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Die Box




26. Oktober 2015
Jörg Auberg
für satt.org
  Glaube, Führer, Hoffnung: Der Untergang der Clara S.

Susanne Wiborg und Jan Peter Wiborg. Glaube, Führer, Hoffnung: Der Untergang der Clara S., München: Verlag Antje Kunstmann, 2015. 320 Seiten, 19,95 Euro.
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Tote Tante

In ihrem Buch »Glaube, Führer Hoffnung: Der Untergang der Clara S.« beschreibt die Journalistin Susanne Wiborg den Lebensweg ihrer Tante Clara Sabrowski, die im nationalsozialistischen Staat Karriere als BDM-Funktionärin machte, ehe sie im April 1945 in einer Höhle auf Rügen unter ungeklärten Umständen umkam. Leider gelingt es der Autorin nicht, über das persönliche Schicksal hinauszugehen und eine kritische Analyse des Schuldzusammenhangs der BDM-Funktionärin aufzubereiten.

Zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik gehört die Legende der Trümmerfrauen, die nach dem »Zusammenbruch« des »Dritten Reiches« selbstlos die Trümmer in den deutschen Städten und Landschaften beseitigten und so maßgeblich zum Wiederaufbau des deutschen »Gemeinwesens« beitrugen. Der Legende nach spielten Frauen in der nationalsozialistischen Gesellschaft lediglich eine untergeordnete Rolle an der Seite der männlichen Täter, waren Erfüllungsgehilfinnen in der Reproduktion der »arischen Herrenrasse«, ohne aktiv an den Verbrechen des NS-Regimes teilzunehmen.

Diesem gängigen Geschichtsbild wirkt das Buch Glaube, Führer, Hoffnung: Der Untergang der Clara S. entgegen, das die Journalistin Susanne Wiborg mit Unterstützung ihres Bruders, des Historikers Jan Peter Wiborg, verfasste. Darin zeichnen sie den Lebensweg ihrer Tante Clara Sabrowski (1920-1945) nach, die im nationalsozialistischen Regime eine führende Rolle im Apparat der Organisation »Bund deutscher Mädel« (BDM) in Pommern einnahm. Die Familie Sabrowski war geradezu archetypisch für das deutsche Kleinbürgertum: Ausschließlich auf die eigenen Interessen und den persönlichen sozialen Aufstieg fixiert, traf sie die Weltwirtschaftskrise im Endstadium der Weimarer Republik mit unverminderter Wucht. Der Arbeitslosigkeit des Vaters folgte der Verlust der Wohnung, sodass sie bei Verwandten um Unterschlupf bitten mussten. Die soziale Deklassierung versuchte sie mit einem frühen Überlaufen zu den Agenturen des Nazismus entgegenzuwirken, wobei vor allem die Geschwister Clara und Günter die NSDAP als organisatorisches, apokalyptisches Werkzeug einer revolutionären Jugendbewegung wahrnahmen, mit dem das »Alte« vom Planeten gefegt werden sollte. In ihrer historischen Erzählung schildert Wiborg den karrieristischen Aufstieg ihrer Tante Clara in den nazistischen Organisationsstrukturen als Erfüllung einer weiblichen Perspektive im männerbündischen Nationalsozialismus. Während Günter als Soldat zunehmend desillusioniert ist und 1944 beim »Russlandfeldzug« umkommt, verschreibt sich Clara als BDM-Funktionärin fanatisch dem nazistischen Regime, dem sie bis zum bitteren Ende in einer Höhle auf der Insel Rügen folgt.

