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Marc Degens: ERIWAN




27. September 2018
Roland van Oystern
für satt.org



Pac-Man

PAC-MANS FEINDE

SEKT KORR 18 TOUR mit: NAOMI SAMPLE & THE GO GO GHOSTS, GWEM, DIE MODERNE WELT, STU sowie SPUTNIK BOOSTER & THE FUTURE POSERS

Für Computerspiele habe ich mich nie interessiert. Mein Cousin hat die Dinger gespielt und ich saß daneben, und wenn ich doch mal drankam, war ich sofort Game Over. Ich war froh, wenn ich nicht drankam. Das Gedüdel löst heute kaum Sehnsucht bei mir aus, eher Bedrückung. Im Herbst 2001 überreichte mir mein väterlicher Freund O. Kraus eine CD-R: SPUTNIK BOOSTER, 9 Eigenkompositionen, alle von ihm selbst programmiert auf dem C64. Mir war es nicht möglich, das über mich hereinbrechende Gestampfe, Gebläse und Geklingel schlüssig zu bewerten. Ich ließ mich ein paarmal davon wecken. Mich schreckte es jedoch so, dass ich es wieder sein ließ. Der Musik gewordene Wahnsinn. Ich wollte aber ein Musikhörer werden, so mächtig, dass ich stundenlang SPUTNIK BOOSTER genießen konnte, ohne mit der Wimper zu zucken. Beinah hatte ich dieses Stadium erreicht. Dann begannen 2004 die Liveshows. THE FUTURE POSERS traten auf den Plan: Menschen in aus Kartonage und Alufolie gebauten Roboteranzügen hampeln unkoordiniert zur Musik von SPUTNIK BOOSTER. Das Ergebnis: Konzertante Darbietungen der Extraklasse. Nach etwa hundertfünfzig davon, welchen ich persönlich als FUTURE POSER teilhaftig war, ging’s los: Bereits von einem einzigen Takt SPUTNIK BOOSTER bekam ich Schweißausbrüche und Atemnot. So legte ich das ehrenwerte Amt des FUTURE POSERS nieder und wurde, dank der Gnade des lebendig Altvorderen O. Kraus, in den Stand des Biographen erhoben. Manchmal ist es schließlich schön, einfach dabei zu sein.

Nach einer durch den Schleier von zehn Jahren Existenzerhaltung besehen recht erfolgreichen SEKT KORR 8 TOUR wurde das Unternehmen im Jahr 2018 fortgesetzt. Die Gegenwart:

  Manager Lenz

Manager Lenz



Stu – Die MC

Stu – Die MC



Mittwoch, 22.08. Augsburg: Lenz (SB-Manager seit irgendwann) holt Meta und mich mit so und so viel Stunden Verspätung ab. In der Straße von Eisenbarth (Future Poser) riecht es wie zu Zeiten der Pest. In der Mülltonne unter seinem Fenster schwirren hunderte von Fliegen.
Lenz: »Hat da wer reingeschissen?«
Eisenbarth: »Reingekotzt. Den ganzen Sommer schon kotzt da einer rein. Wenn ich den erwische.«
Im Auto hocken wir schön eigepfercht zwischen Reisegepäck, Kartonagen, Brotzeit und einer gigantischen Kiste gefüllt mit LEDs, Platinen, Lötkolben, Laptops und ähnlichem Zeug. Damit will Eisenbarth seinen Roboter verschönern. Die LEDs brauchen allerdings noch programmieren, denn mit den Fertigprodukten gibt er sich nicht zufrieden. Obwohl er die Nacht durchgemacht hat, funktioniert noch gar nichts.

