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Die Box


 
April 2004
Enno Stahl
für satt.org

Heiraten in Deutschland
von Enno Stahl

Heiraten in Deutschland



Nach all den Jahren habe ich sie gefragt, meine Gefährtin, ob sie will. Und angesichts des Ortes meines Antrags, der Rialto-Brücke zu Venedig, ist ihr die Entscheidung nicht schwer gefallen.

Auch ein Termin ist schnell gefunden, der 2. Oktober soll es sein, an einem 2. Oktober haben wir uns kennen gelernt, auch das verlängerte Wochenende, das folgt, ist sehr praktisch. Anruf im Standesamt zur Ermittlung der notwendigen Formalitäten, die allerdings nicht allzu großartig scheinen: Ausweise und Geburtsurkunden seien vorzuweisen, sagt man uns, das sei alles. Jedoch ginge das frühestens sechs Monate im Vorhinein: und da unser Wunschtermin auch der vieler anderer sei, erklärt uns die freundliche Dame, bliebe uns nichts, als uns am 2. April ins Standesamt zu begeben, gleich um sieben Uhr in der Früh um dort eine Wartenummer zu ziehen.

Gehört, gehorcht, stehen wir am 2. April um Punkt sieben auf der Matte. Vor uns nur zwei weitere Paare, der Nummernspender hingegen ist noch nicht in Betrieb. Wir drücken uns auf dem Flur herum, ungefrühstückt mit knurrenden Mägen, Linoleum spiegelt milchiges Neonlicht. Endlich rattert der Apparat, wir ziehen der Reihe nach unsere Nümmerchen, lassen uns nieder und harren voll inneren Friedens der Dinge, die da kommen mögen.

Was kommt, sind weitere heiratswillige Paare, in Scharen strömen sie herbei. Lustiger Weise immer nach demselben Muster: die Frau eilt mit forschen Schritt dem Nummernautomaten entgegen, der Mann folgt etwas behäbiger hinterdrein, sie zieht triumphierend ihre Zahl – Unterpfand einer Verpflichtung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Erst beim fünfzehnten Pärchen sinkt meine insgeheime Statistik von satten 100 auf 93,7%. Flur und Warteraum sind inzwischen hoffnungslos überfüllt. Wer sich nicht blicken lässt, sind die Standesbeamten. Zwar sind wir froh, dass wir als dritte an der Reihe sind, aber dass hier eine Stunde lang niemand zur Bearbeitung schreitet, hätte man uns sagen sollen. Um acht kommen sie angeschlichen, Deutschlands Beamte, und gegen halb neun, nachdem sie noch etwas gegessen oder geplaudert haben, beginnen sie, uns abzuarbeiten.

Als wir dran sind, mustert die junge Frau unsere Unterlagen und murmelt: "Hatten Sie vorher mal angerufen, um zu fragen, was sie brauchen?" Haben wir, sogar zweimal. Trotzdem alles falsch: "Damit kann ich nichts anfangen. Ich brauche eine beglaubigte Abschrift aus dem Familienbuch der Eltern beziehungsweise eine Abstammungsurkunde, wenn Sie das nächste Mal kommen." – "Aber warum hat uns vorher niemand …?" Sie zuckt mit den Schultern: "Die im Callcenter haben keine Ahnung …" Aha. Egal, das Wichtigste ist der Termin: "Können wir denn den zweiten Oktober reservieren?" Bedauernd schüttelt sie den Kopf, das ginge nicht. Meine Gefährtin ist den Tränen nah, wir insistieren und wir flehen - und haben Glück, sie spricht mit ihrer Chefin, die sich erweichen lässt. Bis nächste Woche halten sie uns den Wunschtag fest. Man denkt viel zu schlecht vom öffentlichen Dienst!

Zur vereinbarten Zeit finden wir uns wieder ein, diesmal geht alles glatt, keinerlei Wartezeit, zügig werden die bürokratischen Erfordernisse abgeleistet. Mit dem Datum ist es eh kein Problem, am 2. Oktober gibt es selbst jetzt noch Termine satt, aber so schlimm ist es auch nicht, mal um sechs aufzustehen.

Dann noch bezahlen, denn Verwaltung kostet schließlich Geld. Leider ist die Kasse geschlossen: Kassensturz, nachmittags um halb vier. Davor fünf weitere zahlungswillige Brautpärchen, sie grinsen und fassen sich in Geduld.

Die brauchen sie auch. Nach einer halben Stunde ist die Menge 40-köpfig. Ein Bankangestellter schnaubt: "Kassensturz während der Arbeitszeit! Wenn wir uns das erlauben würden!"

Geraume Zeit später öffnet sich der Berg Sesam, und wir treten im Gänsemarsch an mit unseren Zahlungsaufträgen. In diesem Moment stürmt eine einzelne Frau aus der Hintergrund an den Wartenden vorbei, wirft dem Kassenwart ihren Wisch hin: "Herr Markwart, bitte einmal kurz …" Die Menge ist vor den Kopf gestoßen, zu verblüfft, um zu rebellieren. Die eilige Dame wendet sich mit dem abgestempelten Papier zum Gehen und lässt uns huldvoll wissen: "Ich bin vom Haus!" Deswegen! Sie ist vom Haus! Na dann! Nun wird allen alles klar: Heiraten in Deutschland – das klappt natürlich am einfachsten, wenn man gleich arbeitet im Standesamt. Ich male mir aus, was das für andere Bereiche der Verwaltung bedeutet: Ordnungsamt, Abfallbeseitigung, Baubehörden – aber geh! In Köln kennen wir das zu Genüge, "Dienstleistung" wird hier recht eigen interpretiert, es kommt von Dienst, nicht von Leistung: Gefälligkeit hier, Gefälligkeit da.