Am Ende sind die Täter stets schon die Opfer der eigenen Ritualität: Obgleich sie die Apparate der nationalsozialistischen Herrschaft am Laufen halten, sind sie in der Wahrnehmung Wiborgs immer nur Verführte, die bis zum Schluss ihre deutsche Pflicht leisten. Als es gegen die »Anderen« ging, wurde die Vernichtung als deutsche Erneuerung durch das apokalyptische Feuer bejubelt. Als sie aber selbst von den Auswirkungen des Krieges betroffen sind und vor den sowjetischen Truppen flüchten müssen, ergehen sie sich in jammernder Sentimentalität. »Muttilein, es ist bitterschwer, was auf uns zukommt«, schreibt die BDM-Führerin ihrer Mutter in der Agonie des nazistischen Regimes, »Sieg oder tot [sic!]! Aber schrecklich ist keines von beiden. Wir schaffen es je zuletzt doch noch. Überlebende sind wir.«

Nach 130 Seiten ergeht sich das Buch in endlosen Details einer zähen Familiengeschichte, in der ständig die Freisprechung von realer Schuld betrieben wird. Das Schicksal der Tante Clara in einer Höhle auf Rügen ist allemal wichtiger als die Vernichtung der europäischen Juden oder die totale Destruktion Europas. An die Stelle einer historisch begründeten Analyse treten Langatmigkeit und privatistisches Wühlen, ohne die Abhängigkeit von antisemitischen und rassistischen Organisationsformen oder exterministische Fantasien als Formen der praktischen Politik in Betracht zu ziehen. Stattdessen ist von »jugendlichen Sehnsüchten«, »hehren Idealen« und »Verführbarkeit« die Rede, während die gesamte Dimension der Schuldverstrickung der NS-Funktionärin und ihrer deutschen, kleinbürgerlichen Familie ausgeblendet bleibt.

Leider fehlt Wiborg eine intellektuelle und narrative Strategie, um ihrer Familiengeschichte mit der nötigen kritischen Distanz zu begegnen und Erkenntnisse von Historikern wie Raoul Hilberg, Robert Gellately, Christopher Browning oder Frank Bajohr, welche die Willfährigkeit der »gewöhnlichen Deutschen« an der Teilnahme am industriellen Massenmord historisch aufarbeiteten, in ihre Erzählung einfließen zu lassen. Stattdessen beteiligt sich Wiborg am deutschen Unternehmen der »Entschuldung«, wobei vor allem Frauen als Opfer der männlichen Herrschaft präsentiert werden, welche die Möglichkeiten der Gesellschaft für die eigene Lebensplanung »zielorientiert«, wenn auch zynisch nutzten. Unterschlagen dabei wird allerdings der weibliche Teil der Schuld. Eindrucksvoll beschrieb dies die US-Historikerin Wendy Lower in ihrem Buch Hitler’s Furies: German Women in the Nazi Killling Fields (2013; dt. Hitlers Helferinnen: Deutsche Frauen im Holocaust). Als Sekretärinnen, Krankenschwestern oder sonstige Erfüllungsgehilfinnen nahmen sie am Genozid in Osteuropa teil und waren keineswegs auf das »Gebären« des nationalsozialistischen Nachwuchses reduziert, wie Wiborg behauptet. Lower beschreibt eindringlich, dass deutsche Frauen als Täterinnen und Komplizinnen an den Massenverbrechen beteiligt waren. So erschossen Ehefrauen von SS-Bürokraten jüdische Zwangsarbeiter vom Balkon oder der Veranda aus zur Belustigung ihrer Kaffeegäste.

Das Furchtbare wirkt weiter fort – nicht allein bei faschistischen Mordbrennern, sondern auch bei liberal-bürgerlichen Journalisten und Journalistinnen, welche Täter und Täterinnen als Opfer eines monströsen, amorphen Regimes beschreiben und sich weigern, der realen historischen Verantwortung sich zu stellen. Entschuldet wird die rationale Unterjochung und Extermination Europas mit dem Hinweis auf ein vorgebliches »Wahnsystem«, wobei den Täter und Täterinnen eine Schuldunfähigkeit zugesprochen wird, die realiter nicht existiert. Gerade weil dieses Buch eklatant hinter die Erkenntnisse der historischen Forschung und einer kritischen Theorie des Antisemitismus (wie sie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung formulierten) fällt, ist es gerade in Zeiten, da »das Deutsche« in »braunen Territorien« seine Urstände feiert, ein bedenklicher Beitrag zur historischen Verantwortung.