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19. November 2013
Jörg Auberg
für satt.org

Das zweite Begräbnis

Der Historiker Jonathan Sperber beschreibt in einer großen Biografie das Leben von Karl Marx, wobei ihm die Darstellung der äußeren Realität des 19. Jahrhunderts weitaus besser gelingt als die Durchdringung der geistigen Welt und Vorstellungen seines Protagonisten. Zudem stellt er etwas borniert jegliche Relevanz der Marx'schen Kritik des Bestehenden für die Gegenwart in Abrede.

  Jonathan Sperber. Karl Marx: A Nineteenth-Century Life
Jonathan Sperber. Karl Marx: A Nineteenth-Century Life. New York: Liveright, 2013. 672 Seiten, 35 US-Dollar.
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I

»Die Menschen haben eine wunderbare Gewohnheit: Einmal in hundert Jahren gedenken sie ihrer Weisen. Doch womit konnte man dem Toten dienen? Damit, dass man ihn ein zweites Mal begrub? Aber das war zuweilen unbequem. Und so beschloss man, neben dem Denker einen seiner Gedanken zu bestatten. In den alten Grabstein, der die sterbliche Hülle des Weisen niederdrückte, wurde eingemeißelt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.«
Sigismund Krzyzanowski, »Lebenslauf eines Gedankens«

Zu seinen Lebzeiten war Karl Marx – trotz seines Ansehens in »Expertenkreisen« – eine marginale Figur im historischen Geschehen. Nach seinem Philosophiestudium blieb ihm eine Universitätskarriere verwehrt, als die reaktionäre preußische Politik die Universitäten von Hegelianern säuberte. Seine journalistische Tätigkeit als Redakteur oder Herausgeber konnte aufgrund der politischen Instabilität keine nachhaltige Wirkung entfalten. In den Jahren seines Londoner Exils nach 1849 konnte er nur wenige seiner publizistischen und wissenschaftlichen Projekte vollenden, und die Organisationen der europäischen Arbeiterbewegung gewannen erst nach seinem Tod 1883 an entscheidenden Einfluss. Das Bild Marx' in der Vorstellung der Nachwelt prägten vor allem Porträtaufnahmen von John Mayall aus dem Jahre 1875, die Marx als einen in einen schwarzen Anzug gekleideten, weißbärtigen Philosophen zeigten. Für Marx' intellektuellen Lebensgefährten und Mäzen Friedrich Engels stellten diese Fotografien »die letzte, beste Aufnahme« dar, »wo der Mohr in seiner ganz heitern, siegesgewissen olympischen Ruhe« erscheine. Als Nachlassverwalter des Marx’schen Erbe verbreitete Engels gezielt diese Fotografien im Rahmen einer Kampagne zur kultischen Verehrung, ehe sozialdemokratische Devotionalien und realsozialistischer Kitsch von Porzellankrügen, Bodenvasen und Wandstickereien mit dem Konterfei Marx‘ bis zu monströsen Plastiken in Karl-Marx-Stadt einen bizarren Personenkult betrieben. Marx wurde zur Ikone und Chiffre des »Zeitalters der Katastrophe« (wie der marxistische Historiker Eric J. Hobsbawm die Epoche zwischen 1914 und 1945 nannte), bis er schließlich nach der Implosion der kommunistischen Regime im Orkus der Geschichte zu verschwinden drohte.

In seiner zum 130. Todestag Marx‘ erschienenen Biografie Karl Marx: A Nineteenth-Century Life beschreibt der an der Universität von Missouri lehrende Historiker Jonathan Sperber seinen Protagonisten nicht als Visionär und Prophet des 20. Jahrhunderts, sondern entkleidet ihn in seiner historischen Realität, ohne ihn bloßzustellen. In den Augen Sperbers, der bereits 1991 in seinem Buch Rhineland Radicals die Geschichte der demokratischen Bewegung in der Revolution von 1848 untersuchte, war Marx eine »eine rückwärts blickende Figur«, die eher in der Welt von Robespierre, Hegel und Adam Smith lebte und das Vergangene in die Zukunft projizierte, als dass sie messianisch eine neue Ära der Menschheitsgeschichte imaginierte. Marx sei, schrieb Albert Camus, »Erbe, bevor er Vorläufer ist«, und Sperber zeichnet ihn konsequent als Erbe seiner Zeit. Mit dieser Kontextualisierung und Historisierung der Figur Marx gelingt ihm eine Erweiterung der Perspektive, indem er sie im Wechsel Groß- und Panoramaaufnahmen in den historischen Landschaften des 19. Jahrhunderts zeigt; zugleich läuft der Historiker mit dieser Methodik Gefahr, Marx auf die konkrete historische Realität dieser Zeit zu reduzieren, ohne seine intellektuelle Bedeutung für politische, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Verhältnisse jenseits der geschichtlichen Realität des 19. Jahrhunderts erfassen zu können.