Donnerstag, 23.08. Hamburg. »Rattenplage wegen Megahitze« titelt die BILD. Ich ziehe mir am zweiten Tag schon das zweite Paar Socken über. So darf es nicht weitergehen, sonst wird es eng. Seit ich die Löchrigen rigoros fortwerfe, schrumpft mein Sockenkontingent gefährlich zusammen. Die schlechten Sohlen haben schuld, die werden so dürftig geschustert inzwischen. Nach wenigen tausend Fußmetern sind sie bereits durch und schorfen einem die Fersen dick.
Im Hafenklang großes Wiedersehen: Gareth Morris alias GWEM aus London, Matze alias DIE MODERNE WELT aus Hannover, Stu alias STU aus Basel und die hiesigen NAOMI SAMPLE & THE GO GO GHOSTS leider reduziert auf ein Duo. Der Dritte legt andernorts sein Bierbotschafter-Examen ab, was für ihn nach Jahren als erfahrender Kneipier allerdings reine Formsache ist. Wer sich davon überzeugen will: Brauhaus Nolte, Lüneburgs Nr. 1 in Sachen Bier (wahrheitsgemäße Selbstdarstellung).
Den Namen auf den Postern nach scheinen im Hafenklang für gewöhnlich recht anständige Punkbands zu spielen: Deutsche Laichen, Restmensch, Wirrsal (alle an einem Abend). Da geht’s bestimmt zur Sache. Aber auch heute Abend liegen wir nicht ganz verkehrt, sondern bei zwölf Zahlenden. Das sind zwölf Leute, die wirklich und wahrhaftig gekommen sind. Das muss man sich mal überlegen. Wenn Hunderte kommen, denkt man ja gar nicht mehr darüber nach. Bei Zwölf liegt die Sache anders.

Freitag, 24.08. Hamburg. Fortsetzung der Erstbesichtigung Hamburgs für meine Frau Meta. Ich fühle mich mächtig bereist mit meinen sich vom Elbtunnel bis Planten un Blomen erstreckenden Stadtkenntnissen. Führung meinerseits durch die schöne Grünanlage. Äußerung der Hoffnung beiderseits, dass Carsten Friedrichs, der Textdichter von »Begrabt mich bei Planten un Blomen«, eines fernen Tages hier liegen darf. Auf dem Hamburger DOM Volksfest Besuch des Mäusezirkus, dreihundert kleine Mäusemädchen sorgen darin für ein lustiges Treiben. Ich trage am dritten Tag schon das dritte Paar Socken. Irgendwann ist Abfahrt Richtung Lübeck-Travemünde zur Nachtfähre nach Trelleborg (Schweden). Internationales Gewässer: Hier rufe ich irgendwann meinen eigenen Staat aus, auf irgendeinem beschissenen Kutter, wenn das WLAN nicht mehr so teuer ist, dann mache ich das, und dann bin ich berühmt. »Den habe ich noch gekannt«, werden die anderen dann sagen. »Genau den.« Allerdings: Zukunftsmusik! Eisenbarth, Lenz und Meta zersägen die Kajüte mit ihrem Geschnarche, ich stopfe mir Papier in die Ohren, nehme eine kräftigen Schluck Ouzo und träume von den abwegigsten Katastrophen.

Samstag, 25.08. Trelleborg. Der Schluck Ouzo muss recht groß gewesen sein. Vielleicht waren es mehrere. Manchmal verselbständigt sich so was. Man bekommt es gar nicht recht mit. Na ja, Besichtigung irgendeiner Stadt mit Supermarktaufwartung. Für die Selbstbedienungskassen braucht es einiges an Kompetenz. An den altertümlichen Menschenkassen sitzen Leute vom Fach, da piepst es bei jedem Produkt, das bringt der Laie gar nicht hin. Da piepst es vielleicht bei jedem dritten oder vierten. Aber nicht schlimm, am Ende ist der Sack voll und alle zufrieden. Astrein. Weiter zur Mittagsfähre. Lenz am Steuer. Management vom Feinsten. Nach so und so vielen Kilometern Landstraße sind wir schon wieder auf dem Wasser und werden übergesetzt von Ystad (Schweden) nach Rønne auf Bornholm (Dänemark). Beim Anladen ertönt auf der Fähre erfreulicherweise das Bornholm-Lied: »Bornholm! Bornholm! Bornholm!«

