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Die Box



Oktober 2002
Anne Hahn
für satt.org


Anne Hahn
Voll tolerant oder was dürfen uns sibirische Dorfdeppen singen?
Über eine Auseinandersetzung um den Sänger Jegor Letow

Ein Ereignis am Freitag, dem 11.10.2002 im Berliner Haus der Demokratie

Voll tolerant oder was dürfen uns sibirische Dorfdeppen singen?

Über eine Auseinandersetzung um den Sänger Jegor Letow



Es drohte langweilig zu werden um das Kaffee Burger, seit Hochglanzmagazine und Szene-Reiseführer das Lokal um den in die Jahre gekommenen Berufsprovokateur und dichtenden Kneipenwirt Bert Papenfuß für sich entdeckten. Schwäbische Jurastudenten hotten mit russischen Zopfmädchen zu Wladimir Kaminers Russendisko, renommierte Verlage benutzen den hippen Ort für Buchvorstellen und Kulturmagazine verbraten bei Berichten über das literarische Berlin garantiert eine Kaffee Burger-Nachtszene. Trotzdem ist (noch) nicht alles touristenverdaulich im Programm des „Salon Brückenkopf“. Bert Papenfuß, als Turbine nordosteuropäischer Kulturvernetzung bekannt, erfreut oder verschreckt sein Publikum seit Jahren mit Protagonisten abgründiger Rockmusik. Zu seinen Lieblingskapellen gehört die sibirische Punkband "Graschdanskaja Oborona". Mehr als einmal scheiterte der Plan, diese Truppe nach Berlin zu holen, an den Bedenken seiner jeweiligen Mitstreiter. Zuletzt weigerte sich der mitorganisierende Kulturstadtrat des Prenzlauer Berges, Burkhart Kleinert, die Band Jegor Letows beim „Tag der Abrechnung“ am 3. Oktober 2000 im Pratergarten auftreten zu lassen.


Graschdanskaja Oborona

Woher die Bedenken? Die kurz G.O. genannte Band; übersetzt „Zivilverteidigung“, machte seit 1993 schlechte Schlagzeilen. Zu Zeiten des Kalten Krieges war die aus Omsk stammende Band bekannt für ihre nihilistisch - anarchistischen Texte zu punkigen Gitarrenriffen. Zum Erschrecken vieler Fans bekannte sich Bandleader Jegor Letow Ende 1993 während einer „nonkonformistischen Aktion“ im Moskauer Gorkikulturhaus zu nationalpatriotischen Ideen und Ideologien der Neuen Rechten. Letow hatte Anteil an der Gründung der National-Bolschewistischen Partei Russlands, zu deren Mitglied Nr. 3 er zählt. In Interviews forderte Letow den „notfalls bewaffneten“ Kampf gegen den „amerikanisch-europäischen Zivilisationsschund“, der Russland überschwemme oder rief dazu auf, die schwulen und lesbischen Mitbürgerinnen „gleich ins Gefängnis zu schicken, weil diese absurde Vorliebe den Traditionen unseres Volkes total fremd ist“. Das Gründungs - Dreiergespann der neugegründeten NBP, Limonow, Dugin und Letow, ging inzwischen verschiedener Wege. Limonow befindet sich seit knapp zwei Jahren in Haft, Dugin übt eine Beraterfunktion in der Duma aus, Letow hat der NBP den Rücken gekehrt. Kürzlich erschien eine Platte G.O.`s mit Bulat Okudshawa und Wladimir Wyssozki - Texten. Im November 2000 spielte Letow erstmals (relativ unbemerkt) in Berlin, eines seiner Gedichte wurde in der Zeitschrift Gegner (die „schreibende Lederjacke“ Papenfuß ist Gegner- Redakteur) abgedruckt und ein Letow - Song ist auf der CD Sodbrenner, die das Burger vertreibt, enthalten.

