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Die Box


 
November 2004
Alexandra Gerstner
für satt.org

Edlef Köppen:
Heeresbericht

DVA, München 2004

Edlef Köppen: Heeresbericht

Mit einem Nachwort von Jens Malte Fischer.

402 S. 19,90 Euro
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Brigitte Hamann:
Der Erste Weltkrieg

Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten.
Piper, München - Zürich 2004

Edlef Köppen: Heeresbericht

Mit 425 meist farbigen Abbildungen.

192 S. 29,90 Euro
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Edlef Köppen: Heeresbericht
Brigitte Hamann: Der Erste Weltkrieg


Illustration

Als sich im August 2004 der Beginn des Ersten Weltkrieges zum neunzigsten Mal jährte, wurde dies mit einer Flut von Neuerscheinungen zum Thema begleitet. Auf zwei Publikationen aus dieser Bücherflut möchten wir hier besonders hinweisen: auf Brigitte Hamanns reich illustrierte Darstellung über „Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten“ und den erstmals 1930 erschienenen und nun neu aufgelegten Roman von Edlef Köppen.

Brigitte Hamann, die durch ihre Bücher über „Hitlers Wien", Winifred Wagner und Kaiserin Elisabeth bekannt geworden ist, hat ein ungewöhnlich persönliches Buch über den Ersten Weltkrieg geschrieben, das hauptsächlich auf dem Privatarchiv der Familie Hamann basiert. Sie betont darin die Wichtigkeit von „Erinnerung“ und „Propaganda“ und liegt damit im Trend der gegenwärtigen Geschichtsschreibung. Mit dem Nachlaß ihres 1961 verstorbenen Schwiegervaters kann sie auf einen großen, bislang unveröffentlichten Quellenfundus zurückgreifen, und durch Auszüge aus dem Kriegstagebuch von Walther Hamann, aber auch aus den Tagebüchern von Arthur Schnitzler und Feldpostbriefen gewinnt der Leser einen tiefgehenden subjektiven Eindruck des Kriegsgeschehens. Diese Quellen kontrastiert Hamann mit Propagandamaterial der kriegführenden Nationen – eindrücklich kann sie so die im Untertitel des Bandes angesprochene These erhärten, daß im Krieg Realität und Propaganda, Wahrheit und Lüge weit auseinanderklaffen. Außerdem gibt die Autorin knappe, gut verständliche Hintergrundinformationen sowohl zu bekannten Themen wie „Verdun“ oder „Tannenberg", als auch zu weniger bekannten Aspekten wie „Farbige Hilfsvölker", dem Kriegsverlauf in Italien oder der Rolle der Türkei. Auch die sogenannte „Heimatfront“ wird berücksichtigt. Erfreulich ist dabei der weite Blickwinkel der Darstellung, die auch Seitenschauplätze wie Rumänien oder die Situation der Juden in Galizien berücksichtigt. Vor allem aber die zahlreichen Abbildungen in hoher Druckqualität machen das Buch zu etwas Besonderem, und geben einen bleibenden Eindruck vom Kriegsalltag, dem Grauen und der erstmals in diesem Umfang eingesetzten Propaganda.

Was jedoch kein noch so persönlich gehaltenes historisches Werk leisten kann, das gelingt Edlef Köppen (1894-1939) mit seinem engagierten, stilistisch herausragenden Kriegsroman „Heeresbericht". Mit „tragischer Wucht“ (so Oskar Loerke in einer zeitgenössischen Besprechung) wird der Leser in das Kriegsgeschehen geworfen, das Köppen in einer Collage aus autobiographisch fundiertem Erlebnisbericht und historischen Dokumentation darstellt. Die Geschichte des Anton Reisiger führt den Leser vom ersten Kasernentag über die Westfront zur Ostfront und wieder zurück, und im Verlauf der Jahre wird der studentische Kriegsfreiwillige zum entschlossenen Kriegsgegner und Deserteur. Mit der vorliegenden Neuausgabe ist der autobiographische Roman nun endlich wieder zugänglich. Mit ihm liegt eine herausragende literarische Verarbeitung des Kriegsgeschehens vor, der den Leser schonungslos mit dem Grauen des Krieges konfrontiert, aber auch die anfängliche Kriegsbegeisterung des Arztsohnes nicht verschweigt und die Langeweile und den sinnlosen alltäglichen Drill an der Front beschreibt. Das Werk ist durchgängig in einem sachlichen, präzisen, beinahe kühlen Stil gehalten, wird nie pathetisch oder sentimental, sondern bleibt immer, was der Titel verspricht: ein Heeresbericht. Köppens Buch ist damit nicht nur ein ergreifendes Zeitdokument, sondern vor allem ein literarisches Werk von bleibendem Wert.