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Die Box


 
Oktober 2004
Christina Mohr
für satt.org

PUNK!-Kongress
in Kassel
22. – 26.9.2004
www.punk2004.de

Punk-Kongress in Kassel 2004
"The idea of a punk-congress in the middle of nowhere is that absurd that it´s of course worth to think about it for ten or fifteen minutes"
(Malcolm McLaren auf dem Punk-Kongress)




"Eine 4-tägige Veranstaltung zum Thema Punk und dann auch noch ein Kongress! Was soll das bitte schön sein? Da sitzen dann bestimmt Leute mittleren Alters rum, lassen ihre besten Jahre Revue passieren und berauschen sich noch einmal an den Heldentaten ihrer Jugend ( …)"

Was von den Veranstaltern im Editorial des Kongress-Programmheftchens bestimmt ironisch gemeint war, erwies sich während der vier tollen Tage in Kassel als genau das: Eine nostalgische Veranstaltung von Senioren für Senioren. Die Kasseler Polizei, die sich am Veranstaltungsort Ingenieurschule hinter Bäumen versteckte, hatte sich wohl einen Hauch Chaostage-Action gewünscht. Aber nix da, alles lief ganz gesittet ab. Man verträgt Exzesse halt nicht mehr so gut wie früher … womit wir schon beim Stich- und Schlüsselwort wären: "früher". Da war vielleicht nicht alles besser, aber alles, was vom 22. – 26.9. in Kassel beredet wurde, fand damals, resp. "früher" statt. Gar keine Frage, das Aufkommen von Punk in den mittleren und späten Siebziger Jahren bezeichnete einen kulturellen Urknall, eine Umkehrung sicher geglaubter Vorzeichen, eine Revolution auf musikalischer, ästhetischer, politischer und künstlerischer Ebene. Ein wenig scheint es aber mit Punkrock so zu sein wie mit jungen Frauen und dem Feminismus: Man ahnt, daß es in der Vergangenheit etwas gab, wofür man dankbar sein sollte, aber ein wenig peinlich ist es auch, sich auf die Wegbereiter zu beziehen – ist das vielleicht ein Grund, daß so wenig junge Bands, Künstler oder Autoren in Kassel zu sehen sind? Und ein Grund dafür, daß so viele Klischees bestätigt werden – nicht nur ästhetischer Art ….



Punk-Kongress in Kassel, 22. – 26.9.2004
Es geht nichts über eine stilvolle Location wie z.B. den Kulturbahnhof Kassel

Freitag, der Tag meiner Anreise, wird von dem Ereignis des Kongresses dominiert: Der Erfinder der Sex Pistols, Enfant terrible der Mode- und Musikszene, Exmann von Vivienne Westwood, Mr. Malcolm McLaren himself kommt tatsächlich nach Kassel! Seinetwegen wird der Ablauf des Programms ein wenig modifiziert, der britische Autor (und Stilikone schlechthin!!) Dick Hebdige hält seinen multimedialen Vortrag "Un-imagining Utopia: Punk vs. Hippie … Punk after Punk", in dem er Hank Williams als ersten Punk präsentiert, früher als geplant und dann heißt es warten, denn wie der charmante Kongress-Conferencier Blitzkrieg Bob verkündet, befindet sich McLaren zwar schon in der Stadt, ist aber unauffindbar. Es wäre auch zu profan, wenn Malcolm McLaren pünktlich wie ein Beamter erschiene.



Malcolm McLaren

Malcolm McLaren: Er ist es. in echt.

