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Die Box


 
Juni 2004
Heike Wolter
für satt.org

Cord Pagenstecher:
Der bundesdeutsche Tourismus

Ansätze zu einer Visual History. Urlaubsprospekte, Reiseführer, Fotoalben, 1950-1990
(Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 34)
Verlag Dr. KovacHamburg 2003


Cord Pagenstecher: Der bundesdeutsche Tourismus

622 S, EUR 128
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Cord Pagenstecher:
Der bundesdeutsche Tourismus

Die bisherige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem (bundes-)deutschen Nachkriegstourismus ergänzt die 2003 von Dr. Cord Pagenstecher an der Freien Universität Berlin vorgelegte Dissertation "Der bundesdeutsche Tourismus. Ansätze zu einer Visual History: Urlaubsprospekte, Reiseführer, Fotoalben 1950-1990." Allein der Mut zu einer solchen Arbeit ist hoch zu bewerten, ist doch die Historische Tourismusforschung zwar bereits seit etwa 1930 als wissenschaftliche Subdisziplin etabliert, jedoch immer noch wenig reputierlich. Die Beschäftigung mit "Capri-Fischern und Baedeker, Alpenglühen und Teutonengrill" scheint sich dem wissenschaftlichen Zugang zunächst zu versperren. Eindrucksvoll beweist Pagenstecher jedoch einen möglichen Anspruch der Tourismusforschung, nämlich exemplarisch Erkenntnisse, Theorien und Methoden anderer wissenschaftlicher Disziplinen für einen ausgewählten Aspekt bei der Untersuchung von Geschichte nutzbar zu machen.

Die relative Offenheit des Faches begünstigt dabei den Versuch, neue Ansätze auszuprobieren. Cord Pagenstecher leistet dies unter dem Begriff einer "visual history" in Anlehnung an den Terminus der "oral history". Er selbst wird dabei an der Schnittstelle von Tourismusforschung, Fotogeschichte und Wahrnehmungsforschung tätig und widmet sich der Frage nach dem Übergang von der Dominanz des romantischen Blicks auf die des geselligen Blicks.

Die Arbeit beginnt mit theoretischen und methodischen Vorbetrachtungen, wobei deutlich wird, daß Pagenstecher auf zwei Klassikern der Tourismusforschung aufbaut: dem Tourismusessay Hans Magnus Enzensbergers sowie dem Werk "The Tourist Gaze" von John Urry. Besonders hervorzuheben ist ebenfalls die Vorstellung der Bildanalysewerkzeuge – Semiotik, Ikonographie und qualitative Inhaltsanalyse – für den anvisierten Zweck der Dissertation.

Es schließen sich Diskussionen der bundesdeutschen Entwicklung anhand statistischer Daten und repräsentativ erhobener Umfragematerialien, touristischer Medien (Werbung, Reiseführer, Privatfotographie) sowie Destinationen (Alpen-, Städte- und Badetourismus) an, bevor eine biographische Fallstudie die Erkenntnisse abrundet und belegt.

Problematisch erscheint an einigen Stellen die Aufeinanderfolge der thematischen Einheiten. Die Beschreibung des lexikalischen Diskurses im Kapitel 3.1.1. beispielsweise nimmt bereits viele Informationen zur bundesrepublikanischen Entwicklung in verdichteter Form vorweg. Weiterhin wäre eine chronologische Ausrichtung der die Kapitel treffend zusammenfassenden Resümees sinnvoll gewesen, um dem Rezipienten die historisch diachrone Entwicklung zu veranschaulichen. Schließlich ist nicht schlüssig, warum einzig die biographische Studie anhand der Photoalben als Fallstudie deklariert wird, sind doch die höchst aufschlußreichen Beispiele zu den Prospekten sowie Reiseführern ebenfalls fallbasiert.

Pagenstecher schreibt selbst: "Die Geschichte des bundesdeutschen Tourismus läßt sich nicht ohne Bilder erzählen, aber auch nicht nur mit Bildern." Diese Aussage wird durch die Berücksichtigung schriftlicher Quellen unterlegt. Sie weist aber auch auf zwei Probleme der Arbeit hin. Zum einen erscheint die Frage der Polysemie von Bildquellen unterbelichtet, resultiert doch die bisherige Zögerlichkeit, ja sogar Ikonophobie der Geschichtswissenschaft weitgehend aus dessen angezweifelter Kausalität und Eindeutigkeit. Zum anderen wirkt die begriffliche Fassung von "Bild" eigenartig eingeengt, da der Untersuchung von Wahrnehmungen bei Pagenstecher stets materiale Bilder zugrundeliegen und wenig über rein mentale Repräsentationen des Tourismus ausgesagt wird. Bereits auf dieser Materialbasis aber wird der Übergang vom vorherrschend romantischen Blick zum geselligen Blick deutlich markiert.

Das Buch ist trotz der genannten Kritikpunkte in seiner Bedeutung für die Untersuchung des deutschen Tourismus der jüngeren Vergangenheit sowie für die Frage nach dem methodischen Gerüst einer historischen Tourismusforschung von großem Wert. Möglich, daß es den einen oder anderen Interessenten aufgrund der Titelwahl enttäuscht. Eine konzise Betrachtung der historischen Entwicklung des bundesdeutschen Tourismus vermittelt das Buch nämlich nur begrenzt. Die Betonung und Stärke liegt auf dem – empirisch untermauerten – Versuch, dem Fach Tourismusgeschichte zu einem weiteren Theorieangebot zu verhelfen.