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Die Box



April 2001
Marc Degens
für satt.org


Marc Degens:
„Gutes von gestern!“ – „Bestes von heute!“
Ein verallgemeinerndes Lob auf die Massenuniversitäten

Erstveröffentlichung in:
Der Alltag # 77/78
Thema: Sittenlockerung
Dezember 1997

„Gutes von gestern!“ – „Bestes von heute!“

Ein verallgemeinerndes Lob auf die Massenuniversitäten


Das Ruhrgebiet ist nicht nur eine der dichtesten Wirtschaftsregionen weltweit, sondern verfügt darüberhinaus auch über die größte zusammengedrängte Hochschullandschaft Europas. Denn hier stehen sie, Klotz an Klotz, die von vielen Politikern und anderen meinungsfreudigen Menschen angefeindeten Massenuniversitäten. Und insbesondere die erste Universitätsneugründung der BRD, die betonerne Ruhr-Universität Bochum, illustriert für sie vorbildlich den Verfall der guten, alten Hochschulsitten. Dabei fühlen sich die hier Studierenden alles andere als unwohl, denn sie haben ja sich und das Fernsehen ….


Als ich nach der mittelprächtig bestandenen Reifeprüfung die Geldgeschenke meiner Anverwandten addiert hatte, erkannte ich bestürzt, daß die geerntete Summe noch nicht einmal für eine Zugreise zweiter Klasse nach Berlin ausreichen würde. Folgerichtig, da selbst Vater Staat und Mutter Bundeswehr an mir kein sonderliches Interesse zeigten1, blieb mir nichts anderes übrig, als mich direkt und ohne Umwege an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Bochumer Ruhr-Universität einzuschreiben. Seitdem aber stellten mir meine Eltern die drei üblichen Fragen. Jedesmal - wenn wir uns in ihrem Eigenheim trafen; ununterbrochen - vier Jahre lang!

Was studierst du eigentlich?

„Germanistik und Soziologie.“

Was bist du dann nachher?

„Magister.“

Und was kannst du damit werden?

„Doktor.“

Vor einem Jahr schließlich schrieb meine Mutter die Antworten auf einem Zettelchen nieder, das sie seither beständig in ihrem Portemonnaie bei sich trägt, damit sie ihren Arbeitskollegen und Bekannten rund um die Uhr knapp und präzise Auskunft zu meiner Person erteilen kann. Dies bestärkt meinen Glauben, daß man ab einem bestimmten Alter die Kommunikation zu seinen nahestehendsten Verwandten ausschließlich auf den Schriftverkehr umstellen sollte - allein um Mißverständnissen vorzubeugen.

Seit dem Zeitpunkt der Niederschrift aber stellen mir meine Eltern nur noch eine einzige Frage.

Wann bist du mit deinem Studium eigentlich mal fertig?

„Bald.“

Und diese Antwort, die sie mittlerweile tatsächlich auswendig kennen und die sie kaum zufriedenstellt, bestärkt ihren Glauben, daß mit den Studenten von heute - zumindest mit denen, die wie ich an einer übergroßen, vollgestopften wissenschaftlichen Hochschule studieren - irgendetwas nicht mehr stimmt. Dem ist aber nicht so. Ich jedenfalls fühle mich pudelwohl, liebe meine Uni und gehe zwar selten, doch immerfort gerne dorthin. Aber bin ich eigentlich ein richtiger Student? Nein, ich studiere doch bloß - so wie es die meisten meiner Kommilitonen tun.

Wir Studierenden sind die ersten unverfälschten Ausgeburten der Bildungsreform. Denn für uns stellt der Bildungsabschluß nicht mehr den exklusiven Schlüssel zu den Türen der höchsten gesellschaftlichen Sphäre dar, weil wir alle fertige Akademiker kennen oder glauben zu kennen, die nun Taxi fahren oder Zeitungen austragen müssen. Deshalb ist Bildung für uns Studierende in erster Linie nur eine luxuriöse Nebensächlichkeit - so wie der Premiere-Decoder. Und dennoch brauchen wir uns nicht hinter den richtigen Studenten verstecken - schließlich haben auch wir unsere Stärken ….

