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Die Box




13. Juni 2010
Sarah Strebelow
für satt.org
  Mark Terkessidis: Interkultur
Mark Terkessidis: Interkultur.
Berlin: Suhrkamp 2010.
220 Seiten. 13,00 Euro
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Mark Terkessidis beschäftigte sich als Journalist, Autor und Publizist mit Phänomenen gesellschaftlicher Mobilität wie Migration, Rassismus und Popkultur. In seinem aktuellen Buch „Interkultur“ bezieht er Stellung zu der Debatte um Integration, Mehrheitsgesellschaft und Parallelgesellschaften und weist dieser eine neue Richtung.

Im Februar 2006 hatte sich eine Gruppe von etwa sechzig Wissenschaftlern in einem offenen Brief mit dem Titel „Gerechtigkeit für die Muslime!“ in der ZEIT zu Wort gemeldet, in welchem sie die Art und Weise der öffentlichen Diskussion über Islam und Integration kritisierten. Es würden Vorurteile und Klischees konstituiert und Ergebnisse der Integrationsforschung zugunsten von Polemiken und sogenannter Betroffenheitsliteratur ignoriert. Namentlich genannt wurden die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek, die Rechtsanwältin Seyran Ates, welche unter anderem in ihren Büchern „Die fremde Braut“ und „Der Multikulti-Irrtum“ (das erst 2007 veröffentlicht wurde, dessen Thesen Ates allerdings schon vorher öffentlich propagierte) die Integration der Muslime vor dem Hintergrund einzelner Erlebnisberichte und daraus resultierender Stereotype für gescheitert erklären, wie auch die niederländische Politikerin und bekannte Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali.

In der öffentlichen Diskussion führe „die Ignoranz gegenüber der Wissenschaft nicht nur zu ungenauen und vorurteilsbeladenen Vorstellungen über den Islam und die Migranten, sondern auch zu einer Verengung des Themenspektrums“ (ZEIT 06/06). Im Mittelpunkt der Diskussion stünden fast ausschließlich die Probleme der sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“, während kaum über alltägliche Diskriminierung, die Selbstentwürfe von »anderen Deutschen« oder die Probleme auch von nicht muslimischen Migranten im Bildungsbereich gesprochen werde. Federführend war Mark Terkessidis gemeinsam mit der Publizistin und Professorin für Erziehungs- und Bildungswissenschaften Yasemin Karasoglu.

Interkultur ist Terkessidis erste Buchveröffentlichung nach dem offenen Brief. Es ist zugleich die wissenschaftliche Untermauerung der dort vertretenen Thesen. Der Titel bezeichnet dabei eine mögliche Form der Gesellschaft, welche es zu erreichen gilt. Der grundlegend neue Gedanke besteht in der Beschreibung des Ist-Zustands als eine Situation, in der verschiedene, in sich äußerst heterogene Gruppierungen aufeinandertreffen – im Gegensatz zu dem gängigen Modell, nach welchem es eine alteingesessene Gruppe, die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, gibt und eine von außen hinzukommende. Diese divergierenden Grundannahmen lassen unterschiedliche Schlüsse auf die von Gesellschaft und Politik zu lösenden Aufgaben zu. Im zweiten Fall gelte es, von beiden Seiten eine möglichst harmonische Integration der hinzukommenden Gruppe in die etablierte Gruppe zu bewirken. Der von Terkessidis proklamierte Fall versteht sich als konstruktivistischer Ansatz, der seine Legitimation ausschließlich aus der Gegenwart bezieht und bei dem die aufeinandertreffenden Gruppen und Untergruppen als in sich heterogen begriffen werden. Es gilt, den Ist-Zustand als solchen zu erkennen und etwas völlig Neues zu erschaffen: „Einwanderung wurde oft als eine Art Störung der Harmonie in Deutschland betrachtet. Doch diese Harmonie hat nie existiert. Und Harmonie muss auch nicht immer das Ideal sein – aktuell haben wir es mit Dissonanz und Brechung, mit Unreinheit und Improvisation zu tun. Das bedeutet nun nicht, dass sich langfristige Planung nicht mehr lohnt – im Gegenteil: Sie muss aber flexibler werden. Wir stehen vor der großen Aufgabe einer interkulturellen Alphabetisierung. Und dabei lernen wir alle eine neue Sprache.“

Die Lösung liegt weder in einem einseitigen Anpassungsprozess, noch in einem „Nebeneinanderherleben“, wie es aktuell häufig praktiziert wird, sondern in einem Erkennen der Heterogenität der Gruppe, der Untergruppen und der einzelnen Mitglieder und auf dieser Basis in einem Neuanfang der Aushandlungsprozesse. Zentral dafür ist die Öffnung und barrierefreie Zugänglichmachung der Institutionen. Für die Institutionen gelte es, die Vielfalt der Gesellschaft zu erkennen und anzuerkennen. Dabei müssten vor allem „strukturelle Hürden für die Individuen beseitigt werden – zumeist unsichtbare, unausgesprochene und unbemerkte Hindernisse.“ Gemeint sind damit sowohl Sprachbarrieren als auch Themen, Zeiten, Stile und vieles mehr. Es gehe darum, „ein Gebäude so umzubauen, dass es nicht nur für die 'Normalen' gut funktioniert, die von vornherein die richtigen Voraussetzungen mitbringen, sondern für alle Bewohner oder Benutzer.“

In Interkultur räumt Mark Terkessidis mit zahlreichen Klischees auf. Er vermittelt einleuchtend die Unangemessenheit eines statischen Verständnisses von Gesellschaft und dem als Allheilmittel verbreiteten Konzept der Diversity in Politik und Wirtschaft, welches er als nicht funktionsfähige Alibi-Reparaturleistung entlarvt, die im schlimmsten Fall eine zusätzliche Stigmatisierung bewirken kann. Anhand greifbarer Beispiele und Studien stellt er die Themen Einwanderung, multikulturelle Gesellschaft und Integration in ein neues Licht und ermöglicht dem Leser viele Aha-Erlebnisse. Ein wenig schade ist, dass Terkessidids aufgrund der leidenschaftlichen Schilderungen stilistisch an einigen Stellen fast ins Umgangssprachliche entgleist.

Am Ende fühlt man sich um einige Vorurteile erleichtert, bestaunt hoch sensibilisiert die Individualität des Gegenübers in der S-Bahn und fragt sich, warum das nicht früher jemand geschrieben hat. Mit „Interkultur“ hat Terkessidis einen Meilenstein in der Migrationsdebatte gesetzt, ohne dessen Kenntnis kein künftiger Diskurs zu dem Thema stattfinden kann.