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Die Box



Juli 2005
Johannes Springer
für satt.org

Matthias Marschik, Georg Spitaler (Hg.): Das Wiener Russendenkmal
Turia & Kant, Wien 2005
22,00 €
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Matthias Marschik, Georg Spitaler (Hg.):
Das Wiener Russendenkmal

Wahrscheinlich ging es nicht anders, denkt man sich mit Blick auf den Titel des Buches. Hätte man auf dem Buchdeckel vom Wiener Befreiungsdenkmal geschrieben, die Wirkung wäre wahrscheinlich eine Mischung aus Verwirrung und Verständnislosigkeit gewesen. Strategisch wäre diese Apostrophierung schon deshalb schlecht gewesen, weil für die Mehrheit der Wiener im Zusammenhang mit dem im August 1945 von der sowjetischen Armee für ihre im Kampf gefallenen Soldaten errichteten Denkmal nur in sehr ausgewählten, staatstragend-diplomatischen Situationen eine Befreiungsassoziation üblich war. Viel lieber spricht man heute vom „sogenannten Befreiungsdenkmal", setzt wahlweise die Befreiung einfach in Anführungsstriche oder nobilitiert als Benennungspraxis das volksmundliche „Russendenkmal". Da Befreiung in Österreich in enger Orientierung an deutschen Geschichtsverarbeitungen nur denkbar ist als aus dem Westen kommend - aus dem Osten dagegen donnern im kollektiven Gedächtnis stets nur die Besatzer heran – kann auch die gängige Bezeichnungspraxis für ein sowjetisches Denkmal kaum überraschen; oder wie es Ilse Aichinger formulierte: „'Der Jude' war keine Gefahr mehr, jetzt war 'der Russe' der Inbegriff der Bedrohung". Sich an solchen Titelgebungsprozessen aufzuhängen, täte dem vorliegenden Buch allerdings unrecht. Verfolgen doch die Herausgeber das Ziel, den österreichischen Gedenkkonsens 2005 mit einem Querschläger zu unterlaufen. Widerspenstig für die offizielle Geschichtspolitik Österreichs wird die geneigte Thematisierung des Denkmals vor allem, weil sich damit eine Schneise schlagen lässt in das dominante Gedenkdickicht, welches eine österreichische Opfergeschichte von 1938 bis 1955 zu zeichnen versucht. Während für das Narrativ der Opfergemeinschaft die zeitliche Ausdehnung bis zur Erlangung der Souveränität aus den Händen der Alliierten 1955 geradezu konstitutiv ist, fokussiert ein beträchtlicher Teil der versammelten Beiträge die durch das Denkmal dokumentierte eigentliche Befreiung: diejenige vom Faschismus.

Was zur kursorischen Orientierung im Zusammenhang des „Russendenkmals“ gesagt werden muss, wird man so schnell nicht wieder vergessen, denn 2/3 aller Beitragenden wählen für ihre Texte sich überaus ähnelnde Expositionen. Hartnäckig wird der Leser mit einer das Denkmal personell und institutionell erzählten Geschichte bearbeitet und die geht in etwa so: bereits vor der Eroberung Wiens, nämlich im Februar 1945, planen die Sowjets das Denkmal, mit dessen Bau sie kurz nach Beendigung der Kampfhandlungen in Wien im April beginnen. Von eher semiprominenten Kunstkapazitäten geplant, wird das Symbol des Sieges über den „Deutsch-Faschismus“ in rasanter Geschwindigkeit errichtet und schon im August desselben Jahres enthüllt. An sehr prominenter Stelle präsentiert sich die neue Macht im gewohnten Stil des sozialistischen Realismus und tritt damit am Schwarzenbergplatz in Konkurrenz zu den großen steinernen Manifestationen monarchistischer und bürgerlicher Macht. Im Herzen Wiens also tritt „der Russe“ auf den Plan. Hans Hautmann beschreibt dabei ganz wunderbar, wie stark diese symbolische Markierung in der Psychogeografie der Wiener Linken wirkte. Aus einem kommunistischen Elternhaus stammend, skizziert er die Stimmung in diesem Umfeld. Unter KPÖ-Sympathisanten und Kadern galt die Einnahme einer der wichtigsten Sichtachsen der Stadt als schlagender Beweis, dass der Triumph des Kommunismus nicht lange auf sich warten lassen werde. Dass der rahmende Platz bald nach Stalin benannt wurde und zudem das Zentralkomitee der KPÖ am selben Ort eine neue, großzügige Residenz bezog waren da nur weitere schlagende Beweise für die sehr nah erscheinende Überwindung des Kapitalismus. Sehr angenehm fällt der Beitrag auch auf, weil in ihm die zumindest für einige radikallinke Wiener Fraktionen sehr positive Bezugnahme auf die zehnjährige Besatzungszeit zum Ausdruck kommt, die auch in der folgerichtigen Forderung Hautmanns mündet, endlich das offiziös-negative Bild dieser Periode zu revidieren. Ins Gewicht fällt das insbesondere dann, wenn die ablehnende Position der Wiener Mehrheit gegenüber jeder sowjetischen Repräsentation in vielen Texten als Grundnarrativ der Epoche herauspräpariert wird. Das wird klar, wenn die bemüht-diplomatischen, nervösen Reden der zentralen politischen Köpfe zur Entschleierung des Denkmals mit der beleidigten und arroganten Ablehnung kontrastiert wird, die im Tagebuch des wichtigen Diplomaten Josef Schöner niedergelegt ist, und von der angenommen wird, sie sei aussagekräftiger für die Wiener Stimmung als beispielsweise die Kommentare der linken Zeitung „Volksstimme". Dass es eine eher negative bis indifferente Aufnahme des sowjetischen Bauensembles gab, ist aber nicht wirklich überraschend oder erkenntnisfördernd und darum lassen einen manche der kurzen Betrachtungen der ersten zwei Themenblöcke etwas kalt. Zwar ist das Bemühen erkennbar, auch über die Ränder städtischer Erzählungen, wie z.B. die Kriminalgeschichte des Denkmals oder jene des anliegenden Musik-Clubs, der zu den Meilensteinen Wiener Popgeschichte zählt und eine wienerische Aneignung zum Küssendenkmal produzierte, die sehr diversen und beiläufigen Bedeutungshöfe dieses Bauwerks zu befragen, aber mehr als anekdotisch ist das bisweilen nicht. Es mag aber auch an den Ergebnissen liegen, die sowohl in Zeitungen, Reden und öffentlichen Meinungen eine Opfersemantik dokumentieren, die man nicht viel anders erwartet hatte. Für begründet kann man diese Ausführungen, die einen sehr vielgestaltigen und lebendigen Eindruck transportieren, dennoch halten, wenn man die wienerische Verdrängungskunst erinnert, die sich besonders gut darauf versteht, Zeugnisse des Faschismus oder der Notwendigkeit des Kampfes gegen ihn zu dethematisieren.