Mein Literaturprofessor K. erzählt in stillen Stunden immer wieder gerne Anekdoten aus seiner Studienzeit: von damals, nach dem verlorenen Krieg, als man den werdenen Akademikern noch ein hohes Ansehen beimaß und der junge und arme Student K. von einer Bäckersfrau immer das „Gute von gestern“ geschenkt bekam. Heutzutage zahlt man hierfür den halben Preis! Ja, früher war alles viel früher, und wenn man neuerdings vom Radiowecker um zwölf Uhr mittags mit dem Spruch „Guten Morgen, liebe Studenten!“ geweckt wird, dann soll sich in einem wohl ein schlechtes Gewissen ausbreiten oder wenigstens ansatzweise entwickeln. Oder man soll sich sogar schämen, wie auch dafür, daß man nicht im idyllischen Heidelberg, Tübingen oder Marburg, sondern bloß in diesem häßlichen Bochumer Betonblock studiert.

Die Bezeichnung für eine solche Hochschule, in denen vielen Menschen scheinbar unheimlich wenig beigebracht wird, kursiert schon seit Jahrzehnten; sie lautet „Massenuniversität“. Und in diesem Begriff schwingt der ganze Argwohn mit, denn was hat die Masse mit den Funktions- und Leistungseliten gemein, die an den Universitäten doch eigentlich herangezüchtet werden müssen, da wir sie so dringend benötigen, um

a) den Amerikanern, Koreanern, Japanern und neuerdings den Vietnamesen wissenschaftlich und wirtschaftlich zu trotzen,

b) den Standort Deutschland zu retten,

c) die uns zugefallene Großmachtrolle dementsprechend ausfüllen zu können?

Dabei trägt gerade die sogenannte Massenuniversität einem kapitalistischen Grundgedanken wesentlich Rechnung: dem der Konkurrenz. Denn um an diesen Orten aufzufallen, reicht es nicht mehr wie etwa noch vor wenigen Jahren aus, sein Äußeres einfach zu vernachlässigen oder kostspielig aufzustylen. Ich zum Beispiel wechsle jedes Semester meine Frisur und Haarfarbe, doch ich kenne genug Kommilitonen, die dies von Seminar zu Seminar tun. Nein, was für den nach oben oder unten strebenden Studenten an einer Hochschule wie in Bochum, Dortmund, Köln oder Berlin alleine zählt, sind die inneren Werte. Und da man sich untereinander kaum beim Namen kennt, bieten selbst Adelsprädikate keine entscheidenen Privilegien mehr. Ist das nicht zutiefst demokratisch und gerecht?

Der Student also, der sich von anderen absetzen will, findet an der Massenuniversität das richtige Umfeld: die Masse. Und der Studierende, der sein Studium ohne große Ambitionen und spätere Berufsgarantien einfach beginnt, der erst einmal schaut, wie es ist, dieses oder jenes zu studieren, kann dies frei und zwanglos tun: als Masse.

Was den heutigen angehenden Akademiker unter anderem mit von den früheren unterscheidet, ist der an sie gestellte Rechtfertigungsszwang. Insbesondere all die jungen Leute, die sich wie über 62 Prozent der Bochumer Immatrikulierten für ein geisteswissenschaftliches Fach entschieden haben, müssen sich vor der Gesellschaft fast ständig erklären - egal ob als Student oder Studierender. Lehrer gibt es viel zuviele, und den Rest können wir schon gar nicht gebrauchen. Denn so wie immer noch einige Bürger glauben, daß sich Zivildienstleistende nur vor dem Wehrdienst drücken, meinen manche, daß sich angehende Lehrer, Sozialwissenschaftler, Historiker, Philosophen und Germanisten allein der Arbeitswelt entziehen wollen und deshalb irgendetwas studieren. Und anfänglich stimmt dies häufig sogar. Mein persönlicher Gedankengang nach dem Abitur war zum Beispiel folgender: Marc, was nun, was tun? Von Chemie und Physik hast du keine Ahnung, in Englisch und Französisch warst du eine Niete, Mathe - naja, Sport geht wegen dem Knie nicht, und für Theologie brauchst du das Graecum. Daß ich aber auf alle Fälle zur Uni gehen werde, stand für mich außer Frage, und da ich einigermaßen passabel lesen und schreiben konnte, studiere ich bis heute Germanistik.

Der angesprochene Rechtfertigungsgrund hat übrigens weitreichende Folgen. Anders als der Student, der sagt, ich studiere das und das, um dann das und das damit zu machen, entdeckt der Studierende, dem diese Visionen fehlen, mit der Zeit, daß er sein Fach allein aus Passion studiert. Nicht als Mittel zum Zweck, da Zweck und Mittel gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Und so erwächst aus der jungen Leidenschaft langsam eine Liebe, die nicht nur auf einen selber, sondern auch auf das Fach belebend wirkt.

