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Die Box



März 2001
Kaaja Hoyda
für satt.org



Kaaja Hoyda:
LIEBEN
UND LEBEN LASSEN.
Vom Vorhandensein
eines Independent-
Lebensgefühls.

Zuerst erschienen in:
Gothic!
Die Szene in Deutschland
aus der Sicht ihrer Macher

Schwarzkopf u.
Schwarzkopf Verlag
Berlin 2000


Gothic!: Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher.

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Download:
Buddha vom Bau
(MP3, 2.4 MB)

LIEBEN UND LEBEN LASSEN
Hinter Gittern: Kaaja Hoyda
Vom Vorhandensein eines Independent-Lebensgefühls



I. Und dann warf dieser fast glatzköpfige, für seine Eskapaden berühmte Diskjockey all diese wertvollen Vinylalben auf die übernächtigte Tanzfläche; sie zersprangen, und die Scherben vermischten sich mit per Fußtritt getöteten Zigaretten, klebrigen Orangensaftflecken, Glasscherben und plattgewalzten Plastikbechern. Das Putzlicht hatte irgendwer schon eingeschaltet - jetzt gab es also keine Illusionen mehr. Weder durch zuckendes blaues Licht, noch durch fluoreszierende Wandbemalungen, in die Decke eingelassene Halogenlichter oder eine Disko-Kugel. Putzlicht in der Gastronomie heißt: Ende aus, Micky Maus! Da geht dann gar nichts mehr. Naja, außer natürlich: Platten auf die Tanzfläche werfen, sich aufregen, ausrasten, rumtillen, die Krise kriegen, durchknallen oder im Stehen einschlafen. In diesem Fall lag die Sache eindeutig auf dem Tisch: Diskjockey wollte mehr Geld! Und diesen Wunsch hatte er - wohl zur falschen Zeit am falschen Ort - dem Besitzer des Clubs angetragen; dieser fand das gar nicht nötig, beschrieb die in der vergangenen Nacht geleistete Arbeit des DJs als "Publikumvergraulungsprogramm", "viel zu düster" und natürlich vollkommen "veraltet". Man muß an dieser Stelle allerdings sofort zwei Sachen klarstellen: Erstens hatte der Plattenaufleger tatsächlich etwas muffelige musikalische Vorlieben, zweitens allerdings konnte der Clubbesitzer dies nicht beurteilen, weil er keine Ahnung von Musik hatte und privat HOT CHOCOLATE bevorzugte. Immerhin mußte man dem DJ zu Gute halten, daß er wöchentlich 1000 Liebhaber der tanzbaren Independent-Musik in den Schuppen kriegte. Den Mann werde ich Tom nennen - das ist zwar bescheuert, weil er gar nicht so heißt, aber schmutzige Wäsche waschen will ich hier nicht. Und der Mann mit dem Club heißt fortan Dr. Durcheinander. Den Titel kriegt er, weil er sich leider zu sehr für Spritzen interessierte, den Nachnamen, weil genau das ihn so machte. Tom und Dr. Durcheinander hatten sich also mal wieder wegen des guten alten Zasters in den Haaren - wirklich sehr independent, die beiden Vögel. Tom war rot angelaufen und sein Kopf schien gleich zu platzen wie die Köpfe in meinem Lieblingsfilm "Zombies im Kaufhaus" andauernd.

Dr. Durcheinander saß - mit einem Longdrink bewaffnet - an der Kaffeebar und mimte den weltmännischen Businessmann - wobei gesagt sein soll, daß die Heimat seines Tanztempels Gelsenkirchen hieß. Dazwischen zwei ultragenervte Türsteher, die mit den in der Nacht erworbenen Mädchen dringend nach Hause wollten, zwei nimmersatte Stammkunden Marke "Verzehrkarte voll", die kopfüber in "gleich-muß-ich-brechen-Haltung" auf der Treppe zur großen Theke saßen und es schwer haben würden, gesund nach Hause zu kommen, und natürlich ich selbst, zu der Zeit "Geschäftsführer" des Nachtlokals, der Mann mit der Schlüsselgewalt, mit der Dose für den Sparkassen-Nachttresor; zwar hatte ich den bestbezahlten, aber auch dümmsten Job im Laden - Du stehst zwischen allen Stühlen, gehst als letzter raus, wenn was fehlt, dann bist Du schuld, und Du stößt Dir auf dem Weg zur Bierzapfanlage ständig den Kopf an der zu niedrig geratenen Kellertür.

