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Die Box




Oktober 2007
Gregor Hufenreuter
für satt.org

»Kraftwiedergeburt des Volkes«

Die von Kulturkritik und reformerischen Ansprüchen getragene bürgerliche Heimatschutzbewegung im deutschen Kaiserreich des anbrechenden 20. Jahrhunderts ist seit einiger Zeit recht gut erforscht. Dass es politisch rechts davon einen weiteren Strang derartiger Bestrebungen in der jungen Weimarer Republik gab, ist dagegen weitgehend unbekannt geblieben. Diesem auf rassischen Prämissen basierenden ,völkischen Heimatschutz’ widmet sich Kai Detlev Sievers in seiner jüngsten Arbeit. Den Dreh- und Angelpunkt bildet für Sievers die zentrale Publikation zu diesem Thema, das 1920 erschienene Werk „Deutscher Heimatschutz als Erziehung zu deutscher Kultur!“ des Berliner Theologen und Studienrates Joachim Kurd Niedlich. Damit einher geht auch die methodisch wie inhaltliche Herausforderung dieser Studie, zu der sich der Autor auch von vornherein bekennt und die ebenfalls erklärt, warum das Thema ,völkischer Heimatschutz’ bislang in der Forschung keine umfangreichere Behandlung erfahren hat. Joachim Kurd Niedlichs Buch war der einzige Versuch, den Heimatschutz systematisch in den völkischen Ideologiekanon zu integrieren. Entsprechend schnell stellt sich die Frage nach der Relevanz einer solchen Arbeit, zumal Niedlichs Buch keine längerfristige Resonanz vergönnt war.

Kai Detlev Sievers:
Kraftwiedergeburt des Volkes.
Joachim Kurd Niedlich und
der völkische Heimatschutz

Verlag Könighausen & Neumann, Würzburg 2007

Kai Detlev Sievers: Kraftwiedergeburt des Volkes. Joachim Kurd Niedlich und der völkische Heimatschutz

366 S., 48,00 Euro
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Dennoch sprechen zwei Punkte für die Notwendigkeit einer solchen Studie: Zum einen war Joachim Kurd Niedlich eine prominente Schlüsselfigur bei der Begründung und Etablierung einer deutschchristlichen Glaubenslehre, die Jesus zum Arier erklärte und den christlichen Glauben gleichermaßen arisierte bzw. vom Judentum und den jüdischen Wurzeln zu trennen versuchte. Getragen und verbreitet wurden diese Gedanken von der in einigen General- und Provinzialsynoden der evangelischen Kirche vertretenen „Deutschkirche“, die als geistige Vorläuferin der von den Nationalsozialisten geförderten „Deutsche Christen“ betrachtet wird. Niedlichs Bekanntheitsgrad und Einfluss innerhalb der völkischen Bewegung sollte somit nicht unterschätzt werden. Zum anderen kann sein Buch als ein Fallbeispiel betrachtet werden, mit dessen Hilfe ein Thema innerhalb der Bewegung auf die Agenda gesetzt und zur weiteren Behandlung und Besprechung freigegeben wurde und darüber hinaus in idealtypischer Weise einen Einblick in das synkretistische Wesen der völkischen Weltanschauung gibt.

Die Studie ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil konzentriert sich auf die Biographie Joachim Kurd Niedlichs und seziert den Inhalt seines Buches zum völkischen Heimatschutz. Hierbei geht Sievers besonders auf die von Niedlich angestrebte Symbiose von Heimatschutz, Erziehung, Religion und Kultur ein, die in der für das völkische Denken typischen Form als untrennbarer Einheit verstanden wurden. Der zweite Teil widmet sich ideologischen und organisatorischen Vorläufern und Vordenkern der völkischen Bewegung, für die Joachim Kurd Niedlich mit Beginn der Weimarer Republik stand. Sievers behandelt hierbei besonders die von Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Ludwig Jahn getragene Deutsche Bewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts, benennt ihre wichtigsten und einflussreichsten Autoren und verweist mit dem deutschen Nationalprotestantismus und der völkischen Bewegung des wilhelminischen Kaiserreiches auf die beiden ideologisch wie organisatorisch elementaren Bezugsgrößen in Niedlichs Denken und Handeln.

Der dritte Teil widmet sich den Autoren, die Niedlich in seinem Buch als wissenschaftliche und literarische Referenzen und Quellen benennt. Sievers stellt diese kurz in Leben und Werk vor und teilt sie in die geistig führenden Köpfe des 19. Jahrhunderts sowie Schrittmacher und Protagonisten von Niedlichs völkischem Heimatschutz ein. Deutlich wird hierbei, dass Niedlich auf keinerlei Vordenker in Bezug auf den völkischen Heimatschutz zurückgreifen konnte, sondern in seinem Buch auf ein Konglomerat von Autoren Bezug nahm, die auf nahe gelegenen und für ihn wesentlichen Teilgebieten Publikationen hinterlassen hatte, die er für seine Heimatschutzgedanken vereinnahmen und instrumentalisieren konnte. Insbesondere arbeitet Sievers hierbei heraus, dass Niedlich dabei hauptsächlich auf Autoren zurückgriff, die, wenn auch meistens nationalistisch, alles andere als völkisch waren, aber auf Grund ihrer von Niedlich benötigten wissenschaftlichen Kompetenz herangezogen werden mussten, da entsprechende Qualifikationen auf völkischer Autorenseite fehlten.

Im letzten Teil konzentriert sich Sievers auf inhaltliche wie ideologische Teilaspekte von Niedlichs völkischem Heimatschutz. Weltanschauliche Einzelbausteine wie Körper, Kleidung, Religion, Familie oder Kunst unterzieht er hierbei einer genaueren Betrachtung, geht auf ihren Stellenwert im völkischen Wertehimmel ein und achtet besonders auf ihre bisherige Behandlung innerhalb der völkischen Publizistik. In der Schlussbetrachtung lässt Sievers dann etwas überraschend eine ausgesprochen gut recherchierte und unerwartet dichte Darstellung der Rezeption von Niedlichs Buch folgen, das 1926 auch eine zweite Auflage erlebte. Sie zeigt auf, dass völkische Publikationen außerhalb der völkischen Bewegung als durchaus ernstzunehmende Veröffentlichungen der Zeit wahrgenommen wurden und wenngleich inhaltlich wie ideologisch kritisiert, lobende Worte ernten konnten.

In diesem Ergebnis liegt eine der Stärken der gut lesbaren Arbeit von Kai Detlev Sievers. Zwar hätte der vierte Teil inhaltlich etwas gestrafft werden können, doch es gelingt Sievers, die weit verästelte und synkretistische völkische Weltanschauung exemplarisch an einem Autoren und einem Werk zu veranschaulichen und auf deren Basis die Vorläufer dieses Denkens, die verwendeten Quellen und Vorlagen und die inhaltlichen wie ideologischen Problemlagen und Defizite der völkischen Bewegung gezielt aufzuzeigen.