Gerade an den Massenuniversitäten gedeiht diese Liebe, denn man findet fast keinen Studierenden dort, der sagt, daß er sein Studium besonders genießt oder gerne an dieser Universität studiert. Doch ihr Fach mögen beinahe alle. Und eben dieser Umstand hängt wesentlich mit jener speziellen Hochschuform, die in den alljährlichen Uni-Ranglisten von „Focus“ bis „Spiegel“ beinahe immer im untersten Drittel angesiedelt ist, zusammen. Und zwar aus dem Grund, weil das, was auf den ersten Blick stets als Nachteil und Erschwernis betrachtet wird, sich beim genaueren Hinsehen als Vorteil entpuppt. Denn die Massenuniversität produziert vermehrt Akademiker, die sich gar nicht als solche fühlen, sondern primär dem Alltag verhaftet sind. Und zudem wissen sie um die Stärken und Schwächen des modernen Seins, da es die gleichen Stärken und Schwächen sind, auf die sie persönlich an ihrer Universität stießen. Beispiel gefällig ….?

Die erste Hochschulneugründung der Bundesrepublik, die 1962 eingeweihte Bochumer Ruhr-Universität, gilt mit mehr als 37.000 Studierenden als Prototyp der Massenuniversität. Für jemanden, der etwa an der Katholischen Universität Eichstätt oder an der Fachhochschule Stralsund immatrikuliert ist, sind dies wahrscheinlich auch unermeßliche Zahlen, ja, wahrscheinlich sogar Massen. Doch für einen Ruhrpottler, der nur beiläufig die Fußballbundesliga verfolgt, relativieren und reduzieren sich diese Zahlen schnell: Da müssen nur elf Münchener kommen, schon haben wir fünfzigtausend Leute zusammen. Und welches ungeheure Gemeinschaftsgefühl aus der Masse erwachsen kann, wissen all jene Menschen, die entweder Elias Canetti oder Ernst Jünger lasen oder einmal in ihrem Leben ein Fußballstadion betraten.

Dennoch zieht ein Schlagwort mit konstanter Bosheit seine Runde und verunsichert Semester für Semester die neu dazustoßenden Bochumer Studenten: Anonymität! Denn falls sich dieses bedrohliche, scheue Wesen erst einmal in einen jungen Menschen niedergelassen hat, dann ist der Fortgang der Geschichte klar und endet stets mit, na, was wohl, Selbstmord! Und tatsächlich werden an der Ruhr-Universität bundesweit im Vergleich zu anderen Hochschulen mit die meisten Freitode verübt, was allein schon statistisch gesehen bei den enormen Studentenzahlen nicht verwundert. Doch ich möchte zu bedenken geben, daß der Anteil der Menschen, der nicht an der Hochschule eingeschrieben ist und trotzdem sein Dasein auf dem Campus ein Ende bereitet, unverhältnismäßig hoch ist. Dies resultiert meiner Meinung nach hauptsächlich aus den örtlichen Gegebenheiten, denn die öffentlich zugänglichen Gebäude mit mehr als zehn Etagen sind auch in Europas dichtbesiedelster Industrielandschaft dünn gesät. Insofern laden die zwölfstöckigen Lernbunker2 zum finalen Fall regelrecht ein, wenngleich es übertrieben wäre, hier etwa von einem Selbstmordtourismus zu sprechen. Denn im Vergleich mit solch magisch-magnetisch anziehenden Suizidsammelstellen wie der Mülheimer Ruhrtalbrücke können die Bochumer Zahlen nicht im entferntesten mithalten. Halten wir also fest: Selbstmord ist sogar an der Massenuniversität kein Massenphänomen! Und daß es mit dem vielzitierten Ungetüm „Anonymität“ auch nicht so weit her ist, werde ich gleich ebenfalls noch zeigen.

Zuvor aber ein paar ergänzende Anmerkungen zur Architektur der Bochumer Ruhr-Universität. Man trifft fast keinen Menschen, der, falls er einmal flüchtig der Gebäude ansichtig wurde, die dort eingeschriebenen Studenten nicht zutiefst aus ganzem Herzen bedauert, da sie ihr studentisches Dasein an solch einem gigantisch häßlichen Ort aus grauem Stahl, Zement und Beton zubringen müssen. Welche Nutzen aus solch einem Umfeld aber entstehen, erwähnt jedoch keiner. Zwar gebe ich zu, daß das Innere der Uni wirklich furchtbar funktional und herzlos gestaltet wurde, - hier bemerkt ein jeder auf Anhieb, daß die Architekten bis dato tatsächlich nur Fabrikhallen entworfen hatten, - aber was ist eigentlich so schlimm daran? Schließlich soll man drinnen ja auch lernen und nicht die Deckenfresken bestaunen. Der Studierende von heute ist eben schon lange kein Priviligierter mehr, sondern eben bloß ein Bildungsarbeiter - zumindest innerhalb der Lehrgebäude.