Bornholm-Gudhjem

Bornholm-Gudhjem     

Die Ferieninsel Bornholm ist »Künstlerkolonie und Touristenmekka« (Irgendein Werbeschild) und außerdem Terrain des Chipwrecked Festivals. Meta und ich beschließen von unserem Ferienhaus in Bornholm-Gudhjem das Festival zu Fuß aufzusuchen. Sieben Kilometer geradeaus, bisschen die Landschaft auf sich wirken lassen, besser geht’s nicht. Nach ein, zwei Kilometern regnet es uns auf einmal voll. Von oben fällt der Regen auf uns runter. Zuerst schlagen wir uns in halbwegs schützendes Gestrüpp, doch es ist Regen der Sorte, die Stunden anhält. Das erkennt man rasch, wenn man sich mal ein bisschen mit Regen beschäftigt hat. Mal schauen also, ob per Anhalter weiterzukommen ist auf Bornholm. Die Dänen machen einen guten Eindruck: Das dritte Fahrzeug fährt rechts ran. Eine überaus freundliche Dame und ihre Mutter bitten uns auf ihre Rückbank. Wir nennen unsere Anhaltspunkte und fahren sie an: Nichts. Die Frau will uns aber nicht einfach irgendwo im Regen stehen lassen, darum geht die gemeinsame Fahrt weiter. Langsam wird es unangenehm. Wie in einem dieser seltsamen Filme, in dem alles höflich und nett losgeht, bis langsam klar wird: Einer lügt. Ich denke: Ich bin der, der lügt. – Oder Meta vielleicht. Weiß man noch nicht so genau. Dem Himmel sei dank taucht am Wegrand plötzlich ein papierener Fetzen auf: Festival, hat jemand draufgeschmiert. Den könnten wir genauso gut erst vorhin selber da angebracht haben. Trotzdem, ein Anfang. Wir folgen dem Zettel und gelangen zu einem hölzernen Schaukelpferd, darauf wieder: FESTIVAL. Diesmal in Großbuchstaben und verschiedenen Farben für die einzelnen Buchstaben. Es ist das Ende des geteerten, befahrbaren Weges. Dahinter folgt ein matschiger Feldweg und an dessen Ende eine Scheune, die an die Behausung der degenerierten Familie aus »The Texas Chain Saw Massacre« erinnert. Da drin muss das Festival sein. Heiliger Strohsack! Wir sind da.

  Bornholm

Bornholmgurke, Bornholm 2018

Bornholmgurke, Bornholm 2018



Chiptune Gipfeltreffen. Über drei Dutzend Chiptune-Künstler in drei Tagen. Heute ist der zweite Tag und es machen Gerüchte über drei Zahlende die Runde, später heißt es fünf. Zwei davon kenne ich persönlich. Trotzdem sind dem Veranstalter die Bändchen ausgegangen. Zitat: »Ich merk mir die Leute!« GWEM spielt neben der Scheune, der Regen hat fast aufgehört. Nach der Show bekommt jeder Besucher ein GWEM-Plektrum als Werbegeschenk. STU spielt in der Scheune, in den Ecken alte Käfige, die aussehen, als bärgen sie eine schauerliche Vergangenheit. In meinen Segeltuchschuhen feuchtelt es, aber ich gräme mich nicht. Die Sockenproblematik hat sich in Wohlgefallen aufgelöst, denn das Ferienhaus verfügt über eine Waschmaschine.

Sonntag, 26.08. Bornholm. Wieder Festival, dritter und letzter Tag. Wieder gibt es eine Getränkemarke für jeden Künstler. Dafür bekommt man einen Becher Bier oder einen Becher selbergemachten Wein. Andere Getränke gibt es nicht. Angeblich befindet sich irgendwo ein Wasserhahn, aus dem man trinken kann. Meta entdeckt einen Beerenstrauch. »Mit den allerfeinsten fruchtigen Brombeeren zum Durstlöschen«, erklärt sie. »Wem dafür die Geduld fehlt, kann ja die Pfützen aussaufen.«
Wir sitzen so ein bisschen klamm da, an einer in die Gegend geworfenen Bierbank. Jemand spielt einen Hard-Rock-Song übers Handy ab, plötzlich allseitige Begeisterung darüber. Aber auch etwas Verwunderung: Wie gefällig diese Musik ist! Wie dem Menschen ein warmes Bad oder eine Ohrenmassage dem Ferengi. Nach eineinhalb Songs spielt das Handy wieder Chiptune. War auch nicht richtig, so plump die Veranstaltung zu verwässern.
SPUTNIK BOOSTER & THE FUTURE POSERS performen im Anbau, furios geht das Festival zu Ende. Einer zurecht etwas verdruckst und kleinlaut vorgetragen Frage nach Geld begegnet der Veranstalter mit den einleuchtenden Worten: »Was, wieso Geld? Ich denke, ihr seid auf Tour!?« Selbstredend würde unser Kraus niemals einen Veranstalter nach Geld fragen, er hat’s allerdings mitgehört. Manchmal geht es wider besseren Wissens mit einem durch. Passiert dem besten Chiptune-Musikanten. Schwamm drüber. War stark, das Chipwrecked. Unkommerzieller geht’s nicht, gedankt sei’s dem Irrsinn aller Beteiligter, diesem alten Begleiter.

