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Die Box


 
April 2004
Alexandra Gerstner
für satt.org

Minusvisionen. Unternehmer ohne Geld. Protokolle von Ingo Niermann
Suhrkamp 2003

Minusvisionen. Unternehmer ohne Geld. Protokolle von Ingo Niermann

301 S., 12 EUR
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Minusvisionen
Unternehmer ohne Geld

Protokolle von Ingo Niermann



Wenn etwas fehlt, das man nicht kaufen kann, ist manchmal schon eine Geschäftsidee geboren. In Diskotheken gibt es keine koffeinhaltige Schokolade, in der Mittagspause keine leckeren Sandwiches, und gute T-Shirts findet man erst recht nirgendwo: diese Erfahrung des Mangels könnte auch eine Minusvision genannt werden. Ingo Niermann hat sein Buch über Unternehmen, in deren Schlußbilanzen ein Minus erscheint, Minusvisionen genannt. Es versammelt vierzehn großartig erzählte Protokolle, die Aufstieg und Fall von Unternehmern und Unternehmen beschreiben, die man wohl als in finanzieller Hinsicht gescheitert bezeichnen darf.
Das Buch, das im November 2003 in der edition suhrkamp erschienen ist, hat auch einen schönen Untertitel, nämlich "Unternehmer ohne Geld". "Unternehmer ohne Geld", so entnehmen wir dem Klappentext, das sind Leute, die trotz unsicherer Finanzierung gezwungen sind, sich selber einzustellen. Ingo Niermann nennt sie sehr treffend auch "Lumpenkapitalisten". Diese Bezeichnung charakterisiert zwar die Existenz als "Ich AG" ziemlich genau, trifft aber nur teilweise auf die im Buch vorgestellten Personen zu. Denn hier sind auch einige Unternehmer versammelt, die am Anfang ihres Unternehmens sehr wohl Geld hatten, denen dieses im Laufe ihrer Unternehmung allerdings unwiederbringlich verlorenging. Niermann geht es in erster Linie darum, zu zeigen, daß die Verwirklichung einer unternehmerischen Idee "eine Sollwirtschaft im doppelten Sinne" ist, d.h. "Man bezahlt für etwas, das es nicht gibt, mit etwas, das man nicht hat".
Weniger ums Geldverdienen geht es den Vorgestellten also, als um die Idee, mit etwas, das einem selbst gefällt und Spaß macht, zu arbeiten. Da gibt es den Filmverleiher, der seltene Kopien großartiger Filme in die Kinos bringt; den Rocksänger, der Konzerthallen in der Provinz betreibt; die Philosophiestudentin, die ein Sägewerk erbt; den Popmusiker, der um die Veröffentlichung seiner Platte kämpft und viele andere biographische Fundstücke. Eine gewisse Sensationslust wird ebenfalls bedient, finden sich doch Popstars, Stricher, Pornofilmer und Betrüger unter den Porträtierten.
Unternehmertum wird hier von seiner schöpferischen Seite gezeigt, als kreativer Akt der Selbstverwirklichung, selbst dann, wenn es nur um das Vermarkten von Sandwiches geht – denn was zählt, ist letztlich die Verwirklichung der eigenen Idee, die Verbesserung der Welt im Kleinen durch das Produkt, das einem schon immer gefehlt hat. So verorten sich viele der hier versammelten Lebensläufe nicht zufällig in diesem seltsamen Raum Berlin-Mitte, in dem Mitte der 90ger Jahre die Grenzen zwischen New Economy, Kunst und Popkultur verschwammen, auch weil es hier in den Nachwendejahren bereits eine ökonomische Nische gab, in der experimentelle Freiräume vor allem durch enorm niedrige Mieten entstanden waren.
Doch egal ob Schokakola oder Internetportal, Sägewerk oder Varieté: irgendwann erzeugt jede Investition den Zwang zum Geldverdienen. Beim Leser, der das Abgleiten in die roten Zahlen verfolgt, erzeugt die Lektüre der Protokolle ein wohliges Gänsehaut-Gefühl: uiuiuii, das kann doch nur schiefgehen!
Das Scheitern der porträtierten Unternehmer beruht jedoch weniger auf nicht marktgängigen Produkten, sondern hauptsächlich auf schwerwiegenden Management-Fehlern, denn der Versuch, ein Unternehmen als Kunstprodukt, ja als Erweiterung der eigenen Nischenexistenz zu führen, stellt die Handelnden oft vor ungeahnte Probleme. Manche bürokratische Regelung treibt die Berichtenden derart zur Verzweiflung, daß der empathische Leser zum FDP-Wähler werden möchte. So werden die Betreiber eines Internetshops von Steuer- und Rechnungsproblemen gequält:
"Dann hatten wir eine Steuerprüfung. Wir sind gar nicht gegen Steuern zahlen, überhaupt nicht, aber es war unfaßbar. Da kamen so Briefe an vom Finanzamt Tiergarten, noch mit Schreibmaschine geschrieben, auf vergilbtem Papier. Wo du sofort merktest, die haben was gegen dich. Auf den Rechnungen stand nicht GmbH & Co KG, und dann mußte man immer die Rechnungen zurückschicken: Können Sie bitte GmbH & Co KG draufschreiben. Die Firmen gabs teilweise gar nicht mehr. Und dann halt niemand, der jemals in unserem Büro gearbeitet hat, bis heute verstanden, wie man die Mehrwertsteuer ausrechnet. Das haben alle falsch gemacht. Da fängst du halt irgendwann an, nimmst jede Rechnung und schreibst die neu."

Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Erfolg scheint zuweilen bei der mangelnden Kundenorientierung zu liegen. Barbara Gies und Christopher Roth berichten über die Schwierigkeiten ihres Internetshops Stylegames: "Anfang waren die Leute auch wirklich so wahnsinnig dumm und träge. Bis die mal begriffen haben, wie man bestellt. Wir hatten diesen Einkaufskorb, und dann dachten alle, daß man die Produkte in den Korb ziehen kann. Das ist eigentlich schlau. Aber das ging bei uns nicht, du mußtest da auf den Korb klicken. Und zu schreiben: Hier klicken, da willst du halt so nicht machen."

Da wundert es nicht, wenn die beiden schließlich resigniert resümieren: "Nach anderthalb Jahren nervten einen die stilbewußten Leute auch schon, da hat man die schon nicht mehr gemocht, die eigenen Kunden."
Der unternehmerisch interessierte Leser kann von solchen Zeilen nur profitieren, denn er spart sich entweder zeitraubendes Herumsitzen in Existenzgründer-Seminaren oder beginnt zu erwägen, doch noch eins zu besuchen. Jedenfalls lernt man eine Menge, vor allem, trotz alledem an eine Art ideellen Kapitalismus und ökonomische Möglichkeitsräume zu glauben. Ein tolles, euphorisches Buch, das wunderbar in die heutige Zeit paßt, wo es von Lumpenkapitalisten nur so wimmelt.