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Die Box



März 2001
Marc Degens
für satt.org


DIE DIGITALE UTOPIE

Erstveröffentlichung:
testcard #10
(Mai 2001)

Thema der Ausgabe:
Zukunftsmusik
» amazon

Kontakt:
Ventil Verlag Mainz www.testcard.de

DIE DIGITALE UTOPIE




start me up

Das Internet ist ein ungemein wetterfühliges Medium. Erinnern wir uns. Noch vor ein paar Monaten schauten Klein- und Freizeitaktionäre beseligt auf das ständig kletternde Nemax-All-Share-Barometer, jagte ein Rekordhoch das andere, strahlte die Sonne des Neuen Marktes wärmend und wohlig auf unsere Köpfe herab. Die meinungsmachenden Meteorologen prognostizierten für alle Zeiten Kaiserwetter, wer wollte, durfte aufs Sonnendeck, zufrieden stieß man mit dem Longdrinkglas in der Hand auf den Kapitalismus als Schicksal an. Deutschland brauchte Inder und Kinder, Arbeitslose verschwanden in Umschulungsmaßnahmen zum Screendesigner, Webprojektmanager und Anwendungsentwickler, denn das World Wide Web bot jedem ein trockenes Plätzchen. Start-up und dotcom raunte es anerkennend durch den Blätterwald, die Welt verwandelte sich in ein globales Dorf. Tante Emma ist online, meine Pizza bestell ich per email, Omas Pillen in Holland, Zigaretten (»Fortuna«) in Spanien. Und was man alles lesen darf: Schriftsteller prophezeiten eine SMS-Lyrikwelle, Netzliteratur wurde büchnerpreisträchtig - Abfall für alle! Die Post-Gutenberg-Ära wurde ausgerufen und damit das Ende des Buches, schon bald wird man jeden Morgen seine digitale Zeitung aus dem Netz ziehen, und am Strand von Thailand mit dem E-Book in allen Bibliotheken der Welt stöbern können. Schluß mit Urheberschaft, geistigem Eigentum und Coypright, zumindest ist kein Autor und Musiker länger auf die elenden Buchverlage und Plattenfirmen angewiesen - alles ist Text, jeder ist Texter, und jeder kann alles … Napster, book on demand, new economy!

Vom first tuesday zum last thursday

Und dann begann wieder der Ernst des Lebens, Eiszeit, minus neunzig Grad. Die Computer scheiterten am Y2K-Problem, verfingen sich in der Datenfalle, stürzten ab. Und mit ihnen die Börsenkurse (EM.TV, Amazon, Gigabell, Teamwork). Statt üppiger Zinserträge doch Einheitsrente. Länder blieben auf ihren UMTS-Frequenzen hängen, Risikokapital verpuffte in Fernsehreklame, TV total. Die Internetgemeinde entpuppte sich gleichzeitig als Glaubensgemeinschaft von Spinnern: Überall Neonazis, Hakenkreuze, Big Brother und Pornographie. Der Ruf nach Zensur erscholl aus tausend Kehlen, nach staatlicher Kontrolle statt Selbstregulierung. Rückbesinnung - Handwerk hat goldenen Boden, und wer im Netz kauft, ist selber doof! Die Zeitungen schrieben den Auserwählten ab und druckten es schwarz auf weiß: Bildschirmtexte sind unglaubwürdig, unhandlich und wenig einprägsam, Online-Tauschbörsen organisiertes Verbrechen, Chatten und Surfen Lebensüberdruß. Gesunde Rinder statt überall Inder, der Deutsche braucht Werte, Kanon, Leitkultur. Das Feuilleton präsentierte sogleich einen neuen Hoffnungsträger, einen alten Bekannten: Den Menschen. Die entschlüsselte Menschmaschine als programmierbaren Datenträger, biogenetische hardware. Und die Kirche stöhnte, aber das tut sie ja immer.


