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Die Box




2. April 2015
Jörg Auberg
für satt.org

Tod in den Pyrenäen

In ihrer meisterhaften Biografie erzählen Howard Eiland und Michael W. Jennings das komplexe Leben Walter Benjamins und werfen einen panoromatischen intellektuellen Blick auf das untergegangene Europa, das vom deutschen Größenwahn zerstört wurde.

 

»Jeder Intellektuelle in der Emigration, ohne alle Ausnahme, ist beschädigt und tut gut daran, es selber zu erkennen, wenn er nicht hinter den dicht geschlossenen Türen seiner Selbstachtung grausam darüber belehrt werden will.«
Theodor W. Adorno, Minima Moralia

 

  »Walter Benjamin – A Critical Life« von Howard Eiland und Michael W. Jennings

Howard Eiland und Michael W. Jennings: Walter Benjamin – A Critical Life. Cambridge (MA): The Belknap Press of Harvard University Press, 2014. 755 Seiten, Hardcover $ 39,99
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Als Walter Benjamins Flucht vor den Deutschen, die mit seinem Selbstmord in den Pyrenäen endete, im Jahre 1965 erinnert wurde, beschrieb ihn sein lebenslanger Freund Gershom Scholem als eine Figur aus der völligen Vergessenheit. Sein Name gehörte zu »den verschollensten in der geistigen Welt«. Jahre später entbrannte bei der Herausgabe der gesammelten Schriften Benjamins ein ideologischer Grabenkampf, bei dem Benjamin als Kronzeuge gegen die überlebenden Repräsentanten der Kritischen Theorie wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in Beschlag genommen wurde. Der »Frankfurter Schule« wurden nicht allein Konvertierung zum Konservatismus, Ausverkauf und Praxisferne vorgeworfen, sondern auch die Drangsalierung Benjamins zu dessen Lebzeiten und Verstümmelung seiner Texte in der von dem Adorno-Schüler Rolf Tiedemann maßgeblich verantworteten ersten Edition der Benjamin-Schriften. Im Zuge der Studentenrevolte 1968 wurde Benjamin, dem eine akademische Karriere in Deutschland verwehrt blieb, schließlich in einer bitteren Ironie der Geschichte zu einem akademischen Popstar, dessen Schriften die Grundlage für zahllose Karrieren von der Geschichte ausgemusterter Berufsrevolutionäre in den Agenturen der Bildungs- und Wissensindustrie bildete. Während sie sich eine gesicherte Existenz in den Institutionen erkauften, entschlugen sie sich der Intellektualität, wie sie Leo Löwenthal in einem Essay über Walter Benjamin beschrieb: als »Unabhängigkeit im selbstgewählten Exil«. So blieben die selbsternannten Benjamin-Schüler der nachwachsenden Generationen in ihrem Epigonentum in den akademischen Hierarchien stecken und widmeten sich unablässigen exegetischen Exerzitien, ohne selbst einen originären Beitrag zur Kritik der herrschenden Verhältnisse liefern zu können oder zu wollen.

Mit ihrer voluminösen Biografie Walter Benjamin: A Critical Life legen Howard Eiland und Michael W. Jennings eine kritische Studie vor, die Benjamin aus dem Bann der ideologischen Überhöhung der Vergangenheit und des akademischen Götzentums reißt und ihn in seiner biografischen und intellektuellen Entwicklung im Kontext der historischen Ereignisse begleitet. Eiland und Jennings sind ausgewiesene Kenner des Benjamin’schen Œuvres: Für den Verlag Harvard University Press fungierten sie über Jahre als Herausgeber und Übersetzer der Schriften Benjamins und auch des Passagenwerks (an dem Benjamin seit Mitte der 1920er Jahre bis zu seinem Tod gearbeitet hatte, ohne es vollenden zu können). Ihnen gelingt mit ihrem Buch das seltene Meisterstück, sowohl den Intellektuellen Benjamin auf seinen Wanderungen durch die historischen Landschaften des untergehenden Europas mit seiner komplexen Tiefe zu beleuchten als auch den Menschen Benjamin zu porträtieren, der hinter den gängigen hagiografischen Porträts des einsamen Gelehrten in dunklen Zeiten verschwand. Eiland und Jennings erzählen ihre Geschichte nicht in grobkörnigen Schwarzweißbildern, sondern verweben verschiedene Perspektiven und entwickeln auf diese Weise ein vielschichtiges Bild Benjamins, ohne je ihren Protagonisten zu desavouieren.

Obwohl Benjamin 1892 in eine jüdische Großbürgerfamilie in Berlin geboren wurde, hatte er keineswegs einen leichten Lebensweg. Schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges nahmen sich Freunde das Leben, und seitdem blieb für Benjamin der Suizid stets ein Motiv in seiner Biografie, auch wenn es in depressiven Momenten seines Lebens zunächst nur im Bereich der Fantasie blieb. Mit der finanziellen Unterstützung seiner Familie konnte er zunächst eine akademische Karriere verfolgen, doch schließlich konnte er in keiner Universität Fuß fassen, da seine Dissertation »Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik« als zu unverständlich begriffen wurde. Stattdessen forcierte Benjamin seine Position als unabhängiger Kritiker und Publizist, wobei er jedoch nie die prekäre Existenz des Intellektuellen abstreifen konnte.