Montag, 27.08. Bornholm. »Na, schön mitgeschrieben, Van Oystern?« – »Was macht die Biographie, Van Oystern? Schon fertig?« – Die alte Leier! Langzeitbeobachtung, Freunde. Darauf kommt es an. Das verstehen viele nicht. Die wissen auch nicht, wie hart es ist, überhaupt irgendwo irgendwas hinzuschreiben. Das Härteste überhaupt, vermutlich.
»Wollten wir ins Meer?«, frage ich Meta. Mit zerkratztem Gesicht und blauen Armen sitzt sie neben mir. Ihr Roboteranzug hat noch etwas Optimierungsbedarf. Vor allem die Kabelbinder im inneren des Schädels müssten vielleicht noch abgeklebt werden.
»Ins Meer wird schwierig«, sagt der Kraus, »wegen der Quallenkatastrophe.«
»Ach, was«, sagt sein Bruder. »Ich war schon zweimal drin. Die paar Quallen.«
Ich habe überhaupt noch nie eine echte Qualle gesehen, glaube ich. Trotzdem gehen wir erst einmal in den Supermarkt: Stu, Meta, ich. Der Einkauf ist fast abgeschlossen, da geht das Licht aus. Das dezente Grundgemurmel im Markt schwillt nicht an. Ich stelle mir dieselbe Situation in Deutschland vor, wie die Leute augenblicklich rumstressen würden. Eine Bedienstete mit Taschenlampe bittet darum, den Supermarkt zu verlassen. Zuerst warten wir ein bisschen. Ungefähr einmal im Jahr passiert so was, sagt uns einer. Vielleicht geht es gleich weiter. Wir machen ein paar Fußmeter. Unterwegs spricht uns ein Mädchen an, es zeigt uns ein Foto ihrer Katze. Seit Freitag ist sie auf der Suche. »Warte mal«, sagt Meta und zückt ihr Handy. »Ist das diese Katze?« Sie hat ein Foto davon, wie die Katze im Garten unseres Ferienhäuschens liegt. »Ja, das ist meine Katze!« Das Mädchen gibt uns ihre Nummer. Wir wünschen Glück, verabschieden uns und gehen auseinander. Beinah gleichzeitig kommt die Katze um die Ecke. Wir rufen dem Mädchen nach, es dreht sich um. Die Katze und das Mädchen laufen aufeinander zu. Verdattert betrachten wir den herzerwärmenden Moment. Schöner kann es nicht mehr werden. Der Höhepunkt unserer Reise.

  Naomi Sample & The Go Go Ghosts – Das Würfelspiel

Naomi Sample & The Go Go Ghosts – Das Würfelspiel



Der Supermarktvorsteher zuckt mit den Schultern: Keine Ahnung, wie lang’s noch dauert. Niemand regt sich auf. Die Leute gehen einfach nach Hause. Später heißt’s: Schaden am Bornholmkabel! Die Insel ist von der Festlandstromversorgung gekappt, das eigene Kraftwerk muss ran. Und niemand da, der noch weiß, wie es funktioniert. Kann Tage dauern. Wir zünden eine Kerze an und spielen das NAOMI SAMPLE & THE GO GO GHOSTS Würfelspiel. Gareth wird 8bit-Meister.

Dienstag, 28.08. Bornholm. Der Strom ist wieder da. War doch nicht so schlimm. Werde geweckt von Chiptune. Eine Hauch von Zermürbung weht durchs Ferienhaus. Warum sind alle immer vor mir wach? Ist es das Alter? Bekommen sie langsam Angst vor dem Tod?
Am Strand von Bornholm-Vang will der Kraus irgendeinen Felsen hochkraxeln. Die Bergsteigerei ist seine aktuell am stärksten verfolgte Leidenschaft (und ein Grund, warum es nur noch drei, vier SB&TFP-Konzerte pro Jahr gibt). Der Ausflug ist mit Badeoption. Wind und Wellengang verursachen ein furchtbares Gebrause und treiben mich dazu, beim Kraus Anschluss zu nehmen. So durchlebe ich Anfang, Höhepunkt und vermutlich Ende meiner Bergsteigerkarriere – der Solovæggen: Bezwungen!
Derweil im Garten vom Ferienhaus: Eisenbarth gibt Lenz einen Workshop in Sachen LED-Programmierung. Noch läuft die Chose nicht, aber bis zum großen Tourneeabschluss am Samstag in Kopenhagen soll’s so weit sein!

