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Die Box


 
Februar 2004
Alexandra Gerstner
für satt.org

Heike Wolter: Volk ohne Raum
Lebensraumvorstellungen im geopolitischen, literarischen und politischen Diskurs der Weimarer Republik

Eine Untersuchung auf der Basis von Fallstudien zu Leben und Werk Karl Haushofers, Hans Grimms und Adolf Hitlers (Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 7), Münster-Hamburg-London: Lit 2003

126 S., 17,90 Euro.
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Heike Wolter:
"Volk ohne Raum"

Lebensraumvorstellungen im geopolitischen, literarischen und politischen Diskurs der Weimarer Republik



Das Empfinden, ein "Volk ohne Raum" zu sein, war in Deutschland bereits vor dem Ersten Weltkrieg in völkischen und jungkonservativen Kreisen ein zentrales Thema. So schrieb Arthur Moeller van den Bruck 1913: "Die Nationen drängen aus der heimatlichen Welt heraus, weil sie ihnen zu eng geworden ist, und suchen in eine erweiterte überzutreten, auf die sie durch ihr natürliches Wachstum, durch ihre volkliche Begabung und vor allem durch ihren geistigen Wert ein Anrecht haben." Doch nach der traumatischen Kriegsniederlage und dem Versailler Friedensvertrag wurde das Problem "Lebensraum" omnipräsent und zu einer wahren "mass claustrophobia", und dies, obwohl es real nie eine deutsche "Raumnot" gegeben hatte. Was waren die Gründe dafür, daß der "Kampf um Lebensraum" in der Zwischenkriegszeit zur Chiffre für zahlreiche soziale und politische Probleme werden konnte?

Heike Wolter widmet sich in ihrer Untersuchung den "Lebensraumvorstellungen" von Karl Haushofer, Hans Grimm und Adolf Hitler. Diese sieht sie als repräsentativ für die Ausformulierung spezifischer Lebensraum-Konzepte im wissenschaftlichen, literarischen und politischen Kommunikationsraum an – die Auswahl überzeugt, denn jeder der Protagonisten trug dazu bei, den schillernden und unklaren Begriff mit rassistischen und imperialistischen Inhalten zu füllen.

Dieser politischen Wendung und Instrumentalisierung des aus dem Bereich der Biologie stammenden Begriffs geht Wolter zunächst anhand der in den zwanziger Jahren neu etablierten "wissenschaftlichen" Geopolitik nach. Die zwischen Politikwissenschaft und Geographie anzusiedelnde Geopolitik sollte nach ihrem wichtigsten Vertreter, Karl Haushofer, "zum geographischen Gewissen des Staates" werden. Trotz geopolitischer Lehrstühle an einigen Universitäten weit davon entfernt, wissenschaftlichen Objektivitätsforderungen zu genügen, wollte die Geopolitik vielmehr durch Prognosen handlungsleitend auf die Politik einwirken. Ihrer politischen Instrumentalisierung stand daher von vornherein nicht viel im Weg, und obwohl Haushofer kein Nationalsozialist war und nach 1941 zunehmend Repressionen ausgesetzt war, wie Wolter anhand der Biographie belegt, muß doch sein auf imperialistische Ausdehnung angelegtes Raumdenken in engem Zusammenhang mit der späteren nationalsozialistischen Expansionspolitik gesehen werden. Haushofers Einschränkung, die Erweiterung des Lebensraums dürfe nur "ohne Lebensgefahr für den Volksbestand" und unter der "freiwilligen Mitarbeit der Bewohner eroberter Räume" geschehen, kann wohl nur als naiv bezeichnet werden.

Mit Hans Grimms Roman "Volk ohne Raum" wird nicht nur dieses populäre Werk politischer Literatur von 1926 untersucht, sondern auch der Titel, der zum eminent wirksamen Schlagwort wurde. In diesem Roman fand die Reduzierung drängender sozialer Probleme der Zeit auf die einfache Formel "Raumnot" ihren vorläufigen Höhepunkt, und die Autorin sieht zu Recht die Attraktivität des Romans vor allem in seinem Angebot zur Komplexitätsreduzierung, das "die Mentalität des deutschen Bürgertums im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts" widerspiegelt.

Eingeleitet wird das Kapitel zum literarischen Diskurs durch eine "Historische Betrachtung zum völkischen Denken", die nicht immer überzeugt. Dies liegt vor allem an der Vermengung konservativer, jungkonservativer und völkischer Ideologeme, die nicht mit der nötigen Schärfe getrennt werden. Auch die Bedeutung des Attributs "volkhaft", das neben "völkisch" verwendet wird, bleibt im Dunkeln. Die Abgrenzung völkischer und jungkonservativer Lebensraum-Vorstellungen von der nationalsozialistischen Variante ist aber dennoch stimmig und wird vor allem im Kapitel über Hitlers Lebensraum-Konzept und im abschließenden Vergleich deutlich.

Obwohl die Bedeutung von Adolf Hitlers Weltanschauung für die Politik des "Dritten Reiches" nicht unumstritten ist, kann Wolter den Einfluß von Hitlers Lebensraum-Vorstellungen auf die Ideologie des Nationalsozialismus und nicht zuletzt auf den Vernichtungskrieg im Osten schlüssig nachweisen. In einem kurzen biographischen Abriß geht sie den Quellen von Hitlers Weltanschauung nach (wobei die "dunklen Wiener Jahre" durch Heranziehen der Studie von Brigitte Hamann* hätten erhellt werden können), und bezieht insbesondere den Einfluß Haushofers auf Hitler mit ein. In "Mein Kampf" wird der "Kampf um Lebensraum" vom Schlagwort zum außenpolitischen Konzept, das auf der Annahme basiert, die Expansionspolitik nach Osten sei durch "rassische Überlegenheit" und die angebliche "Raumnot" der deutschen Bevölkerung gerechtfertigt. Für diese Überlegungen spielten auch Autarkiebestrebungen und die Großstadt- und Industriefeindliche Idealisierung der Agrargesellschaft eine wichtige Rolle.

Im abschließenden Vergleich kann Wolter zeigen, daß die Werke Haushofers und Grimms Wissenschaft und Literatur lediglich als Deckmäntel für ihre politischen Schriften verwendeten und die Verfasser sich in der Rolle von Erziehern der politischen Führung wie auch der Bevölkerung sahen. Gleichermaßen forderten die Autoren eine revisionistische Außenpolitik und eine "gerechte Verteilung" des Bodens. Damit war bereits in der Weimarer Republik der Boden für das nationalsozialistische Lebensraum-Konzept bereitet, das schließlich als Rechtfertigungsargument für die Expansionspolitik diente und radikalisiert durch die Rassenideologie den Vernichtungskrieg gegen Rußland legitimierte.


* Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München - Zürich 1996.