april come she will

Mittlerweile hat sich das Wetter wieder einigermaßen beruhigt, die Zeit der unnatürlichen Hitzewellen und Kältestürze scheint vorbei, ein bißchen Regen, ein bißchen Sonnenschein, es weht ein laues Lüftchen. Und selbst die gebeutelten Anleger finden allmählich Trost, schließlich ist ihr Vermögen ja nicht verloren, sondern hat bloß den Besitzer gewechselt. Statt Euphorie und Verzweiflung, statt Boom und Baisse also ab und an klare Sicht. Das ist eine gute Voraussetzung, Bilanz zu ziehen und Ausblicke zu wagen ….

special interests

Das Internet, das seine Ursprünge in dem 1969 vom amerikanischen Verteidungsministerium eingerichteten ARPAnet hat, diente von Anfang an dem Austausch von special interests. Vorrangig militärische Informationen sollten durch ein weltweites Netz von miteinander verbundenen Computern gegenseitig ausgetauscht werden. Nachdem sich das Militär dann Ende der achtziger Jahre in sein eigenes und leistungsfähigeres Netz zurückgezogen hatte, nutzten vorrangig Universitäten und wissenschaftliche Institute das Internet als Kommunikationsmittel. Mit der Entwicklung des World Wide Web 1991 am CERN in Genf fanden schließlich auch Privatnutzer per Modem und PC verhältnismäßig einfach Zugang zum Internet, seither steigt die Zahl der Nutzer in den Industrienationen stetig.

we're one world

Durch die Verbindung verschiedener Netzwerke entsteht eine Gemeinschaftsstruktur, die vielen Menschen gleichzeitig Zugriff auf gewisse Daten ermöglicht - insofern ist das Internet ein schier grenzenloses Archivsystem. Und dergestalt sehen insbesondere zahlreiche Wissenschaftler in der Online-Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse eine preiswertere und wirkungsvollere Publikationsmöglichkeit als im Buchdruck. Von allen Orten der Welt haben Interessierte Zugriff auf die Arbeiten, die Reichweite wird zudem nicht durch eine Auflage limitiert, und darüberhinaus können die Werke ständig ergänzt, korrigiert und aktualisiert werden. Dieser unschätzbare Vorteil ist gleichzeitig aber auch einer der Hauptschwachpunkte des Internets als Publikationsort.

where is my mind?

Elektronische Dokumente sind leicht manipulierbar (Ausschneiden-Kopieren-Einfügen-Löschen), das macht das Zitieren, Anführen und Verweisen schwierig, noch problematischer ist allerdings die Frage nach der Haltbarkeitsdauer der Informationen. Denn niemand kann heute garantieren, daß ein im Internet publizierter Text auch noch morgen abrufbar ist, einige Daten entstehen so überhaupt erst beim Zugriff und werden ständig neu generiert (Wetterdaten), wiederum andere Dokumente werden von vornherein bloß für eine gewisse Zeit ins Netz gestellt, etwa Zeitungsartikel. Auch Adressen und technische Standards ändern sich, und Seiten können aus tausend anderen Gründen spurlos verschwinden: File not found - Error 404! Papier ist geduldig, Elektronik halt flüchtig. Ja, selbst wer seine Daten heute auf DVD sichert, weiß nicht, ob es morgen überhaupt noch DVD-Abspielgeräte gibt - oder wie lang sich ein DVD-Datenträger überhaupt hält. (Ein Argument, das im alten Glaubensstreit zwischen den Anhängern der compact disc und der Vinylschallplatte seinerzeit bedauerlicherweise kaum angeführt wurde, ist der Umstand, daß eine CD bloß eine durchschnittliche Lebensdauer von zehn Jahren besitzt!)

and i want it now!

Aber es gibt ja auch Daten und Texte, die überhaupt keine Dauer beanspruchen, sondern ganz im Gegenteil: Unmittelbare Gegenwart. Etwa häufig aktualisierte Nachschlagewerke und Kataloge, beispielsweise Bibliotheksverzeichnisse oder Kurs- und Telefonbücher. Und so ist es doch wirklich umständlich, jedes Jahr zum Postamt zu laufen und sich ein regional begrenztes, ellenlangen Verzeichnis abzuholen, wenn der Internetzugriff auf eine stets auf den neusten Stand gebrachte Datenbank viel schneller und bequemer zum Ergebnis führt.

