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Die Box




28. Juni 2011
Jörg Auberg
für satt.org
  Paris – Liebe, Moden, Tête-à-Têtes
Rainer Groothuis (Hg.): Paris – Liebe, Moden, Tête-à-Têtes. Gastgeber: Georg Stefan Troller. Hamburg: Corso, 2011. 176 Seiten. 24,95 Euro.
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DIE PHANTOME DES BUCHMACHERS

In dem literarischen Reisebuch Paris - Liebe, Moden, Tête-à-Têtes wird der Tourist als Wiedergänger des Flaneurs gefeiert, den die realen urbanen Verhältnisse längst unter sich begraben haben.

In seinem Buch Dichter und Bohemiens in Paris aus dem Jahre 2003 bezeichnete der legendäre Journalist Georg Stefan Troller Gustave Flaubert als »ungeselligen Autoren«, dem es weder in der Normandie (wo er begraben wurde) noch in Paris besonders gut gefallen habe. Vor allem aber der französischen Metropole konnte der Romancier in der Provinz wenig abgewinnen. »Dort weht der Atem des Lebens, sagst Du mir, wenn Du von Paris redest«, schrieb er in einem Brief an seinen Dichterfreund Maxime du Camp. »Ich fühle, daß er oft nach verfaulten Zähnen riecht, Dein Atem des Lebens. [...] Die Lorbeeren, die man sich dort entreißt, sind, das wirst Du mir zugeben, ein wenig mit Scheiße bedeckt.«

Solch eine Negativität bleibt in dem von Rainer Groothuis, im Rahmen der neuen Reihe corsofolio herausgegebenen literarischen Reisebuch Paris: Liebe, Moden, Tête-à-Têtes außen vor. Ein vorangegangener Band dieser Reihe über Rom wurde von der Internationalen Tourismus-Börse mit einem »ITB BuchAward« ausgezeichnet, und der Verlag betreibt auch mit der Pariser Ausgabe ein aggressives wie großspuriges Marketing: »Corsofolio ist ein Buch/Magazin-Format von CORSO«, heißt es in einer Pressemitteilung. »Es verbindet das Beste des Buches mit dem Besten des Magazins: In Machart und Ausstattung ist es Buch, in Inhalt und Layout nutzt es die Möglichkeiten des Magazins.« Tatsächlich besticht dieses »Buchmagazin« vor allem durch sein üppiges Bildmaterial – großformatige, häufig schwarzweiße Bilder, die eine nostalgische Direktheit der Pariser Vergangenheit suggerieren. Zweifelsohne ist der Glanzpunkt der Bilderbogen des Dortmunder Fotografen Fritz Henle (1909-1993), der unter dem Titel »Ich will Schönheit zeigen« firmiert und die untergegangene historische Realität der Pariser Markthallen stilisierend beschwört.

Ohnehin ist der Band durch eine rückwärtsgewandte Nostalgie gekennzeichnet. Als »Gastgeber« fungiert Georg Stefan Troller, der – als Einführung in die Urbanografie der französischen Hauptstadt – dem Leser die Pariser Gegenwart durch Typologien »der Pariser« und »Pariserinnen« nahezubringen versucht, wobei der Spagat zwischen Empirie und Stereotypie nicht immer gelingt. Weitaus interessanter ist das Interview mit Troller, in dem er über Paris als fortwährendes Exil reflektiert und auf die eigene Geschichte in den Veränderungen der Stadt, der Gesellschaft und der Medien kritisch zurückblickt. Andere Texte wie Danny Leders Reportage aus dem Migrantenviertel Belleville wagen zwar den Blick in die Gegenwart und nehmen den zunehmenden Zerfall der Gesellschaft in divergierende Gruppen aufgrund konfessioneller Abkapselung wahr, doch bewegt sich diese Realitätsbeschreibung auf dem Niveau eines unentschlossenen Kulturjournalismus, der sich hinter Gemeinplätze flüchtet, um keine Position beziehen zu müssen. »Paris sucht seinen Weg zwischen religiöser Vielfalt, säkularem Miteinander und freiem Markt«, resümiert Leder seine Belleville-Erkundungen. Zwar bietet der Band durchaus einige interessante Einsichten in die Geschichte der Stadt (wie etwa im Porträt des Künstlerehepaares Philippe und Ré Soupault oder in der »Wechselbeziehung« zwischen Marie Antoinette und Jean-Jacques Rousseau), doch geht er kaum über soliden Journalismus hinaus.

