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27. November 2010
Jörg Auberg
für satt.org
  Richard Wolin – The Wind From the East
Richard Wolin: The Wind From the East. French Intellectuals, the Cultural Revolution and the Legacy of the 1960s. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2010. 391 Seiten. $ 35,00.
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UTOPIE UND BARBAREI

Richard Wolin rekonstruiert in seinem Buch »The Wind from the East« die Utopie des Maoismus in Frankreich in den frühen 1970er Jahren und zieht eine Linie bis in die Gegenwart.

»Es ist schwer, einen Maoisten im 21. Jahrhundert zu finden«, konstatierte Colin MacCabe 2003 in seinem Buch Godard: A Portrait of the Artist at 70. Nach dem Tod des Großen Steuermanns kamen die grausamen Realitäten des »Großen Sprungs nach vorn« und der »Kulturrevolution« ans Tageslicht, und die Maoisten in Europa begannen, auf eigentümliche Weise aus der politischen Landschaft zu verschwinden. Der französische Maoismus, zu dem auch der Schweizer Godard eine Zeitlang gehörte, verstand sich selbst als »neue Résistance« in einem vom Kapital besetzten Land und begriff sich im Gegensatz zur traditionellen Linken als alleinige Kraft auf der Höhe der der Zeit. Die Maoisten scheinen, schrieb Jean-Paul Sartre in einem Vorwort zu dem Band Maos en France 1972, »die einzige revolutionäre Kraft zu sein«, die fähig sei, »sich den neuen Formen des Klassenkampfes in der Periode des organisierten Kapitalismus anzupassen«. Tatsächlich bestand die Anpassung in der Auflösung des organisierten Maoismus und der Angleichung seiner Akteure an die herrschenden Zustände.

Wie Richard Wolin, der als Professor an der New Yorker City University lehrt, in seinem Buch The Wind from the East schreibt, war der Maoismus in Frankreich eine kurze, jedoch nachhaltige Episode im politischen und kulturellen Leben Frankreichs. Seine Attraktion lag vor allem im Schein der chinesischen Kulturrevolution, deren Barbarei in Europa zu jener Zeit nicht wahrgenommen wurde. Stattdessen war der Maoismus die Projektion einer Utopie gegen die französische Realität einer von bürokratischen und technokratischen Verkrustungen gekennzeichneten Nachkriegsgesellschaft. Zum anderen stellte sicher der Maoismus als eine revolutionäre Alternative zu den kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien des etablierten politischen Systems dar. Wie die maoistischen Studenten in Godard »Revolutionsfilm« La Chinoise (1967) wollten die Apologeten der Kulturrevolution die bisherige Entwicklung widerrufen und zum »Nullpunkt« zurückkehren, um einen Neuanfang zu initiieren.

In diesem Sinne war es für die Maoisten nur konsequent, dass sie sich als »Hyperrevolutionäre«, für die allein die Alternative »Alles oder nichts« zählte, im Pariser Mai 1968 ins politische Abseits manövrierten und die rebellierenden Studenten als anarchistische Kleinbürger denunzierten. Erst nach dem Scheitern der Revolte schwenkte die selbsternannte revolutionäre Avantgarde zum Populismus um und betrachtete sich als Agentin des Volkes, die nicht allein den Klassenkampf in den Fabriken unterstützte, sondern auch den kulturellen Kampf für die Gleichstellung von Frauen und Homosexuellen in der Gesellschaft. Für Wolin ist das bleibende Erbe des gauchisme (wie die französische Ausprägung des Maoismus genannt wurde) ein antiautoritäres, demokratisches Projekt, in dem Politik nicht von außen oder oben oktroyiert wurde, sondern in dem sich Intellektuelle tatsächlich »in den Dienst des Volkes« stellten. An die Stelle eines politischen Messianismus trat eine »verbindende Demokratie«, in der die Bevölkerung zur partizipatorischen Aktivität befähigt wurde.

Während Wolin im ersten Teil seines Buches die Rolle der Maoisten im Mai 1968 und danach beschreibt und das rasche Verschwinden der »Gauche prolétarienne« nach 1973 beleuchtet, stehen im zweiten Teil Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre, Michel Foucault und die Tel Quel-Gruppe um Philippe Sollers im Zentrum des Interesses. Sartre hatte sich im Mai 1968 und in den gauchistischen Kämpfen der frühen 1970er Jahre als intervenierender Intellektueller neu erfunden und sich für die Maoisten gegen die gaullistische Staatsmacht engagiert, obgleich er unterstrich, kein Maoist zu sein. Anders als mit dem »praktischen Intellektuellen« Foucault, der mit maoistischen Aktivisten in der »Groupe d'information sur les prisons« zusammenarbeitete und für bessere Haftbedingungen in den Gefängnissen stritt, geht Wolin hart mit Sartre ins Gericht: Für Wolin ist dessen Konzept revolutionärer Gegengewalt, das Sartre als legitimes und moralisches Recht der Unterdrückten ansah, fragwürdig, da der Philosoph nie bedacht habe, dass diese Gewalt letztlich zu neuer Herrschaft und Unterdrückung führe. Das Versprechen einer wiedergeborenen Humanität, die Sartre als regeneratives Moment der revolutionären »Gegengewalt« angesehen habe, bleibe uneingelöst.

Im Gegensatz zu Sartre und Foucault kam die Intellektuellengruppe um die Zeitschrift Tel Quel erst verspätet zum Maoismus – zu einem Zeitpunkt, als der »Große Sprung nach vorn« sich längst als Rückfall in die Barbarei erwiesen hatte. Trotz alledem sang die Tel Quel-Gruppe nach einer bizarren China-Reise im Jahre 1974 das Hohelied auf den Maoismus. Unterdessen hatten maoistische Leader wie Pierre Victor (alias Benny Lévy) das revolutionäre Projekt aufgegeben und waren in die bürgerliche Gesellschaft zurückgekehrt.

Zweifelsohne erzählt Wolin eine interessante Geschichte, die in der Historiografie des Mai 1968 bislang zu wenig Beachtung fand, auch wenn er den antiautoritären Charakter der »Gauche prolétarienne« überbewertet. Allerdings kommt in seinem Buch der Typus des »Fernsehdenkers« (wie Lothar Baier einmal TV-Intellektuelle wie André Glucksmann oder Bernard-Henri Lévy nannte) zu kurz. Der Maoismus, dem diese »Geistesarbeiter« entstammen, beförderte nicht allein einen messianisch aufgeheizten Antitotalitarismus, sondern der populistische Ansatz beeinflusste auch die Praxis dieser Medienintellektuellen bis zum heutigen Tag. Zum anderen hätte das Buch einen höheren Erkenntnisgewinn, wenn Wolin seinen Intellektuellenbegriff weiter gefasst hätte. Er beschränkt sich auf Philosophen und Schriftsteller, während er Intellektuelle wie Godard oder das Kollektiv der Zeitschrift Cahiers du Cinéma, die in den 1970er Jahren eine dezidiert maoistische Position vertrat, nicht berücksichtigt. Hätte sich Wolin über das konventionelle Intellektuellenterrain hinausgewagt, wären vielleicht weitere Aufschlüsse über die jetzige französische Gesellschaft möglich gewesen.