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Die Box




Januar 2008
Frank Fischer und Marc Reichwein
für satt.org und den »UMBLÄTTERER«

Best of Feuilleton 2007

Die zehn besten Texte aus den Feuilletons des Jahres 2007

Bayreuth, Sodann und Gomorrha, Bionade-Biedermeier, Zidanes Melancholie, Spiegel Online, Autorenporträts, »Esra«-Urteil, Notiz über Kitsch, Kaiser Chiefs

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1. Renate Meinhof

Parkett links, Reihe 16, Platz 9. In: Süddeutsche Zeitung, 30. 7. 2007.

Das Feuilleton-Erlebnis des Jahres! Mitten aus der hektischen Bayreuth-Berichterstattung der Saison 2007 sticht ein Text heraus, der sich einmal nicht mit Erbfolgepolitik und Premierenverriss beschäftigt, sondern mit dem letzten verbliebenen Rest von Publikum, das sich noch auf die Musik freut: Renate Meinhof hat den 90-jährigen Hamburger Wagnerianer Walter Odrowski zu seiner ersten Premiere auf dem Grünen Hügel begleitet und schildert liebevoll die Ansichten dieses »Sängers aus Hamburg«, des selbsternannten »Intendanten« der »Eppendorfer Heimoper«, die am Ende nur ein Wohnzimmersetup mit Leinwand für Opern-DVDs ist. Diese Bezeichnungen sind gekonnt übertrieben, auf diese Weise wird Odrowskis Besuch deutlich vom Auflaufen der Bayreuth-Schickeria abgesetzt und damit die riesige Diskrepanz zwischen der Musik und dem Event thematisiert. In einem epischen Schnelldurchlauf gelingt es Meinhof, eine lebenslange Musikbegeisterung eindrücklich zu beschreiben, die mit der 2007er »Meistersinger«-Premiere ihren Höhepunkt findet. Und nach dem Vorhang lässt sich Odrowski aus dem Stuhl helfen und kämpft applaudierend gegen die Buh-Rufe an: »Der Musik kann man am Ende nichts anhaben.«

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2. Peter Richter

Sodann und Gomorrha. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9. 9. 2007.

Der Verriss des Jahres! Der unfassbare Comedyversuch des Duos Norbert Blüm/Peter Sodann war eine Aufforderung an jeden Journalisten, die eigenen Polemik-Qualitäten zu demonstrieren. Aber keiner hat das so gut gemacht wie Peter Richter. Schon die Überschrift des Artikels, »Sodann und Gomorrha«, ist ein assoziativer Knock-Out. Der Artikel simuliert dann rein äußerlich natürlich schon noch eine Besprechung des politischen Kabarett-Abends »Blüm & Sodann« und insofern eine Mauerschau, bei der anfangs noch berichtet wird, was war (»Was geschah, war Folgendes: […]«). Im Wesen ist der Text aber lart pour lart, eine hochpoetische Tirade, die ihren Gegenstand schon bald vergisst und sich zu einem Wortballett steigert, bei dem etwa in einem einzigen Satz zehn Negativattribute Richtung Peter Sodann geschossen werden, als ob es kein Morgen gäbe. Viele Passagen wären zitierenswert, wobei die Pointe (Richters Scham als Sachse für einen Repräsentanten wie Sodann) fast schon die schwächste Passage im ganzen Text darstellt. Aber das ist doch auch mal was: ein Feuilleton-Artikel, der so gut ist, dass er auf eine Pointe im Prinzip verzichten könnte.

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3. Henning Sußebach

Bionade-Biedermeier. In: ZEITmagazin LEBEN, 8. 11. 2007.

Die Reportage des Jahres! Ein soziologisches Opus magnum über die »Ökoschwaben« und »Pornobrillenträger« des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg. Henning Sußebach besucht einen kurdischen Obst- und Gemüsehändler, einen Wohnungsmakler, einen Schulleiter, einen Professor für Stadt- und Regionalsoziologie, eine Ärztin, einen Yogalehrer, daneben auch ein Polizeirevier und eine Abteilung Müllmänner. Ihm gelingt ein gut strukturiertes Panoptikum, anhand dessen er das Heer von zugezogenen Akademikern als sich abschottende Selbstveredler entlarven will. »Eigentlich macht alles Sinn, wonach der Prenzlauer Berg strebt«, schreibt er, konstatiert dann aber: »Man glaubt so offen zu sein und hat sich eingeschlossen.« Auch auf der Mikroebene macht der Text Spaß. Der Autor sammelt schöne Formulierungen (sich in Cafés herumtreibende »Frühstücksmenschen«) und prägnante Bezeichnungen (der Prenzlauer Berg als »Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?-Bezirk«). Die von ihm kritisierte Spezies kommt allerdings kaum selbst zu Wort, und einige Abschnitte sind zu gewollt kritisch geraten, was aber angesichts der Reichhaltigkeit dieses Langartikels nicht ins Gewicht fällt.