Malcolm McLaren


Aber allzu spät kommt er dann doch nicht, nach ein oder zwei akademischen Vierteln vielleicht und begrüßt aufgeräumt und bester Laune das Publikum: "I have absolutely no idea where I am – in the middle of nowhere! But you must know that I am very old …" Das ist schon seltsam und lustig zugleich, man sitzt an einem der unglamourösesten Orte der Welt (Kulturbahnhof Kassel) und Malcolm McLaren plaudert, als würde er sich tatsächlich darüber freuen, am Punkkongress teilzunehmen. Er scheucht den Technikmann "it´s the CD, not the DVD!!" und man bekommt eine Ahnung davon, wie es sein muß, wenn der Meister not amused ist. Sein Vortrag zu den von ihm erfundenen Themen "Shoppertainment" und "Karaoke Culture" hat nicht wirklich was mit Punkrock, also Musik zu tun, er präsentiert sich mehr als Trendforscher oder –guru, der das Shoppen zur modernen Kunstform erklärt und in der Karaoke Culture das Verschwinden von Authentizität diagnostiziert. Wir sehen den für das französische Fernsehen produzierten Kurzfilm "How to produce a subversive pair of trousers", in dem McLaren vorführt, wie man eine Bondagehose näht und dadurch sein Verständnis von Punk klarmacht: Ein Kleidungsstück, das seinem Träger nicht nützt, sondern ihn behindert; eine Hose, in der man nicht laufen kann, die einen Reißverschluß hat, den man von vorne bis hinten öffnen kann? Das macht den Träger verdächtig und subversiv – jemand, der die Möglichkeit des Scheiterns auf der Straße spazierenträgt. Zum Schluß präsentiert McLaren Musik: Er hat seinen Oldschool-HipHop-Hit "Buffalo Gals" nach Bastardpopmanier mit "Take me Out" von Franz Ferdinand zusammengemixt, das Ergebnis: Karaoke Culture.



Punk-Kongress in Kassel, 22. – 26.9.2004
Eine Frau, eine Frau!
Wenn auch nur als Moderatorin:
Conny Lösch neben McLaren

Punk-Kongress in Kassel, 22. – 26.9.2004
Die Punk-Professoren während
der Vorlesung "Know Your Product"
(u.a. Marty Thau, Alfred Hilsberg, Mark Perry).



Die folgende, von Conny Lösch moderierte Talkrunde zum Thema "The Aesthetics of Punk" gerät zur Two-men-show von McLaren, der gleich auf dem Podium sitzenblieb, und dem englischen Autor und Künstler Stewart Home, der zum Monologisieren neigt. Gegen die beiden Selbstdarstellungsprofis sehen Sezgin Boynik, slowenischer Kulturkritiker, Harry Rag, member of the legendary S.Y.P.H und Thomas Groetz, Berliner Autor und Herausgeber, alt aus, nicht weil sie nichts zu sagen hätten, sondern weil sie es nicht können: leider – und das gilt für fast alle Panels und Foren des Kongresses – findet die Diskussionsrunde komplett in Englisch statt und macht Leute, die bestimmt interessante Dinge zu sagen gehabt hätten, zu stotternden Kanaksprak-Idioten. Okay, vielleicht wäre Harry Rag rein optisch eher dazu geeignet gewesen, an einem Gunter Gabriel-Lookalike-Wettbewerb teilzunehmen, als zum Thema Punkästhetik als Koryphäe zu brillieren, dennoch tut er mir leid, als er Sätze sagt wie z.B. "Fashion was not so important for us. It was always the music. Fashion was not so important. No."

Im Verlauf der Diskussion wird klar, daß im britischen Punk, jedenfalls in dem von McLaren inszenierten, der visuellen Umsetzung wesentlich mehr Bedeutung beigemessen wurde, als es in Deutschland der Fall war. Punk wurde durch die eigenwillige typographische Umsetzung von Leuten wie Jamie Reid, der das "Never mind the Bollocks"-Cover gestaltete, erst von der Öffentlichkeit wahrgenommen – die Musik allein konnte das nicht leisten. Schockiert hat das Design, die schreienden Farben, die wie Lösegeldforderungen aussehenden Plattencover und nicht zuletzt die Mode, ein Sammelsurium aus Fetischkleidung, zerrissenen Hosen, grellgefärbten Haaren und einem generell sorglosen Umgang mit belasteten Symbolen wie dem Hakenkreuz. Davor fürchtete man sich in Deutschland, ebenso wie vor dem Zurschaustellen der Flagge: weshalb spielt der Union Jack eine so bedeutende Rolle im britischen Punk? Undenkbar bis heute ein ähnlicher Gebrauch der deutschen Flagge, ohne stracks im rechten Lager verortet zu werden. Ist das Geheimnis wirklich nur, daß der Union Jack die attraktivere Flagge ist (wie Harry Rag meint)? Ungeklärt bis heute. Überraschend wirkt Stewart Homes Statement, daß Punk von Anfang an total unpolitisch war, und das vor allem in England – God save the Queen, the fascist regime? Alles harmloser Protest gegen die Monarchie, eine überkommene Institution, die sowieso keine Macht mehr hatte, Augenverschließen vor wahren Problemen wie Rassismus und Sexismus, Übertünchen durch Parolen, gegen die niemand ernsthaft etwas haben konnte.

