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Die Box




März 2007
Enno Stahl
für satt.org

Diskursmaschinen

„Krippenplätze“, „Gebärmaschinen“, selbstverständlich ist die Diskussion um die Familienpolitik, die Frage, wie Eltern Broterwerb und Erziehung unter dem Druck der neo-liberalen Wirtschaft bewältigen können, nur ein weiteres Thema in der stets um sich selbst kreisenden deutschen Diskursfabrikation. Nächste Woche wird es abgelöst von Tempolimit, illegaler Einwanderung oder Kampfschimmelbefall bei Bio-Gemüse.

Jedes Mal treten dann diese ausgewiesenen Expertenrunden zusammen, zu Infotainment und humorigem Klingenkreuzen. Neulich etwa bei Frank Plasberg: Däubler-Gmelin, Iris Radisch, als Alibi-Mann ein CSU-Typ, dessen Name nicht eingeblendet wurde, und natürlich Eva Herman, streitbare Gegen-Emanze auf Buch-Marketing-Tour. Als Zugabe eine Frau aus dem Volk, Arzthelferin mit drei Kindern, die nicht allzu viel zu sagen bekam.

Der Stellungskrieg zwischen Herman und der unbarmherzigen Schwäbin Däubler-Gmelin entbehrte nicht gewisser Reize. Die SPD-Amazone demonstrierte einmal mehr, dass der Sinn politischer Auseinandersetzung im effektiven Abwürgen der Kontrahenten besteht. Eva Herman rang nach Worten, jedoch, in meinen Augen hatte sie irgendwie die falsche Frisur. Ich würde mir da eher so was Geflochtenes vorstellen, Modell Eva Braun. Iris Radisch erklärte die gesamte Diskussion für grundverkehrt, sie gehe schlicht an der Realität vorbei. Damit hat sie zwar Recht, aber aus einem anderen Grund, als sie denkt. Als der CSU-Mann schüchtern die sprichwörtliche Single-Mutter an der Supermarkt-Kasse einbrachte, fuhr sie ihm barsch über den Mund, Frauen heute arbeiteten in ganz anderen, gehobenen Zusammenhängen, mit dem Supermarkt, das sei doch nur ein Klischee.

In der Tat, hier redete gleich mit gleich, die soziale Mehrheit und ihre Probleme wurden nicht verhandelt, wie auch? In der Medienwelt herrscht eine Promi-Aristokratie, die öffentliche Meinung als Dienstleistung betreibt. Alle möglichen Branchen mengen mit, Politprofis natürlich und TV-Größen. Manche beschäftigen sich mit Büchern, andere mit Bällen, Fußbällen. Sie jetten von Show zu Show und äußern Überzeugungen, die deutsche Politik wird längst so gemacht. Trotz scheinbarer Differenzen sitzen sie alle im selben Boot, dem Luxusliner der Besserverdienenden. Sie sind das Patriziat unserer Zeit, die schweigende Mehrheit bleibt ausgespart. Immerhin kommt die an anderer Stelle zu ihrem Recht. Sie hält öffentliche Plebiszite ab, ihre Volkstribune heißen Britt oder Andreas Türck, wenn der nicht gerade wegen Vergewaltigung sitzt.

Der Unterschied zum alten Rom: es gibt keine Verbindung zwischen beiden Sphären, keiner weiß vom anderen, was er macht, wie und wovon er lebt. Deshalb sind die Fernsehtalks so weggetreten, so weltfern. Die Patrizier sprechen über ihr kleines Ghetto, weit weg von Wedding und Chorweiler, es ähnelt sich täuschend, Parteibuch egal. Ihnen scheint es große Welt, aber in Wirklichkeit ist es klein, ein kleines Gebiet, virtuell zudem. Worüber sie sich streiten? Reine Abstraktionen, der Plebs wird nie wissen, was sich dahinter verbirgt, das Private, das Verlogene, die Wahrheit.

Die Zukunft? Irgendwann werden die Medien-Patrizier Stellvertreter schicken, Androiden, die spulen das Programm ab, das man ihnen eingetrichtert hat. Einen Unterschied macht das nicht.



Erstveröffentlicht in Jungle World