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April 2008
Christina Mohr
für satt.org
Meredith Haaf, Susanne Klingner, Barbara Streidl, Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht


Wir Alphamädchen
Warum Feminismus das Leben schöner macht

Vor zwei Wochen haben wir an dieser Stelle das Buch „Neue Deutsche Mädchen“ von Jana Hensel und Elisabeth Raether vorgestellt und den Autorinnen einige Fragen gestellt. Hensel und Raether mußten sich seitens der Feuilletons Kritik gefallen lassen: Ihr Buch sei viel zu subjektivistisch, als dass sich andere Frauen darin entdecken könnten. „Neue Deutsche Mädchen“ sei ein Buch von zwei Frauen um die 30, die in Berlin lebten, über zwei Frauen um die 30, die in Berlin lebten. Aber keine Befindlichkeitsanalyse oder gar ein Ausblick in die Zukunft, wie weibliche Lebensrealitäten aussehen könnten. Und um „modernen Feminismus“ ginge es höchstens zwischen den Zeilen, nicht explizit. Sehr konkret und explizit hingegen widmen sich Barbara Streidl, Susanne Klingner und Meredith Haaf in ihrem Buch „Wir Alphamädchen“ dem Thema Feminismus. Der Untertitel taugt gar als werbewirksamer Slogan: „Warum Feminismus das Leben schöner macht“ – und zwar das von Männern und Frauen. In den vergangenen Wochen wurde in der Presse vor allem das unwiderstehliche Versprechen der Autorinnen zitiert, das besagt, dass gelebter Feminismus auch zu besserem Sex führe. Das ist garantiert wahr, denn mit wem könnte Sex mehr Spaß machen, als mit einer/m selbstbewußten Partner/in; doch „Wir Alphamädchen“ bohrt vor allem in den Wunden herum, die zeigen, dass Frauen (vor allem in Deutschland) trotz anderslautender Behauptungen (schließlich haben wir doch eine KanzlerIN! Was wollen wir denn NOCH?) längst noch nicht die andere Hälfte des Himmels besitzen. Unter den Kapitelüberschriften Identität, Sex, Medien, Demografiedebatte und Macht sezieren die Autorinnen den Status Quo und streuen immer wieder entlarvende Zitate ein, zum Beispiel von Alexa Hennig von Lange, die – bewußt oder unbewußt – eine prämoderne, antifeministische Backlash-Haltung verkörpert, wenn sie sagt, „Meinem Mann liegt es eben mehr, die Kekse zu essen, als sie zu backen. Während ich sie lieber für ihn backe, als sie zu essen.“ Na danke – Eva Herman und Bischof Mixa werden laut gejubelt haben, falls sie diesen Satz gelesen haben. Es liegt also auf der Hand, dass noch jede Menge für die Interessen junger Frauen getan werden muß – und zwar von jungen Frauen selbst. Bleibt zu hoffen, dass die neuen deutschen Alphamädchen länger als nur einen Sommer tanzen und dass Feminismus nicht schick, sondern normal wird.

Hier ein Interview mit Susanne Klingner, Barbara Streidl und Meredith Haaf:

satt.org: Wie oft mußtet Ihr den Titel "Wir Alphamädchen" schon erklären? Oder ist den meisten Leuten klar, dass er sich auf einen SPIEGEL-Artikel vom Juli 2007 bezieht?

Die Autorinnen:
  • Barbara Streidl, geboren 1972 in München, Studium der Germanistik und Komparatistik. Sie lebt als freie Journalistin in München und ist außerdem Bassistin der Bands Moulinettes und Tri-Sonics.
  • Susanne Klingner, geboren 1978 in Berlin, Studium der Politik und der Journalistik. Sie lebt als freie Journalistin in München.
  • Meredith Haaf, geboren 1983 in München, Studium der Geschichte und Philosophie.

