Anzeige:
Die Box




10. April 2011
Jörg Auberg
für satt.org
  Jutta Ditfurth: Krieg, Atom, Armut.
Jutta Ditfurth: Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Grünen Berlin: Rotbuch, 2011. 288 Seiten. 14,95 Euro.
» Verlag
» amazon


ZEUGIN DER ANKLAGE

Jutta Ditfurth versucht in ihrem neuen Buch, die Partei der Grünen zu demystifizieren und dem medialen »Hype« eine realistische Bestandaufnahme des »grünen Projekts« aus einer radikalen Perspektive entgegenzusetzen.

Im Jahre 1926 beschrieb der revolutionäre Berufsoptimist Leo Trotzki die Radioaktivität als einen »großartigen Triumph der Dialektik« und sah im Einsatz dieser Technik ein gewaltiges Potenzial in der Emanzipation der Menschheit. »Das Atom enthält in sich eine gewaltige verborgene Energie«, meinte er, »und die größte Aufgabe der Physik besteht darin, diese Energie freizusetzen, den Korken herauszuziehen, damit diese verborgene Energie hervorbrechen kann. Dann eröffnet sich die Möglichkeit, Kohle und Öl durch Atomenergie zu ersetzen, die auch zur wichtigsten Antriebskraft wird.« Nachdem der Korken herausgezogen war und der nukleare Dschinn mit dem Planeten seine Dribblings machte, erwies sich das von Trotzki projektierte Unterfangen, Materie, Raum und Zeit »dem Menschen untertan zu machen«, als grandiose wie fatale Fehleinschätzung. Innerhalb weniger Jahre verlor sich die strahlende Zukunft der Menschheit in einer roten Pilzwolke, die fortan die gesamte Existenz in den Bann schlug und den Fortbestand der Gattung infrage stellte.

Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 rückte das unwiderrufliche Ende allen Lebens in den Bereich des Möglichen und begründete den »Exterminismus als letztes Stadium der Zivilisation« (wie der britische Gesellschaftshistoriker Edward P. Thompson das Phänomen beschrieb). Bereits kurz nach der Katastrophe von Hiroshima projektierte der New Yorker Intellektuelle Dwight Macdonald in seinem bahnbrechenden Essay The Root is Man (1946) ein grundlegendes »Umdenken«. Macdonald schwebte ein dezentralisiertes, basisorientiertes, antiautoritäres Netzwerk »psychologischer Gemeinschaften« vor, wo der Akzent auf der persönlichen Verantwortung und Spontaneität liegen sollte. Exemplarische Akte des Ungehorsams, der Respektlosigkeit und des Spotts gegenüber den herrschenden Autoritäten könnten eher einen Flächenbrand des Widerstands entzünden, meinte Macdonald, als die zermürbende und fruchtlose Plackerei in den »revolutionären Parteien«, welche die hierarchischen Strukturen des Staates im Kleinen reproduzierten. Ihre »subversiven« Ideen sollten die radikalen Intellektuellen abseits der herrschenden »Massenkommunikation« und der liberalen Medien verbreiten und eine radikale »Gegenöffentlichkeit« herstellen, die sich an kleine Gruppen, nicht an eine amorphe Masse wenden sollte.

