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Die Box


 
August 2004
Helene Hecke
für satt.org

Zum Thema:
Der Duden

12 Bde., Bd.1, Duden Die deutsche Rechtschreibung, neue Rechtschreibung
Bibliographisches Institut, Mannheim


Der Duden

1152 Seiten, 19,00 €
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Fieso, weshalp, varum?
Alte Männer bockig …

Die Rechtschreibdebatte als Generationenkonflikt?


Nun also wollen die Chefetagen von Spiegel und Bild feierlich zur alten Rechtschreibung zurückkehren … Man demonstriert geschlossene Bockigkeit gegen die längst vollzogenen Neuerungen, nur warum? Aus bildungsbürgerlicher Ambition, aus Reformverdrossenheit oder aus schlichter Inkompetenz?

Immerhin hat Herr Aust am Sonntag in der FAZ zugegeben, dass ein Großteil seiner Spiegel-Redakteure ihre Texte noch immer nach alter Schreibweise formulieren und sie hernach durchs Rechtschreibprogramm jagen müssen. Als wären diese gutbezahlten Sprachprofis über Jahre nicht in der Lage gewesen, ein paar neue Regeln zu internalisieren?! "Kafkaesk" – nennt Aust diesen Zustand zu Recht! Einem Freelancer sollte man jedoch was husten, wenn er seine Auftraggeber mit individueller Crossover-Orthographie belästigt. Im Bereich der freien Lohnschreiber wird selbstverständlich verlangt, dass das "daß" je nach Gusto des Auftraggebers mit oder ohne wilhelminisches "Buckel-S" daher kommt.

Auch mehrere Jahrgänge künftiger Literatur-User wurden bereits durch die Grundausbildung geschickt. In den Schulen schreibt man halt so, wie es die Kultusminister beschlossen haben. Anders würde es wohl Probleme geben mit Versetzung und späterem Numerus Clausus. Der Pisa-Schock erhöht den Druck auf die rückverdummte Jugend. Wie soll denn ein Zehnjähriger nachvollziehen, warum sich alle fünf Jahre die Grundlagen seiner Leistungsbemessung ändern? Und wer möchte diesem Zehnjährigen erklären, wieso es wieder einmal teure Neuauflagen sämtlicher Lehrbücher geben muss, während an baufälligen Berliner Schulen sogar die Klotüren fehlen?

Springer-Vorstand Mathias Döpfner macht sich Sorgen um die abnehmende Schreib- und Lesefähigkeit der jungen Generation. Die junge Generation sollte sich Sorgen machen um die Medien- und Technikkompetenz der älteren Generation. Ob nach alter oder neuer/alter Rechtschreibung - längst haben Tastaturen größeren Einfluss auf das Schreibverhalten als alle Regelwerk-Bastler zusammen. Welche Kids nutzen Buchstaben, die beim SMSen erst an fünfter Stelle erscheinen? Groß- und Kleinschreibung macht das Chatten sowieso zu langweilig. Fortgeschrittene digitale Kommunikation nutzt nicht mal mehr den schönen deutschen Umlaut. Wie sollte der auch in einem globalisierten japanischen Internet-Café wiederzuerkennen sein?

Ob das Update besser oder schlechter war als die Diktion der letzten 50 Jahre sei dahingestellt. Es ist nun einmal da. Und jene Kulturschaffenden, die an liebgewonnenen Schreibgewohnheiten festhalten, erscheinen zunehmend als Dinosaurier. Einflussreiche Dinosaurier. Denn die konservativen Kultusminister berufen willfährig neue Gremiensitzungen ein. Es ist ja auch ein zu attraktiver Sommerlochfüller zur Ablenkung von gravierenderen Reformen. Hartz nimmt den Kindern ihre Sparbücher weg, Studiengebühren werden künftig nicht billiger, Bildungseinrichtungen jedoch schlechter ausgestattet … als sei es den heutigen Entscheidern nur daran gelegen, einen ganz neuen Aspekt von "white trash" und unqualifizierten Arbeitslosen zu generieren. Hauptsache die Kinder schreiben dabei so, wie ihre Großväter es gelernt haben …

Während unserer ärmlichen Schulzeit kursierten noch die verschiedensten Goethe-Ausgaben. Es hat niemanden gestört, dass der Weimarer Lektor anders korrigierte als ein Reclam-Bürohengst aus den 60ern. Man las den Text als Dokument seiner Zeit - und sei es in Fraktur. So wird es auch den Kempowskis und Grass’ ergehen und nicht zuletzt den Redaktionen: Spiegel, FAZ und Bild als Dokumente ihrer besten Zeiten? Welche Jugendlichen konsumieren überhaupt noch solche Altherren-Blätter?

Letztlich ist Sprache ein Mittel zum Zweck. Nur mit der Rücknahme der Rechtschreib-Reform wird das gebildete Abendland der 68er-Generation wohl kaum zu retten sein. Ceterum censeo Carthaginem esse delendam!