Dr. Durcheinander schüttelte lässig sein Glas. Tom hatte immer noch nicht eingesehen, daß Plattenschmeißen kindisch ist und eher zum Lohnabzug denn zur Gehaltserhöhung führte. "Ohne mich wär die Bude doch längst leer!" schrie Tom. NICK CAVE zersprang in tausend Teile. Das tat mir weh. "Ihr könnt hier Euren Scheiß bald alleine machen, nehmt doch irgendein Poser-Arschloch, irgendeine Zecke ohne Ahnung!" ging es weiter. Dabei tötete er ein unbekanntes Werk von THE MISSION, falls es von denen überhaupt ein unbekanntes Werk gibt. "Ich will 50 mehr! Ab heute abend, sonst mach ich hier alles platt! Reiß mir doch nicht den Arsch auf, und Du rauchst die ganze Kohle vom Blech weg!" Oh, das hätte er nicht sagen sollen, bitte nicht, dachte ich, denn jetzt begann bestimmt die alte "Ich bin längst clean Leier." Und so kam es.

Dr. Durcheinander konterte: "Du weißt, Tom, daß ich längst clean bin. Hab seit Wochen nichts genommen. Außerdem geht Dich das gar nichts an und spielt hier keine Rolle. Mit dem letzten hatte er recht, ersteres war gelogen. "Das wären dann 380 für 6 Stunden schlechte Musik. Das ist zuviel." "Ich bin halt kein Mainstream-Arschloch; Du wolltest Wave, Du kriegst Wave. Dann 30 mehr!" Kurze Pause. Das sah nach Einigung aus und Platten flogen auch nicht mehr. Schön - Friedenspfeife um 6.30 morgens am Sonntag. In wenigen Minuten würden die beiden Arm in Arm aus dem Laden gehen und gemeinsam clean bleiben … Dr. Durcheinander zückte seine ekelige Brieftasche und schmiß Tom 30 Mark vor die Füße. "Sei ein Idiot, " dachte ich, "und heb es auf!" Das tat er. Wave-DJs sind immer pleite.

Ich zahlte die beiden Türsteher aus, nachdem sie die beiden Sitzenbleiber von der Treppe gezerrt hatten, begleitete Tom und Dr. Durcheinander nach draußen vor die Tür, knallte die schwere Eingangstür zu und hatte meine Ruhe. Sehr gut. Es gab eigentlich nur wenige Augenblicke, die ich zu der Zeit wirklich liebte. Unter anderem war das, wenn alle draußen waren, das Inventar des Ladens wie ein verprügelter Junge vor mir lag, ich einen Batzen Geld in die Sparkassenbombe quetschen konnte, das Kassenbuch stimmte und ich irgendwo noch eine Flasche Martini fand, aus der ich beim Abschalten der Elektronik nuckeln konnte. Und dann natürlich der Augenblick, wo Du aus der Hintertür des Ladens gehst und der Morgen Dich anstrahlt. Der Sonntagmorgen. Katholisch-evangelisch durchgestylt, hell, erbärmlich müde. Ein Mann mit Deckel und Dackel geht Gassi, pubertierende Jungen bessern ihr Taschengeld mit dem Austragen der BamS auf, Rolladen werden hochgezogen, dicke Daunendecken hängen zum Lüften aus den Fenstern und im Hintergrund siehst Du ein häßlich gerahmtes Bild mit Bergsee. Cool. Das war independent für mich. Und das ist es bis heute. Du steigst in Dein Auto, die Stadt schläft noch, nur wenige Sonntagspendler kommen Dir entgegen - und keiner ahnt, daß Du vor wenigen Stunden noch daran Teil hattest, daß einige hundert Leute eine wilde Party zu Indie-Hardfloor-Sound feiern konnten. Der Rest ist - wie alles - Beschiß und funktioniert nach marktstrategischen Gesichtspunkten. Das Bier wird gestreckt, die Eiswürfel landen vor dem Getränk im Glas und der Mann mit Turnschuhen muß draußen bleiben, damit man sich besser identifizieren kann.