Während er sich mit seinem Modell »utopischer Kommunen« in den 1940er Jahren viel Spott und Häme einhandelte, antizipierte Macdonald Entwicklungen, die in den 1960er Jahren mit der Neuen Linken zunächst in den USA begannen und später in den »neuen sozialen Bewegungen« in Europa ihre Fortsetzung nahmen. In Deutschland bildete sich aus den ökologischen, feministischen, maoistischen und »gegenkulturellen« Gruppen und Initiativen ein politisches Netzwerk, aus dem schließlich die Partei der Grünen entstand, die mit ihrem offenen Spektrum bis hinein ins konservative bürgerliche Milieu ein Gegenmodell zu den sektiererischen K-Gruppen der 1970er Jahre darstellen sollte. Diese »Offenheit« wurde jedoch in der Stabilisierungsphase der Grünen, als sie sich als ehemalige außerparlamentarische Opposition im deutschen Parteienspektrum etabliert hatten, zum Problem. Für Jutta Ditfurth, die von 1984 bis 1989 zum Bundesvorstand der Grünen gehörte und 1990 der ehemaligen »Anti-Partei-Partei« (wie sie Petra Kelly einmal definierte) den Rücken kehrte, haben die Grünen längst die Ideale ihrer Gründerzeit verraten und sich ins deutsche Machtsystem bruchlos integriert. Ihre neue Anklageschrift Krieg, Atom, Armut knüpft an ihr Buch Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung (2000) an und präsentiert noch einmal den Schimpf- und Lasterkatalog der Grünen aus der Perspektive der radikalen Feministin und Ökologin in komprimierter Form. Das Erfrischende an Ditfurths Aufklärungsschrift ist zweifelsohne die Demystifikation der Grünen – vor allem im Hinblick auf die jüngsten Wahlerfolge nach den Ereignissen in Fukushima – als radikale Gegnerin der Atomindustrie, denn akribisch listet sie die realpolitischen Kompromisse des einstigen Sprachrohrs der Anti-AKW-Bewegung auf. Stellten die Grünen zu Beginn eine Hoffnung auf eine andere Politik in Aussicht, so kam diese in den Augen Ditfurths nach dem »Massenexodus« der Linken nach 1990 zum Stillstand: »Als die Linken die Partei verlassen hatten, stiegen die Grünen nicht mehr aus der Atomenergie aus, sondern ein.«

An dieser Stelle wird jedoch auch das Manko dieses Buches deutlich. In ihrem Furor, die Grünen als Karrieristen und Opportunisten im Staatsbetrieb zu demaskieren, Anspruch gegen Wirklichkeit abzugleichen, ist sie zur kritischen Selbstreflexion nicht fähig. Ständig ist ein scheinbar unfehlbares, gegen Opportunismus und Anfechtungen des Reformismus gefeites, überhöhtes »Wir« am Wirken. Geschichte wird nicht gemacht, sondern ist – in Ditfurths an der Romanform des 19. Jahrhunderts ausgerichteten Darstellung – eine Folge von Verschwörungen und Intrigen, als wären die »Ökosozialisten« in der grünen Partei Reinkarnationen des Zirkels um den asketisch-aufrichtigen Intellektuellen Daniel d'Arthez aus Honoré de Balzacs Verlorene Illusionen, während sich die weniger festen Charaktere vom durchtriebenen Agenten der Verkommenheit Étienne Lousteau ins Verderben locken lassen. In Ditfurths Erzählung ist es der böse Geist Joschka Fischers, der das »grüne Projekt« in den Abgrund riss. Die abgehalfterten Figuren aus dem Milieu der Frankfurter »Realo-Spontis« unterwanderten in einer konzertierten Aktion des »Entrisme« die neu gegründeten Grünen und schufen sich eine neue Machtbasis, um fortan ihre Stellungen im Herrschaftsgefüge auszubauen. »Eine erfahrene Schlägertruppe mit alternativem Gehabe und ohne Skrupel traf auf eine basisdemokratische Partei mit offenen Strukturen«, fasst Ditfurth die Entwicklung zusammen. Zweifelsohne repräsentierte Fischer mit seiner »Gang« ein klassisches Racket, das die Partei der Grünen für seine Zwecke umfunktionierte, doch war diese Taktik keineswegs neu. Eine basisdemokratische Organisation, die alle Flanken offen lässt, bietet Angriffsziele für organisierte Gruppen, die eine »feindliche Übernahme« starten und entscheidende Machtpositionen besetzen wollen. Nicht allein Joschka Fischer und sein Racket bestimmten mediengerecht die an einer Basisdemokratie vorbeilaufende Entwicklung der Partei, sondern auch die Repräsentanten der Gegenposition wie Jutta Ditfurth oder Thomas Ebermann wurden zu »radical celebrities«, die den Medienapparat bedienten. Die eigene Rolle in diesem Prozess reflektiert Ditfurth jedoch nicht. Stattdessen porträtiert sie sich als einzig aufrechte »Widerstandskämpferin«, die stets gegen die Lügenapparate und ihre willfährigen Helfershelfer kämpft. Schon als Mitglied des Grünen-Bundesvorstandes sei sie – erläutert sie in der Retrospektive – bei ihren Fernsehauftritten bestrebt gewesen, »verfemte linksoppositionelle, radikaldemokratische und antikapitalistische politische Positionen vor Millionen von Menschen vorzutragen – und in den engen Grenzen des Mediums – vermitteln«. Noch Jahrzehnte nach ihrem Bruch mit den Grünen kann Ditfurth den Nimbus ihres Celebrity-Status aufrecht erhalten und in Talkshows als Attraktion vom linken Rand der deutschen Gesellschaft auftreten. Subjektiv mag es ihr als Teil ihrer aufklärerischen Arbeit erscheinen, wenn sie sich vor der Kamera mit der politisch ignoranten Grünen-Unterstützerin Nina Hagen streitet, doch de facto bedient sie den medialen Produktionsapparat, ohne ihn zu verändern, und ist in diesem Moment Teil der Unterhaltungsindustrie.

