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Die Box




Juni 2006
Johannes Springer
für satt.org

Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik, Bd. 12:
Markt Literarisch
Herausgegeben von Thomas Wegmann
Peter Lang, Bern 2006

Umschlagmotiv

256 S. 47,60 €
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Markt und Literatur

Fast jeder akademische Sammelband hat einige Ausfälle die mitgeschleppt werden, ohne dass man sich normalerweise echauffieren würde. Manchmal ist so ein Überschweigen aber auch doof. Dann nämlich, wenn diese Texte nicht nur uninspiriert oder lahm sind, sondern ärgerlich. Vielleicht beginnt diese Kritik deshalb mit den letzten Beiträgen der Publikation "Markt Literarisch", auch wenn dadurch die Bewertung eines im Großen und Ganzen lehrreichen und schön kompilierten Buches, wie das vom Berliner Literaturwissenschaftler Thomas Wegmann herausgegebene, zunächst etwas Schlagseite bekommt. Rollen wir das Feld also von hinten auf. Von ganz hinten, denn nicht nur ist es der letzte Beitrag, es ist auch die durchgenudeltste Theorie, die einen hier zur Beschäftigung zwingt. So ist Kritik an Rational Choice-Modellen wirklich schon häufig genug expliziert worden. Auch ihre konkret politische Funktion als Flankierung von ökonomischen Kolonisierungen sämtlicher Lebens- und Handlungswelten im zeitgenössischen Kapitalismus ist hinreichend bekannt. Aber Andrea Höhnes und Stephan Russ-Mohls Versuch, den Homo oeconomicus im Feuilleton zu entlarven und Kultur-Journalisten bei der Ökonomisierung des Medienbetriebs nicht als Opfer, sondern als Täter zu beschreiben, bedarf eines Kommentars. Nicht, dass man rational kalkulierende Individuen in der Realität der Marktwirtschaft, also auch in den Feuilletonredaktionen dieser Welt, nicht antreffen könnte. Wie es aber dazu kommt, scheint keiner Erklärung zu bedürfen. Als Folge begegnen wir einem sehr dürftig reflektierten Hantieren mit dieser von Bourdieu, dem ansonsten im Sammelband einige Sympathien entgegengebracht werden, mal als "anthropologisches Monster" bezeichneten Konzeption. Dass sich die soziale Existenz dieser Handlungs- und Denktypen nur der gestalterischen Kraft der Ökonomie, ihrer gleichsam konstruktiven Arbeit verdankt, wird dabei leider nicht thematisiert. Eher ließe sich von einer "realitätspräformierenden Kraft ökonomischer Theoriemodelle" (Nullmeier) sprechen, die die Realität nach ihren Ansprüchen eines Effizienzdenkens/-handelns ausrichtet. Doch die Autoren wollen exakt das Gegenteil, nämlich nicht die Individuen als Objekte von System-Zwängen sehen, als "Gutmenschen, die selbstlos der Öffentlichkeit, dem hehren Kulturbetrieb und dem Publikum zugetan sind, sondern als eigeninteressierte Individuen".

Unterboten wird dieser wenigstens in einigen Punkten bereichernde und schlau beobachtete, aber den Kern verfehlende Beitrag vom ebenfalls ganz hinten im Buch angesiedelten Norbert Bolz. Wenn jemand im Jahr 2005, Mitte des Jahres war Redaktionsschluss des Buches, das aus einem Symposium 2004 hervorging, "Immunität gegen jede Form von Political Correctness" als auszeichnend hervorhebt, eine immer schon reaktionäre Geste, die aber seit Ewigkeiten auch noch völlig leer und ziellos scheint, dann scheint es schlecht bestellt zu sein um "Literarisches Kultmarketing". Wie Bolz sich immer noch an Zynismus, Opportunismus, Eskapismus beim "Markenartikel" Hans Magnus Enzensberger delektieren, seine Künste der Aufmerksamkeitssteuerung preisen, ihn dann zum "Dichter als Unternehmer" küren kann, das ist schon kurios altbacken. Wenn dann noch postuliert wird, Enzensberger, dessen Verdienste im Düpieren und Fintieren von "Ressentimentlinken" sowie "Oberseminarlinken" nicht zu kurz kommen, beweise, "dass links sein und intelligent sein sich nicht ausschließen müssen", möchte man gar nicht mehr nach Punkten suchen, welche man Bolz als innovativ und durchdacht auslegen könnte. Wie Sonja Eismann neulich im Zusammenhang mit Pop und Provokation schrieb: "Wenn ich noch einmal eine Formulierung wie 'herrlich politisch unkorrekt' lesen muss, die nur aus Denkfaulheit 'Frische und Frechheit' mit Diskriminierung und Stumpfsinn assoziiert, muss ich kotzen. Oder gähnen." Bei Bolz muss man leider beides.