Barbara Streidl: Unseren Buchtitel haben wir in den letzten Wochen durchschnittlich einmal pro Tag erklärt. Neben dem SPIEGEL-Artikel gibt es ja noch mehr dazu zu erzählen, etwa die Anspielung auf den soziologischen Begriff „alpha girls“, den der US-amerikanische Autor Dan Kindlon in seinem gleichnamigen Buch so definierte: "young woman who is destined to be a leader. She is talented, highly motivated, and self-confident." Ja, und dann gibt es natürlich noch das nette Wortspiel von Alphamännchen zu Alphamädchen.

satt.org: Hattet Ihr die Idee zu diesem Buch schon länger oder entstand sie erst nach dem Artikel?

BS: Die Idee, zu diesem Thema etwas zu veröffentlichen, hatten wir schon zwei Jahre vor dem Erscheinen des Artikels.
Susanne Klingner: In diesen zwei Jahren haben wir auch schon angefangen, daran zu arbeiten. Dass das Thema plötzlich dann überall auftauchte, spornte uns nur noch mehr an, das Buch jetzt endlich zu schreiben.

satt.org: Warum überhaupt "Mädchen"? Ist dieser Begriff nicht zu niedlich und - vor allem - sächlich? Im Buch schreibt Ihr ja als Frauen für Frauen...

Meredith Haaf: Nun, ein Mädchen ist doch ein weibliches Wesen. Und die Verniedlichung wird ja durch das große böse Alpha zerstört. Auch ein Mädchen hat Respekt verdient.
SK: Der Witz von Alphamännchen zu Alphafrauen funktioniert ja nicht wirklich. Und da sich heute viele Frauen bis 30 oder sogar bis 35 als Mädchen bezeichnen, fanden wir das gar nicht so unangebracht.

satt.org: Nicht nur Ihr, auch (z.B.) Jana Hensel und Elisabeth Raether ("Neue Deutsche Mädchen") grenzen sich stark von Alice Schwarzer als öffentlichster Vertreterin des Feminismus ab. Ist sie für Euch jüngere tatsächlich ein derart rotes Tuch? Habt Ihr sie schon mal getroffen? Wenn ja, was hält sie von Euren Ansätzen und dem Buch?

BS: Keinesfalls ist Alice Schwarzer für uns eine Feindin. Sie ist eine Wegbereiterin für den Feminismus, eine, die viel erkämpft hat in den letzten dreißig Jahren.
SK: Viele Ansätze des alten Feminismus funktionieren nur für unsere Generation überhaupt nicht mehr. Also haben wir uns die Arbeit gemacht, die Idee des Feminismus, nämlich Gleichberechtigung beider Geschlechter, auf das Leben junger Frauen zu übertragen.

satt.org: In einer Rezension Eures Buchs beklagte der Kritiker/die Kritikerin den "cheerleadermäßigen Kommandoton" Eures Buchs - gab es noch mehr solcher Reaktionen? Und warum habt Ihr Euch für die appellartige Ansprache entschieden? (die ich persönlich gut finde - man fühlt sich jederzeit direkt angesprochen)

BS: Diese Kritik haben wir gelesen. Die Sprache unseres Buches ist gar nicht so appellartig, dass die Leserin bei der Lektüre in die Hände klatschen muss. Aber in der Tat wollen wir ermuntern, aufmuntern, aufrütteln, wach machen. Wir möchten ja alle in einer schönen, schöneren Welt leben. Um das zu erreichen, braucht es eben Engagement und Partizipation.
MH: Witzigerweise widerspricht sich ja das cheerleaden und das kommandieren auch ein bisschen – aber das nur nebenbei.
SK: Stellen wir uns doch mal umgekehrt vor, wir hätten das Buch in einem klagenden, traurigen Ton geschrieben, wie schlecht es uns Frauen geht – Wer will denn so was lesen?

satt.org: Feminismus ist zur Zeit in aller Munde - befürchtet Ihr, dass Feministin/Feminist zu sein zur reinen Mode, zum Trend verkommt und ebenso schnell wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet? Oder ist ein anderes Szenario wahrscheinlicher, nämlich dass sich, wer sich als Antifeminist oder -feministin bezeichnet, als völlig unzeitgemäß outet?

