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Die Box




9. Juni 2014
Jörg Auberg
für satt.org
  Barry Miles: Call Me Burroughs. A Life.
Barry Miles: Call Me Burroughs. A Life.
New York: Twelve, 2014. 736 Seiten,
52 Abbildungen, 32 US-Dollar.
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Der Autor als Entertainer

In seiner Biografie »Call Me Burroughs« beschreibt Barry Miles William S. Burroughs als zuweilen unsympathischen oder traurigen Avantgardisten, der nicht immer pfleglich mit seinen Freunden umging, doch betreibt der englische Historiograf der Gegenkultur keine Legendenzertrümmerung.

In den letzten beiden Dekaden seines Lebens nutzte William S. Burroughs zahlreiche Gelegenheiten, an der eigenen Legende als »Wild Bill Burroughs« und auteur maudit zu stricken und sich als lone wolf in der US-amerikanischen Literatur darzustellen, der gleich einem unerschrockenen frontiersman unentwegt nach neuen Wegen suchte und auf Reisebegleiter keinen Wert legte. In den 1980er Jahren hatte der Wanderer aus dem subkulturellen Underground der »Sixties« die Territorien des kulturellen Mainstreams erreicht, wo er wie ein großväterlicher Popstar gefeiert wurde. Als greller Star einer mumifizierten Gegenkultur, dem auf abenteuerliche Weise das Überleben in dieser Welt gelang, trat er in Fernsehsendungen wie Saturday Night Live oder in Vortragsshows auf, spielte in Filmen wie in Gus van Sants Drugstore Cowboy (1989) einen Junkie-Priester (der nach einer Episode aus seinem Erzählband Exterminator aus dem Jahre 1973 gemodelt war) oder ließ im Dokumentarfilm Burroughs: The Movie (1983) des früh an AIDS verstorbenen Filmemachers Howard Brookner sein Leben Revue passieren.

Galt er in früheren Jahrzehnten (je nach Standort des Betrachters) als Ausgeburt des Bösen, als Dämon oder als Genie, präsentierte er sich in den postmodernen Showrooms als domestizierter Junkie und Schwuler, der sein juveniles Publikum zugleich unterhielt und verhöhnte, sein Image als tadellos gekleideter Verächter des bürgerlichen wie des kleinbürgerlichen Establishments kultivierte und geschäftstüchtig sein schriftstellerisches Unternehmen betrieb. Hatte er einst die »totale Zerstörung der bestehenden Institutionen«1 propagiert, wurde der »literarische Guerillero« nicht nur mit der Aufnahme in die reputierliche Kulturinstitution The American Academy of Arts and Letters belohnt, sondern auch mit lukrativen Buchverträgen, die ihm sein Agent Andrew Wylie (der in der Branche den Spitznamen »Der Schakal« trägt) mit dem Konzern Viking-Penguin verschaffte. Zur gleichen Zeit entdeckten akademische Fan-Clubs Burroughs für die temporäre Mode des intellektuellen Antihumanismus. Dem als Misogyn2 ausgewiesenen Autoren attestierten feministische Akademikerinnen eine antipatriarchale Perspektive und fieberten der von Burroughs anvisierten Explosion »aller Körper und Texte« entgegen.3 In zahlreichen Interviews von 1960 bis zu seinem Tod – das Spektrum der Veröffentlichungen reichte von Studentenmagazinen, kurzlebigen Literaturzeitschriften und Underground-Publikationen über Popkulturmagazine wie Rolling Stone, Sounds oder New Musical Express bis zu »Männermagazinen« wie Playboy – präsentierte sich Burroughs als radikaler Kritiker der bestehenden Gesellschaftsverhältnisse und der mannigfaltigen herrschenden Mechanismen von Kontrolle und Herrschaft.4


Anmerkungen

1 William S. Burroughs und Daniel Odier, The Job: Topical Writings and Interviews (1969; rpt. London: John Calder, 1984), S. 108

2 Frauen betrachtete Burroughs als »biologischen Fehler«. Siehe William S. Burroughs, The Adding Machine: Selected Essays (1986; rpt. New York: Arcade, 1993), S. 125–127

3 Robin Lydenberg, Word Cultures: Radical Theory and Practice in William S. Burroughs' Fiction (Urbana: University of Illinois Press, 1987), S. 176

4 Die gesammelten Interviews finden sich in dem Band: Burroughs Live: The Collected Interviews of William S. Burroughs, hg. Sylvère Lotringer (Los Angeles: Semiotext(e), 2001)