Auf der anderen Seite wartet er mit einem schalen Feuilletonismus auf, wobei der Leser mit überflüssigen Produkten von Autoren behelligt wird, die sich als »Culture Consultant« oder Absolventin der Angewandten Kulturwissenschaften“ vorstellen und ein Miasma der Belanglosigkeit verströmen. Anders als die Reportage Leders oder Karen Michels kurzer wissenschaftlicher Essay über Marie Antoinette untersuchen die Texte der »Kultdroiden« nicht reale oder historische Phänomene der Stadt Paris, sondern genügen sich in der Zurschaustellung von Stereotypen, die Gerüchte über Paris verbreiten, und bauen ihre Texte mit Hilfe von Plattitüden und Kalendersprüchen wie »Die Stadt mag ewig sein ...« oder »Vollkommenheit liegt im Augenblick« oder aufgeplustertem Füllmaterial wie »knisternder Charme« oder »quirlige Stadt« zusammen, um in ihrer abgestandenen Sprache vor allem die eigene Eitelkeit zu befriedigen. Auch erzählerische Texte wie Louis Begleys Altherrenfantasie über eine ménage à trois kokettieren mit der angeblichen ausufernden Erotik im »Paradies der Pornographie« (wie Paris in der Projektion amerikanischer Touristen seit den 1920er Jahren firmierte), kommen aber nie über das frei wabernde Cliché hinaus, sodass der Band – unter all der polierten und stilisierten Oberfläche – letztlich einen Geruch der Fäulnis verbreitet. »Die Bürger leben fort wie Unheil drohende Gespenster«, diagnostizierte Theodor W. Adorno in Minima Moralia. Dieses Unheil west nun in prämierten und hochgejazzten Magazinen der Beliebigkeit dieser Art fort.

»Was wir über Paris zusammengetragen haben«, schwadroniert der Buchmacher Groothuis auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, »diesen einmaligen lieu de mémoire, der so eitel, hochmütig, abweisend, kühl, so bezaubernd und berauschend sein kann, ist, wie immer bei CORSO, eine Fahrt ins Nicht-Gewohnte.« Penetrant wird nicht nur die eigene Bedeutung überhöht, sondern auch die Figur des Flaneurs für die eigene Positionierung auf dem Markt genutzt. Der bürgerliche Tourist bewege sich, so die ständige Botschaft, in der Tradition des Flaneurs, der im 19. Jahrhundert bewusst der Beschleunigung durch die kapitalistische Moderne entgegentrat und in den Passagen, den Ausstellungs- und Verkaufshallen des kapitalistischen Warenumschlages, seine Schildkröte ausführte, um der Hektik des Kapitalismus ein Hindernis entgegenzusetzen. »Der einzige, der wahre Souverän von Paris ist der Spaziergänger, der Flaneur«, zitierte Troller André Bazin, den berühmten Filmkritiker und Vater der Nouvelle Vague, als Leitmotiv für sein Buch Dichter und Bohemiens in Paris. »Der Spaziergänger ist mehr als ein einfacher Passant: Er ist ein leidenschaftlicher Beobachter der Dinge.« Für Bazin war der Flaneur ein Aktivist gegen die Geschwindigkeit der Moderne, was sich vor allem in seiner Opposition zur Montage und der Propagierung der mise-en-scène ausdrückte, einem Mittel zur »Entschleunigung« in der Erfassung der Welt.

Realiter ist der Flaneur ein Anachronismus aus der Zeit des Hochkapitalismus, in der Paris als »Hauptstadt der Moderne« Motor der Innovation war, wo das Automobil, das Kaufhaus, das Werbeplakat, das Kino und selbst das Neonlicht erfunden wurde. Längst aber ist Paris das Sinnbild einer überholten Moderne, und der Tourist in Paris ist nicht mehr als ein Passant oder Konsument, ein integraler Bestandteil einer globalen Ökonomie und technologischen Industrie, die das Individuum als nichtiges, beliebig austauschbares Teil eines amorphen Massenornaments auflöst. Diese urbane Realität der Gegenwart blendet der corsofolio-Band jedoch vollkommen aus. Das 21. Jahrhundert findet in diesem »retromanischen« Magazin nicht statt. Stattdessen wird das Simulacrum einer Pariser Urbanität zwischen Untergang und Simulation vorgeführt. Dies wird vor allem im angehängten »Journal« deutlich, einer »Pariser Anthologie« mit Texten von Michel de Montaigne bis Michel Houellebecq, in dem Groothuis in einer »corsofolio-Auswahl« zu Musik, Film und Literatur einen Minimalisten-Kanon ausstellt, wobei es letztlich nur darum geht, sich im Vorrat der Blasierten auszukennen. Die prahlerische Zurschaustellung kultureller Beutestücke konterkariert ein zeitgemäßes Interesse an der Metropole Paris, die in der corsofolio-Projektion zur klischeehaften Kulisse verkommt.