Anzeige:
Die Box


 
November 2003
 

Das Gefühl der Verunreinigung oder Warum wir den Apfel zum Wasserhahn tragen

Von Prof. Dr. Dr. rer. nat. Stanislav Komárek

Aus dem Tschechischen von Bernd Gonner

(Erstveröffentlichung in: Tvar 43/44 1993)

Das Gefühl der Verunreinigung oder Warum wir den Apfel zum Wasserhahn tragen

Von Prof. Dr. Dr. rer. nat. Stanislav Komárek

Aus dem Tschechischen von Bernd Gonner



Bakterien
Bakterien
Bakterien
Bakterien

Wie die Furcht vor einem Nuklearkrieg die neuzeitliche Transformation geschichtlich älterer Ängste vor dem Weltende ist, so ist auch die Furcht vor Bakterien oder anderen Krankheitserregern nur eine Transformation eines viel älteren Archetyps – der Unterscheidung zwischen ‚rein’ und ‚unrein’. Diese Unterscheidung wurzelt in bestimmtem Maß in trivialen Alltäglichkeiten. Bei aller Mannigfaltigkeit der Traditionen hat bislang keine Kultur die Berührung von Exkrementen als erwünscht bewertet und das Gefühl der Verunreinigung oder des Abstoßenden ist in den meist Kulturen verbunden mit Gefühlen der Schleimigkeit, Klebrigkeit, der kotigen oder schmierigen Konsistenz (das lateinische Wort ‚virus’ bedeutete zugleich Gift und Schleim), und das häufig auch in abstrakten, übertragenen Bedeutungen.

Dieses Grundgefühl kann in den verschiedensten Kulturen in komplexe Vorstellungssysteme über rituelle Reinheit und Unreinheit transformiert werden. Weit entwickelt, am stärksten formalisiert, vielleicht aber auch am komplexesten sind jüdische Vorschriften im Buch Leviticus oder entsprechende Regelungen der islamischen Welt. In den verschiedenen Kulturen begegnen wir unreinen Personen, zuweilen ganzen Bevölkerungsgruppen, Tieren, Objekten, Plätzen, Zeiten, Verrichtungen usw. Das Gefühl der Verunreinigung oder der Befleckung nach dem Kontakt mit ihnen ist eines der elementarsten Gefühle des Menschen. Rituale, durch die sich diese Befleckung beseitigen lässt (wenn dies überhaupt möglich ist), spielen eine wichtige Rolle. Verglichen mit den Katholiken sind die Kalvinisten zweifellos strenger - eine einmal an ihnen haftende Sünde bleibt ihnen auf ewig. Die Angst vor der Kontamination von uns selbst oder von dem, was uns lieb und teuer ist, nimmt mit dem fortschreitenden Prozess der Zivilisation jedoch ab. Auch in unserem Jahrhundert gehört es zum Aussagenrepertoire wenig reflektierender Menschen, dass Leute, die ihnen unsympathisch sind, seien es Einzelne oder Gruppen, stinken, Krankheiten übertragen usw. In einer eher intellektuell geprägten Gesellschaft finden sich Ängste vor einer Befleckung des Guten im Allgemeinen. Deutschland scheint das ideale Land für solche Gefühle zu sein, womit natürlich nicht gesagt werden soll, dass sie nicht auch anderswo vorhanden wären. Schon die deutsche Reformation befand, dass der rechte Glaube durch spätere Zusätze schwer verunreinigt worden war. In ähnlicher Weise war die deutsche Sprache in der Zeit der napoleonischen Kriege bedroht durch französische und italienische Ausdrücke, ja kontaminiert damit. In den folgenden hundert Jahren und danach war die deutsche ‚Rasse’ verunreinigt. Trotz aller Vorsicht haben sich auch hier einige fremde Chromosomen eingeschlichen. In den letzten zwanzig Jahren taucht immer dann ein panischer Schrecken vor der Umweltverschmutzung und verunreinigten Lebensmitteln auf, wenn der deutsche Wald in Gefahr ist und wenn in deutschen Erdbeeren der Cäsiumgehalt steigt. Die Entdeckungen der Bakteriologen und Virologen Mitte des 19. Jahrhunderts haben es dann breiten Schichten möglich gemacht, der Obsession der Verunreinigung eine neue, rationale Form zu geben. Nicht, dass all dies keinen rationalen Hintergrund hätten, aber die Art, wie damit umgegangen wird, ist archetypisch und uralt. Im übrigen ist auch die Vorstellung, dass kleine lebendige Würmer oder Teufelchen die Urheber von Krankheiten seien, sehr alt, und schon Athanasius Kircher hat im 17. Jahrhundert gemeint, sie unter seinem Mikroskop entdeckt zu haben.

Nun wissen wir, dass wir – wenn wir den Apfel zum Wasserhahn tragen – eine uralte kultische Handlung durchführen, ob an dem Apfel nun ein Fluch oder aber polychlorierte Verbindungen kleben.