5 Barry Miles, William S. Burroughs: Eine Biographie, übers. Udo und Esther Breger (Hamburg: Kellner, 1994)

6 Die Biografie erschien 2012 in einer erweiterten Neuausgabe. Siehe Ted Morgan, Literary Outlaw: The Life and Times of William S. Burroughs (New York: W. W. Norton, 2012). Mit der Biografie schien Burroughs nicht ganz zufrieden zu sein, da er die Klassifikation als »Outlaw« ablehnte. Er betrachtete sich eher grundsätzlich »out of place«. Siehe William S. Burroughs, My Education:A Book of Dreams (London: Picador, 1995), S. 7

7 Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, hg. Gretel Adorno und Rolf Tiedemann (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1973), S. 376

8 Catherine R. Stimpson, »The Beat Generation and the Trials of Homosexual Liberation«, Salmagundi, Nr. 58–59 (Herbst 1982-Winter 1983), S. 383; Burroughs, in: Gay Sunshine Interviews I, hg. Winston Leyland (San Francisco: Gay Sunshine Press, 1978), S. 11

9 William S. Burroughs, The Adding Machine: Selected Essays, S. 1

10 William S. Burroughs, »Homo«, in: William S. Burroughs V, hg. und übersetzt von Carl Weissner (Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1992), S. 21


Diesem kulturindustriell geprägten Image tritt Barry Miles mit seiner voluminösen Biografie Call Me Burroughs entgegen, die anlässlich des hundertsten Geburtstags des Autors im Februar 2014 erschien. Als Historiograf der Gegenkultur, der in der Vergangenheit mit Biografien über Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Frank Zappa reüssierte und mit Burroughs seit 1965 in Kontakt stand, kennt sich der 1943 geborene englische Autor im Sujet bestens aus. Bereits 1978 hatte er mit Joe Maynard eine umfangreiche Bibliografie zu Burroughs' Werk zusammengestellt, und 1993 erschien ein eine Burroughs-Studie unter dem Titel El Hombre Invisible.5 Für sein neues Werk griff Miles auf das umfangreiche Interviewmaterial zurück, das der französisch-amerikanische Journalist Ted Morgan im Rahmen seiner Arbeit für die von Burroughs autorisierte Biografie Literary Outlaw aus dem Jahre 1988 erstellt hatte.6 In seiner biografischen Beschreibung des Lebensweges Burroughs' ist Miles weniger hagiografisch als Morgan, doch ist er aufgrund seiner eigenen Biografie in den Kontext seines Protagonisten verstrickt. Beispielsweise hatte er im Rahmen seiner bibliografischen Arbeit verlorene Texte wie Queer oder Interzone zurück ans Tageslicht gefördert und zusammen mit Burroughs' Nachlassverwalter James Grauerholz eine als »ursprüngliche Fassung« deklarierte Textversion von Naked Lunch herausgebracht.

Diese Vertrautheit mit dem Burroughs’schen Universum birgt Vorteile und Risiken zugleich: Einerseits kann Miles mit einem großen Vorrat an Details aus Burroughs' Leben aufwarten (selbst die Penisgröße des Autors ist dem eifrigen Rechercheur nicht verborgen geblieben); andererseits läuft der Biograf Gefahr, aufgrund seiner Nähe zu seinem Protagonisten das notwendige Maß an Objektivität zu verlieren. Zwar geht Miles in seiner Darstellung nicht soweit wie sein Vorgänger Morgan (der für seine biografische Erzählung Stilmittel wie den inneren Monolog oder den Bewusstseinsstrom einsetzte), doch auch Miles nennt seinen Protagonisten stets mit dem Vornamen, womit die kulturindustrielle Praxis der Nivellierung des Künstlers im kapitalistischen Prozess (mit der Zertrümmerung der Autonomie) auch in dieses Werk einwanderte. »Waren die Künstler vor der französischen Revolution Bediente, so werden sie zu Entertainers«, bemerkte Theodor W. Adorno in den späten 1960er Jahren. »Kulturindustrie ruft ihre cracks beim Vornamen wie die Oberkellner und Friseure das jet set.«7 Dabei ist Miles keineswegs kritiklos: Im Gegensatz zum gängigen Image zeichnet er Burroughs als teilweise unsympathische und traurige Figur, die ihre Freunde je nach Verwendbarkeit und Nützlichkeit behandelte oder in Tanger seine jungen »Boys« wie ein Yankee-Imperialist »konsumierte«. Diese Kritik ist jedoch mitnichten neu: Bereits zu Beginn der 1980er Jahre wies Catherine Stimpson darauf hin, dass Burroughs von der vollkommenen Beziehungslosigkeit zu seiner sozialen Umgebung über das Bewusstsein der Entfremdung hinaus getragen wurde. Die »Boys«, die er benutzte, betrachtete er als Waren: Je billiger sie auf dem Markt zu haben waren, um so besser für den Käufer. Dass er die Armut dieser Menschen für seine eigene Befriedigung nutzte, störte ihn kaum. »Natürlich zieht der Homosexuelle einen Vorteil aus der Tatsache, dass Menschen arm sind«, gab er in einem Interview zu. »Aber in Betracht der existierenden Situation: warum nicht? Es steht nicht in meiner Macht, die Wirtschaft in Marokko oder anderen armen Ländern zu ändern.«8 Auch sein Faible für bestimmte Formen des Okkultismus oder die seltsame Verbundenheit mit der Scientology-Sekte, auf die Burroughs in seiner Londoner Zeit einen Großteil seiner Energien – aus Miles' Sicht – verschwendete, widersprachen seiner radikalen, anarchistisch inspirierten Kritik von Herrschaft und Kontrolle.