Im Juli diesen Jahres kam G.O. erstmals geschlossen nach Berlin. Auf Einladung des (räumlich wie geistig) dem Kaffee Burger direkt benachbarten Dom Kultury. Am 31. Juli 2002 sollte im Tacheles ihr erster Gig steigen. Ein Journalist der Welt wusste besser als die Organisatoren des Tacheles selbst, was dort auf sie zu käme. In seinem „Böse Onkel Wanjas: Russlands faschistische Punks“ überschrieben Artikel weist Heilwagen auf die Hintergründe um die NBP hin. Nun trat die Antifa in Aktion, ein Autor der website indymedia rief zum Boykott des Konzertes auf. Nach Verständigung mit den Betreibern des Cafe Zapata im Tacheles wurde der Termin abgesagt. Der Mudd Club sprang ein, in dessen Räumen Mittwochs -Abends die Lesebühne der Surfpoeten beheimatet ist. Das Konzert G.O.’s lief ohne bemerkenswerte Störungen ab (lediglich Letows Freundin bekam ein Flasche an den Kopf geworfen) und Jegor Letow trat (u.a.) am folgenden Montag solo im Kaffee Burger auf. Ein zufällig anwesender Journalist und Lesebühnenautor (club existentialiste) erfuhr durch Flugblätter der spärlich anwesenden Antifa’s von Letows politischen Desaster. Er interviewte Bert Papenfuß zu den Vorwürfen um Letows Gesinnung und den später dazu getretenen Wladimir Kaminer. Unter dem Titel „Russische Exotik: „Wer im Berliner Kaffee Burger so alles Konzerte gibt“ veröffentlichte Liske die Statements der beiden Letow-Verteidiger am 10. August in der jungen Welt. Papenfuß erwiderte im selben Organ sechs Tage später mit einem „Gegen gute Geister“ überschrieben Artikel. Am Sonntag nach Letows Soloauftritt verlas Dr. Seltsam in seinem Lesebühnen - Frühschoppen Liskes Artikel auszugsweise und merkte an, dass Neofaschisten nichts auf Lesebühnen verloren hätten. Danach wurde ihm von Mitgliedern anderer Berliner Lesebühnen eine Entschuldigung abverlangt und Schmähung bis Ausschluss angedroht (so Dr. Seltsam im HdD). Die junge Welt organisierte angesichts des offenbaren Klärungsbedarfs eine Veranstaltung im Haus der Demokratie, die am vergangenen Freitag unter dem Motto „Nazis rein? Russische Nationalbolschewisten’ auf Berliner Lesebühnen“ stattfand.

Von den geladenen Gästen erschienen als Gegner-Redakteure Bert Papenfuß und Andreas Hansen, als Vertreter der jungen Welt Markus M. Liske und Christof Meueler (Feuilleton), als Nationalbolschewismus-Experte Markus Mathyl, als Expertin für russische Literatur Cornelia Köster und Dr. Seltsam, Kabarettist. Es fehlten: (aus verschiedensten Gründen) Wladimir Kaminer, sein Vertreter Helmut Höge, der Politredakteur der jungen Welt und eine beliebige Person, die über Letow als Künstler und Beschuldigter etwas zu sagen gewusst hätte. Außerdem anwesend - eine schwankende Besucherzahl zw. 30-45 Personen.


Die Veranstaltung - ein Protokoll:

- Christof Meueler: … „es geht heute Abend um das Thema - Nazis rein in die Lesebühnen?“ (kurze Erläuterung der obigen Fakten) - „nun könnten die Fragen sein: warum solche Veranstaltungen stattfinden können? Oder - warum muss man darüber diskutieren? Es liegt hier nicht der Fall Burger vor, oder der Fall Kaminer. So viel voran.“

- alle Beteiligten stellen sich kurz vor, wobei Papenfuß’ Vorstellung am bündigsten ausfällt: „Gegner, Kaffe Burger.“

- Dr. Seltsam: hält einen 45- minütigen Vortrag über die Entstehung der National-bolschewistischen Bewegung, die ihre Wurzeln in der frühen Abgrenzung der KPD gegen rechtsradikale Rebellen gehabt hätte, hinterfragt des weiteren wird das Modell „unpolitische Kunst“ und stellt Horst Mahler, Bernd Rabehl, Knut Hamsun, Götz Aly und Eduard Limonow in einer Aufzählung Punkt 1-5 als „Rechte Leute von Links“ dar. Zu Limonow ausführlich: „Es geht um einen Mann, der 1974 nach Amerika kommt, ein Buch schreibt, das eine 100 000er Auflage erlebt (Fuck off Amerika), und der ruft zwanzig Jahre später zur Ermordung von behinderten Menschen und Juden auf! Das ist eine totale Kehrtwende, und wenn dann Kaminer in der taz schreibt dann gründete er die NBP’ , also da ist keine Reflektion vorhanden!“

Falko Hennig aus dem Publikum: „Es wäre schade, wenn hier alle so lange reden und ich die meisten verpasse, ich muss nämlich bald los.“ - Christof Meueler: „was machen wir denn jetzt?“

- Andreas Hansen: klärt einige akademische Unstimmigkeiten über den Ausschluss bestimmter KPD Mitglieder mit Dr. Seltsam und fragt: …“Kommintern und so, ja aber was hat das mit der Diskussion heute Abend zu tun?“