Deutlich spannender wird das Buch allerdings in seinem dritten Teil, der mit gründlicheren und auch innovativeren Thesenbildungen aufwartet. Der Architekturhistoriker Jan Tabor beleuchtet den Begriff „Russendenkmal“ mal abseits seiner pejorativen Benutzungsintention auf Sinnhaftigkeit und kommt zu einer wertvollen Erkenntnis. Dass mit dieser Titulierung ein Fehler insofern begangen wird, als man hier natürlich nicht nur Russen, sondern Menschen aller möglichen Nationalitäten ehren wollte, die man „damals summarisch Sowjetmenschen zu bezeichnen pflegte“ ist noch recht offensichtlich, dass aber im Denkmal eine ganz eigene Begründung für diese Bezeichnung angelegt ist, überrascht. Die Kontrastierung mit den Berliner Russendenkmälern, die als echte „Sieges- Mahn- und Entnazifizierungsmal[e]“ zu bestaunen sind, ist dabei ein wichtiges Element der Argumentation. Schließlich werden dort eindeutig Deutsche adressiert, denen trotz Zugehörigkeit zu einer schuldbeladenen Gesellschaft ihre Zukunft geschenkt wird. Gerade in der komparatistischen Zugangsweise zeigt Tabor, dass die Denkmalchoreografie in Wien dagegen bloß die „Sowjetmenschen, Rotarmisten“ ansprechen will. Es mahnt Österreicher nicht, macht keine Vorwürfe und rechnet nicht ab, stattdessen will es tatsächlich nur die sowjetischen Gefallenen ehren, was Tabor zu dem Ergebnis bringt, es hier mit einem überaus noblen, weil selbstbezogenen Denkmal zu tun zu haben. „Introvertiert und exterritorial“ wird konstatiert und man muss sich fragen, unterstützt von Matthias Marschiks Analyse der Visualisierungen des Russendenkmals im österreichischen Bildgedächtnis, die zeigt, dass sich sehr schnell eine selbstbewusste Marginalisierung des Denkmals bewerkstelligen ließ, die Aufarbeitungen keinen Platz einräumte, ob die symbolische Verschonung der österreichischen Tätergesellschaft ein so gelungener Zug war. Trotzdem: als Ort, der den Sieg der Alliierten in der Mitte Österreichs dokumentiert und der immer daran erinnert, dass die Niederschlagung des Nationalsozialismus von außen kam, hat gerade in einer bisweilen ungemein selbstgefälligen Nation eine balancierende Funktion.

Klar wirkt der „corner stone of freedom", den die USA 1948 als eine Art Gegenbefreiungsdenkmal im Miniaturformat errichten ließen erstmal unaufdringlicher, von pompösem Stalinbarock ist hier natürlich keine Spur, aber zunächst gilt es sich des guten Einwands Erich Kleins zu erinnern, der eben auf die sowjetischen Opfer im Kampf um Wien hinwies. Zum anderen muss man beinahe glücklich sein, dass sich das „Russendenkmal“ nicht ganz so simpel von Mülltonnen und Gebüsch beseitigen ließ wie das amerikanische Pendant und wenigstens ab und an zu Konsens verweigernden Gedanken und Projekten wie dieser Publikation inspiriert.

Um ein weiteres Mal Aichinger zu bemühen: „Die Wiener glaubten und glauben immer wieder, dass sie das Recht haben, zu wählen, wem sie in die Hände fallen. Daß man bei ihnen auch schlecht aufgehoben sein kann, glauben nur die guten unter ihnen". Wie man bei den Wienern aufgehoben ist, davon können Steine eine Menge erzählen. Wenn man sie denn so gut versteht wie dieses Buch.