MH: Es kommt sehr stark darauf an, was die Einzelnen, die sich von der Idee, wieder feministisch zu denken und zu handeln, jetzt inspiriert und angesprochen fühlen, damit machen.
SK: Der Feminismus hat von Anfang an immer wieder Wellen erlebt, in denen alle von ihm sprachen und Wellen, in denen behauptet wurde, dass man nun wirklich keinen Feminismus mehr brauche. Wir hoffen sehr, dass wir eine neue Welle anstoßen können und diese auch länger anhält als zum Beispiel die extrem kurze Phase der Girlies, Anfang der Neunziger.

satt.org: Da das Modell Alice/Emma ausgedient hat: Wen seht Ihr als neue Rolemodels?

SK: Da gibt es unglaublich viele und gleichzeitig nur wenige, auf die sich alle einigen können. Ich denke, Mädchen und Frauen sollten sich an anderen Frauen orientieren, die einfach was Tolles auf die Beine stellen und sich von ihnen angespornt fühlen.

satt.org: Ich als (jahrgangsmäßige) Vertreterin der "Generation Ally" bin ein wenig enttäuscht, dass meine Generation (eingeschlossen mich selbst) bisher wenig zum Thema Feminismus zu sagen hatte. Was glaubt Ihr, warum sind es jetzt in der Mehrzahl Frauen ab Jahrgang 1975, die sich ganz selbstverständlich als Feministinnen bezeichnen und dabei wesentlich cooler und selbstbewußter auftreten als die älteren?

BS: Ich, Jahrgang 1972, kenne viele Feministinnen, die sowohl älter als auch jünger sind. Der Feminismus war eigentlich die ganze Zeit über da; nur saß er auf vielen Partys unbeachtet in der Ecke. Dass Frauen jetzt lauter geworden sind, liegt an dem Backlash der vergangenen Jahre: Der schrie ja nach einer Entgegnung.
SK: Ich denke auch, dass die „Rettet unser Land mit mehr Kindern, geht nach Hause an den Herd!“ sehr viel zu der massiven Wut in unserer Generation beigetragen hat. Sowas hört man sich ein oder zwei Mal an und tut es als Spinnerei weg, aber wenn einem das x-te Feuilleton diesen Quatsch erzählt, dann müssen wir jungen Frauen eben auch Stellung beziehen.

satt.org: In meinem Bekannten- und Freundeskreis beobachte ich seit einiger Zeit einen regelrechten vorfeministischen Backlash: viele Frauen nehmen nach der Heirat ganz selbstverständlich den Namen ihres Mannes an, auch wenn dieser gar nicht unbedingt darauf besteht. Auf Nachfragen reagieren diese Frauen ausweichend, z.B. damit, dass sie froh sind, durch den neuen Namen endlich nicht mehr so eng mit ihrer eigenen Familie verbunden zu sein. Sowas sagt kein Mann. Warum sind ausgerechnet heute kluge, gut ausgebildete Frauen bereit, sich selbst wichtige Errungenschaften des Feminismus kaputt zu machen? Warum ist das Private doch politisch?

SK: In diesen unsicheren Zeiten gibt es wieder eine ganz starke Sehnsucht nach alten Werten. Und wenn da als alter Wert gehandelt wird, dass man wieder ganz traditionell den Namen des Mannes annimmt oder auch die Eltern der Braut wieder die komplette Hochzeit bezahlen, dürfte der feministische Aspekt den meisten Bräuten egal sein. Sie sehnen sich nach „Traditionen“. Mich erschreckt das schon sehr, ja. Aber den Frauen die feministische Keule vor den Latz zu knallen, hat auch keinen Sinn.
BS: Ich habe nichts dagegen, dass eine Frau den Namen ihres Mannes annimmt. Wenn sie das möchte, wenn sie mit dem neuen Namen mehr Verbindung zu ihrer neuen, eigenen kleinen Familie empfindet – einverstanden. Ich habe nur dann etwas dagegen, wenn sie es nicht freiwillig macht, sondern nur auf Drängen des familiären Umfelds. Und genau hier ist das Private politisch: Frauen sollen nicht müssen, sondern wollen.

satt.org: Was wünscht Ihr Euch von Euren Alters- und Geschlechtsgenossinnen? Wo steht der moderne Feminismus in fünf oder zehn Jahren?