Zweifelsohne hat Miles die bis dato definitive Burroughs-Biografie vorgelegt, die vor allem aufgrund ihres Detailreichtums und ihrer stilistischen Eleganz besticht. Allerdings gelingt es ihr nicht, den Wechselstrom zwischen Leben und Schreiben des Individuums Burroughs herzustellen. Zwar listet Miles akribisch die »Vorbilder« für Burroughs' Fiktionen in der historischen Realität auf, doch vermag er nicht den Komplex der Konstruktion und Deskonstruktion literarischer Realitäten zu durchleuchten. In seinen autobiografischen Texten entwarf sich Burroughs als Autor von früher Kindheit an (»The name is Bill Burroughs. I am a writer«9, heißt es in einer klassischen Reminiszenz an seinen Werdegang als Schriftsteller), doch bleibt das Rätsel ungelöst, warum er relativ spät als Autor in Erscheinung trat (erst 1953 erschien sein Debüt-Roman Junkie in einer effekthascherischen Pulp-Fiction-Ausgabe). Miles übernimmt die gängige Erklärung, dass Burroughs erst nach der missglückten Wilhelm-Tell-Show in Mexiko im Jahre 1951, bei der er seine Frau Joan Vollmer erschoss, seine »Erweckung« als Autor erfuhr, wobei er die Verantwortung für die Tat einer obskuren Besessenheit (die er als »Ugly Spirit« bezeichnete) zuschrieb. »Die erschreckende Schlußfolgerung drängt sich auf, dass ich ohne Joans Tod niemals zum Schriftsteller geworden wäre«, schrieb er im Vorwort zu dem spät veröffentlichten Text Queer in den 1980er Jahren, »und ich muß erkennen, wie sehr dieses Ereignis mein Schreiben motiviert und geprägt hat.«10 Letztlich ist Miles zu sehr in das »burroughsianische« Netzwerk involviert, als dass er die Person und den Autor Burroughs einer grundlegenden kritischen Analyse unterziehen könnte, die über punktuelle moralische Reflexionen bezüglich einiger dunklen Punkte in Burroughs' Persönlichkeit hinausginge. So beschäftigt sich Miles beispielsweise nicht mit der Frage, worin die abrupten Stilwechsel des Autors im Laufe der Jahrzehnte begründet sein könnten. Die ersten Texte wie Junkie oder Queer waren durch einen eher konventionellen, faktischen Erzählstil geprägt, während die Arbeiten der 1960er Jahre einen dezidierten experimentellen Charakter besaßen. Danach wandte sich Burroughs traditionelleren, teilweise auch nostalgisch grundierten Erzählformen zu, was den späteren lukrativen Buchverträgen zugutekam. Der Prozess des Schreibens als Teil der Biografie wird jedoch wenig durchdrungen.

Zweifelsohne hat Miles in seinem Resümee Recht, dass Burroughs' Kritik der herrschenden Formen der elektronischen Überwachung und der Einschränkung der individuellen Freiheit durch staatliche wie kapitalistische Agenturen aktuell wie je ist. »Inspektor Lee wird nach wie vor im Kampf gegen den Nova Mob benötigt«, schließt Miles seine Burroughs-Biografie mit einem Hinweis auf eine in den 1960er Jahren entwickelte Kritik, wobei er jedoch schließlich auf Burroughs' ahistorisches Modell der Herrschaft rekurriert, das jegliche Form gesellschaftliche Kontrolle von den Mayas bis zur gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft in ihrer »postmodernen« Erscheinung umfassen will, während grundlegende Unterschiede in diesen Herrschaftsformen vernachlässigt werden. Dabei unterschlägt Miles jedoch, dass der »anarchistischen« Herrschaftskritik der 1960er Jahre eine »libertäre« Wende im Zuge des amerikanischen Neokonservatismus in den 1970er Jahren folgte. An die Stelle einer gegenkulturellen »Guerilla« traten konspirative Männerbünde wie die Johnson Family, die als homosexuelle Rackets im Geist der Frontier-Mythologie ersonnen waren. So fehlt Call Me Burroughs zwar zuweilen die notwendige intellektuelle und politische Tiefe, doch wird diese Biografie wegen ihres breiten faktischen Panoramas bis auf weiteres ein Standardwerk in der »Burroughsologie« sein.