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Die Box



Juli 2005
Christina Mohr
für satt.org

Coolhunters: Jugendkulturen zwischen Medien und Markt
Hg. von Klaus Neumann-Braun und Birgit Richard
Suhrkamp 2005

Coolhunters: Jugendkulturen zwischen Medien und Markt

280 S., 10,00 €
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Coolhunters:
Jugendkulturen zwischen Medien und Markt

Die Ausstellung "Coolhunters" fand vom 23. 4. – 3.7.05 in der Städtischen Galerie Karlsruhe statt und hatte den Versuch unternommen, das Phänomen Jugend beziehungsweise Jugendkultur aus den verschiedensten Blickwinkeln und aus der Sichtweise der Jugendlichen selbst zu beleuchten. Hauptsächlich Schulklassen schufen mit unterschiedlichen medialen Mitteln wie Fotografie oder Videofilmen ein sehr heterogenes Bild ihrer Generation (einen Teil der Arbeiten kann man auf der Ausstellungswebsite www.coolhunters.net anschauen).

Coolhunters

Im Suhrkamp Verlag ist der Begleitband zur Ausstellung erschienen – die Kuratoren und Herausgeber Birgit Richard und Klaus Neumann-Braun ordnen die Beiträge der Autoren in sechs Bereiche/Kapitel ein: Von I. Body Rock – Körper/Objekte/Mode bis VI. XY versus XX wird die Lebenswelt junger Menschen ein- und aufgeteilt. Dass Jugend oder Jugendlichkeit ein Mythos ist, dem die Älteren tiefere Bedeutung beimessen als die "Betroffenen" selbst, wird nicht zuletzt durch die wissenschaftliche Herangehensweise an das Thema deutlich. Den Herausgebern gelingt das heikle Unterfangen, "die Jugend" angemessen darzustellen – wenn auch manche Themen stark universitär behandelt werden wie zum Beispiel die Arbeit von Axel Schmidt unter der Überschrift Oberaffengeil ist peinlich! Von der Jugendsprache zur Peergroup-Kommunikation: Schmidt hat Gespräche Jugendlicher und Schüler aufgenommen und transkribiert, um dem Phänomen Jugendsprache nahezukommen. Klar ist: sobald von Jugendlichen kreierte Begriffe in den Erwachsenenwortschatz oder gar in den Duden aufgenommen werden, sind sie uncool und unbrauchbar, neue Begriffe werden nötig, je absurder oder schockierender, je besser. Gruseln möchte man sich heute noch nachträglich, wenn man seine Lehrer "geil" oder "endkrass" sagen hörte.

Überhaupt ist Distinktion von der Eltern- oder Erwachsenengeneration ein wichtiges oder das wichtigste Bestreben Jugendlicher – damals wie heute. Am besten funktionierte dies einstmals über die Kleidung (siehe Punk), aber wie soll sich heute eine 15jährige fühlen, deren Mutter in derselben Abteilung bei H&M shoppen geht wie sie selbst? Wodurch soll da noch Abgrenzung erreicht werden? Diesen und vielen anderen Fragen rund um Körper, Style und Mode geht das erste Kapitel nach, zum Beispiel wird die Schwierigkeit benannt, in einer Welt der Massenfabrikation Individualität zu schaffen – eine nicht unwesentliche kreative, wenn auch fast aussichtslose Aufgabe.

Coolhunters

Jugendkultur ohne (Pop-)musik scheint seit 50 Jahren nicht mehr vorstellbar; jugendkulturbestimmend wirkt seit über einem Jahrzehnt HipHop und Rap – Hannes Loh, Autor des Buchs Fear of a Kanakplanet (gemeinsam mit Murat Güngor), früher Rapper bei Anarchist Academy und mittlerweile Lehrer – widmet sich eloquent und fundiert dem Thema "Deutschrap zwischen Ghetto-Talk und rechter Vereinnahmung". Aber auch rechte Tendenzen werden aufgegriffen: Toralf Staud schreibt über "Runen, Bratwurst, Rüssel-Skins".

Wie sich Jugendliche im WWW zurechtfinden, welche Auswirkungen Konsolenspiele auf Gamer haben und – ja, auch um Liebe und Sex geht es! – den ewigen "Kampf" zwischen xx, xy und den Spielarten dazwischen: All das findet Platz zwischen den Buchdeckeln von Coolhunters. Umfassend werden Aspekte jugendlicher Lebens- und Interessenwelten vereint und diskutiert. Wenn auch als Fazit gelten mag: Jugend ist am bedeutungsvollsten für die Alten.