Aber das war es jetzt auch weitgehend mit dem Gemecker. Denn ansonsten zeigen viele Aufsätze einfach interessante und nicht auf billige Effekte setzende Perspektiven auf. Die Metaphern des Ökonomischen in der Ästhetik nutzt Rainer Leschke zu grundsätzlichen Blicken auf Meilensteine dieses alten Abgrenzungsverhältnisses. Kommen Leschkes Gedanken zu der Funktion der negativen Repräsentation des "tyrannischen Jochs", des "lärmenden Markts" als Kontrastfolie und Resonanzboden, auf dem sich dann das "interesselose Wohlgefallen" als positive Ästhetik inszenieren kann, nicht wirklich überraschend, so sind seine Nachbetrachtungen zur Entwicklung dieser Differenz in der Postmoderne doch sehr erhellend. Alle möglichen Unterscheidungen implodieren hier zwar, auch Begriffe des Ästhetischen werden unscharf und trotzdem kollabiert die hier unter Beobachtung genommene Differenz nicht, ja sie erfährt sogar wie bei Wolfgang Welsch oder in der Debatte um Horst Köhlers Museumsreformpläne Revitalisierungen, wie Leschke zeigt. Differenzen spielen auch bei Norbert Christian Wolfs Ausführungen zu Goethes Produktionsethos eine zentrale Rolle. Kann er doch jene von Bourdieu für Frankreich herausgearbeiteten Konturen einer doppelten Ökonomie auch in der Positionierung Goethes ausmachen, vor allem in der Orientierung auf die Kriterien "reiner" Kunst, die in Abgrenzung zu als leicht konsumierbar verworfener Massenkultur entworfen werden. Die beobachtete Herausbildung einer gegenläufigen Ökonomie, die äußere Autonomisierung und innere Differenzierung des Feldes einschließt, wird maßgeblich auf Goethes "Markenwert" und seine Fähigkeit zur Konvertierung des durch Insistieren auf Interesselosigkeit und Eigengesetzlichkeit reichlich angehäuften symbolischen Kapitals in ökonomische Werte, zurückgeführt. Der symbolische Wert Goethes, undenkbar ohne sein strenges Selbstsortieren in und Eintreten für das Subfeld der eingeschränkten Produktion ist eine Währung, mit der eben nicht nur in der "verkehrten ökonomischen Welt" gewuchert werden kann, sondern welche auch in der Logik der ökonomischen Wertschöpfung Anerkennung findet, also Umwegrentabilität verspricht, wenn auch nur langfristig.

Neben diesen feldtheoretischen Betrachtungen finden sich auch einige systemtheoretische. So beobachtet Henning Herrmann-Trentepohl über Ludwig Tiecks Novelle "Der Jahrmarkt" nicht nur, wie die Erfolgsgeschichte des symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums Geld inszeniert wird, er sieht auch, wie nicht mehr "ganze Menschen" an diesem Subsystem teilnehmen, sondern nur "Personen". Das Subsystem kennt keine Charaktere, sondern bloß Typen. Gerade den in diesem Umfeld versammelten Texten, die allesamt verschiedene Marktbeobachtungen konkreter einzelner Werke wie "Des Vetters Eckfenster" oder "Der Grüne Heinrich" inspizieren, kann man sehr viel abgewinnen. Beispielsweise über das Verhältnis von Mentalitätsgeschichte und Literatur oder auch über die Akteurskonditionen und -konstellationen im öffentlichen Raum.

Nicht minder spannend ist jenes Kapitel, das sich mit Literaturmarketing und Reklame auseinandersetzt. Begeistert hier doch vor allem Jan Brandts Rekapitulation der Reclam-Reihe Junge Deutsche um 1930, die mit ähnlich personalisierenden und auf massenmediale Jugendadressierung setzenden Methoden operierte wie die Popliteratur der 90er Jahre. Ironischerweise gleichen sich auch die Vorwurfsdiskurse um Oberflächlichkeit und modische Orientierung in erstaunlicher Evidenz. Thomas Wegmanns Beitrag zur Reklamedebatte in den 1920er Jahren lässt sich schön kombinieren mit Brandts, wird doch hier exemplarisch gezeigt, wie symbolische Kapitalakkumulation abhängig ist von der Verdammung der als Lieblingsbeispiel für Kommerzialisierung genommenen Reklame, jedoch Markenkultur von Werken, Autoren, Künstlerimages mit dafür sorgt, eine Markierung von Literatur als dem ganz Anderen der Werbung eigentlich zu verunmöglichen.

So unzufrieden man zwar an einigen Stellen des Bandes ist, in diesen Kapiteln profitiert man sowohl von tollen Einzelbeiträgen wie auch von der thematisch breiten und theoretisch vielseitigen Zusammenstellung Wegmanns, der die schon zum Thema existierende Veröffentlichungsliste am Lehrstuhl von Erhard Schütz nun um eine begrüßenswerte Publikation erweitert.