Anzeige:
Die Box




Oktober 2006
Manske
für satt.org

Gerhard Henschel: Gossenreport
Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung. Mit einem Gastbeitrag von Hermann L. Gremliza.
Edition Tiamat 2006

Gerhard Henschel: Gossenreport.

192 S., 14,00 €
   » amazon

Gerhard Henschel:
Gossenreport

Die Bild-Zeitung dreckig, abstoßend und widerlich zu finden: Ist das eigentlich noch cool oder schon wieder total uncool? Tatsächlich scheint es in gewissen Bildungsbürgerlichen Kreisen, so es die noch gibt in diesem Land, en vogue zu sein, an der Springer-Presse und ihren Ausdünstungen nichts Beklagenswertes zu finden. Ich kann mich jedenfalls an Begegnungen mit Menschen erinnern – leitende Angestellte in diesem Fall –, deren moralische Integrität ich ansonsten als lückenlos beurteilen würde, die trotzdem der Meinung waren, täglich Bild zu lesen sei notwendig, um sich in den Lebenswelten ihrer Mitarbeiter zurechtzufinden, Zitat: „Damit ich weiß, was die Leute so denken!“ Wer sich, wie ich, regelmäßig über die sexistischen Schlagzeilen und menschenzerstörenden Artikel der Springer-Presse aufregt, erntet meist nur noch ein von mitleidigem Lächeln begleitetes Achselzucken: Na klar ist das Schwachsinn, was da drin steht, aber doch auch amüsant zu lesen! Na klar, Menschen sind Schweine und wollen im Dreck der anderen wühlen wie ihre Artgenossen auch, wollen wissen welche Brüste echt sind und welche „gemacht“ und wer wen an welchem Pool welches Nobelhotels wieder durchgepimpert hat, möglichst mit Beweisfotos. Dass es in Deutschland keine andere Zeitung gibt, die ähnlich viele „Leser“ hat wie Bild, ist also leicht zu erklären.

Gerhard Henschel zeigt in seinem Buch „Gossenreport“, dass der wahre Skandal ganz woanders steckt, nämlich in der Tatsache, dass Politiker, Kulturschaffende, Aushängeschilder der demokratischen Gesellschaft sich täglich in die Hände der „Sexualnachrichtenkaschemme“ (Henschel) begeben, sich dort interviewen lassen, Essays veröffentlichen und ihre gesittete Meinung zum Besten geben. Dass selbst der Papst den Chefredakteur Kai Diekmann in Privataudienz empfängt, um sich von ihm die „Bild-Bibel“ überreichen zu lassen, die Bibel-Edition also eines Periodikums, das täglich in seinem Anzeigenteil „Bumskontakte“ en masse anbietet, ist vielleicht die abstruseste Volte, die die Geschichte des Springer-Konzerns bisher schlagen konnte.

Henschels brillant sarkastisch geschriebener „Gossenreport“ wird keinen Bild-Leser davon abhalten, dieses Blatt auch weiterhin jeden Morgen in die Hand zu nehmen, es wird die Welt auch nicht entscheidend besser machen – diese Hoffnung sollte man sich abschminken. Das Buch ist eher gedacht für all die, die uns einmal nachfolgen werden: als Mahnmal dessen, was in heutiger Zeit alles möglich war, im übrigen auch als Anstoß zu einer Debatte darüber, ob die Pressefreiheit uns diesen Sumpf wert ist. So gesehen liefert „Gossenreport“ auch einen wichtigen Beitrag zur laufenden „Unterschichten-Debatte“: Der „Tagesspiegel“ schrieb unlängst, wer nachdenken könne und lesen, der gehöre nicht zur Unterschicht, ungeachtet wie knietief er im Dispo stecke. Umgekehrt kann man mit Henschel sagen: Wer sich mit der Bild-Zeitung einlässt, und hat er noch so viele Moneten auf der Bank, der ist arm dran, denn „der hat seinen Geist aufgegeben“.