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Die Box




11. Januar 2010
Jörg Auberg
für satt.org
  Michael Bérubé: The Left at War
Michael Bérubé: The Left at War
New York University Press, New York 2009
341 Seiten, 29,95 Dollar
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GRÄUEL DES INTELLEKTS

In seinem Buch „The Left at War“ versucht der Blogger Michael Bérubé mit den linken amerikanischen Kriegsgegnern um Noam Chomsky abzurechnen und ein Plädoyer für die Ziele einer „vernünftigen Linken“ zu halten, scheitert jedoch an der eigenen Selbstgerechtigkeit.

In der Hochzeit des Ersten Weltkrieges diagnostizierte der pazifistische Publizist Randolph Bourne eine intellektuelle Malaise, die seither in Schüben immer wieder auftrat. „Für jene von uns, die sich eine unversöhnliche Abneigung gegen den Krieg erhalten haben, ist es eine bittere Erfahrung gewesen“, schrieb er 1917, „die Einmütigkeit zu sehen, mit der die amerikanischen Intellektuellen den Einsatz von Kriegstechnik in der Krise unterstützten, in der sich Amerika befand.“ Anstatt ihre intellektuellen Energien darauf zu verwenden, die realen Hintergründe des Krieges zu beleuchten oder Alternativen zur Kriegspolitik aufzuzeigen, trugen sie ihren Teil dazu bei, die amerikanische Bevölkerung von der Notwendigkeit des Krieges zu überzeugen. Dieses Phänomen trat zuletzt nach den Anschlägen des 11. September 2001 im „Krieg gegen den Terror“ zutage, als viele amerikanische Intellektuelle der Baby-Boomer-Generation dem „Herdenintellekt“ (wie Bourne es nannte) folgten, in Zeiten frei schwebender, universaler Bedrohung jede geistige Regung der militaristischen Logik unterordneten und intellektuelle Rechtfertigungen für die Vorgänge in Afghanistan und später im Irak produzierten. Zu den Unterstützern des militärischen Unternehmens gegen die mutmaßlichen Urheber des Terrors gehörte 2001 auch Michael Bérubé, ein Literaturprofessor an der Pennsylvania State University und umtriebiger Blogger, der von dem Medienkritiker Edward S. Herman im linken Online-Portal Z Magazine unter dem Begriff „Cruise-Missile-Linke“ subsumiert wurde. Bérubé kümmere es nicht, dass die USA in ihrem Krieg internationales Recht brächen und Zivilisten töteten, schrieb Herman und warf ihm Komplizität mit einer ruchlosen, imperialistischen Macht vor. Nun schlägt Bérubé nicht nur in der Bloggerwelt zurück, sondern legt mit seinem Buch The Left at War eine breit angelegte Attacke auf die „manichäische Linke“ vor, die auch unter dem Begriff „loony left“ firmiert und in Bérubés Vorstellung von Noam Chomsky angeführt wird.