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4. Jean-Philippe Toussaint

Zidanes Melancholie. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17. 6. 2007 / Frankfurter Rundschau, 7. 7. 2007.

Diese knappe Deutung eines fußballhistorischen Moments erschien im französischen Original 2006 bei Minuit und wurde danach in der Übersetzung von Joachim Unseld auch von Suhrkamp satztechnisch zu einem Buch gestreckt. Die Feuilletons der »FAS« und der »Frankfurter Rundschau« druckten den Text vollständig ab und lieferten damit einen literarisch-essayistischen Höhepunkt des Zeitungsjahres. Toussaints Thema ist der Kampf gegen die Vergänglichkeit einer Karriere und eines Ruhms, gegen »die Traurigkeit des angekündigten Endes«. Mit seiner »Geste« scheint Zidane nach bereits gescheiterten Aufhörversuchen endlich eine Lösung gefunden zu haben für die »Unmöglichkeit, seine Karriere zu beenden«. Toussaint interpretiert Zidane als Künstler und seinen plötzlichen Kopfstoß gegen Materazzi einerseits als »Ende eines langen Reifungsprozesses«. Andererseits ist die Tat für den Autor reine Fiktion, denn ihm selbst als Zuschauer vor Ort ist die Szene im Berliner Olympiastadion entgangen, außerdem hätte Zidanes Kopf die Brust des Italieners dem Zenon-Paradoxon zufolge sowieso nie erreichen dürfen. Zwischen diesen beiden Polen gerät ihm sein Text zum sofortigen Deutungsklassiker: »Den Weltmeisterpokal zu schwenken bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als den eigenen Tod zu akzeptieren, aber den eigenen Abgang zu vermasseln, lässt alle Perspektiven offen, die Zukunft im Dunkeln und dadurch lebendig.«

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5. Robin Meyer-Lucht

Spiegel verkehrt? In: SZ-Magazin, 31. 8. 2007.

Endlich hat mal jemand einen Status-quo-Artikel über unser aller »Spiegel Online« geschrieben. Gestützt auf seine medienwissenschaftlichen Forschungen rekapituliert Robin Meyer-Lucht, wie sich »SPON« unter dem im Jahr 2000 ernannten Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron zum Online-Leitmedium entwickeln konnte. Besonders Meyer-Luchts Beschreibung des Schreibstils ist treffend: »SPON« habe in wenigen Jahren einen bestimmten Tonfall und eine bestimmte Themenmischung durchgesetzt, zu dem der Gebrauch von Krawall machenden Überschriften ebenso gehört wie die Verwendung von kühnen Metaphern und wortspielerischen Phrasen. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Rezipienten: »Den Spiegel Online-Leser hat es nicht schon immer gegeben. Er wurde im Verlauf der letzten Jahre erfolgreich generiert. Es ist ein Leser mit hoher Toleranzschwelle gegenüber Flapsigkeit, der kurzweiligen Nachrichten-Unterhaltung nicht abgeneigt.« Die Gefahr für »SPON«-Junkies besteht dann darin, nach ständig neuen »Pseudo-Ereignissen« zu suchen, »ohne eine Vorstellung von Relevanz zu entwickeln«. Für die Redakteure ist es gleichzeitig verlockend, einer Art »Anpassungsjournalistik« zu verfallen und nur noch mit Blick auf Klickquoten zu schreiben. Trotz aller Kritik trifft auf »Spiegel Online« aber genau das zu, was Enzensberger vor 50 Jahren über das Mutterblatt geschrieben hat: »Der Spiegel ist unentbehrlich, solange es in der Bundesrepublik kein kritisches Organ gibt, das ihn ersetzen kann.«

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6. Ursula März/Claudia Schmölders

Wie sehen die denn aus? In: Die Zeit, 18. 1. 2007.