Die Kritik, die Ditfurth vorträgt, ist keineswegs neu, sondern begleitet die Grünen seit ihrer Gründerzeit. »Die Grünen der Zukunft sind eine sozialliberale Partei«, schrieb Hermann L. Gremliza, der Herausgeber der linken Zeitschrift Konkret, 1985, «die sich den Forderungen ihrer publizistischen Mentoren vom Dritten Programm, vom Spiegel, vom Stern, von der Frankfurter Rundschau und der Tageszeitung nach 'Verantwortungsbereitschaft' und 'Politikfähigkeit' nicht verschließt. Sie wird den Rechts- und Sozialstaat nach Kräften verteidigen, den Rüstungsetat dämpfen, die Staatsgewalt ein wenig zügeln und auf schonende Behandlung von Ausländern dringen. Es gibt Schlimmeres.« Ein Vierteljahrhundert später fügt die enttäuschte Liebhaberin Ditfurth – nach dem Schleifen des Sozialstaats unter der Flagge von Hartz IV und dem kriegerischen Engagement der ehemaligen Pazifisten und Antimilitaristen – der Kritik eine schroffere und unerbittlichere Tonart hinzu: Die Grünen hätten, resümiert sie, sowohl die Außen- und Verteidigungspolitik als auch die ökonomische Realität brutalisiert und seien »ein ganz spezieller Motor des neokonservativen Rollbacks«.

In ihren Augen hinterlässt die Geschichte der Grünen seit 1990 (als die Lotsin von Bord ging) eine breite Spur des Verrats, sodass auch die ambivalente Rolle der Partei in den Auseinandersetzungen um das Projekt »Stuttgart 21« nicht verwundert, wohl aber das Echauffieren Ditfurths über die Tatsache, dass die Grünen nicht den Barrikadenkampf vorantrieben. »Heute stehen die Grünen für die gut betuchte Mittelschicht, die sogenannten LeistungsträgerInnen, die selbsternannten Eliten, die akademischen Angestellten.« Die gleiche Charakterisierung trifft für Ditfurths Frankfurter Gruppierung »Ökolinx« zu, die bei den letzten Kommunalwahlen 1,2 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen konnte. Die Kandidaten der Partei bestanden – außer Jutta Ditfurth auf Platz 1 – aus Architekten, Rechtsanwälten, Journalisten, Pädagogen, Grafik-Designern und anderen Vertretern der saturierten Frankfurter Mittelschicht. Im »Sumpf der kleinen Rackets« (wie es Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung nannten) tummeln sich auch die politischen Sektierer, an denen jegliche kritische Selbstreflexion abprallt und die ihre Relevanz exorbitant überschätzen. Wenn die Geschichte dieser Epoche einmal geschrieben sei, meinte der amerikanische Trotzkisten-Chef James P. Cannon 1944 in der ihm eigenen Bescheidenheit, werde man erkennen, dass die »einzigen wirklich moralischen Menschen« die Trotzkisten gewesen seien. Jahrzehnte später könnte sich auch die von Verrätern, Verschwörern und Intriganten sich umzingelt wähnende Jutta Ditfurth zu dieser seltenen Spezies der »einzigen wirklich moralischen Menschen« zählen.