Sezgin Boynik, der wie auch bereits in seinem Einzelvortrag sehr auf die Verbindung von Punk zu den Situationisten und deren Begründer Guy Debord abhebt, provoziert einen Zuhörer zu dem Zwischenruf "Why are you boring us to death?" Die Frage "Are Situationists old-fashioned" schwebt über der Diskussion, hat Dada was mit Punk zu tun und ist das eigentlich nicht alles viel zu theoretisch, vom Punk-Professor Greil Marcus zusammenfantasiertes Zeug?

Für McLaren ist "magnificent failure" ein Schlüsselbegriff zur Definition des Punk. Lieber großartig scheitern als bescheiden erfolgreich sein – sein Credo bis heute. Er bezeichnet sich selbst als "totally disfunctional" für die Gesellschaft.



Punk-Kongress in Kassel, 22. – 26.9.2004

Bonjour tristesse … Francoise Sagan ist tot und in Kassel steigt der Punk-Kongress

Erschöpfung. Eine Pause ist dringend nötig, ab ins Hotel, um vor dem abendlichen Konzert ein Nickerchen einzulegen. Die kongressbegleitenden Konzerte finden in der Kasseler Ingenieurschule statt, einem Funktionsbau mit typischer post-war-Hochschularchitektur. Man fühlt sich sofort in Studentenfetenstimmung versetzt; kalte Neonbeleuchtung im "Foyer", Finsternis in der "Halle", "Babylon is Burning" als Pausenmusik. Ich erlebe noch den Rest des Auftritts von Tokyo Sex Destruction, einer spanischen Band, die zwar viel Lärm macht, aber nicht weiter im Gedächtnis bleibt, der Sänger schaut sich seine Bühnenshow offensichtlich von Howlin‘ Pelle Armstrong von den Hives ab. Danach treten "The Kids" auf, eine belgische Punkrockband, die es schon seit 1976 gibt und deshalb als "Veteranen" oder gar "Band der ersten Stunde" gelten. Was mich davon abhält, diese Kirmesshow zu verlassen, möchte ich gern mit dem Begriff "Faszination des Grauens" beschreiben. Glatzköpfige Männer mit Bierbäuchen, die es live noch mal so richtig abgehen lassen wollen, sind ja nicht per se schlimm (das wird sich am Samstag noch zeigen). Aber wenn ein Punkrock-Jukebox-Feuerwerk abgeht mit den schönsten Hits von Sham 69 im Pubrocksound, stellt sich doch die Frage, was das hier alles soll.