- Markus M. Liske: „Ich werd jetzt erst mal den Artikel vorlesen, um den es geht.“ liest seinen Artikel der jungen Welt vor, vereinzelt Kichern im Zuschauerraum; : …„bei dem Konzert im Mudd Club soll es sich ja gerüchteweise nur um ne Provokation gehandelt haben, das is alles nur Punk, haben Papenfuß, Kaminer und Spider gesagt! Lass die mal kommen, die singen doch nur auf russisch, das versteht doch keiner!’ Und meine Frage ist, wussten die Surfpoeten vorher, ob das Konzert stattfinden sollte? Und Papenfuß, der seinen Artikel leider nicht dabei hat, zu Letows Ausrottungsvisionen kommt da keinerlei Erklärung, nur Inwieweit sich bei diesen Statements Provokation und Meinung decken, weiß ich nicht’. Und zu den getrennten Wegen, Letow sagt noch 2002 in Limonka’ (im Juli 2002 verbotene Zeitschrift um Limonow), wir gehen getrennte Wege, aber für die selbe Sache!’“

- junger Mann: „In der von Bert Papenfuß genannten Schrift Letows schreibt dieser, dass die Nationalbolschewisten nicht radikal und faschistisch genug sind, deshalb ist er ausgetreten!“

- Markus M. Liske: trägt eine lange Liste von Vorwürfen gegen Wladimir Kaminer vor, u.a. geht es um den oben zitierten Artikel Kaminers über Limonow und die zwischenzeitlich revidierte Aussage Kaminers, Jegor Letow gar nicht zu kennen

- Christof Meueler: „Ich hab da meine Zweifel, ob das alles was mit Kaminer zu tun hat.“

- Falko Hennig: „Dass Kaminer behauptet hätte, er kennt Letow nicht, ist doch ne schlichte Lüge!“

- Michael Stein (Reformbühne Heim und Welt): „Die Russen sind so, heute so und morgen so!“

- Bert Papenfuß: „ Die Diskussion um Kaminer ist mir scheißegal. Gegenstand sollte der russische Nationalbolschewismus sein, wo sind denn die russischen Spezialisten, mit denen man reden kann? Ich rede doch hier nicht über son Zeugs!“

- Diskussion zwischen Liske, Papenfuß und einer Manja um nicht erschienene Spezialisten

- Christof Meueler zu Papenfuß: „sag doch mal was!“

- Bert Papenfuß: „Was soll ich sagen, ich kenn den seit den achtziger Jahren, die haben wenig neues, gerade dieses Jahr ist eine neue Platte rausgekommen, ich kenne zwei Konzerte, die haben mir gut gefallen.“

- Christof Meueler: „Wie fandest Du das Echo?“

- Bert Papenfuß: „Ich fand es o.k., dass junge Leute da waren und protestiert haben, das ist ihre Aufgabe, die müssen sich um den Kram kümmern.“ empörtes Gemurmel der Zuhörer

- Dr. Seltsam: „Hast Du denn keine eigene Verantwortung dagegen, für ihn als Nazi?“

- Bert Papenfuß: „Das ist grober Müll, na gut, das ist Nazikrempel, ich weiß nicht, was er ist, er ist radikal, vielleicht auch Nazi …“

tumultartiger Lärm, einige ältere Zuschauer erregen sich, einer ruft: „die verarschen uns hier, ist denn keiner da, der sich verteidigen kann?“

- Zwischenruf: „Kennt denn jemand die Texte Letows?“

- Markus M. Liske: „Ja, die sind schön, aber Gottfried Benns Gedichte sind auch schön! …“

- Dr. Seltsam: „Hamsuns Texte sind auch nicht faschistisch …“

- Cornelia Köster: „Ich kenne keine Lesebühnen, aber ich merke, hier werden Popanze gebraucht. Wenn hier Limonow verhandelt wird, reden wir über 30 Bücher, die er geschrieben hat, er sitzt seit anderthalb Jahren im Knast, hat vier Anklagepunkte auf Terrorismus, das kann 12 Jahre geben. Seine Zeitschrift Limonka, mit einer 10 000 Auflage, ist geschlossen worden, Sorokin wird verfolgt. Putin unternimmt den Versuch, Leute wegzuschließen, verfolgt eine Aufräumarbeit … und wenn es um russische Syndrome geht, ist das Lesebühnenniveau nicht das richtige, um sich damit auseinander zusetzten!“

- Markus Mathyl: „Es ist wichtig, den aktuellen Nationalbolschewismus zu kennen, es gibt verschiedene rechtsradikale Gruppen in Richtung Antikapitalismus, die eine starke internationale Korrespondenz unterhalten, russische Texte werden übersetzt … Der NB in Russland kennt keine Grenzen nach rechts außen.“ Anhand von Overheadprojektionen zeigt Mathyl Zeitungsartikel, die mit den NB oder Jegor Letow in Zusammenhang stehen und erklärt die Strömungen russischer Rechtsradikaler

