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Die Box




September 2007
Sigrid Gaisreiter
für satt.org

Kunst(w)orte

Noël Riley Fitch,
Andrew Midgley:
Künstlercafés in Europa.
Wo Kafka schrieb
Matisse malte und
Freud Schach spielt


Umschlagabbildung

Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. München 2007. Geb., 160 S., zahlreiche farbige Abb., € 39,90
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In München steht nicht nur das Hofbräuhaus, sondern auch eines der berühmtesten Künstlercafés Deutschlands, das Café Luitpold. Es öffnete 1888 seine Pforten, 2004 gab es eine kleine Ausstellung zu dessen Geschichte. Zwar bevorzugen heute Künstler Schumanns Bar, aber das Traditionshaus, in dem Frank Wedekind aber auch die legendäre Gruppe 47 verkehrte, hat immer noch einen guten Ruf. In Autorenkreisen nicht minder bekannt ist das Hawelka in Wien. Umsorgt vom legendären Ober Fritz trafen sich hier H.C.Artmann, Konrad Bayer und Gerhard Rühm. Dieser wichtige Künstlertreff wurde von der Autorin Noël Riley Fitch in ihrem Führer europäischer Künstlercafés allerdings nicht erwähnt. 43 Etablissements suchte sie mit dem Fotografen Andrew Midgley auf und porträtiert sie in einem ansprechenden Bildband.

Vor dem Start zur ihrer Rundreise erzählt Fitch allerlei Wissenswertes zum Kaffee und zu den Häusern, die nach dem Getränk benannt wurden. Als Import aus dem Orient trat das Kaffeehaus im 17. Jahrhundert seinen Siegeszug in Europa an, beflügelt von der Aufklärung stand dieser Ort gesellschaftlichen Austauschs jedermann offen. Kaffeehäuser, so Fitch, "bildeten das Rückgrat" der gesellschaftlichen Emanzipation des Bürgertums. Ende des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wird in der Geschichte des Cafés ein neues Kapitel aufgeschlagen. War es zunächst ein Ort zur Etablierung einer Mittelklassekultur, eroberten Avantgardisten, die dezidiert "gegen die bourgeoise’ Kunst und Literatur“ antraten, sich diesen Ort.

Fitchs Tour beginnt in Paris, das es allein auf zehn Häuser bringt. Den Spitzenplatz nimmt das Café du Dôme am Boulevard du Montparnasse ein. Leider fällt dessen Porträt etwas zu knapp aus. Immerhin verstand sich eine Gruppe von Künstlern als "Dômiers", als "Familie", wie der deutsche Maler Hans Purrmann enthusiastisch berichtete. Zusammen mit anderen heckte er dort den Plan zu einer von Henri Matisse geleiteten Kunstschule, der "Academie Matisse" aus. Dessen deutsches Pendant, das Romanische Café in Berlin gegenüber der Gedächtniskirche, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut. Auf farblich unterlegten Flächen weist Fitch sowohl auf nicht mehr existierende als auch auf nicht im allgemeinen Teil besprochene Cafés hin. Berlin ist mit dem Wintergarten Café im Literaturhaus in der Fasanenstraße vertreten. Auch hier vermißt man Weiterführungen, denn Künstlerreffs im östlichen Teil Berlins werden nicht erwähnt. Fitchs Flanieren hat seinen Reiz, es tritt viel Kunstprominenz auf und ihr Plauderton trägt dazu bei, Lust auf einen Besuch eines dieser Cafés zu wecken. Erleichtert wird dieser durch ein umfangreiches Adressenverzeichnis und Links ins WWW.

Cordula Seger, Reinhard
G. Wittmann (Hrsg.):
Grand Hotel.
Bühne der Literatur


Umschlagabbildung

Hamburg 2007. Geb., zahl-
reiche farbige Abb., € 19,80
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Einem nicht minder ergiebigen literarischen Schauplatz, Hotels, sind zwei Publikationen auf der Spur. Das Literaturhaus München konzipierte eine Wanderausstellung zum Thema Schriftsteller und Hotels, die nach München noch in Meran und ab Mitte Dezember 2007 bis Anfang März in Berlin zu sehen sein wird und von einem Katalog begleitet wird, den Cordula Seger und Reinhard G. Wittmann herausgaben. Das Münchner Projekt konzentriert sich auf Grand Hotels, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, rasch zur Bühne rauschender Feste und unterschiedlichster Selbstinszenierungen wurden. Der Schriftsteller Raoul Schrott bezeichnete sie als "die eigentlichen Tempel unseres Jahrhunderts", andere assoziierten Märchen aus Tausendundeine Nacht, in jedem Fall aber generierte die bunte Zusammensetzung der Gäste Geschichten über Geschichten. Was lag da näher, als sich dort einzuquartieren und über diesen Mikrokosmos zu schreiben, wären da nicht hohe Preise für Kost und Logis. Sie bewogen einen der Kaffeehausliteraten, Peter Altenberg, sich im Hotel Adlon in Berlin den Aufenthalt durch das Erzählen von Geschichten zu verdienen. Das Adlon gehört wie das Ritz, das Oriental oder das Palace, schon die Namen klingen gut, in die Kategorie gehobener Hotelerie. Die Herausgeber führen in den ersten Kapiteln gekonnt in diese Welt des Luxus und der Moden ein, ehe der Salon geöffnet wird. Biographien und Werke ordneten die Herausgeber verschiedenen Lokalitäten, wie Rezeption, Halle oder Lift innerhalb eines Hotels zu und versammelten zehn international bekannte Autoren, die der Luxusherberge literarisch ein Denkmal setzten. Zum Stelldichein erschienen Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Friedrich Dürrenmatt, Klaus und Thomas Mann, Vicki Baum, Marcel Proust, Agatha Christie, Stefan Zweig und Vladimir Nabokov, der die letzten 16 Jahre seines Lebens in Montreux im Hotel Le Montreux Palace verbrachte. Politisch motiviert war dagegen der Aufenthalt von Klaus Mann im kleinen Hotel de la Tour in Sanary-sur-mer, das, so der Autor dieses Abschnitts, Frederic Kroll, "zu einem der wichtigsten Sammelpunkte" der Gegner des Nationalsozialismus wurde. Joseph Roth, auch er auf der Flucht vor den braunen Schergen, quartierte sich zwar in einem Hotel in Wien mit nobler Adresse ein, bewohnte selbst aber nur ein billiges Zimmer. Überaus kurzweilig gestalteten die Herausgeber den Band, der viele Abbildungen von Hotelrequisiten, Kofferaufkleber oder Briefpapier, enthält.