Danach Aufregung: die Buzzcocks wollen angeblich nicht auftreten, wenn kein Guiness für sie beschafft wird. Ein Witz? Keine Ahnung, irgendwann geht´s dann los, und auch die Buzzcocks, zu recht berühmt und heißgeliebt wegen unsterblicher Punk-Frühphasenhits wie "Ever fallen in Love" oder "Orgasm Addict", zerstören vom ersten Stück an ("Boredom", sic!) planmäßig den eigenen Mythos. Eine langweilige Macker-Macho-Rockshow mit peinlichem Handgemenge am Ende und noch peinlicherer Rückkehr auf die Bühne, um doch die Hits noch zu spielen (Ever fallen in Love, Orgasm Addict). Machen die sich einen Scherz aus allem/den Fans/dem Kongress? Schon die Rockstarverkleidung des Bassisten (weißes Hemd, schwarze Weste) läßt diesen Verdacht keimen. Alles, was Buzzcocks-Songs unwiderstehlich machte (auf den Punkt gespielt, kurz, knapp, herzzerreissend melodiös), wird durch Schmock-rock-langweiler-Gitarrensoli getötet. Ärgerlich, nervig. Hätte lieber am Donnerstag die Boonaraaas (einzige Frauenband des Kongresses) und S.Y.P.H. gesehen. Wesentlich lustiger und sympathischer kommen am Samstag abend Alternative TV, die Band um -Gründer Mark Perry, a.k.a Mark P. (Sniffin‘ Glue) rüber. Das sind zwar auch alte Männer mit Bäuchen und Glatzen, aber mit Spaß und Augenzwinkern bei der Sache. Als sie "Action, Time, Vision" und – zwinker, zwinker - "Now I wanna sniff some Glue" spielen, ist die Stimmung fantastisch und die ollen Buzzcocks sind endgültig vergessen.



Punk-Kongress in Kassel, 22. – 26.9.2004
David Thomas während des legendären
Rocket from the Tombs-Auftritts
- gleich wird er aufstehen


Zum Schluß der Höhepunkt des Abends und des gesamten Kongresses: Rocket from the Tombs, die legendärste aller legendären Pre-Punk-Bands aus Amerika hat sich für ein einziges Konzert zusammengefunden. 1974 von Crocus Behemoth (= David Thomas) gegründet, existierten sie nicht einmal lange genug, um eine einzige Platte zu veröffentlichen. Aus RftT entstanden Pere Ubu und die Dead Boys und es ist wirklich ganz unglaublich, daß nun hier! heute! in Kassel! David Thomas, Cheetah Chrome, Craig Bell und Richard Lloyd (als "Ersatz" für den früh verstorbenen Peter Laughner) auf der Bühne stehen. Beziehungsweise sitzen, denn David Thomas verharrt zu Beginn auf einem Klappstuhl, von dem er nur kurz aufsteht, um brachiale Schreie ins Mikrofon loszulassen und aus seinem Flachmann zu trinken. Ansonsten gibt er ob seiner Körperfülle das Bild eines gestrandeten Wals ab – aber welche Power, welcher Lärm, dröhnt von der Bühne. Rocket from the Tombs spielen Hymnen der Verzweiflung, "I don´t need a cure, I need a final solution, a final solution ….", das ist zeitlos, ist das Punk? Ich weiß es nicht, aber unglaublich ist das alles.



Punk-Kongress in Kassel, 22. – 26.9.2004
Der charmante
Punk-Kongress-Conferencier
Blitzkrieg Bob


Danach ist der Kongress vorbei. Was bleibt? Viele offene Fragen jedenfalls, zum Beispiel: Wo waren die Frauen? Außer Marlene Marder von der Schweizer Band Kleenex (so durften sie aus markenrechtlichen Gründen später nicht mehr heißen und nannten sich Liliput), Conny Lösch als Moderatorin und den Boonaraaas als Donnerstagabend-Band saßen Frauen nur im Publikum. Und: Warum wurde fast nur auf englisch diskutiert? Wo waren die deutschen Punkprotagonisten? Okay, Harry Rag und Alfred Hilsberg waren vor Ort, aber es gibt doch noch so viele andere: hätte man nicht Blixa Bargeld oder – doch! – Campino einladen sollen? Und wo waren die Youngsters? Was gilt heute als Punk-Musik? Welche Rolle spielt Elektro? Sind die Sportfreunde Stiller Punk? Magnificent failure …. natürlich gab es auch Highlights, zum Beispiel die von padeluun vorgestellten Super-8-Filme, oder der Ramones-Film "End of the Century" von Michael Gramaglia und Jim Fields (2003), der das Bali-Kino bis unter die Dachkante füllte.

Und was nehmen wir mit nach Hause? Die Erkenntnis, daß Punk zwar nicht tot ist, aber ziemlich komisch riecht, ein bißchen wie Opa.