Zugleich war Benjamin von den deutschnationalen und faschistischen Strömungen umgeben, welche die Weimarer Republik seit ihrer Gründung maßgeblich beeinflussten. Wie Lion Feuchtwanger im ersten Teil seiner »Wartesaal-Trilogie« (die den ironischen Titel Erfolg trug) schrieb, projizierten die »Wahrhaft Deutschen« die Schuld für das eigene Unvermögen auf »die Juden«. Bereits in den 1920er Jahren erwog Benjamin, Europa zu verlassen und nach Palästina auszuwandern, doch sein Freund Scholem riet ihm davon entschieden ab, denn Jerusalem biete sich als intellektueller Ort nur jenen an, die sich mit dem Land und dem Judentum vorbehaltlos identifizierten. Angesichts von Benjamins Wendung zum Marxismus und zur politischen Linken hielt ihn Scholem für eine Emigration nach Palästina für ungeeignet. Nach dem Scheitern seiner akademischen Ambitionen konnte Benjamin durch seine Publikationen und seine publizistische Tätigkeit für die Frankfurter Zeitung und die Literarische Welt zwar als maßgeblicher Intellektueller der Weimarer Republik reüssieren, doch ließen sich viele Projekte wie etwa die Zeitschrift Krisis und Kritik aufgrund der instabilen politischen und ökonomischen Lage in Deutschland nicht realisieren.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verlor Benjamin nicht allein seine umfangreiche Bibliothek, sondern sah sich im französischen Exil auf eine prekäre Existenz zurückgeworfen. Bis zu seinem Lebensende war er auf Zuwendungen anderer angewiesen, woraus sich Abhängigkeiten ergaben. Das von Max Horkheimer geleitete Frankfurter Institut für Sozialforschung, dessen Hauptsitz 1934 nach New York verlegt worden war, gewährte Benjamin eine Art Stipendium, das in erster Linie dazu diente, seine Forschungen zum Pariser Passagenwerk zu finanzieren. Daraus entstandene Studien wie der Essay »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« oder »Charles Baudelaire: Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus« wurden jedoch – wie Eiland und Jennings in ihrer Erzählung nachdrücklich herausstellen – in ihrer veröffentlichten Form entweder ob ihres explizit politischen Charakters gekürzt (um nicht zu sagen: zensiert) oder wurden selbst von Benjamins Freund Adorno scharf kritisiert, da sie nicht die vom Institut gewünschten Ergebnisse zeitigten. Zudem missbilligten die »Frankfurter« Benjamins Freundschaft mit Bertolt Brecht, dessen »plumpes Denken« sie verachteten, oder Benjamins Hinwendung zur populären Kultur (er hatte – wie Eiland und Jennings bemerken – ein Faible für die Kriminalromane George Simenons und die Schauspielerin Katherine Hepburn).

Zugleich aber war Benjamin keineswegs frei von den Eifersüchteleien unter Emigranten. Als Siegfried Kracauer, mit dem ihm aus der Zeit gemeinsamer Arbeit für die Frankfurter Zeitung eine enge Freundschaft verband, im Pariser Exil seine Populärbiografie Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit veröffentlichte, fielen sowohl Adorno als auch Benjamin über ihn her, denn ihrer Meinung nach wilderte Kracauer in ihren angestammten Gebieten und biederte sich dem Markt an. Keineswegs war das Leben im Exil vom Heroismus gekennzeichnet, und selbst die schlimmen Verhältnisse, die Feuchtwanger in seinem großen Roman Exil beschrieb, waren in der Realität noch grauenvoller (der ehemalige Großbürger Benjamin verfügte lange Zeit nicht einmal über ein eigenes Zimmer im Exil). Das Milieu der deutschen Exilanten war, notieren Eiland und Jennings, erfüllt von Spannung und Rivalität, vom Kampf um die wenigen Möglichkeiten und Ressourcen, die ein Weiterleben ermöglichten. Unter den Bedingungen des Exils, das intellektuelle Heimatlosigkeit, finanzielle Verzweiflung und soziale Instabilität hervorrief, wurde das Leben selbst deformiert und jegliche Freundschaft in trostlosen Territorien zerstört.

Trotz allen Unbills der prekären Existenz ist es bemerkenswert, dass Benjamin unablässig an seinem großen Passagenwerk und anderen Projekten schrieb. Selbst als er nach der deutschen Okkupation zeitweilig interniert war, ließ er vom Schreiben nicht ab. Einer seiner einflussreichsten Essays »Über den Begriff der Geschichte« entstand noch kurze Zeit vor seinem tragischen Ende auf der Flucht über die Pyrenäen. Noch in den letzten Momenten trug er – hieß es – ein unveröffentlichtes Manuskript in einer Aktentasche mit sich, ehe er seinem Leben in Port Bou ein Ende setzte.

Über mehr als siebenhundert Seiten verstehen es Eiland und Jennings meisterhaft, das komplexe Leben Benjamins einzufangen und in all seinen Widersprüchen – geradezu spannend bis zum letzten Atemzug – zu erzählen, einerseits die untergegangene Welt des frühen zwanzigsten Jahrhunderts heraufzubeschwören und zugleich den Ausblick in eine mögliche Zukunft ins Auge zu fassen. So gelingt den beiden Autoren ein außerordentliches wie grandioses Werk, das über die Figur eines herausragenden Intellektuellen die Geschichte der Vernichtung und Auslöschung auf europäischem Boden in Erinnerung ruft.