Anzeige:
Die Box




9. Dezember 2008
Johannes Springer
für satt.org
  Symbolische Gewalt. Herrschaftsanalyse nach Pierre Bourdieu
Robert Schmidt und
Volker Woltersdorff (Hg.):
Symbolische Gewalt.
Herrschaftsanalyse
nach Pierre Bourdieu

UVK Konstanz 2008
316 S., 29 €
» amazon


Wenn nur noch
Gegendressur hilft
Pierre Bourdieus Konzept
der symbolischen Gewalt

Die Frage nach der verhältnismäßig unangefochtenen Akzeptanz von Ungleichheiten, Ausbeutung oder Spielregeln der Konkurrenz beschäftigt kritische Sozialwissenschaften immer wieder. Wie gesellschaftliche Emanzipation bei allgemeiner Zustimmung zu sozialen Ordnungen, die Macht- und Herrschaftsverhältnisse reproduzieren, zu organisieren wäre, erscheint unklar. Warum und wann werden diese als normal, gerecht und verdient empfunden, was sorgt für ihre Beharrungsvermögen? Dies zu klären versucht ein Sammelband, der sich ganz der theoretischen Diskussion und Anwendung eines Konzeptes verschreibt, das von Pierre Bourdieu als symbolische Gewalt benannt wurde.

Diese funktioniert sanft wie alltagsbezogen und dient der Anerkennung von Herrschaftsordnungen, mithin der Verkennung ihrer Willkürlichkeit und dies allein durch die Kraft des Symbolischen. Der Mechanismus des Symbolischen kann dabei in unterschiedlichen materiellen und sozialen Momenten aufgehoben sein, wie in Kleidungsstücken, Kunstgegenständen, akademischen Titeln, einer Körperhaltung, einer Mimik oder einem sprachlichen Duktus. Das Funktionieren symbolischer Gewalt verläuft über Fragen, was in einer Gesellschaft legitim ist, d.h. über die Sichtweisen der Welt, über die Selbstverständlichkeiten des Denkens, über die Sphäre der Sinnhorizonte. geht um die Symbolische Gewalt setzt dabei voraus, wie Beate Krais feststellt, "dass subjektive Strukturen - der Habitus - und objektive Verhältnisse im Einklang miteinander sind, dass inkorporiert ist, 'was sich gehört'." Bei den Beherrschten muss es ein Einverständnis geben: "d.h. sie müssen einen Sinn für diese Gewalt entwickelt habe, der es ihnen ermöglicht, die entsprechenden Signale - oft nur Blicke, kleine Gesten, beiläufige Bemerkungen, die Körperhaltung, die Intonation zu dekodieren, ohne zu bemerken, dass diese Gesten, Blicke, Worte Gewalt darstellen."

Unterdrücker und Unterdrückte wirken gemeinsam an der Herstellung und Reproduktion von symbolischer Gewalt mit, nur, dass es von Seiten der Erleidenden dieses Gewaltverhältnisses keine willentliche, bewusste Zustimmung gibt, sie aber dennoch an ihrer Beherrschung mitwirken. Davon legen die empirischen Anwendungen dieses Sammelbandes hervorragend Zeugnis ab. So zeigt Angela McRobbie in ihrem Text auf, wie in Stilberatungsprogrammen des britischen Fernsehens Frauen aus der Arbeiterklasse und unteren Mittelschicht durch Demütigung, Beschämung und Belehrung auf eine der Arbeits- und Konsumgesellschaft dienliche Linie gebracht werden. Zur Verbesserung ihres Status und ihrer Lebenschancen unterwerfen sich die Probanden der Stil- und Lebensberatung und orientieren sich an den Standards der Mittelklasse. Jene Umformung wird in extremer Fügsamkeit mitgetragen, Dankbarkeit gegenüber den als sozial höhergestellt empfundenen und im Dispositiv der Sendung auch so installierten Frauen wird ausgestellt. Die Differenz zur mühelosen Eleganz, zum schlichten Schick der Mittlerinnen, welche der Mittel- oder Oberschicht angehören, wird allerdings nie aufgehoben. Im Gegenteil, die harte Arbeit ist der Transformation stets eingeschrieben, was Klassengrenzen auf einer anderen, dem Arbeitsmarkt bequemeren Ebene fortschreibt.

Spannende Anschlüsse an Bourdieus Idee der symbolischen Gewalt wurden bereits in den letzten Jahren gesucht, so von Tilman Brand, der es mit Gramscis Konzept des spontanen Konsensus kurzschloss, der zum Gelingen von (kultureller) Hegemonie, welche eben auch auf Zustimmung der Herzen und Köpfe jenseits von direkter Gewalt aufsetzt, wesentlich ist. Oder von Lars Schmitt, der Bourdieu konflikttheoretisch brauchbar zu machen versucht und dabei die Analogie zu Johan Galtungs klassischer Idee der kulturellen Gewalt aufzeigt, welche als legitimierende Kraft im ideologischen oder kognitiven Sinne für die Akzeptanz direkter oder struktureller Gewalt sorgt. Im nun vorliegenden Sammelband werden andere Referenzen benutzt, wie z.B. Judith Butler in der Frage der Verkörperlichung von Habitus oder Foucault hinsichtlich des Verhältnisses von Gouvernementalität und symbolischer Gewalt. Dies weiß gerade dann einiges beizutragen, wenn es um Fragen des Unterlaufens von Herrschaft geht, um Umarbeitungen der Zwänge. Bourdieus Denken kennt zwar symbolische Kämpfe und symbolische Revolutionen, aber widerständige Praxen sind für ihn nicht gerade im erwartbaren Handlungsrepertoire, zu internalisiert und unbewusst laufen die Prozesse der Zustimmung ab. Die allgemeinen Ordnungskriterien, Wahrnehmungs- und Beurteilungsschemata der Gesellschaft, die Doxa, zu bestreiten und für kontingent zu erklären ist zudem schwierig, da das Negieren der Prinzipien eines Feldes als unvernünftig, aggressiv und affektiv empfunden wird. So kommt es eher zu Selbsthass als zu Klassenkampf.

Gegendressur, welche "zum kollektiven körperlichen Verlernen von Verhaltensweisen und Dispositionen, auf die sich die Wirkung symbolischer Gewalt gründet" und reflexive Bewusstmachung sind zunächst angezeigt. Allein Bewusstseinsbekehrung jedoch verändert nicht viel, da die Befolgung der Ordnung eben auf "somatisierten Herrschaftsverhältnissen" aufbaut, d.h. Zustimmung auf der "unmittelbaren und vorreflexiven Unterwerfung sozialisierter Körper" anschließt, die symbolische Kämpfe, die Hierarchien und Klassifikationen in Frage stellen, etwas komplizierter werden lassen. Aber natürlich nicht ausweglos. Ein Buch wie das vorliegende kann dabei, mit seinem auflärerischem Impetus und vielen wichtigen Beiträgen, als intellektueller Wegweiser in eine emanzipative Richtung äußerst dienlich sein.