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9. Mai 2010
Jörg Auberg
für satt.org
  Maike Albath: Der Geist von Turin
Maike Albath: Der Geist von Turin. Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943. Berlin: Berenberg Verlag, 2010. € 19,00.
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DER GLANZ DES
HAUSES EINAUDI

Die Literaturkritikerin Maike Albath zeichnet in ihrem Buch „Der Geist von Turin“ den Aufstieg und Fall des Verlagshauses Einaudi nach und erinnert an eine im Berlusconi-Italien untergegangene kritische Kultur.

Der italienische Verlag Einaudi gehört zu den kulturellen Institutionen, die zwar noch immer existieren und von einem legendären Ruf zehren, über die aber die Geschichte mittlerweile mitleidlos hinweggegangen ist. 1933 von Giulio Einaudi, dem Sohn des Wirtschaftswissenschaftlers und liberalen Senators Luigi Einaudi, zusammen mit den Schriftstellern Cesare Pavese und Leone Ginzburg begründet, behauptete der Verlag eine schwierige Existenz während des Faschismus und wurde nach der Befreiung zu einer hegemonialen Macht im kulturellen Betrieb Italiens. Seit 1994 gehört der einst ruhmreiche Verlag gewissermaßen als Beutestück einer untergegangenen linken Kultur zum Medienimperium Silvio Berlusconis.

Den Glanz des Hauses Einaudi ruft die mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnete Literaturkritikerin Maike Albath in ihrem bemerkenswerten Buch Der Geist von Turin ins Gedächtnis, das den Aufstieg und Fall des Verlages nachzeichnet und die Geschichte im Licht der Biographien der Hauptprotagonisten wie Cesare Pavese, Leone Ginzburg, Giulio Einaudi, Natalia Ginzburg und Italo Calvino Revue passieren lässt. „Der Geist von Turin ist ein Versuch, an ein anderes Italien zu erinnern“, schreibt sie in ihrer Einleitung. „An das stille, an ein anderes Italien, das im TV-Lärm des Berlusconi-Zeitalters unterzugehen droht. Ganz ist der Geist noch nicht verflogen.“

Als Einstiegspunkt in die Geschichte wählt sie den Selbstmord Paveses im Sommer 1950, als der maßgebliche Programmleiter des Einaudi-Verlags, der die italienische Literatur für ausländische, insbesondere amerikanische Einflüsse geöffnet hatte, auf dem Höhepunkt seiner schriftstellerischen Karriere mit dem Satz „Ich fühle mich so wohl wie ein Fisch im Eis“ aus dem Leben schied. Anschließend blickt Albath zurück auf den Aufstieg des polternden ehemaligen Sozialisten Mussolini zum Führer des faschistischen Italiens, der von Repräsentanten der Wirtschaftselite wie dem Turiner Industriellen Giovanni Agnelli unterstützt wurde. In gelungenen Montagen, in denen Albath private Perspektiven ihrer Protagonisten mit Sichten auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen verschränkt, entwickelt sie ein komplexes Bild der Geschichte, in dem die Verstricktheiten und Anstrengungen der Befreiung adäquat zum Ausdruck kommen, ohne dass ein grobkörniger Schwarzweißzeichner eingesetzt wird. Kontrapunktiert wird die Erzählung der weit zurückreichenden Geschichte mit Interviews von Zeitzeugen, die dem erzählten Geschehen eine zuweilen widersprüchliche Wendung geben.

Der Verlag und seine Mitarbeiter versuchten, im Faschismus ohne offene Opposition zu überleben. Scheinbar unterwarf man sich der autoritären Führerschaft des Regimes. Um die berufliche Karriere nicht zu gefährden, traten Intellektuelle wie Cesare Pavese und Noberto Bobbio der faschistischen Partei bei und übten sich in einer „maskenhaften Akzeptanz“ des Regimes. Trotz allem fielen viele Intellektuelle wie Pavese, Carlo Levi und der Einaudi-Lektor Leone Ginzburg wegen ihres antinationalistischen Engagements in Ungnade und wurden in unwirtliche Landstriche in Kalabrien verbannt (wie es Carlo Levi später in seinem berühmten Klassiker Christus kam nur bis Eboli beschrieb), auch wenn sie nach dem erfolgreichen Abessinien-Feldzug 1936 vom Duce begnadigt wurden.

1938 wurden die antisemitischen „Gesetze zum Schutz der Rasse“ verabschiedet, die Juden zu „Ausländern jüdischer Rasse“ deklarierten. Als Folge daraus fanden sich 1940 Leone Ginzburg und seine Familie als Verbannte in einem kleinen Bergdorf in den Abruzzen wieder. Anders als Pavese, der in einer politischen Unstetigkeit mit der Unfähigkeit zum Engagement verharrte, schloss sich Ginzburg dem Widerstand gegen das Regime an, wurde jedoch bei einer Razzia von den Deutschen verhaftet und im Gefängnis schwer gefoltert. Am 4. Februar 1944 wurde er tot aufgefunden.

Nach dem Krieg war der Verlag innerhalb der italienischen Öffentlichkeit meinungsbildend. Neben Pavese und Einaudi waren die Schriftsteller Natalia Ginzburg und Italo Calvino als Lektoren und Programmgestalter für den Verlag tätig, sodass Einaudi ein einzigartiges Unternehmen wurde: Schriftsteller belieferten nicht bloß den Produktionsapparat, sondern prägten ihn und bestimmten, welche Produkte in welcher Form auf den Markt kamen.

Zum fünfzigjährigen Bestehen des Verlages im Jahre 1983 geriet Einaudi aufgrund programmatischer und unternehmerischer Fehlentscheidungen in eine schwere finanzielle Krise, an deren Ende Giulio Einaudi zum Berater im einstmals eigenen Hause degradiert wurde. Am Ende war Einaudi in seinen Strukturen erstarrt und wurde verkauft. 1994 übernahm ihn die Verlagsgruppe Mondadori überführte ihn so in den Berlusconi-Medienkonzern. In der einstigen Bastion der Gesellschaftskritik war Kritik am neuen autoritären Führer nicht mehr möglich. Jegliche Form des Einspruchs wurde eingeebnet. Wie andere Institutionen des alten Nachkriegsitaliens auch zerfiel Einaudi in den 1980er Jahren, da man es versäumt hatte, sich auf die Veränderungen einzustellen. Auch wenn Einaudi nun lediglich ein Schatten, wenn nicht eine Karikatur früherer Tage ist, hat Albath mit ihrem Resümee recht: „Einaudi war gelebte Utopie – und ist Utopie geblieben.“