Ihre volle Bedeutung entfaltet Sperbers Biografie in ihrer narrativen Darstellung der äußeren Realität, wobei der Autor seinen Protagonisten durch die verschiedenen Rollen seiner Existenz (als Sohn des konvertierten Juden Heinrich Marx, als Student Hegels, als Journalist und Beobachter, als Revolutionär, Aufständischer und Aktivist, als Emigrant, staatenloser Flüchtling und Privatmann) begleitet und dabei mit einer Fülle historischer Details aufwartet, sodass eine faszinierende, vielschichtige Erzählung entsteht, in der die historische Figur Marx mit all ihren Schattierungen und Widersprüchen, ihren oft sektiererischen Fehden mit Konkurrenten in der sich formierenden europäischen Arbeiterbewegung oder ihren fortwährenden Kampf ums Überleben in der prekären Existenz des politischen Exils in London eindrucksvoll und nachhaltig zum Leben erweckt wird.

Grundlage hierfür bildet die bislang nicht abgeschlossene historisch-kritische Edition der MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe), die bereits im Jahre 1927 begonnen, aber im Zuge der stalinistischen Säuberungen auf Eis gelegt wurde und seit 1990 von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung in Amsterdam betreut wird. Anhand dieser Edition kann Sperber belegen, dass das Werk Die deutsche Ideologie, das zum zentralen Bestandteil der Marx-Rezeption im 20. Jahrhundert wurde, in der heute bekannten Form von Marx nie konzipiert worden war. Ein Werk dieses Titels existiert in den überlieferten Marx'schen Manuskripten schlichtweg nicht. Die Arbeit begannen Marx, Engels und Moses Hess, ein Vertreter des Frühsozialismus, als Gemeinschaftsprojekt, das als Beitrag der »Deutsch-Französischen Jahrbücher« gedacht war, um sich gegen die »Junghegelianer« und »wahren Sozialisten« abzugrenzen. Die Kritik an Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und Max Stirner befeuerte den polemischen Stil, für den Marx und Engels berühmt und berüchtigt wurden. »Die gehäuften ironischen Anführungszeichen bei Marx und Engels sind Schatten«, kritisierte Theodor W. Adorno in einem Essay 1956, »welche das totalitäre Verfahren vorauswirft über ihre Schriften, die das Gegenteil meinten: der Samen, aus dem schließlich wurde, was Karl Kraus das Moskauderwelsch nannte.«

In seiner intellektuellen Entwicklung war Marx, stellt Sperber in seiner kritischen Erzählung heraus, stets nur zu einer versteckten Selbstkritik fähig. Obgleich er auch einmal die Ideen der »wahren Sozialisten« teilte, artikulierte er nach der Trennung von ihnen eine schneidende Kritik, ohne seine einstige Parteigängerschaft auch nur zu erwähnen, denn er sah sich immer schon als Schrittmacher der menschlichen Geschichte. Ähnlich war es mit den Ideen des französischen Philosophen Pierre-Joseph Proudhon, den er eine Weile bewundert hatte, aber in seiner Schrift Das Elend der Philosophie vehement kritisierte. Sperber bezeichnet diese fortschreitende Kritik, mit der Marx alte Überzeugungen über Bord warf und zu neuen Ufern aufbrach, als eine »externalisierte Form der Selbstkritik«, die in der intellektuellen Praxis des 20. Jahrhunderts zum gängigen Modell in »linken Projekten« leninistischer Prägung wurde, deren Protagonisten niemals irrten und Fehler einzugestehen hatten, sondern stets nur auf der Lokomotive der Geschichte einer gloriosen Zukunft entgegen rauschten. Auch in seiner Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, die Sperber als Marx' Meisterwerk betrachtet, bietet Marx eine kaschierte Selbstkritik seiner Aktivitäten in der 1848er Revolution, wobei es ihm aber auch gelingt, die Hoffnung jener Zeit in eine entlegene Zukunft zu prolongieren, ohne das eigene Scheitern tatsächlich auf die historische Rechnung zu setzen.