Mittwoch, 29.08. Bornholm. Im Ferienhaus stinkt es täglich ein bisschen ärger. Teile der Reisegruppe haben aneinander eine gemeinsame Leidenschaft entdeckt: Käse. Die wird jetzt im Kollektiv ausgelebt. Das Zeug riecht wie Opa Olafsons abgeschabte Fersen, oder schlimmer eigentlich. Abgeschabte Fersen gehen ja noch. Ferner wird diskutiert über die Nutzbarmachung von Quallen. Aus machen kann man wohl Spiegelei machen, aus den sogenannten Spiegeleiquallen. Ich habe inzwischen auch eine Qualle gesehen, keine Spiegeleiqualle, sondern eine harmlose, derzeit noch nicht nutzbar gemachte Ohrenqualle. Der Tagesprogrammpunkt wird beschlossen: Eine Fahrradtour nach Bornholm-Dueodde an den schönsten Badestrand weit und breit. Ich bin seit zehn Jahren auf keinem Fahrrad mehr gesessen, geschweige denn habe ich in meinem Leben eine vergleichbare Strecke (29,5 Kilometer) zurückgelegt. Wird schon nicht so schlimm sein, denke ich – und werde belehrt!
»Na, Van Oystern?« Der Kraus hat sich zurückfallen lassen auf meine Höhe. »Schon rausgefunden wie die Gangschaltung funktioniert?«
»Ja ja, ist recht.«
Schon braust er wieder ab. Fahrradfahren! Wie sich das nach einer Weile in den Oberschenkeln anfühlt. Was für eine aberwitzige Bewegung da vollführt wird! Ich habe es immer gesagt, und so sage ich es jetzt: Gehen ist die erhabenste Form der Fortbewegung. Ich mache Fußmeter. Jeder Fußmeter strotzt nur so vor Stolz. Der Fußgänger ist ein feiner Max. Schritt für Schritt, wohlgesetzt, so geht’s voran. Ja: Fußmeter, die sind gut! Fußmeter sind anständige Meter. Ein Hohelied jedem mittels Fuß zurückgelegten Meter! Radfahren hingegen, was für ein erbarmungswürdiges Gestrampel, unästhetisch obendrein. Noch dazu in einem Tempo! 29,5 Kilometer in 2,25 Stunden, der reinste Sport! Das Meer muss man sich verdienen. Komm mal nach sieben Stunden Fußmarsch auf den Dünen an, herrlich!
Natürlich wissen die anderen davon nichts. Was wissen die überhaupt? Immerhin ist bei Dueodde wirklich der schönste Badestrand zu finden. Windstill, sonnig. Wenig los. Und der Sand ist so fein, dass er in den Fuß einsickert. Nach einer kurzen Weile schon besteht der Fuß zu 3% aus Sand, das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Dauert Jahre bis der Fuß wieder vollständig aus Fuß besteht.

Telefun, Bornholm 2018

Telefun, Bornholm 2018     

Donnerstag, 30.08. Bornholm. Beim Frühstück.
Die Frau vom Kraus: »Ich will die Surfer sehen, am Surferstrand!«
Bergmann Kraus: »Die Surfer, hm.«
Meta und ich gehen ins Museum. Nach all dem Sport mal ein bisschen Kultur. Wird uns nicht schaden. Das Museum war mal der Bahnhof. Auf ganz Bornholm sind keine Gleise zu sehen. Die hat man eingepflanzt und nach ein paar Jahren rigoros wieder rausgerissen. Kein Hadern. Brauchen wir nicht mehr, weg damit! Schau dich mal in Deutschland um: Wo verläuft nicht irgendein stillgelegtes Gleis? Der Deutsche denkt immer: Kann ich vielleicht noch brauchen. Und hortet und hadert und stresst rum. Die Deutschen sind ein unangenehmer Menschenschlag, ernsthaft jetzt.