listen to me

Und schon sind wir bei der online bestellten Pizza. Ob ich diese nun per Telefon oder email anfordere, ist für die alltägliche Praxis erst einmal nachrangig, denn wichtiger als die technischen Kommunikationsmittel sind vielmehr die individuellen Kauf- und Bestellgepflogenheiten - und Formen wie das Pizzataxi oder den Versandhandel nimmt die Mehrzahl der Kunden schon lange in Anspruch. Insofern steht es auch außer Frage, daß sich das Internet in diesen Dienstleistungsfeldern durchsetzen wird, ganz unabhängig davon, ob sich die Rahmenbedindungen (Telefonkosten, Zahlungsmodalitäten, Datensicherheit etc.) verbessern oder nicht. Denn von seiner ganzen Verzeichnis- und Listenstruktur her ist das Internet der ideale Befrieder von Spezialinteressen, sei es der momentane Hunger oder die augenblickliche Erfüllung eines anderen speziellen Bedürfnisses - und letztlich darf man nicht übersehen, daß es für die Anbieter auch sehr viel einfacher und also kostengünstiger ist, ein Verzeichnis mit - sagen wir - Pizzaangeboten ins Netz zu stellen, anstatt dieses regelmäßig in hoher Stückzahl drucken und zum Endverbraucher zustellen zu lassen. Noch mögen zwar Technikängste und andere Gründe (die wenigsten Haushalte verfügen ja über einen Internetanschluß) die Umstellung verzögern, doch es steht außer Frage, daß die Online-Order der telefonischen und postalischen Bestellung demnächst den Rang ablaufen wird.

hier entsteht ein supermarkt

Doch von der online bestellten Pizza hin zum Schlendern und Konsumieren in virtuellen Kaufhäusern ist es noch ein gewaltiger Schritt. Denn damit E-Commerce-Konzepte aufgehen, dürfen nicht nur augenblickliche Spezialinteressen befriedigt, sondern müssen beim Rundgang auch neue Bedürfnisse und Kaufgelüste geweckt werden. Aber wie? Zwar verfügen virtuelle Kaufhäuser über schier grenzenlose Ausstellungsflächen, allein das Problem, wie man die Kunden durch diese Räume lotst, ist bislang bestenfalls in Ansätzen gelöst. Selbst wenn die Oberfläche der Webseiten eines Tages dank schnellerer Datenübertragungswege und größerer Rechnerkapazitäten heutigen Videospiellandschaften gleicht, wird dadurch noch nicht viel gewonnen sein, denn das Problem ist kein gestalterisches, sondern ein strukturelles. Von seiner ganzen Struktur her aber ist das Internet ein launisches Medium, dem gerade das spielerische Wechseln der Seiten, das abrupte Springen von einem Inhalt zum anderen, als wesentliche Eigenschaft innewohnt. Dergestalt ist eine gut gestaltete Webpage nie eine abgeschlossene Einheit, sondern immer eine Einladung zum Absprung. Insofern bergen aber gerade auch altbewährte ökonomische Prinzipien wie die Mischkalkulation im Internet ihre Tücken: Denn wenn Kunden nur noch die verlockenden und preiswertst kalkulierten Schnäppchen abgreifen, ohne daß sie dann den langen, mit weiteren und teureren Waren gepflasterten Weg zur Kasse antreten müssen, erhöht der Umsatz allein den Verlust. Ja, fast scheint es so, als ob bewährte ökonomische Prinzipien auf dem Neuen Markt versagen, ohne daß neue Regeln in Sicht sind. So erweist sich der für den Neuen Markt lange geltende Leitsatz, daß höhere Verluste die künftigen Absatzchancen verbessern, mittlerweile als eine zu kurz gedachte, gefährliche Annahme. Auch aus diesem Grund sinkt etwa der Branchenriese Amazon mit jedem verkauften Artikel immer tiefer und verhängnisvoller in die roten Zahlen.