Anschaulich beschreibt Sperber Marx als einen Unvollendeten, dessen zahlreiche Projekte (wie etwa die Manuskripte zur politischen Ökonomie) oft im Stadium des Entwurfes steckenblieben, sodass er der Nachwelt am Ende ein fragmentiertes, intellektuell zerklüftetes Textlabyrinth hinterließ, das gerade in seiner Formlosigkeit den Ehrgeiz zahlloser Epigonen späterer Generationen zur Dechiffrierung und Interpretation herausforderte. Zu seinen Lebzeiten konnte er lediglich den ersten Band des Kapital in Druck geben, während die Nachfolgebände erst durch die editorische Leistung von Engels und anderen Mitstreitern entstanden. Der fragmentarische Charakter des Marx'schen Werkes war nicht allein der journalistischen Arbeit (zwischen 1852 und 1862 war er beispielsweise Europa-Korrespondent für die New York Daily Tribune), die ihm ein klägliches Einkommen sicherte, oder politischen Aktivitäten in radikalen Emigrantenzirkeln (wie bei der Organisation und Auflösung der »Internationalen Arbeiter-Assoziation«) geschuldet, sondern auch weil Marx langsam arbeitete und seine Texte ständig überarbeitete, um die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse einzuarbeiten. Darüber hinaus war die Arbeit stets auch durch die prekäre Existenz des Emigrantendaseins, Depressionen und Krankheiten beeinträchtigt.

Trotz seines permanenten Eintretens für den Kommunismus blieb er ein bürgerlicher Intellektueller, der sich Arbeiterintellektuellen wie Wilhelm Weitling (die ihm als geistige Parvenüs erschienen) stets überlegen fühlte und deren intellektuellen Beitrag zur proletarischen Kultur abschätzig beurteilte. Mit vollem Recht beschrieb Alvin W. Gouldner später den Marxismus als »Politik einer neuen Klasse«, wobei die Intellektuellen als Funktionäre einer neuen Herrschaft fungierten. Der »Marxismus«, dessen Fundamente Marx legte (obgleich er von sich behauptete, kein »Marxist« zu sein), wurde so zum »Eigentum« einer neuen herrschenden Klasse, die sich zum Eigentümer der Realität aufschwang. Am Ende bestand der Traum der Demokratie darin, wie Gustave Flaubert im Oktober 1871 nach dem Scheitern der Pariser Commune an George Sand schrieb, »den Proletarier auf das Niveau der Dummheit des Bürgers zu erheben«. Obgleich die Intellektuellen als Avantgarde auf die eigene »Aufhebung« hinwirken sollten, arbeiteten sie doch unaufhörlich am Fortbestand der Herrschaft, von der sie profitierten. Darin unterschied sich Marx nicht von seinen Nachfolgern in den Partei- und Staatshierarchien.

So virtuos Sperber in seiner Erzählung der äußeren Realität der Marx'schen Existenz ist, so enttäuschend ist seine Darstellung der Gedankenwelt seines Protagonisten. Der Weg Marx' vom Philosophiestudenten zu einem radikalen Kritiker der politischen Ökonomie ist in keiner Weise schlüssig. Worin sich die große Faszination Hegels auf eine ganze Generation von heranwachsenden Intellektuellen gründete und wie sie sich auf den Marx'schen Stil auswirkte, vermag Sperber zu keinem Zeitpunkt zu erklären. Hegels Argumentation, schreibt Sperber, »mag uns heute als undurchsichtig, verschwommen und furchtbar abstrakt erscheinen, doch für die Zeitgenossen war sie eine Sensation«. Er nimmt sich keine Zeit, die Motivationen zu ergründen, und vergräbt schließlich auch über die historische Zeit hinausweisenden Gedanken Marx' in den Zellen der erstarrten Vergangenheit des 19. Jahrhunderts. In Sperbers Augen befand sich Marx auf einer theoretischen, empirischen und mathematischen Odyssee, ohne ein »Ithaka der politischen Ökonomie« zu erreichen. Auf knapp fünfzig Seiten versucht er, Marx' Werk zur Kritik des kapitalistischen Ökonomie Fehler und Fehlspekulation nachzuweisen und die Relevanz abzusprechen, da sich die Grundlagen des Kapitalismus seit dem späten 19. Jahrhundert entscheidend verändert hätten. Dabei unterschlägt er freilich, dass die Marx'sche Kapitalismuskritik nicht allein von mathematischen Formeln oder ökonomischen Strukturen der Vergangenheit, die heute überholt sind, bestimmt wird, sondern dass die kapitalistische Produktionsform in einer »zersetzenden Wirkung des nach innen gewendeten Warenverkehrs« (wie Georg Lukács konstatierte) das gesellschaftliche Gebilde gestaltet. Den Blick einzig auf das 19. Jahrhundert gerichtet, vermag das bornierte Wissenschaftstier die Realitäten des gegenwärtigen Kapitalismus (die sich in der Ausbeutung von Textilarbeiterinnen in Bangladesch wie im »falschen Bewusstsein« von IT-Spezialisten in »postfordistischen« Unternehmen in Westeuropa und Nordamerika ausdrücken) nicht wahrzunehmen und versucht, die Kritik zusammen mit dem Denker im Grab zu versenken.