Das Interview als Gattung wirkt manchmal immer noch wie eine feuilletonistische Verlegenheitslösung, wobei es freilich darauf ankommt, wer mit wem über was spricht. Nur in wenigen Fällen wird aus dem Frage-Antwort-Spiel ein wirklicher Dialog. Bestes Beispiel dafür ist die Unterhaltung, die Ursula März mit der Physiognomik-Expertin Claudia Schmölders geführt hat. Die beiden sprechen über einige Autorenporträts und darüber, welches Image sie uns als Leser und Käufer unterschieben sollen. Mit ihrer auf den ersten Blick banal wirkenden Plauderei gelingt es ihnen, ein seit Lavater latentes Paratextphänomen manifest zu machen, indem sie einfach mal explizit exerzieren, was in der Regel immer nur implizit mitverhandelt wird. Das ist deshalb wertvoll, weil es Bewusstsein für die immer professioneller bediente und entsprechend rezipierte Kultur der Sichtbarkeit des Autors schafft. März und Schmölders konstatieren erstaunt einige Widersprüche zwischen Autorenfotos, Umschlagtiteln und Buchinhalten, denn eigentlich sei es ja immer noch so: »Weil wir annehmen, dass Literatur etwas mit dem Knacken von Problemen zu tun hat, (…) möchten (wir) eigentlich schon, dass die Disposition zur Problemlösung und Problemerfassung sich im Gesicht des Schriftstellers abbildet.« Ein schöner Satz, der gleichzeitig auch den im Vorspann erwähnten Titel eines Aufsatzes von Wilhelm Genazino paraphrasiert: »Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers«.

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7. Matthias Matussek

Die goldene Horde. In: Der Spiegel, 3. 9. 2007.

Matthias Matusseks Romantik-Artikel führt die konstitutive Hybris der Feuilletonwelt schön vor Augen. Im Grunde ist der Text eine Rezension von Rüdiger Safranskis Saisonsachbuch »Romantik. Eine deutsche Affäre«, die aber in ein empathisches Assoziationskunstwerk ausartet, das einigen Lesern aufgestoßen sein dürfte. Da Matussek einen Essay schreiben will und keine dpa-Tickermeldung, liest er seine Stichwort-Vorlage natürlich mit selektiver Wahrnehmung und wendet literaturhistorische Fakten auf passende postromantische Erscheinungen der Gegenwart an. Dabei wird der Leser zwischen Unterhaltung und Widerspruch hin- und hergeschickt: Bei dem von Matussek gezeichneten, wissenschaftlich längst überholten Novalis-Bild etwa hört man die Hagiografien des 19. Jahrhundert mit durch, aber so kann bei der Projektion der Vergangenheit auf die Gegenwart aus Friedrich von Hardenberg der »schwarze Prinz des Pop« werden. Matussek betreibt einen Argumentationsegoismus, der in diesen Einzelheiten prinzipiell nicht diskutierbar ist. Ihm geht es ums Ganze, um die Aktualisierung eines verbrauchten Epochenbegriffs. Dass er dies mit unterhaltsamen Vergleichen und gewagten Thesen tut, schlägt erst einmal eine Bresche in die Mauern der eingefahrenen Kulturberichterstattung. Und wenn dies den Protest pedantischer Leser auf sich zieht, dann ist das für Matussek sicher auch nichts weiter als eine revoltierende Lektüre im Geist der Romantik und insofern die Bestätigung seiner These.

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8. Heribert Prantl/Remigius Bunia

Die Kunstrichter von Karlsruhe. In: Süddeutsche Zeitung, 13./14. 10. 2007. / Warum stört es die Literaturwissenschaft, dass Literatur Wirkungen hat? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 10. 2007.

Im »Esra«-Urteil vom 12. Oktober 2007 wurde das Verbot von Maxim Billers gleichnamigem Roman vom Bundesverfassungsgericht letztinstanzlich bestätigt, das Persönlichkeitsrecht damit gerichtlich höher bewertet als das Recht auf künstlerische Freiheit. Aus den Kommentaren zum Urteil ragt ein gegensätzliches Textpaar heraus, das mal wieder verdeutlicht, wie oft erst die Feuilleton-Parallellektüre ein Komplettbild zeichnet. – Auf der einen Seite findet Heribert Prantl in der »SZ« das Urteil in einem negativen Sinne »spektakulär«, da es über die Grenzen der Kunstfreiheit mit einer unscharfen Je-desto-Formel entscheiden will: »Je mehr Verfremdung, desto mehr Kunst, und desto geringer die Gefahr, verboten zu werden«. Diese quantitativen Richtlinien stammen aus den exakten Wissenschaften und sind schwerlich analog auf Literatur anwendbar. Angesichts des durch das Urteil gestärkten Persönlichkeitsrechts steckt Prantl das eine Ende des Diskussionsraums ab, indem er den Aufstieg einer neuen Art von Zensur wittert. – Auf der anderen Seite schreibt Bunia in der »FAZ« gegen die herrschende Feuilleton- und Germanistenmeinung (Bedrohung der Kunstfreiheit) an: »Diese herrschende Lehre beruht auf der Annahme, dass ein fiktionaler Text eine Welt schafft, in der eigene Gesetze gelten. (…) Ein guter Leser soll das wissen und darf daher nichts aus den Romanen zurück auf die Wirklichkeit übertragen. Doch übergeht diese Lehre, dass viele Romane nahelegen, genau diese Übertragung vorzunehmen.« Deswegen kann das Label Roman eben auch kein Label sein, hinter dem man sich im Sinne der künstlerischen Freiheit alles erlauben darf. Und hier argumentiert Bunia zum Glück gar nicht banal wie viele, die nach Karlsruhe sagten: Hätte der Biller halt ein paar Namen verfremdet. Nein, er kommt mit Luhmann und zeigt, dass Literatur »nicht bloß unterhaltsam in fremde Welten entführt, sondern Tatsachen in der realen Welt schafft«.

