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Die Box




Juni 2006
Enno Stahl
für satt.org

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Marc Degens kommentiert den Artikel "Prekariat und Kopf" (dieGesellschafter.de)


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Prekariat und Kopf

Ein Begriff geistert durch die Lande, kaum weiß man mehr, woher er kam, doch auf einmal ist er allgegenwärtig - der Begriff des Prekariats. Das Wort ist eine Mischung aus “prekär“ und Proletariat. Die Soziologie reagiert damit auf das überproportionale Anwachsen so genannter “prekärer“, unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, worunter alle Formen der Nicht-Festanstellung zu verstehen sind: ABM, Selbstständigkeit, Leih- und Zeitarbeit, geringfügige Beschäftigungen. Damit korrespondiert der Begriff des “prekären Wohlstands“, den solche befristeten und wenig abgesicherten Anstellungen eben nur auf Zeit garantieren.

Offiziell gilt die Quote dieser angeblich “atypischen“ Arbeitsverhältnisse noch als eher gering (in Deutschland liegt sie nach Angaben des Statistischen Bundesamts etwa bei 10%), tatsächlich ist sie aber aufgrund der Vielgestaltigkeit des Phänomens kaum verlässlich zu quantifizieren. Illegale, Schwarzarbeiter oder Nebenverdienstler tauchen hier nicht auf. Sicher ist jedoch, dass die so genannten “Normalarbeitsverhältnisse“ seit Mitte der 70er Jahre von etwa 80% auf nurmehr 63% in Deutschland zurück gegangen sind. Neue Jobs werden fast ausschließlich befristet vergeben, in einigen Ländern Westeuropas zu 90%, auch in Deutschland sind bereits zwei Drittel aller Neuanstellungen davon betroffen.

Das Phänomen Prekarisierung ist jedoch ebenso wenig neu wie seine begriffliche Fassung, spätestens seit Mitte der 90er Jahre haben Soziologen wie Sergio Bologna, Pierre Bourdieu, Robert Castel und sogar Ralf Dahrendorf auf diese neue, gesellschaftliche Formation hingewiesen. Seine jetzige Aktualität hat das Prekariat jedoch durch die französischen Schüler- und Studentenproteste bekommen, jetzt insbesondere im Hinblick auf die Prekarisierung von Akademikern. Gerade in Frankreich wird die “Klasse“ der “prekären Intellektuellen“, wie Marine und Anne Rambach sie in ihrem 2001 erschienenen Buch “Les Intellos précaires“ thematisiert haben, seit Jahren diskutiert.

Das Problem prekärer Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse auf Akademiker zu beschränken, verkürzt das Problem jedoch in pikanter Weise, denn andere Gruppen haben in weit größerer Weise darunter zu leiden. Prekarisierung reicht von migrantischen Putzkräften und den neuen “Techno-Sklaven“ der Computer-Start-ups bis in den Dienstleistungsbereich großer Unternehmen oder zu wissenschaftlichen Mitarbeitern, die auf der Basis noch recht lukrativer Werk- und Projektverträge arbeiten. Man muss hier also unterscheiden zwischen hochqualifiziertem und subproletarischem Prekariat (so etwa bei Pierre Bourdieu oder Mario Candeias), die Arbeitsbedingungen sind dabei - nicht nur in finanzieller Hinsicht - absolut verschieden. Gemeinsam ist diesen Beschäftigungsverhältnissen jedoch ein Gefühl der Unsicherheit. Eine nicht-kalkulierbare Zukunft, was sich natürlich auch auf die Familienplanung auswirkt, die gesteigerte Angst vor Krankheit mangels einer sozialen Absicherung wie bei “Normalarbeit“, aber auch die Begegnung mit rechtlich besser gestellten Kollegen - all das konturiert ein neues Profil von Erwerbsidentität.