  Jonathan Sperber. Karl Marx: Sein Leben und sein Jahrhundert
Jonathan Sperber. Karl Marx: Sein Leben und sein Jahrhundert. Aus dem Englischen von Thomas Atzert, Friedrich Griese und Karl Heinz Silber. München: C. H. Beck, 2013. 634 Seiten, 29,95 Euro.
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II

»Der Kritiker soll keine Bücher rezensieren, deren Original er nicht kennt.«
Walter Boehlich

Nahezu zeitgleich mit dem amerikanischen Original erschien die deutsche Übersetzung, die sich nicht allein in buchgestalterischer Hinsicht mit der US-Ausgabe nicht messen kann. Dass der umfangreiche Personen- und Sachindex zu einem einfachen Personenregister eingedampft wurde, gehört zur gängigen Praxis hierzulande. Auch dass der deutsche Verlag offenbar nicht willens war, das augenfällige Buch-Design der amerikanischen Ausgabe zu übernehmen und die grafischen Vergleiche von Textpassagen aus dem Kommunistischen Manifest und Erinnerungen von Marx' früherem Lehrer Eduard Gans visuell gegenüberzustellen, mag noch hinnehmbar sein. Ärgerlich ist jedoch, dass die deutsche Ausgabe Sperbers eleganten Stil zuweilen etwas hölzern und holperig klingen lässt. In deutscher Beamtenprosa ist von »Spätadoleszenten«, »Ursachenzuschreibung« oder »Reaktionsära« die Rede; aus einem »center of ideas and creative art« wird ein »Gravitationszentrum für Ideen und Künste«; »mobs« mutieren zu »Volkshaufen«, eine »chief opportunity« kommt als »prominenteste Gelegenheit« daher. Die lebenslangen Beziehungen zwischen Marx und Engels deklarieren die Übersetzer gar als »Blutsbrüderschaft«, als wären die beiden Vorläufer von Winnetou und Old Shatterhand.

Gänzlich fehlt die Diskussion um die Passage »Alles Ständische und Stehende verdampft« aus dem Kommunistischen Manifest in der deutschen Übersetzung. In der klassischen englischen Übertragung Samuel Moores aus dem Jahre 1888 liest sie sich weitaus eleganter als »All that is solid melts into the air«, und für den jüngst verstorbenen New Yorker Intellektuellen Marshall Berman kommt darin exemplarisch die Erfahrung der Moderne zum Ausdruck, wie er in seinem Buch All That is Solid Melts into the Air (1982) schrieb: »Der kosmische Rahmen und die visionäre Erhabenheit dieses Bildes, seine hoch komprimierte und dramatische Kraft, seine vagen apokalyptischen Untertönen, die Ambiguität der Perspektive – die zerstörende Hitze ist zugleich eine überreichliche Energie, ein Überfluss des Lebens – all diese Qualitäten sollten Markenzeichen der modernistischen Fantasie sein.« In den Augen Sperbers ist die emphatische Interpretation allerdings einer Fehlübersetzung geschuldet, die dem Original eine in die Zukunft gerichtete Eleganz zuschrieb, die es im Deutschen nicht besitzt. Vielmehr rekurriere diese Passage auf Dampf und die Stände des reaktionären Preußens, sodass sie eher die Zeitgebundenheit Marx', seinen »Einschluss« ins 19. Jahrhundert exemplifiziere als eine visionäre Utopie des technischen und politischen Fortschritts. Damit verkennt Sperber freilich, dass Marx' Texte häufig »Kollektivproduktionen« waren und die Imagination anderer anregten. So schrieb auch Moore in seiner Übertragung ins Englische das Marx'sche work in progress weiter und regte Nachgeborene wie Berman zu einer eloquenten Darstellung der modernen Erfahrung an. Damit lebte Marx – im Positiven – auch im 20. Jahrhundert weiter.