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9. Henning Ritter

Notiz über Kitsch. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28. 10. 2007.

Unscheinbar und ohne Themenangabe stand die »Notiz über Kitsch« auf Seite 30 der »FAS« vom 28. Oktober 2007. Die Bezeichnung »Notiz« ist dabei klares Understatement. Henning Ritters Text ist ein brisanter Mini-Traktat, der gleich im ersten Satz mit der keineswegs nebenbei notierten These herauskommt: »Der Kitsch ist das letzte Tabu.« Diese These belegt der Autor nun, indem er ausgerechnet die kitschunverdächtigen Autoren Paul Celan und Walter Benjamin einem unerhörten Kitschverdacht aussetzt. Der offensichtliche Kitsch habe sich nach seiner erfolgreichen Bekämpfung zwar zurückgezogen, sei dann aber in eigentlich kitschresistente Umgebungen wie das Sprach- und Denkmaterial dieser unantastbar erhabenen Autoren eingedrungen. In herrlich unverschämter Kürze werden so zunächst die »süßlichen Farben und Klänge« der Celan’schen Lyrik als quasi-religiöse Devotionalien beschrieben. Durch das Thema seiner Gedichte (kein einziges wird genannt oder zitiert) – das Grauen – falle die Entschlüsselung nicht schwer. Wie vor einem Marienbild wisse man beim Lesen von Celan, was gemeint sei und was man jetzt fühlen solle. Auch bei Walter Benjamin macht Ritter einen »Hang zum Kitsch« aus: Benjamin selbst war geschmacklich zwar gut gegen Kitsch gewappnet, der sich dann aber im Gedanken eingenistet hat. »In diesem Refugium des Tiefsinns konnte er sich verstecken.« Diesen Umstand macht Ritter dann auch beim Dekonstruktivismus aus, denn sobald ein noch so komplexes Argument von Stimmungen ausgelöst werde, entstehe Kitsch, den Ritter mit Adorno als Schatten des objektiven Geistes beschreibt. Da die Kultur kein schlechtes Gewissen mehr habe, sei sie auch nicht mehr so vehement an einer Abgrenzung ihrer Hochformen von ihren Niederungen interessiert. Diese Feststellung der »Verkitschung des Denkens« ist ungewohnt deutliche Kulturkritik, und dass so ein unerwartet substanzieller Theorieblitz einfach mal so zwischen den kulturjournalistischen Pflichttexten stehen kann, spricht einmal mehr für das Feuilleton der »FAS«.

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10. Jan Wigger

Kaiser Chiefs – »Yours Truly, Angry Mob«. In: Spiegel Online, 20. 2. 2007.

Jan Wigger ist schon lange der wichtigste Rezensent der Gitarrenschiene mit Schwerpunkt GB. Sein Verriss des neuen Albums der Kaiser Chiefs ist absolut unfair, kurz, bündig, böse. Trotzdem ist der Text schön zu lesen. Auch wer das neue Kaiser-Chiefs-Album gut oder grandios findet: Dieser Polemik kann man sich nicht entziehen. Von »fünf Tagen meist quälender Beschallung« ist da die Rede und von »redundanter Durchschnittsware fürs Bierzelt«. Dabei wird der geniale Ohrwurm-Opener »Ruby« gar nicht erwähnt, aber solche Auslassungen kann man als Gegenstimme ruhig machen, denn darüber haben schließlich schon genug andere geschrieben.



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