Die Verlagsverwebung preist Bérubés Buch als provokative Darstellung der „Spaltungen innerhalb der amerikanischen Linken nach 9/11“ und unentbehrlichen Leitfaden zu den Trennungen, die eine „Linke im Krieg mit sich selbst“ geschaffen habe. Tatsächlich aber ist das Buch eher eine Abrechnung, in der Bérubé als Generalermittler gegen die „Chomskyiten“ auftritt, Beweise und Indizien aneinanderreiht und in der Pose des selbstgerechten, über alle Kritik erhabenen Vertreter der einzig wahren, nämlich der „rationalen“ respektive „demokratischen“ Linken agiert. Die manichäische Linke habe, konstatiert er, in ihrer eindimensionalen Opposition zum amerikanischen Staat den Blick für die zentralen Gewichtungen, für die eine Linke stehen sollte, verloren: „die Befürwortung von Gleichheit und Freiheit, das Yin und Yang demokratischer Theorie und Praxis“. Der zentrale Vorwurf an den anarchistischen Intellektuellen Chomsky ist, dass er nicht „verantwortungsvoll“ im Sinne des Systems agiere, sondern als Randfigur an der Außenlinie. Gerade dieses Abseitsstehen mache seine Popularität bei jungen Globalisierungskritikern aus: Er gehöre nicht zur politischen Elite und sei daher nicht von den herrschenden Verhältnissen korrumpiert. Offenbar ruft Chomskys Weigerung, sich mit Haut und Haaren dem ideologischen Verwertungsinteresse des Staates zu überantworten, Bérubés Zorn hervor. Außerhalb des eigenen Frameworks, das in die staatlichen Koordinaten des amerikanischen Systems integriert ist, kann er sich keine Existenz vorstellen. Trotz aller Bekundungen zur Demokratie will er Abweichler nicht dulden und klassifiziert sie entweder als obskure Randfiguren oder gefährliche Komplizen des Totalitarismus. Die simple Einteilung der Welt in Schwarz und Weiß, die er der „manichäischen Linken“ vorhält, betreibt er mit seiner Praxis der Klassifikation, Erfassung und Einordnung in starre Schemata selbst. „Die Sprache stempelt ab“, bemerkte Max Horkheimer, und Bérubé verfügt über effektive Werkzeuge, um diese Abstempelung zu rationalisieren. Entgegen Bérubés Behauptung muss man Chomskys Argumentation nicht vorbehaltlos akzeptieren oder verwerfen. Einige seiner politischen Positionen sind durchaus kritikwürdig – etwa sein Eintreten für den Holocaust-Leugner Robert Faurisson im Namen der Meinungsfreiheit. Zuweilen führt ihn eine radikale Opposition zur US-amerikanischen Politik an die Seite dubioser Gestalten und Institutionen, was im Grunde seiner anarchistischen Philosophie zuwiderläuft. Nichtsdestotrotz ist seine Kritik zur Verantwortlichkeit von Intellektuellen als Opponenten der Macht, die er während des Vietnamkrieges entwickelte, weiterhin gültig. Vermutlich ist Chomskys radikale Kritik an der technischen Intelligenz, die Moral und Wahrheit an Spezialisierung und Macht verhökert, einer der Gründe, dass Bérubé ausgiebig die Technik der Textverarbeitung nutzt, um mit blockweisem Zitieren von inkriminierten Textstellen (die manchmal zwanzig bis vierzig Zeilen umfassen) den anarchistischen Feind der Demokratie bloßzustellen. Tatsächlich dient dieses Verfahren dazu, alle Abweichler als „doktrinär“ zu geißeln. Selbst die „Frankfurter Schule“ entgeht nicht dem Pranger: Auch sie wird einer „doktrinären linken Position“ geziehen, während sich Bérubé als Verteidiger der „säkularen Demokratie“ gegen alle totalitären Regime und ihre Helfershelfer auf der politischen Bühne inszeniert und als Repräsentant einer „demokratischen, sozialistischen, internationalistischen Linken“ etikettiert, ohne dass er die kleinen Schachteln, mit der er über die Bühne tanzt, mit Inhalt füllt: Sie bleiben leere Requisiten eines Poseurs. Als Gegenentwurf zu Chomsky präsentiert Bérubé den britischen Soziologen Stuart Hall, der mit seiner von Antonio Gramsci beeinflussten Theorie der Hegemonie ein komplexes Verständnis von Politik und Medien begründet habe. Während Chomsky und Herman in ihrem medienkritische Buch Manufacturing Consent eindimensional die Wirkung der Medien auf Propaganda und Massenbetrug reduzierten, habe Hall als Wegbereiter der Cultural Studies stets die vielschichtigen Implikationen von Kultur einbezogen und damit die politischen Prozesse einer „realitätstauglichen“ Analyse unterzogen. Halls Sichtweise des Thatcherismus als Versuch, mittels eines autoritären Populismus eine kapitalistische Hegemonie zu errichten, sieht Bérubé als exemplarisches Modell der politischen Praxis einer „rationalen Linken“: Die kulturwissenschaftliche Analyse politischer Krisen könne helfen, zu einem klareren Bewusstsein der politischen Realitäten und ihrer Bedingtheiten zu gelangen und vernünftige Strategien der Problemlösung aufzuzeigen. Somit bietet der Professor der Cultural Studies, der vor einiger Zeit zu medialer Zelebrität gelangte, als ihn der rechte Kreuzzügler David Horowitz in seinem Traktat The Professors zu den „101 gefährlichsten Akademikern in Amerika“ zählte, nicht weniger als ein universales Weltverbesserungsprogramm, sodass sich die Frage stellt, warum der allseitige Bescheidwisser Bérubé sein akademisches Dasein an einer kleinen Universität fristet und nicht als gut bezahlter Politikberater sein Auskommen sucht.

Entgegen aller Invokationen der „demokratischen Linken“ steht hinter Bérubés Invektiven gegen die „Chomskyiten“ die alte leninistische Ratio des Intellektuellen als Agent der „historischen Kräfte“ (die im Szenario der „rationalen Linken“ freilich obskur und verschwommen bleiben) und Designer politischer Strategien, der für seine weltverbesserischen Forderungen keine persönliche Verantwortung übernehmen muss. So können Intellektuelle dieser Provenienz in „unserem Krieg in Afghanistan“ zwar den Einsatz von Bodentruppen fordern, um die Rechte von Frauen gegen patriarchale Herrschaft durchzusetzen, doch kümmert sie nicht der Preis, den andere für die Durchsetzung dieser liberalen Prinzipien zu zahlen haben, noch nehmen sie die autoritären Praktiken mit auf die Rechnung, die zur alltäglichen Realität einer militärischen Maschine gehören, die vorgeblich dem internationalen Recht Geltung verschafft, während sie doch nur der Logik der verrohenden militärischen Gewalt folgt. Während in der Organisation, die in der intellektuellen Wahrnehmung unter dem Begriff „unsere Truppen“ verklärt wird, die kalte, rationale Dehumanisierung des Einzelnen im routinierten Geschäft des Tötens vollzogen wird, insistiert der viel schreibende Blogger Bérubé auf seiner Individualität, schreibt permanent das Wort „Ich“ in seine Texte, um die eigene Wichtigkeit zu unterstreichen, und erzählt der Internet-Gemeinde von seiner „laufenden Nase“, seinem „wunden Hals“ und dem „gemeinen Husten“, der ihn befallen hat, während andere im Dreck verrecken. So verkommt der selbst ernannte Repräsentant einer „demokratischen, sozialistischen, internationalistischen Linken“ zur intellektuellen Karikatur des Intellektuellen, der die eigene populäre Mythologie mit der Realität verwechselt. In einer armseligen Reprise erscheint der „Verrat der Intellektuellen“ in neuer Drapierung, doch ist es keine Tragödie, sondern eine intellektuelle Farce, die ihre verbohrten, von ihrer eigenen „Exzellenz“ überzeugten Urheber bis zur Kenntlichkeit entstellt.