verkehrte welt

Einkaufszentren und Konsumtempel verdrängten in der Vergangenheit die Tante Emma-Läden aufgrund des reichhaltigeren Angebots. Im Internet scheint es genau umgekehrt: Je kleiner und spezieller das Angebot ist, umso größer stehen die Chancen, daß der Anbieter das Interesse der Kunden überhaupt auf seine Waren lenken kann. Denn was nützt es dem neugierigen, jedoch nichts Spezielles suchenden Endverbraucher auch, sich beispielsweise in einer Buchhandlung zu bewegen, die die Ausmasse der Frankfurter Buchmesse besitzt? Gerade aufgrund der Größe und Vielzahl der Interneträume und der dort angebotenen Produktpalette ist es für die Anbieter also notwendig, genau diese Masse-Eigenschaften zu kaschieren und den Internetgänger an die Hand zu nehmen und durch sorgsam eingerichtete und nicht überfrachtete Räume zu führen, auf einigen wenigen, klar strukturierten und eindeutig ausgeschilderten Pfaden. Der Weg mag dann zwar durchaus länger und beschwerlicher sein, doch für einen Flaneur ist es nun einmal unerläßlich, in Bewegung zu bleiben. Diese Erkenntnis wird bislang aber häufig ignoriert, und die meisten Webseiten wuchern gerade mit ihrer Masse und Unübersichtlichkeit, übersäen die Wände mit Türen, Fenstern und Auswahlmöglichkeiten und lassen den Surfer im Informationslabyrinth alleine stehen. Flaneure wollen aber nicht stehen, sondern gehen - und das tun sie dann meist auch! Es mag paradox klingen, doch wer etwas sucht, wird es im Internet finden, aber wer etwas finden will, wird es im Internet nicht suchen.

the doors of perception

Da die einzelnen Interneträume in Zukunft notwendigerweise immer kleiner und spezieller werden müssen, um die Bedürfnisse des Internetgängers zu befriedigen, wird das World Wide Web insgesamt noch gigantischer und unübersichtlicher. Das hat zur Folge, daß die Bedeutung und der Einfluß der Portale, mit deren Hilfe der Nutzer seine gewünschten Inhalten findet, noch einmal zunehmen wird - schon jetzt gehören Suchmaschinen und Wegweiser zu den wenigen Unternehmen, die in der Internetbranche Gewinne einstreichen. Diese Entwicklung beschleunigt wiederum die Kommerzialisierung des Internets, denn nicht nur der Nutzer, auch die Anbieter sind angesichts der Informationsflut auf Filter angewiesen und also von ihnen abhängig. Ob die Portale allerdings eine Empfehlung aussprechen, weil der Beitrag es verdient, oder weil sie daran verdienen, gehört zu den wohlgehüteten Geheimnissen der Branche. Schon jetzt fällt es schwer, redaktionelle Inhalte von unbewußter oder gezielter Reklame im Internet zu unterscheiden, und unter dieser fehlenden Trennschärfe wird das gesamte Medium auch in Zukunft weiter leiden. (Das Netz ist ja quasi 3 in 1: Anarchisches Spielfeld der Spezialisten, basisdemokratisches Meinungsforum der Laien und Marktplatz der Konzerne. Für den Betrachter zerfließen die Übergänge, Abhilfe könnte vielleicht eine strengere Kontrolle der top-level-domain-Vergabe schaffen.)

call me al

Durch den notwendigerweise zunehmenden Einsatz und Einfluß von vorauswählenden Portalen zerplatzt auch die Illusion vom Internet als freizugängliche, unkommerzielle Veröffentlichungsplattform für jederman. Denn die Schaffenden, die vermeinen, sich mit Hilfe des Internets von der Industrie zu emanzipieren, können zwar im Cyberspace selbsthergestellte Produkte ohne große Kosten anbieten, doch man darf nicht vergessen, daß bereits heute die Hauptaufgabe der Industrie nicht im Herstellen, sondern im Vermarkten der Ware liegt. So mag der im Internet herunterladbare mp3-soundfile einer Nachwuchsband für die Musiker zwar eine schöne Visitenkarte sein, doch den Ruch eines Demotapes verliert das Produkt erst dann, wenn soundsoviele Menschen auf das Stück aufmerksam werden und sich dieses dann anhören. Aufmerksamkeit im Internet zu erlangen, ist aufgrund der schier unüberschaubaren Angebotsfülle allerdings mit noch mehr Aufwand und also Kosten verbunden als bisher üblich. Schaffende mit einem hohen Bekanntheitsgrad können ihren Ruhm mit Hilfe des Internets zwar wohl mehren und den Cyberspace als Experimentierfeld und zusätzliche Angebotsfläche nutzen, (und dadurch sogar eines Tages eine Unabhängigkeit von der Industrie erzielen,) doch unbekannte Künstler und Gruppen müssen sich wie bisher üblich erst einmal einen Namen schaffen - und sind also weiterhin auf einflußreiche Dritte angewiesen. Ja, es ist sogar anzunehmen, daß es in dem auf Schriftzeichen basierten Cyberspace noch stärker auf Namen (und das heißt: Suchfunktionen) ankommt, und daß das Heer der noch unbekannten Zeichenfolgen dementsprechend sogar weniger Chancen besitzt, sich in den weitmaschigen Portalnetzen zu verfangen.