BS: Wir wünschen uns Aufmerksamkeit, Enthusiasmus für das, was sie wollen. Haltung. Meinung – die nicht unbedingt unsere Meinung sein muss. Der moderne Feminismus ist heterogen, keinesfalls homogen.
SK: Ja, ich wünsche mir auch weniger Bequemlichkeit, mehr Mut, vor allem Mut, Missstände anzusprechen – sei es gegenüber dem Liebsten oder dem Chef. Im Idealfall können wir in fünf oder zehn Jahren schon sagen, dass sich was verändert haben. Realistischer wären aber wohl 20, 30 Jahre.

satt.org: Wie reagieren Eure Leserinnen auf „Wir Alphamädchen“?

SK: Die meisten sagen, dass sie sich im Buch wieder finden – was uns sehr freut. Wir haben auch schon oft gehört, dass sich viele junge Frauen jetzt durchaus als Feministinnen bezeichnen würden, auch wenn sie das Wort früher nie in den Mund genommen hätten.
MH: Man hört schon oft: „Genau darauf habe ich gewartet, Ihr habt so recht!“ Das ist natürlich ein wunderbares Gefühl.

satt.org: Was hofft Ihr, was kann Euer Buch bewirken?

SK: Wenn uns eine Leserin oder ein Leser sagt, dass wir sie oder ihn zum Nachdenken gebracht haben, dann ist das unheimlich viel, dann haben wir schon was bewirkt. Es muss nicht jeder alles gut finden, was da drin steht, aber wenn eine junge Verkäuferin selbstbewusster in ihre nächste Gehaltsverhandlung geht, weil das Buch sie dazu ermutigt hat – sehr gut!
MH: Und natürlich hoffen wir, dass viele Ideen, Projekte und andere Bücher in Gang kommen.

satt.org: In Eurem Mädchenmannschaftblog empfehlt Ihr andere Webseiten, Zeitschriften wie z.B. Missy Magazine, Blogs - wie sehen Eure Kriterien aus?

SK: Was heißt Kriterien? Wir empfehlen alles weiter, wenn wir sehen, dass dort jemand für eine gute Idee Zeit investiert. Wenn die Missy-Macherinnen den Anspruch haben, ein schlaues Popkulturmagazin für Mädchen und junge Frauen zu machen, dann muss man dafür Werbung machen. Wenn andere Frauen ihre Zeit damit verbringen, auf einem Blog Informationen für Frauen zu sammeln, dann muss man auch das empfehlen. Wo sich was bewegt, da zeigen wir mit dem Finger hin und rufen: „Toll!“

satt.org: Aktuellste und/oder ärgerlichste Sexismus-Erfahrung?

BS: Aus meinem Bandleben mit den TriSonics: Bei einem Konzert in England wurde ich vom Tontechniker vor Publikum runtergeputzt, mein Bass-Verstärker würde wummern. Ich ließ das überwiegend männliche Publikum entscheiden, was zu tun war. Die Antwort war einstimmig: Weiterspielen, das Soundproblem wäre nicht existent.
MH: Neulich hatte ich an einem warmen Tag ein kurzes Kleid an und bin spazieren gegangen. In einer ziemlich großen Menschenmasse hat irgendein Arschloch gemeint, mir an den Hintern langen zu dürfen. Sowas schleppt man dann noch stundenlang mit sich herum.

satt.org: Was sagen Eure Mütter zu Eurem Buch? Und Eure Freunde?

BS: Sie mögen es durch die Bank weg. Sind froh, dass wir es endlich geschrieben haben. Nach all den Jahren, in denen wir darüber diskutiert haben.
SK: Meine ebenfalls.
MH: Die sind alle sehr stolz und froh.

satt.org: Die ideale Welt: wie sieht sie für Euch aus?

MH: Vor allem ist sie gerecht.



Meredith Haaf, Susanne Klingner, Barbara Streidl:
Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht

Gebunden, 256 Seiten, Hoffman & Campe, € 19,90
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