Der Widerspruch zwischen einer fest angestellten Schreibkraft im öffentlichen Dienst und dem “prekären“ Wissenschaftler mit Einjahresvertrag, ohne dessen Arbeit die Sekretärin nichts zu tun hätte, bürgt nicht unbedingt für Ausgleich. Selbstverständlich macht es einen Unterschied, ob ein Busfahrer als Verdi-Mitglied im Quasi-Beamten-Status tätig ist oder ob er als russisch-stämmiger Spätaussiedler absicherungslos dieselbe Arbeit für erheblich weniger Geld macht, jede Sonderschicht annehmen muss, selbst Weihnachten und feiertags, weil die Mitarbeiter seiner Klientel, die Busfahrer 2. Klasse, die ersten sind, die fliegen. Für innerbetriebliche Konkurrenz ist damit gewiss gesorgt, für sozialen Frieden jedoch kaum.

Der Druck der prekär Beschäftigten ist so oder so ein anderer: ihre Arbeit steht beständig auf dem Prüfstand. Ob semi-abhängige Projektmitarbeiter oder Freiberufler, sie sehen sich einer kontinuierlichen Leistungskontrolle ausgesetzt. Erledigen sie einen Job nicht so oder in dem Zeitrahmen, den der Auftraggeber vorgegeben hat, kann das Engagement sofort beendet werden, und ein anderer bekommt den Zuschlag.

Die Projektförmigkeit der neuen Arbeit führt zu erheblich strafferen Terminvorgaben, was - wie neuere Untersuchungen zeigen - eine zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Freizeit nach sich zieht – bis zu einem Punkt, wo von einem Leben neben der Arbeit eigentlich keine Rede mehr sein kann. Gerade im Dienstleistungsbereich, etwa der IT-Branche, gilt das im übrigen nicht nur für prekär Beschäftigte, sondern auch für fest angestellte Mitarbeiter. Wenn man aber daran denkt, wie viele solcher Unternehmen jährlich Insolvenz anmelden, muss man wohl auch solche (Pseudo-)Normalarbeitsverhältnisse in hohem Maße als unsicher auffassen.

Ist das wirklich alles nur ein Zufall? Gerade in Bezug auf die hoch qualifizierten Prekarisierten fällt doch auf, dass die Wirtschaft durch das Instrument der Befristung ihre Abhängigkeit von diesen intellektuellen Arbeitskräften erheblich reduziert. Da die Disziplin der Fließbänder hier nicht länger greift, lassen sich die kreativen und gut ausgebildeten Mitarbeiter der Medien-, Computer- und Telekommunikationsindustrien durch unsichere Anstellungsverhältnisse in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit natürlich leicht bändigen. Wer kann sich schon Widerspruch oder gar Widerstand erlauben?

Selbst in den Wissenschaften, die doch eigentlich für Kontroverse und Diskussion offen sein sollten, erscheint eine freiwillige Unterwerfung unter den akademischen Status Quo, ein Verzicht auf allzu scharfe Kritik am Gegebenen empfehlenswert, denn hier tobt der Wettbewerb mindestens ebenso unbarmherzig wie in der freien Wirtschaft.

Solidarische Maßnahmen sind kaum vorstellbar, zumal die neuen Formen der Arbeitsorganisation ein ganzes Bündel von Instrumenten anbieten, um die Konkurrenz zwischen den Mitarbeitern anzuheizen. Alle werden dazu angehalten, sich mit der ganzen Person in das Unternehmen einzubringen, mit der Bereitschaft zur permanenten Fortbildung, zu einem Einsatz weit über die Normalarbeitszeit hinaus. Der Einzelne wird quasi zum “Arbeitskraftunternehmer“, zum unternehmerischen Subjekt, das sich auf dem simulierten, innerbetrieblichen Markt zu behaupten hat. Zwangsläufig trägt das zur Vereinzelung bei und führt dazu, Mitarbeiter nicht mehr als Verbündete, sondern als Widersacher zu betrachten. Dem Kapital gelingt es auf diese Weise, eine Schicht von ansonsten schwer gängelbaren Mitarbeitern zu domestizieren, und die eigene Erpressbarkeit, die sich durch hoch elaborierte Arbeitsprozesse zwangsläufig eingestellt hat, zu minimieren.