Viel wichtiger ist also eher das Hochschuläußere, und gerade dieses, also der Hauptkritikpunkt der meisten Geschmäcker, ist eigentlich ganz nett und aus der Luft betrachtet sogar regelrecht schön. Dergestalt erzeugen der Grundriß und die Architektur der quaderförmig abgestuften, vier mal drei Universitätsgebäude in mir jedesmal die Vorstellung eines gigantischen Schiffes. Natürlich nicht das Gedankenbild eines Luxusliners oder Traumschiffes, aber doch das eines soliden Öltankers, Passagierdampfers oder zumindest Kriegsschiffes. Und diese Allegorie gefällt mir und verleiht Sicherheit, denn bekanntlich kennt Bildung ja keine Balken.

Wahrlich traumhaft im Vergleich zu vielen anderen Hochschulen ist jedoch die Lage der 4,5 quadratkilometergroßen Campusfläche - etwas außerhalb des Bochumer Zentrums. Mit Wiesen, Wäldern und natürlich einem kleinen Fußballfeld. Es gibt sogar Plätze, auf denen halluzinogene Pilze wachsen - doch diese sind immer ganz schnell abgeerntet. Dies überrascht eigentlich, denn mit den prächtigen Naturidyllen ist es an der Massenuniversität ähnlich bestellt wie mit den wissenschaftlich-technischen Einrichtungen: sie sind fast unberührt, da keiner sie findet, weil alles so gewaltig und unübersichtlich scheint. Nehmen wir etwa den Botanischen Garten. Schon oft lief ich gedankenversunken über den Campus und fand mich plötzlich zwischen mächtigen Bäumen und seltenen Pflanzen wieder. Doch jedesmal, wenn ich diesen Ort bewußt aufsuchen wollte, meist um ihn irgendwelchen Kommilitonen zu zeigen, irrte ich vergebens durch das Gelände. Und in solchen Momenten war ich fest davon überzeugt, daß der Botanische Garten tatsächlich über den Campus wandert - so wie die Kontinente ja auch auseinanderdriften.

Ein anderes Beispiel ist das Audiovisuelle Zentrum (AVZ), welches für die Film-, Fernseh- und Medienwissenschaftler geradezu unentbehrlich ist. Doch die wenigen Angestellten und die geringen Schneideplätze des AVZ würden niemals ausreichen, um allen bestehenden Wünschen der Studentenschaft auch nur im entferntesten gerecht zu werden. Doch falls man diesen Ort einmal erreicht hat, wird man so freundlich und zuvorkommend empfangen, als ob man in diesem Moment einen Marathon oder eine Tour de France-Etappe gemeistert hat, und jeder noch so zeitraubende Wunsch wird einem augenblicklich und in aller Ruhe erfüllt.

Die Erklärung für dieses wahrhafte Dienstleistungswunder besteht darin, daß die Räumlichkeiten des AVZ so gebaut wurden, daß sie sich gleichzeitig an zentraler Stelle und dennoch an einem völlig entlegenen Ort befinden: in den Gewölben unterhalb des Auditorium Maximum, die sich so weit wie die Wiener Kanalisation verzweigen. Tatsächlich weiß man als Bochumer Student bei keinem Schritt, auf welchem geheimen Forschungsprojekt man gerade trampelt - und dies macht das Campusdasein so erfrischend und spannend! Denn wer als Kind Freude an Schnitzeljagden oder am Versteckspielen hatte, kommt an der Massenuniversität auf seine Kosten. Doch auch für die Studenten, die Geduldsspiele nicht so sehr schätzen, wurde Sorge getragen, denn die Universität unterhält exklusiv für sie ein Radioprogramm, das ausschließlich auf dem Campus empfangen werden kann. So erfährt man schon frühzeitig, wie lange man heute voraussichtlich noch im Stau stehen wird.

An „der Massenuniversität zu studieren“ heißt also „lernen müssen, sich zurechtzufinden“. Und insofern erfährt der Studierende hier viel mehr als nur das, was der Bildungsauftrag eigentlich für ihn vorsieht - die Hinführung zum selbständig wissenschaftlichen Arbeiten. Denn darüberhinaus wird er an dieser Hochschule bereits mit den echten Mühlen und Hindernissen der späteren Arbeits- und Lebenswelt konfrontiert. Mit Recht kann man die Massenuniversität demzufolge als wirkliche „Schule des Lebens“ bezeichnen.