Zum finalen Bornholmer Abendbrot legt Meta mal Musik auf: »Across The Fields Of Forever« von WOODS OF INFINITY.
»Das ist eine Coverversion«, sagt sie. »Das Original ist von EDGE OF SANITY.«
Tolle Zeile: »Life is a darkened silent barricade between all I am and ever wanted to be.«

Es wird groß getafelt, alle sind da. Kraus zückt sein Handy. Der Veranstalter aus Kopenhagen hat sich gemeldet: »Sorry, Leute. Voll verplant. Samstag kein Konzert!« Lässig, der Typ. Die Unterkünfte sind natürlich schon gebucht. Privat, versteht sich. In der Chiptune-Szene lässt man sich, wie bereits erwähnt, für Konzerte nicht bezahlen. Da ist man auf Tour oder daheim.

Schließlich geht’s von Rønne zurück nach Ystad, die vorletzte Fahrt der BornholmerFærgen. Mach’s gut, kleine Fähre. Ab übermorgen übernimmt die Hammerhus. Nach 150 Jahren. Mehr Verbindungen, niedrigere Preise. Aber ohne uns.

Lenz chauffiert uns von Ystad weiter nach Abbekås, wo wir im Hafen auf einem kleinen Segelboot pennen. Dabei handelt es sich um die günstigste Übernachtungsmöglichkeit, die sich an der gesamten schwedischen Künste für diese Nactht per Airbnb hat finden lassen. Irgendwo in der Nähe finden Schießübungen statt. So lange geschossen wird, müssen die Boote im Hafen bleiben.

Freitag, 31.08. Abbekås. Im Hafenklo muss ich den Kopf tief in einen metallenen Hohlkörper stecken, um mir nach dem Zähneputzen Wasser in den Mund laufen zu lassen. Dabei gehen auch die anderen lichtsensorisch gesteuerten Service-Elemente an: Klospülung, Föhn und Seife. Die Seife ist dummerweise direkt neben dem Hahn integriert und läuft mir deswegen ins Haar. Meta hat sich das Wasser mit der Hand zum Mund geführt.
»Das mache ich immer so.«
»Echt jetzt?«
»Ja.«
Darauf wäre ich niemals gekommen. Dabei ist es unter normalen Umständen völlig ungeschickt so zu agieren, das Wasser mit der Hand zum Mund, da kommt doch kaum was an. Ich schmähe Meta für ihr unpraktikables Vorgehen. Unterdessen habe ich immer noch Seife im Haar. Die Stimmung ist plötzlich gedämpft. Ich kann mit Ouzo etwas nachbessern.

  Kopenhagen 2018

Kopenhagen 2018



Am späten Nachmittag erreichen wir in Lenz’ Karre Kopenhagen-Frederiksberg, den Geburtsort des Filmschauspielers Ib Mossen, einem der berühmtesten Interpreten des Bornholm-Lieds.
Meta will zum weltberühmten Vergnügungspark Tivoli oder wenigstens mal drumherum laufen, der Atmosphäre wegen. Sie überrascht mich mit ihrer Jahrmarktslust, dabei bin ich selbst Jahrmarktsfreund. Wir machen uns auf. In der Menschenschleuder hängen locker zwei, drei Dutzend Lebende. Weit über uns werden sie kräftig durchgeschüttelt. Von hier unten aus ist es kaum vorstellbar, dass die alle individuelle Dasein führen mit Wünschen und Zielen und am Leben bleiben wollen und all dem. Diese zappelnden kleinen Dinger. Wir gehen weiter: Richtung Christiania. Das ist rechtsfreier Raum mitten in Kopenhagen. Wir laufen nicht zu knapp durch irgendeinen finsteren Park, dann sind wir endlich da. Alles bunt vollgeschmiert. Aus einem Laden kommt Livemusik. An der Kasse sitzt jemand, wir gehen daran vorbei. Normal hier. Die Band spielt Rock. Toll eigentlich, aber auch langweilig. Nach zwei Liedern ziehen wir weiter. Auf der Promenade Haschständchen an Haschständchen. »Wanna buy some flowers for your girlfriend?« Die Polizei darf hier nicht rein. Das lernt man auf der Polizeischule, obwohl es jedes Kind weiß. Auf Metas Stadtplan wirkt Christiania groß, das Wohngebiet muss momentan im Dunkeln liegen. Wir wollen morgen nochmal herkommen. Am Übertritt zu Restkopenhagen warnt eine große Holztafel: You are now entering the EU