Insofern ist der französische Protest folgerichtig. Ohnehin ist er - trotz des aktuellen Aufhängers, nämlich dem Gesetz zur Aufhebung des Kündigungsschutzes für Berufsneuanfänger – nur ein weithin sichtbares Anzeichen für eine europaweite Initiative, die sich um die “Prekarisierungs“-Thematik gebildet haben, etwa die französische “Act up Paris“, die “Disobbedienti Milano“, das Amsterdamer Prekäre Netzwerk oder die spanische Gruppe “Precarias de Derivas“. Seit 2001 fanden in verschiedenen europäischen Metropolen so genannte Mayday-Paraden mit einer wachsenden Zahl von Demonstranten statt, die “für ihre Organisierung und für soziale Rechte als Weg aus der verallgemeinerten Prekarität auf die Straße gingen.“

Kann aus dieser neuen sozialen Bewegung wirklich ein längerfristiger Widerstand erwachsen? Aus ihrer eigenen Kraft wohl kaum, denn sie birgt in ihrer Struktur eine Aporie: sie beruht auf der Solidarität von Leuten, die ihrer sozialen Position nach zu Einzelkämpfertum verdammt sind. Das macht sie käuflich, jeden von ihnen, das Kapital braucht dazu nicht mehr, als das Angebot einer Festanstellung einzusetzen. Der Widerstandsgrund wäre damit hinfällig. Und wer weiß, ob nicht die charismatischen Führer der Studenten- und Schülergewerkschaften, die im Fernsehen beständig ihre mediale Tauglichkeit unter Beweis stellen können, diesen Protest nicht längst auch als persönliches Karrieresprungbrett sehen und nutzen werden.

Außerdem: was ist eigentlich die Alternative? Eine Rückkehr zum Normalarbeitsverhältnis ist unrealistisch, denn eine Vollbeschäftigung unter diesen Umständen wird es nicht mehr geben. Zudem handelt es sich dabei um ein Konzept, das ja mit einigem Recht durchaus kritisch zu sehen ist; will sich die französische Jugend also nur mit aller Gewalt in ein Ausbeutungsverhältnis hineinstreiken?

Das innere Ferment ist also bröckelig, und auch wenn die Industriegewerkschaften die momentane Mobilisierung für sich verwenden, wird sich kaum ein Verbindungselement zu Vertretern anderer gesellschaftlicher Gruppen konstruieren lassen - weder zur Industriearbeiterschaft noch zu den Arbeitslosen. Letztere befinden sich ja in direkter Konkurrenz zu den Prekären, die doch wenigstens eine zeitweilige oder geringfügige Beschäftigung innehaben. Viele der Langzeitarbeitslosen sehen sich dagegen mit der desillusionierenden Erkenntnis konfrontiert, dass sie gar nicht mehr gebraucht werden - jetzt und auch in Zukunft nicht mehr. Sie sind eine Klientel gänzlich ohne Lobby. Die Gewerkschaften etwa, die vorgeblich auch für die Belange der Arbeitslosen sprechen, sind durch ihre besitzstandswahrende Funktion in Wirklichkeit konträre Partei. Ihr veralteter Arbeitsbegriff (inklusive Arbeitsethos und Arbeitswert) muss sie ja zwangsläufig gegen jede Form von Arbeitsverteilung in größerem Stil einnehmen. Nur daher rührt denn auch ihr Engagement gegen das Prekariat, das sich in seiner Motivation wohl kaum mit dem der Prekarisierten decken dürfte. Denn viele der prekär Beschäftigten, besonders der höher qualifizierten Bereiche, wollen ja die einmal erreichte Freizügigkeit mit selbstständiger Zeiteinteilung und Eigenverantwortung nicht missen. Sie werden wenig Interesse daran haben, sich traditioneller Lohnarbeit mit allem, was dazu gehört, zu unterziehen.