Wenn man die vorherigen Absätze überdenkt, verwundert es sicherlich niemanden, daß die Bochumer Ruhr-Universität auf einem stillgelegten Bergwerk errichtet wurde, indem - Gerüchten zufolge - Hitlers willige Vollstrecker im Zweiten Weltkrieg Teile der V2-Rakete zusammensetzten. Und ebensowenig würde es mich sonderlich überraschen, wenn irgendwo im teilweise noch zugänglichen Stollensystem das sagenumwobene Bernsteinzimmer schlummern würde. Doch ich kann nur hoffen, daß ich mit dieser kleinen Mutmaßung keine neue euphorische Suchbewegung auslösen werde, da man sich das weitere Szenario, das genug sozialen Sprengstoff birgt, leicht ausmalen kann. Denn nichts verteidigen die Studentenmassen so leidenschaftlich wie ihr Anrecht auf einen kostenlosen Parkplatz3. Und jedes Semster überlegen die internen Hochschulgremien beim Anblick ihrer leeren Kassen, ob man für die sowieso schon kaum ausreichenden Parkplätze Gebühren erheben sollte, und jedes Mal bringt ein Aufschrei der Studenten diese Gedanken augenblicklich zum Verstummen. Ich prophezeie seit langem, daß, sollten wirklich einmal wieder Zustände wie 1968 einkehren, sich diese an der Parkplatz-Streitfrage entzünden würden.

Falls nun aber aufgrund meiner vagen Vermutung die Lawinen von verwegenen Schatzjägern mit ihren Bussen, Lastwagen und Schaufelbaggern auf den Campus einfallen und viele, viele Parkplätze in Beschlag nehmen sollten, dann würde die Weissagung Wirklichkeit werden, denn sofort käme es von seiten der Studenten zu scharfen Protesten und kleinen Handgreiflichkeiten, was eilends zu einer echten, gewalttätigen Revolte eskalieren könnte. Die Historie beweist, es sind immer zuerst nur banale Nebensächlichkeiten, die den Lauf der Dinge dann entscheidend verändern.

Doch abgesehen vom wahrlich gravierenden Parkplatzproblem hat der Studierende einer Massenuniversität kaum andere Sorgen als sein Kollege in Eichstätt oder Tübingen, dafür aber eine Menge Vergünstigungen, zurück zum Stichwort „Anonymität“. So gehört es zu den größten Vorurteilen, daß der Massenstudent etwa fremd, einsam und anonym ohne Halt gleich einem Kafka-Protagonisten durch die Lehrgebäude treibt. Unsinn, denn wo, wenn nicht hier, - wo sich soviele junge Menschen auf einen Haufen tummeln - hat der Kontaktsuchende schon solch vielfältige Auswahlmöglichkeiten, um ein paar Gleichgesinnte für die Freizeitgestaltung zu finden. Und tatsächlich gibt es an der Massenuniversität keine Außenseiter; egal welchen abseitigen Musikgeschmack, welche politische Einstellung oder welche Geschlechtervorliebe man besitzt, egal welche Filme oder Theaterstücke man gerne sieht, welche Sportart man gerne treibt, welche Getränke, Speisen und Rauchwaren man gerne zu sich nimmt, egal ob man im soziologischen „Elitenwandel“-Seminar Marx, Luhmann oder wie mein Nachbar „Justice League of America“ liest, jede individuelle Neigung ist x-mal vorhanden und findet beinahe automatisch ihre Entsprechung. Überquillende Seminarräume und Hörsäle, die es in den achtziger Jahren leider viel häufiger als in den Neunzigern gab, die klaustrophobische Enge eines Fahrstuhls oder die endlosen Warteschlangen in den Mensen und vor den Kaffeeautomaten sind immer noch die besten zwischenmenschlichen Kontaktbörsen - und man kann sich fast gar nicht gegen die dort entstehenden Annäherungen wehren. Denn was für den einen die Klage über das schlechte Wetter ist, ist für den Studierenden der Diskurs über die schlechten Studienbedingungen - und schwupps hat man wieder einen neuen Bekannte und vielleicht sogar einen neuen Freund gefunden. Egal für wie eigenbrötlerisch, introvertiert und menschenfeindlich man sich auch immer hält, auf kurz oder lang findet hier jeder seine Entsprechung und läuft schließlich schweigend oder schwätzend in einer kleinen Gruppen durch die Gänge. Es ist somit wirklich ein Irrglaube, daß der Jungakademiker an der Massenuniversität als Fremdkörper über den Campus schleicht. Stattdessen wird er sofort absorbiert und Teil der Masse! Und er erheischt damit etwas, was man eigentlich gar nicht erlernen kann und was dennoch unbezahlbar ist: soziale Kompetenz.