- Zwischenruf: „Das mit dem Hammerskins musst Du noch erklären!“

- anderer Zwischenruf: „Das klären wir andern Orts!“

- Markus Mathyl: „In der 1. Nummer der Limonka ist die Kapitalismusdefinition der NBP enthalten; wonach semitische Völker den Kapitalismus erfanden, …(sinngemäß - die arischen Völker hatten keine Händler, Zinsen und Banken standen außerhalb des Gesetzes) …

- Zwischenfrage: „Was ist denn nun das bolschewistische an den NB?“

- Markus Mathyl: „Die nationale Befreiung bzw. Konservierung der russischen Ursprünge, die Befreiung vom Joch der Europäisierung, die mit Peter I. begonnen hatte …“

- Christof Meueler: leitet zu Andreas Hansen über, der einwirft, dass die Gründung der NB auch akademischer vorgestellt werden könnte, und: „Ich kann die Auffassung nicht teilen, dass antikapitalistisch = antisemitisch ist, und was hat das alles mit dem Wesen, mit Kaffee Burger und Gegner zu tun?“

- Markus Mathyl: „Ich fühle mich euch nicht so nahe, da mische ich mich nicht ein.“

- Christof Meueler: „Dann machen wir mal ne Pause und danach kommt die Frage, was ist Kunst, was ist links, was ist rechts?“

nach der Pause

- Markus M. Liske beschreibt die Neonazis als gesamteuropäisches Phänomen, das sich anscheinend aus unterschiedlichen Gründen entwickelt habe, im Osten seien die sozialistischen Staaten alle in ein großes Loch gefallen, manche Arbeiter würden seit Jahren nicht bezahlt und laufen deshalb Sekten hinterher … am Konzert im Burger, in das er zufällig geraten sei, habe ihn die Aussage Kaminers wahnsinnig erschüttert

- Zwischenruf: „Was hat er denn gesagt?“

- Michael Stein: „Ja, lies noch mal vor, das war so schön!“

Andreas Hansen erregt sich über Wladimir Kaminer, den man doch außerhalb Berlins gar nicht kenne, lässt andere Fragen nicht mehr zu und gerät in ein Handgemenge mit einem schwäbischen Digitalfilmer - die Prügelei findet auf dem Flur statt

- Zwischenfrage: „Ist es angemessen, dass diese Leute in Berlin auftreten und im Gegner veröffentlichen? Ist es angemessen, dass Papenfuß sagt, das ist mein Freund, deshalb lasse ich dem Raum?“

- Bert Papenfuß: „Nein, das kann man nicht! Letow hat seine Lieder in den 80er Jahren geschrieben, die er heute singt. Er hat in der Zeit, als er mit der NBP zu tun hatte, keine Platten veröffentlicht … Ich bin gegen faschistisch, rassistisch usw. - ist mir alles klar, nur mit NB ist mir das alles zu heikel, hab mal ne Limonka in der Hand gehabt und ein Buch, wo er über Dugin schreibt, der sei ein Schwein, ein Idiot, der nur Geld verdienen wolle - und der ist heute geopolitischer Berater von Putin.“

- Andreas Hansen: „ …dass man sich hier über Russen, die gar nicht da sind, unterhält. Es geht ums Geld, um die Lesebühnen, Kaminer und die wollen doch nur Geld verdienen …“

- Falko Hennig: „Letow ist nie auf einer Lesebühne aufgetreten!“

es folgt eine Diskussion Stein/Dr. Seltsam, ob „Nazis“ auf Lesebühnen auftreten dürfen

- Dr. Seltsam: „Man kann verlangen, dass Leute, die in der Öffentlichkeit lesen, Verantwortung übernehmen. Wenn ich aber unpolitisch lese, was machen die grünen Fliegen auf dem Scheißhaufen usw., begreife ich das nicht. Mich ärgert, dass ich aus dem Frühschoppen raus soll …“

- Michael Stein: „Lenin hat gesagt, Wahrheit ist immer konkret. Du warst doch nie dabei, du hast uns nie besucht. Wenn bei uns Nazis wären, würd ich sagen, o.k., wir sind ein Biotop, da muss man sich verhalten. Zu Papenfuß kann man seine Meinung haben, der macht Kunstkacke. Aber Nazis, da muss man sich verhalten, ich hab mal gefragt, darf man Sex mit Nazis haben?“ Gelächter, Buhrufe

- Zwischenfrage: „Ich finde auch, dass die Frage berechtigt ist, darf man Sex mit Nazis haben, aber wenn der Gegner noch mal Letow bringen will, wie verhält man sich?

- Markus M. Liske: „Ich darf da ne Sondernummer machen!“

- Andreas Hansen: „Der Gegner ist unabhängig!“

-Zwischenruf: „Du säufst Dich hier zu, gibst Scheißkommentare ab, das ist Kinderkacke, der 1. Teil war sehr gut, aber was jetzt hier an persönlichen Angriffen abläuft, ist unterstes Niveau.“

Applaus, Gejohle, Schluss