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März 2008
Gerald Fiebig
für satt.org

Rudolf Diesel:
Solidarismus
Natürliche wirtschaftliche
Erlösung des Menschen

Rudolf Diesel: Solidarismus

      Der Ingenieur als Sozialreformer

Zum 150. Geburtstag von Rudolf Diesel wird seine Programmschrift über den „Solidarismus“ neu aufgelegt.

Am 18. März 1858 wurde in Paris, als Sohn deutscher Auswanderer, Rudolf Diesel geboren. Der nach ihm benannte Verbrennungsmotor ist seit der Vorstellung des ersten Prototyps im Jahr 1897 ein zentraler Pfeiler der uns vertrauten Weltordnung geworden. Auch im Zeitalter von Internet und globalisierten Finanzmärkten wird nahezu der gesamte interkontinentale Warenhandel mit dieselgetriebenen Schiffen abgewickelt; die entsprechenden Klimaschäden stehen denen durch Auto- und Flugabgase kaum nach.

Dass Diesel, der 1913 unter bis heute ungeklärten Umständen starb, dem Kampf rivalisierender kapitalistischer Mächte zum Opfer fiel, die sich den Zugriff auf seine folgenreiche Erfindung sichern wollten, wird sich wohl nie mehr beweisen oder widerlegen lassen. Dokumentiert ist jedenfalls, dass ihm, trotz oder gerade wegen seiner eigenen unternehmerischen Tätigkeit, das Monopolkapital seiner Zeit ein Dorn im Auge war. In seiner 1903 im Verlag R. Oldenbourg (München und Berlin) publizierten Schrift „Solidarismus. Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen“ zeigt sich der Ingenieur als sozialreformerischer Denker und formuliert durchaus originelle Ideen zur Behebung der sozialen Verwerfungen des Kapitalismus. Der MaroVerlag in Augsburg (wo Diesel mehrere Jahre seines Lebens verbrachte und auch seine entscheidenden Erfindungen machte) hat das Buch anlässlich von Diesels 150. Geburtstag neu herausgegeben.

Mehr noch als die Ausbeutung der Arbeiterschaft ist für Diesel das zentrale Skandalon des Kapitalismus die permanente existenzielle Unsicherheit, welche die irrationale, für keinen Teilnehmer überschaubare Konkurrenz um Marktanteile nicht nur den Arbeitern, sondern auch den Unternehmern aufzwingt. Eine vernünftige Planung von Produktion und Konsum sieht er durch Bildung einer „Volkskasse“ gewährleistet. Diese Mega-Genossenschaft baut aus den regelmäßigen Beiträgen ihrer freiwilligen Mitglieder einen Kapitalstock auf, der zur Gründung selbstverwalteter Betriebe dient. Diese Betriebe bezahlen nicht nur ihren Angestellten faire Löhne, sondern beliefern sich gegenseitig zum Selbstkostenpreis mit ihren Waren, welche die Angestellten wiederum direkt an ihrem Arbeitsplatz einkaufen sollen. Fernziel ist die Deckung aller lebensnotwendigen Bedürfnisse aus Betrieben dieses Genossenschaftsverbundes und damit eine De-facto-Unabhängigkeit der Mitglieder von den Fährnissen des kapitalistischen Marktgeschehens.

Ein revolutionärer politischer Systemwechsel ist dafür aus Diesels Sicht nicht notwendig. Sein Modell will eine rein wirtschaftliche Antwort auf das Problem der sozialen Ungerechtigkeit geben und enthält sich, wie er mehrfach betont, jeder weltanschaulichen Positionierung. Schließlich könnte man sein Modell jeder Gesellschaft einpflanzen, solange diese über halbwegs liberale Wirtschaftsgesetze und Assoziationsfreiheit verfügt. Denn nur wer Genossenschaftsmitglied ist, muss seine Reformen mitmachen – wobei Diesel davon ausging, dass der Nutzen einer Mitgliedschaft irgendwann so deutlich zutage treten würde, dass praktisch jeder freiwillig mitmachen will.

Die Betonung von Freiwilligkeit, Staatsferne und Gewaltfreiheit lässt Diesels Solidarismus-Konzept gerade heute, nach den Erfahrungen mit dem sogenannten real existierenden Sozialismus, erstaunlich modern erscheinen. Sein leicht nachvollziehbarer pragmatischer Ansatz, der ohne den philosophischen Ballast einer idealistischen Geschichtsphilosophie auskommt, trägt zu diesem Eindruck ein Übriges bei. Dass der Realsozialismus mittels einer sich als Elite verstehenden, machtorientierten Kaderpartei zunächst militärisch und dann mit Druck von oben durchgesetzt wurde, macht Diesels Konzept nicht unbedingt weltfremd; „viele kommunitaristische Gruppen weltweit könnten bei Diesel vielleicht konstruktive Anregungen finden“, betont deshalb auch der Augsburger Autor Andreas Nohl in seinem Nachwort zur Neuausgabe des „Solidarismus“. Diesels anarcho-liberale Skepsis gegenüber staatlichen Lenkungsinstanzen passt als Konzept zur Selbsthilfe der sozial Marginalisierten vielleicht besser als so manches andere in unsere Zeit, da staatliche Sozialsysteme dem Druck des transnationalen Kapitals nachgeben. Schuldig bleiben muss sein Konzept freilich eine Antwort auf die Frage, die sich aus diesem Befund ergibt: Woraus sollte sich angesichts der immer schärferen systematischen Überwachung und Entwürdigung, wie sie etwa Arbeitslose durch die Hartz-IV-Gesetze erleben, ein kollektiver Wille zur Selbstorganisation speisen?



Rudolf Diesel: Solidarismus.
Natürliche wirtschaftliche
Erlösung des Menschen.
MaroVerlag 2007
222 S., € 18,00
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