©alle

In Hinblick auf Online-Tauschbörsen wie Napster, Gnutella oder Freenet rückt noch ein weiterer Aspekt in den Vordergrund: Die Frage nach den Besitzverhältnissen von geistigem Eigentum. Im Raum (geäußert etwa vom Icann-Vorstandsmitglied Andy Müller-Maguhn) steht die Forderung, die Verwertung von Bildern, Software, Musikstücken und Texten im Internet freizugeben, die Piraterie also offiziell zu legalisieren. Als Begründung dienen hauptsächlich zwei Argumente: Die Industrie verdient eh schon genug, und die Allgemeinheit kann dadurch nur gewinnen. Ersteres mag zwar durchaus stimmen, letzteres aber ist ein folgenschwerer Irrtum. Denn durch den Abbau der Besitzrechte an geistigem Eigentum werden in erster Linie bloß Nischenexistenzen zerstört. So wird es zwar weiterhin auch einige Künstler geben, die es sich leisten können, ihre Erzeugnisse gratis im Internet anzubieten, weil sie zusätzlich zu den üblichen Einnahmen aus Tonträgerverkäufen und Tantiemen noch auf andere, meist sogar lukrativere Einnahmequellen zurückgreifen können, die Anzahl der Leute allerdings, die auf die Einnahmen notwendig angewiesen sind, weil dieser Posten in ihrem Budget (neben eventuellen Auftrittsgagen) den Hauptpunkt bildet, werden zwangsläufig erhebliche Einbußen erleben und sich dementsprechend verringern. Als Folge dilettieren immer größere Massen, von denen sich noch weniger professionell Schaffende umso deutlicher abheben können. Historisch wäre dies ein gewaltiger Rückschritt, denn erst durch den mühsam errungenen Besitz geistiger Eigentumsrechte konnten sich Musiker, Kunstschaffende und Autoren von der Macht des Mäzenatentums, also von Kirche und Staat, emanzipieren, und die Einbuße dieser Rechte würde den Einfluß der Industrie sogar weiter stärken. Während die einen voerst in ihrer Abhängigkeit verbleiben, werden die anderen umso bedeutungsloser. Nischenexistenzen werden zerstört, Vielfalt geht verloren, dies kann zweifellos nicht im Sinne der Allgemeinheit sein. (Die außergerichtliche Bertelsmann-Einigung mit Napster zeigt ja auch, daß nur Künstler mit einem bedeutenden Konzern im Rücken in der Lage sind, ihre Rechte im Internet zu wahren.)

plattencover ‡ verpackungsmüll

Natürlich wird es schwer (wenn nicht sogar unmöglich) sein, geistige Eigentumsrechte im Internet zu schützen, denn dazu bedarf es internationaler Absprachen und Einigungen. Doch selbst wenn diese eines Tages zustande kommen sollten, wird die Piraterie weitergehen, und Töne, Bilder, Texte und Daten von einem Rechner zum anderen wandern. Dokumente, die ausschließlich auf elektronischen Medien veröffentlicht werden, werden sich dagegen kaum wehren können, allerdings besitzen Daten, die auch auf traditionellen Aufzeichnungsmedien publiziert werden, eine wirksame Schutzfunktion, denn auf dem Computer abgelegte Soundfiles sind noch lange keine Schallplatte und Worddokumente keine Bücher. Den nackten Daten fehlt einfach die Verpackung und damit das Greifbare, und so erlangen diese Produkte auch nicht die keinesfalls zu unterschätzende Repräsentationsfunktion als objektiviertes symbolisches Kapital.

