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Die Box


 
April 2001
Anne Hahn
für satt.org

Du bist Philosoph, ich habe Durst

Gedanken zum Projekt „Interessiert mich nicht“ von Lothar Feix



Im Herbst des vergangenen Jahres fand in der Kommandozentrale des Prenzlauer Berges ein denkwürdiger Abend statt. Im Torpedokäfer, Stammsitz der Sklaven/ Sklavenaufstand und Gegner -Redakteure, Autoren und Sympathisanten, trafen sich rund fünfzig Aktionäre und Voyeurristen aller Altersgruppen. Die männliche ältere überwog.

Worum ging es? Der frischangeworbene, am Vertrieb des Gegners interessierte Nachwuchsrevolutionär RAST rief zur Einnahme des Kur- Örtchens Heiligendamm auf. Einige Stunden lang flackerte Tatlust in den Augen der ergrauenden Philosophen und langzeitarbeitslosen Gelegenheitsautoren wie Lothar Feix.

Die Aktion scheiterte, bevor ihr Programm auf den Punkt gebracht werden konnte. Lothar Feix trug in entscheidendem Maße dazu bei, als er die harmlose Frage stellte, wen es denn zu befreien gälte in Heiligendamm, dessen Kurgelände aus den Klauen der Fundusgruppe freigeboxt werden sollte. Ratlosigkeit, Verlegenheit kamen auf. Na, zwei Leute leben da noch, gestand RAST ein. Lothar feixte und setze nach; und, wollen die von uns gerettet werden? Das war nicht auszumachen, es handelte sich wohl um eine greise Andenkenverkäuferin und einen älteren Hausmeister.

Lothar nickte bedeutungsschwer zu mir herüber. Zwei Stunden vorher hatte ich ihn mit diesen und jenen Novitäten überhäufen wollen und war an seinem „interessiert mich nicht!“ abgeprallt … Typisch Lothar, er brachte jede unformierte Gruppierung gefährlich ins Wanken – schon der Arbeiter & Literatenrat Prenzlauer Berg hatte entweder nicht die Entschlusskraft oder zuwenig Ideen, um vor und mit Lothar zu bestehen. Mit den Kameraden Papenfuß, Radloff und anderen gelüstete ihn einmal, einen 100er Bus zu kapern, aber niemand schaffte es, den Kneipentisch zu verlassen. Auch die Idee, mehrere befreundete Stammtische zusammenzuführen, scheiterte an der örtlichen Diskrepanz derselben.

Nach einem Jahr Ratlosigkeit des Arbeiter & Literatenrates inszenierte Lothar Feix als Sektion revolutionärer Ignoranz die Aktion DESINTERESSE, um „gemeinsam dafür zu demonstrieren, nicht länger interessiert zu werden! Wir fordern, dass DIE, die uns ständig einreden, was UNS zu interessieren hat, endlich IHRE wahren Interessen offenbaren, damit offenbar wird, dass diese uns nicht interessieren!!!!! Es interessiert uns einfach nicht! Schluss mit der verordneten Heuchelei!!!!!!!"

Das hier stark verkürzt wiedergegebene Pamphlet rief zur Demonstration in den Mauerpark auf, wo sich eines Tages im September 2000 eine Handvoll Philosophen, ein Journalist, zwei Polizisten und Lothar Feix versammelten (die Ankündigung erschien aus Kalkül mit einmonatiger Verspätung im Zentralorgan Gegner). Das schlimmste wäre gewesen, wenn viele gekommen wären, meint Lothar heute. Er hat Werbung gemacht, aber gehofft, dass keiner kommt.

Das Interesse am Desinteresse ist nunmehr erlahmt. Zum Jahresanfang hat Lothar Feix in seiner Stammkneipe und Arbeitsstätte Torpedokäfer ein neues Plakat aufgehängt. Diesmal fordert er, kund zu tun; „was wir alles lieber sind als deutsch, & worauf stolz zu sein, wir weder Lust noch Zeit verschwenden wollen! zum Beispiel: ein Toastbrot; Radfahrer; etwas Schimmelndes; gelegentlich betrunken oder verliebt; Karl Mickel; wenn das Laub im Frühjahr fällt; zwei Katzen, eine davon drei geschlechtsreife Bäume; Kind & Kegel; Max & Hoelz; Stein & Wein; Echter Hansen Rum …. schlicht und dagegen.“ Man möge die Reihe beliebig fortsetzen.

Lothar stromert mit interessanten Ideen umher, die er in seinen schönen kleinen Notizbüchern verstaut, um sie zu gegebener Zeit auszubreiten. Doch konsequenter Aktionismus ist seine Sache nicht. Bei der „Desinteresse-Demo“ fragte ein Philosoph, wann die theoretische Untermauerung folgen würde und Lothar sagte „du bist Philosoph, ich habe Durst“ – und ging Bier holen.