Gleichzeitig sind jene Personen, die in prekären Beschäftigungen arbeiten, trotz allen Sympathiebekundungen von Seiten der Gewerkschaften ja gerade der Dorn in deren Auge. Denn je mehr Menschen sich - aus simpler Existenznot - auf diese unsicheren Arbeitsverhältnisse einlassen, desto stärker schwindet der Einfluss der Gewerkschaften, desto höher wird der Druck auf die Normalarbeitsverhältnisse. Das heißt, die Gewerkschaften stehen letztlich ebenso wie die Industriearbeiter, die sie vertreten, in Interessengegnerschaft zum Prekariat, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheinen mag.

Neben diesen handfesten Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Beschäftigten- bzw. Nicht-Beschäftigten-Gruppen ist aber auch die Heterogenität der prekarisierten “Klasse“ ein Grund für die Brüchigkeit des sozialen Zusammenhalt. Denn die Hierarchieverhältnisse zwischen den verschiedenen Mitgliedern dieses “neuen Standes“ lassen sich nicht einfach so wegwischen, der selbstständige Geisteswissenschaftler, der über Projektverträge irgendwo im Bereich von BAT IIa alimentiert wird, hat doch recht wenig Berührungspunkte mit der Putzfrau, die im selben Institut auf 1-Euro-Basis tätig ist. Wie sollten sie eine gemeinsame soziale Forderung formulieren? Versuche von Aktivistengruppen, getreu multikulturalistischer Diskursregeln gerade die Unterschiede herauszustreichen, also zwischen Prekarisierung nach Geschlecht, Ethnie oder Nationalität, zwischen proletarischem und kulturellem Prekariat zu differenzieren, verschärfen diese Gegensätze noch. Sinnvoller wäre es, die Gemeinsamkeiten zu formulieren, damit die Betroffenen sich über alle Grenzen hinweg als Leidensgenossen begreifen können.

Soziale Sprengkraft birgt die Situation so oder so, diese liegt aber wohl mehr in einer strukturellen Krise der Verwertungsgesellschaft selbst begründet, denn naturgemäß führt die gesellschaftliche Verunsicherung, die in der Zukunft sicher nicht abebbt, sondern sich noch ausweiten wird, zu einer wachsenden Belastung auf den Absatzmärkten. Schon jetzt liegt ja das Problem der Wirtschaft in der mangelnden Kaufkraft; je deregulierter der Arbeitsmarkt, desto stärker werden da Vorsicht und Konsumverzicht durchschlagen. Wenn für weite Teile der Bevölkerung die Aussicht besteht, jederzeit aus einem befristeten Anstellungsverhältnis in Hartz IV abrutschen zu können, animiert das nicht gerade zu freudigem Konsum, von dem eine wachsende Zahl von Niedrigentlohnempfängern ja ohnehin ausgeschlossen ist.

Auf längere Sicht ist zudem eines sicher: zwar vernichten prekäre Beschäftigungen sukzessive die Normalarbeitsverhältnisse, sie schaffen aber nicht mehr Arbeit. Die Konjunktureffekte, die das Kapital durch den strukturellen Wandel hin zur “billigen Arbeit“ der Prekarisierten erreichen wird, bleiben kurzfristig. Denn die grundlegende Entwicklung, die der kapitalistischen Rationalität innewohnt, dass die anfallende Arbeit von immer weniger Menschen erledigt werden kann, wird letztlich auch auf prekäre Beschäftigungsverhältnisse durchschlagen und ein immer größeres Missverhältnis herstellen zwischen Leuten, die noch arbeiten, und solchen, die dazu nicht mehr gebraucht werden. Auf eine soziale Ausgrenzung dieses Formats, man denke etwa an eine “50-Prozent-Gesellschaft“, hat die kapitalistische Verwertungsgesellschaft noch keine schlüssige Antwort gefunden. Wenn dann Maschinen leer laufen, indem sie Waren produzieren, die fast niemand mehr kaufen kann, braucht es schon mehr als einen Terminator, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.



Erstveröffentlicht in Jungle World