Samstag, 01.09. Kopenhagen. »Damals« heißt auf Dänisch »gammeldags«. Zukunftsorient, der Begriff. Angenehm! Ich wünsche mir seine Eingliederung in die deutsche Sprache. Dann könnten die Kids sagen: »Unsere blöden Eltern schwadronieren schon wieder von gammeltags!« oder »Hör mir auf mit den Gammeltagen!« Mitlesende Befugnisträger, bitte rasch befehligen! Danke.
Die anderen haben schon wieder Räder geliehen, schlimmer: Ebikes! Danach kommen nur noch Segways. Auf den Straßen sind alle Beradeten – Fahrräder, Ebikes, Autos – gleichgestellt, im Park sind sie allesamt verboten. Meta und ich gehen durch einen, die stadtgewordene Progression!
An den Rändern von Christiania kommen wir an allerlei Gärten vorbei, reges Treiben ist zu vernehmen. »Wahnsinn«, sagt Meta. »wie all diese Leute jeden Tag aufstehen und irgendwas machen.«
Christiania bei Tag ist schön. Alles auf hübsche Weise etwas heruntergekommen. Was hier in den letzten 47 Jahren irgendwie kaputtgegangen oder weggebröselt ist, wurde allem Anschein nach immer wieder mit dem besten Willen zur Reparatur bearbeitet. Die Touristen sind der Freistadt wohlgesonnen. Halten sich an das paradoxe Fotografieverbot. Kaufen Poster. Kaufen T-Shirts. Auf einer Bank sitzen seit Stunden Matze (DIE MODERNE WELT) und seine Freundin Lena, wir treffen nicht aufeinander.

  Der Bruder vom Kraus: Bip Bip

Der Bruder vom Kraus: Bip Bip



Großes Abschiedstreffen in der Bip Bip Bar. In dieser zweistöckigen, angenehm engen, mit Arcade-Automaten vollgestellten Lokalität sollte das Konzert sein. Vielleicht. Der Barmann hat noch nie davon gehört, lässt aber trotzdem für unsere ganze Gruppen unbegrenzt gezapftes Bier springen. Die Automaten sind kostenlos bespielbar. Es läuft ausschließlich Rockmusik aus den 80ern und 90ern. Zu meiner Verwunderung ist die Bar von jungen Leuten frequentiert. Das ist schön, so fühlt man sich nicht so hängengeblieben. Sondern gut, tatsächlich.
Matze und Lena erzählen, von ihrer Bank aus patrouillierende Polizisten gesehen zu haben. Die Haschverkäufer hätten flugs Decken über ihre Waren gelegt, die Polizisten es befriedigt zur Kenntnis genommen. So hätten beide Seiten ihr Gesicht voreinander gewahrt.
»In Pac-Man bin ich gut«, sagt Meta.
»Na«, antworte ich. »Dann wollen wir mal.«
Wir hocken uns an den Automaten. Wechseln uns ab. Der Rocksound, das Bier. Ich habe das Zeug nie gern gespielt, aber ich habe die Filme gesehen, die Bücher gelesen. Ich weiß, wie sich die Halbstarken fühlen. Weil ich mich selber so fühle, oder gefühlt habe. Ich kann allen möglichen Unsinn aufsagen und Meta lacht darüber. Wir steigern uns rein. Ich muss nicht nachwerfen, um Pac-Mans Feinde zu besiegen. Ich muss nicht in die Schule morgen. Ich muss nicht mal in die Schule nächste Woche. In ein paar Minuten wird der Zauber vorbei sein, aber noch hat der Wecker nicht geklingelt. Wir zeigen es den dämlichen Geistern. Pac-Mans Feinde sind auch unsere Feinde. Jawohl, schenk ihnen ein! Gut gemacht, Baby! »Do you know what that’s worth? Oh, heaven is a place on earth! They say in heaven love comes first, we’ll make heaven a place on earth. Oh, heaven is a place on earth ...«

Der Kraus weiß es auch. Auf unserem nächtlichen Weg zum Pennplatz fasst er zusammen: »Heute war es am coolsten: Den ganzen Abend Freibier, gratis Videospiele und nicht auftreten müssen.«


Erscheint »demnächst«, vermutlich im Ventil Verlag:
Robot Memories – Die offizielle Biographie von Sputnik Booster & The Future Posers