II. Der Laden ging Pleite. Das freute meine Eltern, denn eigentlich sollte ich ja Arzt werden und nicht im "Milieu" versacken. Der Besitzer flüchtete wegen Steuerschulden auf einen Campingplatz nach Spanien, und ich hörte später nur noch Horrorgeschichten über ihn. Unter anderem wurde mir angetragen, er führe jetzt den Wagen, mit dem in Eishallen die Eisfläche wieder erneuert wird. Richard: Ein oestereichischer Pinscher!Ich lebte in meinem roten Golf Diesel, meine Adresse hieß "Am Zigaretten- automaten rechts vom Haus seiner Eltern". Mit mir im roten Golf Diesel lebte Torsten, ein schlaksiger Besserwisser von Welt und sein Hund RICHARD. Richard hatte den ganzen Tag nur Fressen im Kopf; und aß alles, was er so fand: Steine, Gras, Postkarten, Fußmatten, Wellensittiche und meine Pommes frites. Die liebte er besonders, denn es waren ja eigentlich meine. Meine Eltern hatten mich wegen zunehmender Lebenserfolglosigkeit aus dem Kinderzimmer katapultiert; also standen wir in meinem Wagen um die Ecke, und wenn mein Vater zur Arbeit war, konnten wir rein und duschen. Es geht eben nichts über ein Mutterherz. Richard legte sich dann grundsätzlich mit dem Hund meiner Eltern an. Der hieß TESSA, war ein schnuckeliges, zurückhaltendes Cockermädchen und hatte folglich keine Chance gegen den Straßenköter beim Kampf um den Freßnapf, auf dem ihr Name stand. Auch hier frißt halt der Starke den Schwachen. Im Auto war es kalt, Liebesbeziehungen konnten so auch nicht entstehen ("Hey, Kleine, kommst Du zu uns ins Auto?" …), lediglich die Bundeswehr wollte mich haben, ich hatte den Verweigerungstermin verpennt, das Geld wurde knapp - was lag da näher, als Popstar zu werden? Torsten und ich hatten keine Ahnung von Musik, also fanden wir in Marc und Hajo die richtigen Leute, denn die kannten sich auch nicht aus damit. Damit war unser Weg als "Indie-Band" vorprogrammiert. Wir beschlossen, auf allem Musik zu machen, auf dem man nicht Musik machen kann - Sägen, Autoreifen, Fußleisten, Stahlträgern, Kartons, Eimern mit Glasscherben. Ich höre jetzt schon alle schreien: DAS HABEN DIE NEUBAUTEN DOCH GEMACHT! Das stimmt, allerdings kannten wir diese Band zu der Zeit noch nicht. Ist mir aber auch egal, wenn jetzt alle schreien, denn ich weiß es schließlich besser. Jedenfalls hatten wir keinen Proberaum - und das hieß: Ab an den Busen der Natur. Im Winter, im Sommer, im Regen, bei Schnee und Hagel (naja, vielleicht nicht bei Hagel …) versteckten wir uns an irgendwelchen unmöglichen Orten, um unser Instrumentarium und uns zu quälen. Einmal musizierten wir wildes Zeug unter einer alten Eisenbahnbrücke; und alle hatten Paranoia, daß doch ein Zug kommt, obwohl zwischen den Bahnschwellen das Gras Meter hoch stand. Das lag aber auch daran, daß in uns das Gras Meter hoch stand! Wir machten eigentlich keine Lieder oder Songs, wir spielten stundenlang irgendwelchen Jam und rezitierten seltsame Texte dabei. Fast alles handelte von Liebe, Sex und Versagensängsten; aber auch heikle Themen waren dabei: Zum Beispiel Leberwurstbrote. Eins unserer echten ersten Lieder hieß "Buddha vom Bau" und handelte von meiner Zeit als Aushilfsgerüstbauhelfer. Das Stück ging so: Krachmachen, dann Pause, LEBERWURSTBROT singen, Krach machen. Der Sinn war, daß es eben in der Pause auf der Arbeit Leberwurstbrot gab. Musik muß nicht immer kompliziert sein.