Liz Künzli (Hrsg.):
Hotels. Ein literarischer Führer


Umschlagabbildung

Berlin 2007. Geb., 192 S.,
120 s/w Abb., € 24,95
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Es trifft sich gut, dass Liz Künzli ebenfalls der Verbindung von Literatur und Hotel auf der Spur ist. Die Autoren gestaltet das Entrée knapp, ein paar einführende Worte reichen und schon ist man mittendrin, in einem geographisch geordneten Mikrokosmos. Auch Künzli hat viele Anekdoten parat, die das Leben von Literaten in Hotels, auch kleinere Häuser und auch außereuropäische Lokale spielen hier mit, plastisch werden lassen. Arthur Miller gilt als scharfer Beobachter, fällt ihm doch der an den Ärmeln ausgefranste Frack des Concierge im Hôtel du Pont Royal auf, auch John Dos Passos schaut genau hin, auf den wunderbaren Kachelofen des Hotels Traube in Schruns. Ein Kollege der beiden, Oscar Wilde, vertritt den Typ des armen Poeten. Er konnte die Rechnung des Hotels Marsollier nicht begleichen, wurde auf die Straße gesetzt und dann vom Wirt des Pariser Hôtel d'Alsace gerettet, der nicht nur die alte Rechnung beglich, sondern den Geschundenen bei sich aufnahm. Die Liste turbulenter Geschichten ist lang, doch noch mehr interessiert, wie Hotelerlebnisse literarisch bearbeitet wurden oder fiktives Personal in den Häusern positioniert wurden. Dabei ergeben sich zum Ausstellungskatalog einige Überschneidungen, so mit Marcel Proust, Vladimir Nabokov, Joseph Roth, Friedrich Dürrenmatt und Thomas und Klaus Mann.

Für Bertolt Brecht bot das Hotel die Möglichkeit, ein Leben wie im Roman zu führen, das sahen wohl auch Kollegen so, denn die Atmosphäre von Hotels wirkte sich positiv auf literarische Inspirationen aus. Während die Wirtin des Le Tournon in Paris Joseph Roth einen Pernod nach dem anderen kredenzte, entstand dort Roths "Legende vom heiligen Trinker". Ebenso legendär die zauberbergische Residenz von Hans Castorp in Davos, Sinclair Lewis brachte 1930 seinen Titelhelden, Sam Dodsworth im Adlon in Berlin unter, ein Erlebnis im Hotel Grande Bretagne in Athen, wo Graham Greene auf den Filmproduzenten Alexander Korda wartete, fand eine literarische Existenz in dessen Roman "Heirate nie in Monte Carlo". Zu einer Heirat von Goethe und Charlotte Kestner, Vorbild für Goethes Lotte im "Werther" kam es bekanntlich nicht, Thomas Mann verarbeitete den Stoff in "Lotte in Weimar" und schickt die Hofrätin ins dortige Hotel Elephant. Gigantisch auch Jack Kerouacs "Unterwegs", das er auf 40 Metern Telexpapier im New Yorker Chelsea schrieb.

Vergnüglich, kurzweilig erzählen alle drei Autoren aus der Welt der Künstler. Vollständigkeit wurde nicht angestrebt und das wäre wohl auch nicht zu schaffen. Einige Lücken sind jedoch auffällig. So fehlt das berühmte Künstlerhotel Algonquin in Manhattan, in dem sich ein Kreis von Literaten und Schauspielern seit 1919 traf. Auch von Bedeutung ist das Lutetia in Paris, Treffpunkt für Henri Matisse, Pablo Picasso, André Gide und andere Avantgardisten. Sei es drum, eine künstlerische Weltreise, sonderbare Erlebnisse und literarische Träume in Räumen wurden liebevoll in Szene gesetzt.