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19. Juni 2016
Andreas Jacke
für satt.org
  Marcus Stiglegger: Verdichtungen. Zur Ikonologie und Mythologie populärer Kultur

Marcus Stiglegger: Verdichtungen. Zur Ikonologie und Mythologie populärer Kultur.
Eisenhut Verlag 2014, 170 Seiten, 12,90 EUR
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Marcus Stiglegger:
Verdichtungen.
Zur Ikonologie und Mythologie populärer Kultur

„Der Tod Gottes gibt uns nicht einer begrenzten und positiven Welt zurück, sondern einer Welt, die sich in der Erfahrung der Grenze auflöst, die sich in dem überschreitenden Exzeß aufbaut und zerstört“ schrieb Michel Foucault in seinem Essay „Vorrede zur Überschreitung“ (1963). Auf dieses Feld der Transgression, welches Stiglegger mit Thesen von Bataille ausbuchstabiert, zielen viele Gedanken ab, die in diesem kulturwissenschaftlichen Langessay geschildert werden. Er stellt eine wesentliche Grundlage für die filmwissenschaftlichen Arbeiten des Autors dar. Ausgehend von der berühmten These von der Dialektik zwischen Mythos und Aufklärung in der Frankfurter Schule wird dabei die Kraft des Mythos im Kino eingehend thematisiert, ohne jedoch die Aufklärung aus den Augen zu verlieren. Stiglegger erprobt eine Wegstrecke des dazwischen. Er stellt sich nicht auf eine Seite, sondern überblickt das Ganze. Nietzsches Übermensch dient ihm zur Definition eines souveränen Menschen, der aus dem Wertekanon ausgestiegen ist, um extreme Erfahrungen im Kino zu suchen. Dabei wird aber zugleich deutlich, dass dieser Ausstieg (und gleichzeitige Einstieg) weder endgültig ist, noch damit verbunden, die sozialen Normen zu ignorieren. Vielmehr gelingt es Stiglegger so, viele Tendenzen der aktuellen Populärkultur zu erklären und verständlich zu machen. Und er sieht darin nicht nur eine verwerfliche Erfahrung, sondern eben auch ein wichtiges kreatives Potenzial. Mit Bataille und de Sade als Urhebern dieses Denkens geht es also um extreme Erfahrungen, die einen anderen Blick auf das werfen sollen, was uns gewöhnlich umgibt. Stiglegger denkt den Erfahrungsraum der Transgression auch nicht als bloße Revolte, die in unbekannte und gefährliche Gefilde vorstößt, sondern vielmehr als eine ambivalente Erfahrung. Es geht ihm nicht um die Provokation, die im Tabubruch besteht, sondern tatsächlich darum, durch diesen mythologischen Erfahrungsraum, der durch den Todestrieb evoziert wird, einen anderen Blick auf das Leben selbst zu gewinnen. Auch der einfachen anti-christlichen Polarisierung Nietzsches, der vergessen hatte, dass der Tod Gottes durch Christus selbst eine zutiefst religiöse Denkfigur ist, entzieht sich diese Studie sehr erfolgreich. Denn das Bild des christlichen Märtyrertodes wird darin selbst als eine Weiterführung und zugleich abschreckende Vorführung der antiken Opferrituale betrachtet.

Die Bezüge zum Film gehen in den Verdichtungen nicht verloren, sondern bilden einen zweiten Ausgangspunkt. So zeigt Stiglegger wie Gladiator (2000) formal und inhaltlich der griechischen Tragödie nahesteht oder wie die Ikonografien von Marilyn Monroe, James Bond und John Wayne funktionieren. Er berichtet über die Schlüsselposition von Maria Magdalena im Gegenwartsdiskurs der populären Kultur – sehr prominent ist ihre Rolle in dem Buch (2004) und der Verfilmung (2006) von Dan Browns Sakrileg – und welcher Richtungswechsel damit angezeigt wird. Er geht ausführlich auf die Verfilmung des Martyriums von Christus in Mel Gibsons Die Passion Christi (2004) ein. Eines der spannendsten Kapitel ist sicherlich die kurze, aber sehr prägnante Darstellung und Einschätzung der verschiedenen Etappen des Zombie-Films als Kritikform am kapitalistischen Mythos. Das Buch kulminiert und findet seinen Abschluss in der Interpretation des extremen Horrorfilms Martyrs (2008): „Der Film zwingt den Zuschauer förmlich, den Weg der Schmerzen imaginär mitzuerleben und schließlich der unbenennbaren Dimension des Heiligen ansichtig zu werden – auch wenn hier die Grenzen des filmisch darstellbaren erreicht sind“ (S. 147). Das Grauen zielt darauf ab, sich selbst zu transzendieren. Die Grenze kann demnach nur überschritten werden, wenn der tote Gott danach wiederauftaucht. Es gibt sicherlich nur wenige Studien, die sich auch mit diesen schwer fassbaren und schwierigen Elementen von extremen Gewaltdarstellungen in der Gegenwartskultur und ihrer Bedeutung auf eine solch klare und spannende Weise beschäftigt hat. Stiglegger gelingt es dabei stets auf dem schmalen Grat zwischen moralischer Verurteilung und perversem Hedonismus zu bleiben. Er beschreibt die Hintergründe einer kollektiven Faszination am Ausnahmezustand, der dialektisch mit Walter Benjamins berühmten geschichtsphilosophischen Thesen gewendet, zuweilen die Regel sein kann. So schrieb Benjamin 1940 im Angesicht des faschistischen Terrors und des Hitler-Stalin-Paktes zutiefst resigniert: „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der Ausnahmezustand, in dem wir leben, die Regel ist“ (Hervorhebung A. J).