weiße wände

Auch aus diesem Grunde wurde eine Textsorte bislang noch gar nicht behandelt: Lektüren, die nicht bloß der Informationsbeschaffung dienen. Denn noch immer soll es Menschen geben, die Bücher freiwillig und aus purer Freude lesen, ohne daß sich daran unbedingt ein direkter Nutzen anschließt - selbst das Schmöckern in einem Ikea- oder Manufactumkatalog dient häufig nur dem Zeitvertreib. Und so können Menschen, die etwa sechzig Seiten »Zauberberg« am Stück gelesen haben, stolz auf sich sein und das Gelesene mit ihren Finger fühlen und messen: Wow, fast ein halber Zentimeter! Und sie können im selben Moment verzweifeln, weil sie noch fünf Zentimeter vor sich haben. Diese spürbare Eigenschaft fehlt jedoch den Rolltexten am Bildschirm, sie bleiben virtuell und gegenstandslos - und wirken vielleicht auch deshalb häufig unglaubwürdiger als gedruckte Texte. Den gleichen Mangel weisen auch die sogenannten E-Books auf. In diesem Bereich wird zwar noch fleißig experimentiert, etwa an einem Gerät, das zwei Bildschirme besitzt und in dem man blättern kann, wenn man die beiden Monitore wie ein Buch zu- und wieder aufschlägt, doch die Entwickler übersehen, daß Bücher letztlich nicht nur als Lektüre taugen, sondern auch als Sammel- und Ausstellungsstücke: Seht her, daß alles habe ich gelesen! Und ob man Politiker, Künstler und Intellektuelle demnächst dazu bewegen kann, sich vor leeren Regalwänden interviewen zu lassen, darf wahrlich bezweifelt werden.

tod und geburt des autors

Das Internet wird in Zukunft also nicht die Buchverlage ersetzen und schon gar nicht das Medium Buch, vielmehr vermehrt es sogar das Heer der potentiellen Buchschreiber. Für diese Autoren mag etwa auch das Angebot des book on demand, ob internetbasiert oder nicht, durchaus seinen Reiz haben, da durch diesen Service auch sehr spezielle Werke, die wahrscheinlich keine große Auflage erzielen werden, eher einen Verlag finden. Allerdings steht zu befürchten, daß diese wachstumsträchtige Branche bloß zu einer Variante der sogenannten Druckkostenzuschußverlagen verkommt, also Scheinverlagen, die für ihr Programm keine Leser, sondern bloß zahlungsfähige Autoren suchen. Ja, selbst wenn die Verlage seriös arbeiten, verschiebt sich das finanzielle Risiko eines Buchprojektes von Seiten der Unternehmer hin zum Autor, und dieser wird als quasi Selbstverleger noch stärker in die Pflicht genommen, sein Werk zu vermarkten. Und da sich in den Kellern und Lagerhallen nun auch nicht mehr die unverkauften Exemplare eines Buches stapeln, wird der offizielle Verleger auch nicht ständig daran erinnert, diese endlich an den Leser zu bringen, und er kann so ohne schlechtes Gewissen, trotz eventuellen Prestigegewinns seine ganze Aufmerksamkeit auf die lukrativeren Titel richten. Dadurch müssen nicht unbedingt Nischenexistenzen zerstört werden, doch zumindest werden weniger marktkonforme Produkte stärker an den Rand gedrängt.

