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26. Januar 2010
Johannes Zechner
für satt.org
  Viktoria Urmersbach: Im Wald, da sind die Räuber
Viktoria Urmersbach:
Im Wald, da sind die Räuber

Eine Kulturgeschichte des Waldes
Vergangenheitsverlag Berlin 2009
152 S., € 12,90
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VON WALDGÄNGEN
UND HOLZWEGEN

Den Deutschen wird gemeinhin eine sehr spezielle Beziehung zu ihrem Wald nachgesagt. Einen explizit kulturgeschichtlichen Zugang wählt im vorliegenden Buch die Publizistin Viktoria Urmersbach, um dem „Volk von Waldfans und Wanderern“ den Wald näher zu bringen.

Auf nurmehr 152 Seiten durchwandert sie quasi in Sieben-Meilen-Stiefeln die verschiedenen Aspekte des Themas von der frühen Waldgeschichte über die 'Waldeinsamkeit' der Romantik bis hin zum 'Waldsterben' der 1980er Jahre. Schon in ihren einführenden Bemerkungen macht Urmersbach deutlich, dass der Wald spätestens mit den ersten Rodungen stets „mehr Kulturraum als Natur“ war – und somit von unberührter Wildnis weit entfernt. Nichtsdestotrotz behielten die „vermeintlichen Urwälder“ Germaniens über Jahrhunderte ihren festen Platz in der kollektiven Vorstellungswelt nicht nur der Dichter und Denker.

Das Buch verfolgt die bis heute bestehende Doppeldeutigkeit des Waldes zwischen 'bedrohlich' und 'schön' durch dessen Ideen- und Imaginationsgeschichte. Im Mittelalter konnte er „Ort der Sünde“ und „Symbol für die Schöpfung Gottes“ zugleich sein, später Rückzugsraum für Räuber und andere zwielichtige Gestalten ebenso wie Inspirationsquelle für zivilisationsmüde Poeten. Daneben war der Wald durch die Jahrhunderte immer auch Austragungsort sozialer und wirtschaftlicher Konflikte: früher zwischen Jägern und Wilderern sowie Förstern und Waldbauern, dieser Tage etwa zwischen Mountainbikern und Wanderern.

Um 1800 erkoren Dichtung, Malerei und Musik der Romantik den Wald angesichts der beginnenden Industrialisierung und Verstädterung zum „Gegenbild der modernen Welt“. In den anti-napoleonischen Kriegen einige Jahre danach dienten der 'deutsche Wald' und die 'deutsche Eiche' dann bereits als „Symbol einer sich findenden, aber noch längst nicht existenten 'Nation'“. Diese national-politische Inanspruchnahme erfolgte interessanterweise zeitgleich mit der Etablierung der modernen Forstwirtschaft, die den Wald mittels Fichten-Monokulturen großflächig zum Ressourcenlieferanten reduzierte.

Ihren Kulminationspunkt erreichte die Naturinstrumentalisierung in der NS-Zeit, als der Wald einen „zentralen Platz“ in der offiziellen Ideologie von Partei und Staat einnahm. Der 'Wald als Erzieher' wurde zum Vorbild für die Gesellschafts- und Staatsordnung erklärt, während eine einprägsame Verwurzelungsmetaphorik das deutsche 'Waldvolk' mit einem 'Wüstenvolk' der Juden kontrastierte. An einer solchen weltanschaulichen „Gleichschaltung des Waldes“ beteiligten sich neben zahlreichen Intellektuellen ebenso politische Akteure wie Hermann Göring, Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg.

Obwohl das deutsche Walddenken damit endgültig ideologisch „kontaminiert“ worden war, musste die Waldnatur schon kurz darauf in Förster- und Heimatfilmen wieder als Idylle herhalten. Die erregten Debatten über das vermeintliche 'Waldsterben' in Westdeutschland zeigten schließlich, dass der Wald im nationalen Seelenhaushalt weiterhin wesentlich emotionaler besetzt war als jede andere Landschaftsform. Urmersbach endet mit einem Ausblick auf den „Wald als Event“, der zunehmend kommerziellen und touristischen Interessen unterworfen werde – als Geldanlage, Märchenpark oder Naturlehrpfad.

Farblich dem Thema gemäß in Grün gehalten, bietet der recht flott geschriebene Band zum Taschenbuchpreis einen knappen Überblick über die facettenreiche Kulturgeschichte des Waldes. Zwar gefällt er durch ansprechende Illustrationen und ein handliches Format, jedoch meint man zuweilen kaum mehr als eine Paraphrase der benutzten Literatur zu lesen. Zuletzt sei noch auf einen kleinen Fehler in dem ansonsten aufmerksam lektorierten Büchlein hingewiesen: 'Reichsforstmeister' Hermann Göring starb nicht wie zu lesen im Jahr 1963, sondern setzte seinem Leben am 15. Oktober 1946 ein Ende.