Die andere, viel exklusivere Alternative zu diesem Studium hat mich und viele meiner Kommilitonen jedoch seit jeher abgeschreckt, also der Umstand, irgendwo in der Provinz an einer winzigen Fakultät mit einer Handvoll Kommilitonen studieren zu müssen, aus denen man sich dann zwangsläufig ein paar herauspicken muß, - wenn man nicht bis an das Ende seines Studiums einsam und alleine dahinwandern will, - und mit denen man dann notwendigerweise in seiner Freizeit eine dermaßen intensive Freundesbande knüpfen muß, die zu allem Überfluß auch noch weit über die Studienzeit hinausreicht. Wirklich, in so einem Klima würde ich verderben! Denn diese Bünde sind in meinen Augen größtenteils Zweckgemeinschaften oder Notzusammenkünfte - ich hingegen will und brauche Auswahl; je mehr Menschen mir zur Verfügung stehen, desto leichter fällt mir die Entscheidung, mein Herz diesem oder jenem auszuschütten. Es ist eben das gleiche wie mit den vielzitierten Tante Emma-Läden. Selbstredend ist der Service dort besser und herzlicher. Tante Emma kommt sogar extra hinter dem Tresen hervor und berät mich, ob ich nun eher die Tiefkühlpizza Salami oder Champignon kaufen soll, und die Entscheidung ist auch schnell gefällt, weil ich Salami nicht ausstehen kann. Dennoch gehe ich persönlich lieber in einen großen, weiträumigen Supermarkt und verzichte auf Beratung, weil sie dort darüberhinaus auch Pizzas mit Thunfisch und Spinat im Sortiment führen, die ich beide viel lieber als Champignonpizza mag.

Natürlich wissen Sie und ich, daß sich hinter meiner individuellen Pizzavorliebe nichts anderes als der Klassenhabitus (Pierre Bourdieu) verbirgt, und daß die oben beschriebene „Pluralität der Lebensstile“ größtenteils zur Folge hat, daß die Studentengemeinschaft an der Massenuniversität in immer kleinere Interessengruppen zerfällt (Ulrich Beck); dies ist freilich alles wahr, und dennoch machen gerade diese Tatsachen das Studieren so erträglich: wenn schon Teil der Masse, dann aber bitte ein spezieller Teil mit diesen oder jenen Eigenarten. Wenn schon Volk, dann bitte Wessi oder Ossi, Bayer oder Preuße, Atomkraftgegner oder Rüstungsfanatiker, Klassik oder Pop.

Und diese Einstellung, dieses Beharren auf den persönlichen Eigenschaften, unterscheidet die heutigen Studierenden auch wesentlich von den Studenten von damals, da das Campusdasein nur noch einen mehr oder weniger geringen Teil ihres Alltags ausmacht, weil die Studierenden erst in ihrer Freizeit zum Individuum werden. Damit also messen sie ihrem Privatleben eine relativ zentrale Bedeutung bei. Denn selbstredend sind die oben angedeuteten Eigenarten - anders als früher - selten fachlicher, sondern vielmehr privater Natur.

Schließlich, so berichtete Professor K., blieb einem Studenten ja damals auch gar nichts anders übrig, als tagaus, tagein fleißig zu büffeln und nebenbei seine spätere Frau kennenzulernen, denn was gab es in seinem verträumten Studienort schon für großartige Alternativen? Deswegen lernte K. viel und emsig, um dem Kleinstadttrott umso schneller entfliehen, und um dann, irgendwo an einem Ort seiner Wahl, eine lukrative Stellung einnehmen zu können.

Freilich gibt es diese derart motivierte Sorte Studenten auch heute noch, und wie erwähnt erhalten sie auch an der Massenuniversität ein geeignetes Umfeld, wenn sie sich durch die anwesenden Konkurrenzgruppen neuerlich beflügeln und anspornen lassen. Aber die Massenuniversität hat daneben eine ganz eigene Artung Immatrikulierter produziert, die nicht ihr Leben, wie etwa noch von Walter Benjamin radikal gefordert, einzig und allein dem geistig-kritischen Studium verschrieben hat, sondern die, im Gegensatz dazu, nur nebenher studiert.

