführen KÖNNTE (was ich aber gar nicht tun will), kann man andererseits den Ansatz, endlich öffentlich und in großem Umfang zu zeigen, was Punk in Deutschland war und hätte werden können, gar nicht genug loben! Schließlich hatte Punk gesellschaftliche und ästhetische Gewohnheiten ganz schön durchgerüttelt, schon vergessen? Mode, Frisuren, Design, besonders aber Werbung, Plakatdesign und Zeitschriftenlayout sind bis heute nachhaltig von Punk geprägt – nur, dass es niemandem mehr auffällt. Auch in der heutigen Popmusik wird der Einfluss von Punk deutlich: elektronisch-experimentelle Bands wie DAF, Krupps, Einstürzende Neubauten können als Wegbereiter für Techno und EBM gelten. Nicht zuletzt deshalb spielten DAF in Originalbesetzung bei der diesjährigen Loveparade. Ihre Stücke, die dem Jugend- und Körperkult huldigen, sind in der hedonistischen Technoszene bestens aufgehoben.

"Zurück zum Beton" lohnt den Besuch auf jeden Fall und: nehmt Eure jüngeren Geschwister mit!