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Die Box



Oktober 2005
Manske
für satt.org

Camille de Toledo: Goodbye Tristesse. Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen.
Tropen Verlag 2005

Umschlagmotiv

Aus dem Französischen von Jana Hensel.
191 S., 18,80 €
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Kalle Lasn: Culture Jamming. Die Rückeroberung der Zeichen.
Orange Press 2005

Umschlagmotiv

Aus dem Amerikanischen von Tin Man.
222 S., 20 €
   » amazon

Camille de Toledo:
Goodbye Tristesse
Kalle Lasn:
Culture Jamming

Ach, wie schön war das, als man hier in München noch ins Olympia-Stadion gehen konnte, wenn einem der Sinn nach Fußball stand. Mittlerweile muss man sich dafür in die Allianz-Arena begeben. Möglicherweise trifft man davor noch einen Freund im BMW-Hochhaus oder sieht sich daheim in der Glotze die neueste Chart-Show an, „präsentiert von McDonald’s". Kein Quadratmillimeter unserer bewohnten Erde ist frei von Werbeflächen, alles ist bereits verkauft an multinationale Konzerne – und mancher in pekuniärer Not macht sogar seine Haut zu Geld, indem er sich darin Werbebotschaften einritzen lässt, die ihn noch mit 80 Jahren als gekrümmte Litfasssäule durchs Alterheim werden eiern lassen. Aber wir hören es ja alle jeden Tag bis zum Erbrechen in Radio und TV: Wachstum ist das A und O, wollen wir im rauhen Welthandel überleben. Da muss man schon über die eine odere andere Leiche gehen, und besser ein anderer stirbt als ausgerechnet wir. Ein fairer Deal – oder etwa nicht?

Aus dem Berg von Publikationen, die sich in letzter Zeit mit den Auswirkungen der Globalisierung und den Möglichkeiten zu deren Überwindung beschäftigt haben, seien hier zwei herausgegriffen: Camille de Toledos „Goodbye Tristesse“ und Kalle Lasns „Culture Jamming". Das Symbol schlechthin für Konsum und Käuflichkeit ist ganz offensichtlich der Barcode, mit dessen Ikonografie beide Veröffentlichungen schon auf dem Umschlagbild spielen.

Das offensichtlichste gleich vorweg: Camille de Toledo ist nicht Camille de Toledo. Es handelt sich bei dem Autorennamen auf dem Cover von „Goodbye Tristesse“ um ein Pseudonym eines Mitglieds einer der reichsten Familiendynastien Frankreichs: Alexis Mital ist der Enkel des Danone-Gründers Antoine Riboud. Man kann sich also denken, was den 29jährigen vor drei Jahren dazu trieb, ein kapitalismuskritisches Pamphlet zu verfassen – sein Buch ist zu einem guten Teil Eigentherapie. „Es gab nur ein Mineralwasser, das gekauft werden durfte: Evian. Es gab nur ein Bier, das getrunken werden durfte: Kronenbourg. Es gab nur eine Nudelsorte, die gekocht werden durfte: Panzani", erinnert sich Mital im Nachwort an seine Kindheit.

Der Kapitalismus hat gewonnen und schießt uns alle als Zeichen des Sieges in die Luft

Die Traurigkeit, von der hier Abschied genommen werden soll, ist, so der Autor, die Traurigkeit einer Generation von Leuten, die auf einem Friedhof der Geschichte geboren wurden. Beim Fall der Berliner Mauer war diese Generation gerade in der Pubertät, als sie von den Erwachsenen zu hören bekam: Die Geschichte ist zu Ende. Erinnert Euch an die Opfer der Weltkriege! Der Kapitalismus rettet uns vor dem Faschismus! Mital fordert dagegen, dass man von seinem Recht auf Vergessen Gebrauch machen soll, um der Zukunft eine Chance gegen die Vergangenheit einzuräumen (wobei er sich auf einen Ausspruch von Jean-Luc Godard beruft). Diese Forderung wird all jene befremden, die die Erinnerungsmaschinerie der westlichen Kultur für eine moralische Institution halten, doch man sollte sich hüten, Mital Revisionismus vorzuwerfen. Es geht ihm vielmehr um die Wiedergewinnung einer Möglichkeit zur Gestaltung einer nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft gerichteten Politik.

In Interviews hört sich Mital gerne in Zitaten reden, und auch sein Text ist voller Anspielungen und Bezüge auf philosophische Mitstreiter besonders der französischen Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Foucault, Baudrillard, Deleuze/Guattari: Diese und noch viele andere sollte man möglichst alle gelesen haben, bevor man zu diesem Buch greift. „Goodbye Tristesse“ ist äußerst theoriegesättigt, und es wird zu fragen sein, ob solch hermetische Kost die Wurzel einer neuen Revolution sein kann. Mehr als zum Aufstand gegen die Globalisierung und die Vergeldwirtschaftung jeglicher Aspekte unseres Lebens angestachelt fühlt man sich bei der Lektüre eher ein ums andere Mal um den eindeutigen Sinn betrogen, angesichts Sätzen wie diesem: „Der Cyberpunk trug den Haß des Fleisches auf seinen Schultern und erbrachte der Technik damit einen Götzendienst. Dazu steuerte der Anti-Ödipus den kleinen intellektuellen Handapparat bei, um den fließenden Körper würdig zu empfangen. Kommen wir jetzt also zur dritten Phase im Tropfenspiel: Wie bereitete sich die Mythologie der Nacht auf ihren Triumph im Netz vor?“ Ja - wie? Ich gebe zu, beim Lesen solcher Absätze habe ich meinen Geist schon das ein oder andere Mal in die gedankliche Ausformulierung eines Einkaufszettels geflüchtet oder das Buch gleich ganz zugeklappt. Möglicherweise liegt die Crux aber auch in der von Jana Hensel besorgten Übersetzung, der ich nicht ganz über den Weg traue. Vielleicht hätte Hensel das ein oder andere Mal weniger wörtlich übersetzen sollen? „Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen“ lautet übrigens der Untertitel des Buches. Aber (Achtung, Preisfrage!): Wie und wo ist de Toledo unbequem?