Unser erstes Konzert gaben wir auf dem Heinrich-Heine-Platz in Düsseldorf; übrigens einer vollkommen überflüssigen Stadt. Erstens, weil CAMPINO daher kommt und ich ihn furchtbar finde, und zweitens, weil diese Stadt in Selbstgefälligkeit erstickt. Das Konzert war sensationell: Wir trugen Schuhe, die in der Mitte durchgeschnitten waren und unsere Zehen rausgucken ließen; das war unsere Idee vom klassischen HALBSCHUH. Nach ca. 12 Minuten kam die Polizei, denn Musizieren ohne Genehmigung ist verboten - ein Grund mehr, sich mit Underground zu beschäftigen. Wir wurden unter dem Jubel einer Gruppe Punker vom Platz verwiesen. Das war ein Schlag ins Gesicht, so sah also in unserem Land der Talentsupport aus! Dennoch fanden wir einen Proberaum, schlossen uns ein und beschäftigten uns weiter mit der Materie; in der Kleinstadt, aus der wir stammten, wuchsen wir dank unserer heftigen Konzerte zum Kult und verdienten zwar kein Geld, hatten aber endlich ein paar Groupies. Das Schicksal nahm seinen Lauf, "Anderssein" war gut; Leute kamen in unsere Band und gingen wieder, wir spielten in jeder Pommesbude und irgendwann unterschrieben wir unseren ersten Plattenvertrag. Ich werde jetzt hier nicht erzählen, was für eine geile Band STENDAL BLAST geworden ist, denn es macht sich nicht gut, für sich selbst Werbung zu machen. Jedenfalls funktionieren wir seit Jahren, wir können Musik machen, wir kommen durch das Land, wir sind nicht reich geworden, es gibt Leute, die uns mögen, es gibt Leute, die uns unglaublich schlecht finden, es gibt Leute, die an uns glauben und alles tun, damit wir noch bekannter werden, wir werden bejubelt, wir werden ignoriert, wir werden ausgepfiffen, wir haben jährlich 30000 Kilometer zu fahren, wir schlafen schlecht, wenn es schlecht läuft, wir kriegen Hotelzimmer im ETAP, wir können uns keine neuen Instrumente leisten, wir essen keine Kaviar-Schnittchen, wir scheißen nicht in goldene Toiletten, wir sind nicht eingebildet, wir machen Musik mit deutschen Texten, wir geben Interviews, wir streiten uns, wir lieben uns, wir lachen und schreien rum, wir finden BURGER KING besser als McDONALDS, wir müssen den Flur putzen, wir müssen arbeiten wie alle anderen, um was zu Beißen zu haben, wir haben überzogene Dispos auf unseren Girokonten, wir haben Schimmel im Proberaum, wir gucken genau hin, wir kennen viele Leute, wir kriegen Post, wir haben Angst an dunklen S-Bahn-Haltestellen, wir beschäftigen uns mit dem Tod, wir haben Spaß am Leben, manchmal sind wir witzig, meistens sind wir zynisch, machmal sind wir verzweifelt, wenn wir die TAGESSCHAU sehen - aber vor allem freuen wir uns, wenn wir auf der Bühne stehen und die Leute gehen mit. Wir sind eben eine Independent-Band.



III. Könnten wir die Schwerkraft überwinden, wäre alles viel besser. Schon morgens kämen wir leichter aus dem Bett, wir könnten endlich Orangensaft kopfstehend trinken, Krampfadern wären kein Thema mehr und ständig könnten wir überall sein. Doch leider wird das wohl nicht funktionieren; aber funktionieren wird es auch nicht, wenn wir stehenbleiben und uns dem allgemeinen Stillstand ergeben; Hände hoch und versacken! Wenn Herr Matzke bei mir anruft und sagt: "Schreib was über Dein Independent-Lebensgefühl!", dann wird mir zunächst ganz übel und ich kriege Angst. Ich habe keine Lust, genau die Schublade zu öffnen, die die sogenannte "Independent-Szene" ja nicht haben will. Für mich sind nur wenige Minuten am Tag wirklich "independent": Es sind die Minuten, in denen ich außer der Reihe laufe, in denen mich jemand blöd anglotzt, in denen ich die Bäckereiverkäuferin damit überrasche, daß ich mit ihr REDE und nicht bloß zwei Brötchen bestelle, in denen ich mitten in der Stadt an die Hauswand pinkele, in denen mich die Euphorie überkommt, in denen ich mich über alte Industrieanlagen freuen kann, in denen mir jemand sagt, daß ich außergewöhnlich bin, in denen ich nicht bei IKEA kaufe, in denen ich morgens um 6.00 Uhr vom Tanzen komme. "Independent sein" heißt: Ein Doppelleben führen, Nischen finden, das Nötigste in der "geraden" Welt tun, um das Wesentliche in der "krummen" zu erreichen. Und das geht letztendlich jedem so. Wenn mir also jemals eine Forderung zu dem Thema eingefallen ist, dann lautet sie so: Wir wollen lieben, wen wir wollen! Wir wollen küssen, wen wir wollen; und nicht fühlen, was wir sollen, vor allem lieben was wir wollen! Mehr will ich letztendlich nicht.