st.art me up

Verabschieden wir uns also von der Vorstellung, daß das Internet die Produktionsverhältnisse des künstlerischen Feldes revolutionieren wird, ja selbst eine stärkere Demokratisierung ist nicht in Sicht. Ebenso utopisch ist der Glaube, daß das Internet traditionelle Aufzeichnungs- und Aufschreibesysteme wie Bücher, Tonträger oder Gemälde verdrängen oder ersetzen wird. Seine Stärke liegt vielmehr in der Zusammenführung verschiedener Systeme (Schrift, Bild, Ton) zu einem ganz neuen interaktiven Medium, das eines Tages wohl eigene, speziell für dieses Medium entworfene künstlerische Gattungen hervorbringen wird. Sicherlich, im Radio werden auch immer noch Romanauszüge vorgelesen, doch bedeutsam für die Literatur war die Schaffung des Hörspiels. Auch Kinoleinwände zeigen selten abgefilmte Theatervorstellungen, sondern Spiel- und Zeichentrickfilme. Dergestalt hat etwa Rainald Goetz mit seinem Internettagebuch »Abfall für alle« keine neue künstlerische Gattung geschaffen, vielmehr Teile seiner Textproduktion in ein anderes Medium übertragen und also seine Buchproduktion - übrigens meisterhaft - ergänzt. So wurde Goetz zwar der erste ernstzunehmende deutschsprachige Dichter des digitalen Zeitalters, doch nach wie vor ist und bleibt er Schriftsteller. Sollte das Internet aber, wovon auszugehen ist, neue künstlerische Ausdrucksformen entwickeln, dann werden diese von Menschen geschaffen, die sich nicht Schriftsteller, Maler oder Tonsetzer nennen, sondern eine ganz neue Berufsbezeichnung benötigen und verdienen.

tomorrow never knows

Wenn von (zukünftiger) Kunst im Internet die Rede ist, wird übrigens ein Aspekt häufig in den Vordergrund gestellt: Interaktivität. Oft wird darunter verstanden, daß der Leser/Betrachter/Hörer selbsttätig in den Entstehungsprozess des Werkes miteinbezogen wird und das Resultat beeinflußen kann. Meines Erachtens ist dieser Aspekt allerdings vernachlässigenswert; ja, ganz im Gegenteil glaube ich sogar, daß Rezipienten Wert auf Werke legen, die sich nicht verändern können: Leser wollen keinen Roman fortschreiben, Galeriebesucher kein Bild weitermalen oder Musikhörer ein Finale komponieren. Vielmehr halte ich einen anderen Aspekt der Interaktivität in dieser Hinsicht für viel bedeutsamer: Die Gleichzeitigkeit, Geschwindigkeit und Gegenwart. Schon das Email-Schreiben hat unsere kommunikative Wirklichkeit verändert, eine Email ist so nicht mit einem - auch auf dem Computer geschriebenen - Brief zu vergleichen, denn ein Brief ist etwas Faßbares, das man aufschreiben oder ausdrucken muß, eine Email hingegen ist nicht dokumentenecht, wird in der Jetzt-Zeit und häufig in Hast verfaßt, richtet sich potentiell an alle, existiert faktisch aber gar nicht - selbst wenn man sie später ausdruckt. Emails haben ohne Zweifel unser Schreib- und Aussagemöglichkeiten erweitert, formal wie auch inhaltlich. Noch revolutionärer im Vergleich dazu ist das Chatten, die synchrone, schriftbasierte Kommunikation one-to-one, one-to-many oder many-to-many, die wie Sprache funktioniert und deutliche Parallelen zur gewöhnlichen face-to-face-Kommunikation aufweist. Trotzdem ist das Chatten weit mehr als bloß ein niedergeschriebenes Gespräch oder ein Telefonat, denn im Chatten nehmen wir Rollen an, verändern mitunter unser Geschlecht (»gender swapping«) - und welche Auswirkungen dieses Aufzeichnungsverfahren auf unsere künftige Wahrnehmung hat, kann man heute bestenfalls erahnen. So ist nach Marshall McLuhans Auffassung jedes neue technische Medium eine Erweiterung des menschlichen Körpers, und in seiner Habilitationsschrift »Aufschreibesysteme 1800 » 1900« versucht Friedrich Kittler nachzuweisen, daß nicht Kunst oder Literatur, sondern die Ingenieure unser Verhaltens- und Wahrnehmungsrepertoire erweitern. Dergestalt ermöglichte für Kittler etwa erst die Erfindung und der Gebrauch des Telefons die Entdeckung der Psychoanalyse. Was uns das Internet bringen, wie das Medium den Menschen neu interpretieren wird, können wir derzeit zwar noch nicht beantworten, doch es wird auf alle Fälle mehr sein als die bloße Erkenntnis - »Digital ist besser!«



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