Diese neuen Studierenden sind im Gegensatz zu den Studenten meist sehr bodenständig und heimatverbunden. So rekrutieren sich über 90 Prozent der Bochumer Studenten aus dem 50 Kilometer-Umkreis, also allesamt aus dem Ruhrgebiet. Zwar sind die Ruhrgebietler statisch gesehen die am wenigsten flexible Bevölkerungsschicht Deutschlands, - denn „dort wo ihre Wiege stand, dort wollen sie auch begraben sein“ (Max Goldt) - doch die aufgezeigte Bodenständigkeit ist auch für die Studierenden an jeder anderen Massenuniversität der Bundesrepublik charakteristisch4.

Die Heimatverbundenheit hat natürlich zur Folge, daß das soziale Umfeld aus Verwandten, Freunden, Stammkneipen, etc. bestehen bleibt und durch die Studientätigkeit höchstenfalls ausgebaut wird und somit nur geringen Veränderungen unterworfen ist. Es ist demzufolge nicht mehr so, daß man sich dieses erst ganz neu erschaffen muß. Wie früher, als K. nach dem Seminar- oder Vorlesungsende durch die Kleinstadt zog, um einen Ort zu finden, wo jemand ist, den er kennt. Und ihm dann, weil es diese Orte nicht gab, schließlich nichts anderes übrigblieb, als in seine Studentenbude zurückzukehren und dort aus Langeweile in den Büchern zu lesen, die ihm sein Dozent empfohlen hatte. Insoweit blieb K. ja auch während seiner Freizeit Student und legte diese Rolle erst nach dem Examen ab.

Hingegen empfindet der Studierende von heute das Universitätsdasein - wie gesagt - allein als Unterbrechung seiner Freizeit. Und er würde niemals, falls er tatsächlich einmal nachmittags oder abends keine Verabredung hat, zu einem Buch greifen, sondern vielmehr zu seiner TV-Fernbedienung. Denn glotzen bedeutet Freiheit, zappen heißt Demokratie.

Und jetzt endlich sind wir auf den ursächlichen Kern ihrer Andersartigkeit gestoßen, jetzt erkennen wir, was die heutigen Studierenden im Grunde von den Studenten von damals unterscheidet: ihr Fernsehkonsum. Denn das was früher als dermaßen verpönt galt, daß, K. zufolge, die Hochschuldozenten ihre Fernsehantennen sogar unter dem Dach verstecken mußten, gehört heute nicht nur zum guten Ton, sondern liefert darüberhinaus auch den Hauptgesprächsstoff der Studierenden. Dies zeigt bereits die meistbenutzte Begrüßungsformel zwischen zwei Kommilitonen:

Hey, xy. Hast du gestern abend auch diese oder jene Sendung gesehen?

(Und meistens lautet die Antwort: „Na klar!“)

Auch der Kinobesuch, das Lebenselexier der Studenten der 70er und 80er Jahre, ist in der Beliebtheitsskala der Studierenden extrem abgerutscht - viel eher leiht man sich da schon einen Videofilm aus - doch nichts geht über das ritualisierte, kollektive Schauen von solchen TV-Highlights wie „Peep“, „Star Trek“, „Wahre Liebe“, „Akte X“, „Die Simpsons“ oder „Nur die Liebe zählt“ - zusammen mit ein paar Freunden und einigen alkoholischen Getränken irgendwo in einer gemütlichen Studentenbude!

Die Bedeutung des Fernsehens erkennt man sogar schon auf dem studentischen Wohnungsmarkt („Zimmer mit Kabelanschluß in Uninähe abzugeben“) - denn das Bedürfnis nach dem ersten elternunabhängigen Haushalt ist meistens eng mit dem Wunsch nach dem ersten eigenen TV-Gerät gekoppelt.5 Und manche Wohnung und manches Zimmer wurde allein deswegen abgelehnt, weil dort nur ein Satellitenanschluß (und somit bloß VH-1 und kein MTV und Viva) vorhanden war.

Doch es ist ein Trugschluß zu glauben, daß die Studierenden von heute faul sind und den Großteil ihrer Freizeit vor dem Bildschirm verbringen. Letzteres mag durchaus stimmen, doch die erste Unterstellung ist blanker Unsinn.

Zwar beeinflußt der Fernsehkonsum die Studierenden wesentlich, - was man zum Beispiel daran erkennt, daß, abgesehen von „Das Parfüm“ von Patrick Süskind, die meisten belletristischen Bücher, die sich in den Bücherregalen der angehenden Geisteswissenschaftler stapeln, bereits verfilmt und im Fernsehen gesendet wurden, etwa „Garp und wie er die Welt sah“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ oder „Betty Blue - 37,2° am Morgen“ - doch natürlich verändert diese Beeinflußung wiederum auch das jeweilige Fach - und meist zu dessen Vorteil.