The revolution will not be televised

Schon besser macht es da Kalle Lasn, denn er verlegt sich von der Theorie auf die Praxis. Mit „Culture Jamming“ ist die Umkehrung der Zeichen gemeint, die Umcodierung der Signifikanten, mit denen Werbung und Kapital unsere Welt zukleistern. Culture Jamming ist natürlich nicht aus dem Nichts entstanden, sondern sieht sich als Nachfolger und Erbe der frühen Punkbewegung, der Hippies, der Situationisten und Surrealisten.

Kalle Lasn und die von ihm gegründete Organisation „Adbusters“ machen Anti-Anzeigen, indem sie die Ikonigrafie der Werbung benutzen und sie ins Gegenteil verkehren oder lächerlich machen. Einige Beispiele finden sich in vorliegendem Buch. So begegnet man Joe Camel (dem Maskottchen der entsprechenden Zigarettenmarke) im Krankenhausbett; er hat aufgrund einer Chemotherapie keine Haare mehr auf dem Kopf, dafür jedoch eine Infusion im Arm, und darunter liest man eine Schlagzeile, die frei übersetzt lautet: „Der Gesundheitsminister warnt: Rauchen verursacht häufig verschwendetes Potenzial und tödliche Reue.“ Oder man sieht eine amerikanische Flagge, auf der alle Sternchen durch die Logos von Milliardenkonzernen ersetzt wurden.

All das sind starke Bilder, die sich schnell ins Bewusstsein brennen und dort nicht ohne Wirkung bleiben. Aber Lasn arbeitet längst nicht nur visuell. „Culture Jamming“ bietet eine Reihe von praktischen Tipps, wie man den Alltag ein bisschen weniger unterwürfig und kapitalismushörig verbringen kann. Denn: „Unser Alltag ist der Ort, an dem die Revolution stattfindet. Dort tobt der Guerillakrieg, und dort wird Marshall McLuhans dritter Weltkrieg gewonnen oder verloren.“ Besonders schön ist der Vorschlag zur Umkehrung des Telemarketings: Wenn man das nächste Mal zuhause angerufen wird und jemand am anderen Ende will irgendeinen Dreck verkaufen, dann bleibt man höflich, sagt, dass man im Moment keine Zeit habe, dass man die nette Dame/den netten Herrn am anderen Ende aber gerne bei Aushändigung der Privatnummer später zuhause anrufen würde – die Entrüstung wird groß sein, dabei schlägt man nichts weiter vor als das, was der Marketer den ganzen Tag über tut …

Solch eine Verschiebung der Perspektive ist global nötig, sagt Lasn. Ein Paradigmenwechsel muss her. Dieser könnte sich auf mannigfachen Ebenen realisieren: Eine generelle Mithaftung von Aktionären für die Umweltsünden der Unternehmen etwa (denn man streicht in guten Zeiten ja auch die Gewinne ein); ein Markt der realen Preise, in dem das private Auto sich schon bald finanziell nicht mehr lohnt, wenn die tatsächliche Umweltbelastung und die daraus entstehenden Kosten auf den einzelnen Verbraucher heruntergerechnet werden und eine Tankfüllung 250 Euro kostet; ein Markt, in dem die Kosten von Atomstrom die Ausgaben für die Endlagerung des Sondermülls über mehrere Millionen Jahre hinaus abbilden – was die Industrie zur Forcierung alternativer Energien zwingen würde.

Don’t let them entertain you!

"Culture Jamming“ erinnert uns daran, dass die Forderung der Politik/der Wirtschaft/der Globalisierung nach unbegrenztem Wachstum auf begrenztem Gebiet nach derselben Logik agiert wie die Krebszelle: Wir wachsen uns letztendlich zu Tode. Die erste Frage, die wir uns also alle stellen müssen, um den entscheidenden Schritt hin zu einer Wiederaneignung der Welt zu machen, ist: Wollen wir überhaupt frei sein? Bei Lichte betrachtet muss man nämlich annehmen, dass die meisten Menschen eine furchtbare Angst vor der Freiheit haben. Die meisten fliehen in Zynismus – oder in alle möglichen Allianz-Arenen all over the world. All jenen aber, die sich noch nicht haben einlullen lassen vom medialen Overkill, ruft Lasn als moderner Anti-Superstar zu: Don’t let them entertain you!