In der Literatur- und Theaterwissenschaft führte dies schließlich soweit, daß die seitens der Studierenden vehement geforderte Öffnung des Themenkanons zur Folge hatte, daß sich das wissenschaftliche Augenmerk auch auf eher abseitige Bereiche wie „Literaturverfilmungen“ oder trivialere Kunstformen richtete, wovon beide Disziplinen im Nachhinein enorm profitierten und in der Folgezeit ein ganz neues Selbstbewußtsein an den Tag legten. Insbesondere die Germanistik, die in den 70er und 80er Jahren mehr schlecht als recht vor sich herdümpelte, geht heute frisch gestärkt und mit stolz geschwellter Brust in jede wissenschaftliche Konkurrenz, da sie sich selber als die Kulturwissenschaft begreift. Und diese Entwicklung - die etwa dazuführte, daß der Bochumer Gastdozent Roger Willemsen vor vollem Haus, die rümaniendeutsche Schriftstellerin allerdings fast vor leeren Hochschulrängen sprach - ist weder als traurig noch als tragisch zu bewerten und geht hauptsächlich auf das Konto der Studierenden und also auf das Konto des Fernsehens. Insofern kann ich hoffentlich alle Kulturpessimisten, die glaubten, daß sich der hohe Fernsehkonsum der Studierenden fatal auf das bundesdeutsche Hochschulwesen auswirken wird, beruhigt haben: denn Bücher bilden die Wirklichkeit weit weniger als das Fernsehen ab. Nun bleibt allein zu hoffen, daß die fertigen Akademiker auch den Bildschirm bereichern können und sich avantgardistische und vorwärtsgerichtete Intellektuelle demnächst der eher lahmen Sport- und Dauerwerbesendungen annehmen werden - nicht nur der durchschnittliche Zuschauer, auch die heranwachsenden Generationen der Studierenden würden davon profitieren.

Wie dem auch sei, die Massenuniversitäten und die dort eingeschriebenen, fernsehenden Studierenden werden auch in den nächsten Jahrzehnten die deutsche Hochschullandschaft entscheidend prägen und gestalten. Und vielleicht ist es mir mit diesem Aufsatz tatsächlich gelungen, ein paar der gegen sie vorgebrachten Vorurteile zu entkräften. Sollte dies nicht der Fall sein, bleibt mir allein der Trost, in einigen Jahren sagen zu können, daß ich zwar nicht beim berühmten Professor L. oder R. in T. oder M. studiert habe, aber dafür mit dem größten Vergnügen an einer der schönsten Massenuniversitäten Deutschlands.




1 Das ist jedoch ein anderes Kapitel, das sich in „Der Knubbel oder Als wär‘s ein Stück von mir“ nachlesen läßt.

2 Schon an dieser Angabe erkennen wir, daß sich das Urteil des Konstanzer Rektors Bernd Rüthers, nämlich daß die Hohen Schulen von heute zu Flachschulen verkommen sind, nicht auf die Bochumer Ruhr-Universität beziehen kann.

3 Dies mußte ich kürzlich wieder feststellen, als dem Germanistischen Institut der Bochumer Ruhr-Universität aufgrund eines Berechnungsfehlers des Nordrhein-westfälischen Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung statt 170.000 nur 30.000 DM überwiesen wurden, woraufhin das Geschäftszimmer und die Institutsbibliothek geschlossen und alle studentischen Hilfskräfte der C3-Professoren entlassen werden mußten. Wer nun allerdings glaubt, daß der Protest von seiten der Studierenden, denen man damit immerhin die Studiengrundlagen entzogen hatte, keine Grenzen kannte, sieht sich getäuscht. Denn anstatt zu Demonstrationen und lautstarkem Widerstand kam es allein zu einer friedfertigen Protestfax-Aktion. Wir erkennen somit, daß der Studierende von heute technisch hochgerüstet, extrem robust und ungemein genügsam ist - solange er einen Parkplatz hat.

4 Ob man im übrigen an einer Universität im Ruhrpott ist, merkt man unschwer daran, ob an den Toilettenwänden der Universität die Fußballergebnisse der Ruhrgebietsvereine prangen. Sollte dies nicht der Fall sein, befindet man sich entweder in einer anderen Region der Bundesrepublik oder auf dem Damenklo.

5 Sogar auf dem Bekanntschafts- und Heiratsmarkt hielt das korrekte Fernsehen schon Einzug, wie folgende Anzeige aus einer Bochumer Stadtillustrierten verdeutlicht: „Welche Frau findet ‚Lindenstraße‘ doof und guckt mit mir (Stud., m., R.) endlich ‚Lois & Clark‘?“